Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 23.12.1997



Mobil telefonieren
In Italien sieht man sie überall, wo man geht oder steht. Sie telefonieren mit kindlicher Freude hemmungslos drauflos. Auch in den skandinavischen Ländern trägt nahezu jeder so ein Ding, das nur in deutschen Landen Handy genannt wird, mit sich herum. Und hantiert ebenso unbefangen damit, wie besagte Italiener. Bei uns jedoch rühmen sich einige Zeitgenossen jedoch damit, ein Mobiltelefon nicht bedienen zu können und gebrauchen zu wollen. Allen voran zetert in nahezu jeder seiner Talksendungen für den gehobenen Mittelstand Dr. Alfred Biolek gegen das Handy-Telefonieren. Es ist halt in gewissen Kreisen in, gegen den Trend zu schwimmen, um dann klammheimlich zu bestimmten Gelegenheiten sein Design-Handy aus der Tasche zu ziehen. Schließlich will man ja auch mobil sein. Es ist sicherlich richtig, daß es eine Plage für die Umwelt ist, wenn der Besitzer des Mobiltelefons nicht mit seinem Gerät umzugehen weiß. Schließlich hat jedes Gerät ein Knopf zum Ausschalten. Das Ding muß also nicht überall klingeln, vor allem nicht im Theater, im Café, bei einer wichtigen Sitzung, bei einem trauten Gespräch. Es ist auch akustische Umweltverschmutzung, sich an öffentlichen Plätzen sorglos und laut mit irgendjemandem via Handy auszutauschen und alle Umstehenden bekommen den Gesprächsinhalt voll inhaltlich mit – ohne vorher gefragt worden zu sein, ob sie daran interessiert sind oder nicht. Aber das ist wie mit allen Intimdingen im Leben so. Ein anständiger Mensch läßt seine Winde auch nicht bei Tisch, im Theater, Café oder an öffentlichen Plätzen, wenn es ihn überkommt, so mir nichts dir nichts fahren. Wer bei Tisch rülpst, zeigt seinen Mitmenschen auch, was er von ihnen hält. Mit dem Mobiltelefonieren zeigt sich halt Charakter und Anstand der Leute, und offenbar auch ihre soziale Zugehörigkeit. Und im Übrigen: Es macht Spaß von nahezu jedem Ort, ein Telefongespräch zu führen. Und im Notfall kann es sogar lebensrettend sein. Man muß halt lernen, mit den Dingen anständig umzugehen.       

Auf in den Kampf
Im ein wenig heruntergekommenen Industriegebiet Heilbronns liegt das Caféhaus Hagen. Ein Kleinod. Hier hatten die Sozialdemokraten alle befreundeten Organisationen und Arbeitsgemeinschaften zu einem Kaffeenachmittag in vorweihnachtlicher Zeit geladen. Arbeiterwohlfahrt, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, kirchliche Hilfsorganisationen, Gewerkschaften, sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaften (wie Jusos, Frauen, Juristen, Arbeitnehmer, etc.). Anlaß: ein Jahresrück- und -ausblick. Und den sozial Engagierten erzählte der frischgebackene SPD-Bundestagskandidat Harald Friese, im Hauptberuf Bürgermeister der Stadt Heilbronn, mit welchen Themen er den Wahlkreis im Herbst 1998 für sich gewinnen will. Zunächst einmal zeichnete er ein düsteres Bild der politischen Lage. Wir kennen das aus früheren Wahlkämpfen. Die Regierung hat den Karren in den Dreck gefahren, hat jetzt keine Rezepte mehr, um aus dem Schlamassel herauszukommen. Deshalb muß der denkende und anständige Bürger SPD wählen. Der Grund für die Misere ist auch schnell gefunden: Die Theorie des Neoliberalismus, nach der nur das maßlose Profitstreben der ohnehin schon Reichen die Massen in die Arbeitslosigkeit stürzt. Menschen zum Arbeiten – braucht man kaum mehr. Gleichzeitig suggeriert man der Bevölkerung, der Markt reguliere alles von selbst, auch die Politik. Der Bürger brauche sich also gar nicht erst zu engagieren – es nutze ja eh nichts. Zugegeben: Das Horrorszenario des Harald Friese ist nicht ohne Realitätsbezug. Aber die Realität sah und sieht nicht nur in Deutschland nicht rosig aus. Es gibt Länder im Westen, die schaffen es, die Wirtschaftskrise langsam zu bewältigen. Wir leben nun mal im Zeitalter der technischen Revolution. Nimmt man den politischen Wahl-Qualm weg, so waren Harald Frieses Analyse und seine Vorschläge, den Ungerechtigkeiten mit einer neuen Politik in Deutschland zu begegnen, doch frappierend. Eine Steuerreform, die in Steuergerechtigkeit mündet, versprach er. Er legte die Finger in viele Wunden der Gesellschaft, versprach keine Wunder, sondern nur, den Übergang von der Industrie- in die Informationsgesellschaft sozial zu gestalten. Klar: Mehr Geld kommt auch nicht in die Kasse, wenn in Bonn grüne Sozis (oder Sozi-Grüne) regieren. Daß die Lasten gerechter verteilt werden müssen, ist eine Binsenweisheit. Mit dieser Politik muß nur begonnen werden. Die Lähmung muß weg. Auch in einem Bundestagswahlkampf kann die Politik (von links bis rechts) uns Bürgern zeigen, daß sie handlungsfähig und -bereit ist. Bisher ist sie nur streitlustig – zu Lasten vor allem der kleinen Bürger. Die ersten neun Monate 1998 können spannend werden.

Stille Nacht – 24.12.
24. Dezember 1997 – Heiligabend. Es wird hoffentlich eine ruhige Nacht in den Wohnungen und Häusern des Unterlandes. Keine Ehestreitigkeiten mit viel Geschrei, keine dadurch aufgeschreckten Kinder mit Tränen in den Augen, keine durch Alkohol verursachten Auseinandersetzungen, bei denen der Weihnachtsbaum samt Schmuck durchs Fenster fliegt oder gar der Fernseher durch die geschlossenen Vorhänge via Straße donnert. Es soll ein friedliches Weihnachten werden, bei dem auch die diensthabende Polizei, die Ärzte und die Feuerwehr nur pro forma Wache schieben. Alle jenen, die an diesem Abend und über Weihnachten arbeiten müssen, Notdienste schieben müssen, sei an dieser Stelle einmal herzlich gedankt. Sie leisten eine wertvolle Arbeit für die Gemeinschaft, eine Arbeit, die unser Weihnachten in gemütlicher Familienrunde absichert. Was wären wir ohne die Notdienste – bei unerträglichen Zahnschmerzen, bei Unfällen, üblen Streitigkeiten, grölenden Nachbarn, brennenden Müllcontainern und vielem anderen Unbill mehr. Also dann: ein fröhliches, besinnliches und gesegnetes Weihnachtsfest.   

17 Jahre Intendant Wagner
Heilbronns Theaterintendant Klaus Wagner ist 17 Jahre im Amt. Kein Jubiläum – aber Anlaß für eine Rundfunksendung. Schließlich ist der Mann Rundfunkratsmitglied. Im Frankenradio des Süddeutschen Rundfunks gab er Maria Soulas, der Kulturredakteurin, Auskunft über sich und seine Zeit in Heilbronn. Die Theaterarbeit der vielen Jahre, die Wagner und sein Verwaltungsdirektor Jürgen Frahm geleistet haben, kann sich im Vergleich mit bundesdeutschen Städten von der Größe Heilbronns durchaus sehen lassen. Wobei Frahm schon ein getreuer Eckart seines Intendanten Walter Bison, Vorgänger Klaus Wagners, gewesen war. Musical, ein gewichtiges Thema zu Beginn der Ära Wagner, spielt heute am Stadttheater nicht mehr die herausragende Rolle. Mit „Anatevka“ begann es. Maria Soulas spielte einen West-Side-Story-Titel und meinte damit, es gäbe auch Musicals, die in Heilbronn nicht nicht auf die Bretter gestellt worden waren. Fehlanzeige: Dieses war eines der erfolgreichsten im Heilbronner Stadttheater.  Demnächst wird Klaus Wagner Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“ spielen, ein Stück, mit dem sich Vorgänger Walter Bison von seinem Heilbronner Publikum verabschiedet hatte. Alexander Kerst wird die Bison-Rolle, den Geheimrat Clausen spielen. Klaus Wagner will immer ein volles Haus, nicht die Zeiten zurück, in denen es ideologische Mode war, möglichst keine Zuschauer im Theater zu haben. Lange Zeit bevor Wagner nach Heilbronn kam, hatte Claus Paymann als Theaterdirektor in Stuttgart gezeigt, wie man ein Staatstheater allabendlich mit Publikum füllen kann, das Inszenierungen sogar bejubelt. Seine Vorgänger, blutlose Intellelli-Direktoren aus dem Bert-Brecht-Stall, hatten das Stuttgarter Theater und viele andere,  leergespielt. Damals traf sich Kopftheater aus dem Westen und Ideologie-Theater aus dem Osten, ein Theatergeschehen, das mit der Befindlichkeit des deutschen Theaterpublikums sehr wenig zu tun hatte. Übrigens: Zur 50-Jahr-Feier des Staates Israel wird Klaus Wagner 1998 mit seiner Nathan-Inszenierung in vielen Städten Israels und auch in Palästina gastieren. Er spielt die Titelrolle – auch als Freilichttheater in Jerusalem. Ihm ist an der Aussöhnung von Deutschen und Juden gelegen. Nicht nach dem primitiven Motto: Opfer gut, Täter schlecht. Wie bei vielen Anne-Frank-Inszenierungen. Sie erklären das Entstehen des Unheils nicht. Mit Glaubwürdigkeit will Wagner sein Ziel erreichen. Und somit ist er wohl, seit langer Zeit schon, der beste Kulturbotschafter, den es derzeit in Heilbronn gibt.

Links und rechts
Junge Leute in der Bundeswehr driften nach rechts? Junge Leute in den Jugendzentren driften nach links? Schlagworte, die durch Einzeltaten belegt werden. Kann man deshalb aber pauschal über die Jugend urteilen? Nein – kann man nicht. Aber erschreckend ist es schon, wenn sich die Autonomen, terroristische Linksradikale, bei Studentendemonstrationen in Bonn (erst vor wenigen Tagen), nach Erste-Mai-Feiern in Berlin oder in Nürnberg (am vergangenen Wochenende)  nach einem Konzert Straßenschlachten mit der Polizei liefern. Die unselige Saat der Gewalt von links geht immer wieder auf, richtet sich gegen den Staat und deren Vertreter. Und die Grenzen zu Linksparteien sind nicht immer klar gezogen. Ebenso ist es bei der Rechten in der Bundesrepublik Deutschland. Die nazistischen Umtriebe, die in den vergangenen Wochen aus Kreisen der Bundeswehr ans Licht der Öffentlichkeit kamen, sind erschreckend. Auch hier sind die Grenzen zum terroristischen Umfeld fließend. Schon einmal ist eine deutsche Republik in diesem Jahrhundert zwischen linken und rechten Terroristen zerrieben worden, sprich zwischen NSDAP und KPD. Folge davon waren zwei Diktaturen auf deutschem Boden – von 1933 bis 1990. Anlaß genug für die Demokraten in diesem Lande, hart und unerbittlich gegen diese zerstörerischen Polittruppen vorzugehen. Wir haben es in der alten Bundesrepublik geschafft, den Neonazis nach dem Krieg die Stirn zu bieten, wir haben es geschafft, den Linksterrorismus in die Knie zu zwingen, die Bürger der Sowjetzone haben es geschafft, friedlich die kommunistische Diktatur abzuschütteln – und wir werden es im wiedervereinten Deutschland schaffen, der Terror-Bedrohung von links und rechts wehrhaft die Stirn zu bieten. Wenn alle Demokraten zusammenstehen. In Diktaturen trennen aufrechte Anhänger der Demokratie nur die Zellen-Wände in Zuchthäusern und vereint sind sie nur im Leiden, das ihnen die Henkerknechte und Schergen des Terrorstaates zufügen. Eine deutsche Demokratie am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts muß deshalb wehrhaft sein. Das ist die Lehre und der Auftrag aus der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts, vor allem der zwei grausigen Diktaturen und Weltkriege.

Kiliansmännle, 17.12.1997


Vieles wird teurer
Die Tageszeitung wird im neuen Jahr teurer – um 90 Pfennige. Ein Abonnement kostet dann im Monat statt 34,80 Mark 1998 satte 35,70 Mark (Jahresabo also 428,40 Mark). Die Rundfunkgebühren sind in diesem Jahr schon verteuert worden. Monatlich 28,25 Mark müssen wir für Fernsehen und Hörfunk seit Januar ’97 zahlen (macht im Jahr 339 Mark). Und zum 1. April 1998 wird die Mehrwertsteuer von 15 auf 16 Prozent erhöht. Das heißt beim Einkaufen: Wir kriegen weniger für unser Geld. Aber unseren 672 Abgeordneten in Bonn macht das nicht viel aus. Denn just zu diesem Zeitpunkt werden ihre Diäten um rund vier Prozent erhöht. Das heißt, ein jeder bekommt 525 Mark mehr in die ohnehin schon prall gefüllte Tasche. 12.350 Mark erhalten die Damen und Herren dann im Monat. Und die nächste Erhöhung ist auch schon beschlossene Sache. Zum 1. Januar 1999 werden noch mal 525 Mark draufgelegt. Jeder Abgeordnete / jede Abgeordnete weiß also heute schon, was er / sie 1999 verdient: 12.875 Mark monatlich. Der Bund der Steuerzahler spricht in diesem Zusammenhang von Dreistigkeit. Die Gewerkschaft der Polizei ist auch erzürnt. Andere Bereiche des öffentlichen Dienstes würden Nullrunden einlegen – und die Politikergehälter steigen. So manchen schwillt da gehörig der Kamm. Aber wir kennen das ja schon: Wasser predigen und selber Wein saufen. Und die schicken Kritiker schweigen betreten – vor allem die linken Kabarettisten, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen über alles mögliche herziehen und dabei gut abkassieren (aus dem großen Gebührentopf). Nur nicht über das, was uns betrifft. Dafür wird uns im Fernsehen von einer Frau Kroymann ein ARD-Humor der besonderen Art präsentiert (Sonntag, 7. Dezember): „Das Kinderzimmer soll sexuell saniert werden. Ab sofort soll es keine Steiff-Tiere mehr geben, sondern nur noch Schlaff-Tiere.“ – Niveau: pubertierende Schüler. Und dafür müssen wir auch noch Gebühren bezahlen. Ob wir wollen – oder nicht.               

Noch eine Woche
Noch siebenmal schlafen – und dann gibt’s Weihnachtsgeschenke. Wenn am Heiligen Abend beschert wird. Hoffentlich das, was sich ein jeder gewünscht hat. Aber wir wissen heute schon, daß an den Tagen nach dem Fest für die Einzelhändler der Umtausch ansteht. Freuen wir uns trotzdem auf die Tage der Ruhe vom 24. bis 28. Dezember – nach dem Streß des Einkaufens, der Hetze, des Rechnens, ob man dieses oder jenes Geschenk nicht doch noch preiswerter erstehen kann. Weihnachten ist ja in diesem Jahr nicht nur an zwei Feiertagen. Das Wochenende kommt auch noch hinzu, also insgesamt fast fünf feierliche Tage. Für viele wird Heiligabend, der erste und zweite Weihnachtstag jenen familiären Weihnachtsstreß haben, von dem man sich dann am Samstag und Sonntag wieder erholen kann und vorbereiten auf das, was dann am Mittwoch der Woche danach stattfindet: Jahreswechel 1997/98. Schlag auf Schlag geht’s also in den kommenden zwei Wochen zu. Wenn das kein festlicher Reigen wird, dann frage ich mich, was ein Fest ist. Und feiern ohne Suff ist übrigens noch schöner. Für alle.                                                                

Bundeswehr wohin?
Im Sommer noch waren sie die Helden bei der Überschwemmungskatastrophe an der Oder. Jetzt sind sie die Neonazis. Unseren Bundeswehrsoldaten wehen derzeit harte Winde ins Gesicht. Tag für Tag, Woche für Woche kommen neue Belege für ein munteres Neonazitreiben in Teilen der Bundewehr ans Licht. Bunte Blätter, die einst glaubten die gefälschten Hitler-Tagebücher als Weltsensation verkaufen zu können, machen jetzt Kasse mit neonazistischen Umtrieben in Soldatenkreisen. Nun ist die Bundeswehr ein Teil der Gesellschaft. Und wenn ich mir vorstelle, daß rund zehn Prozent der Wähler im Unterland bei den letzten Landtagwahlen streng rechts gewählt haben, dann verwundern mich die Vorkommnisse, die in den letzten Wochen kolportiert wurden, eigentlich nicht sonderlich. Und je mehr man den Provokationen junger Leute mit Hysterie begegnet, desto stärker wird bei denen die Lust, es den Altvorderen gelegentlich zu zeigen. Wir kennen das ja aus den Schulen des Unterlandes, wo Alt-Achtundsechziger und deren Apologeten immer wieder versuchen, aus unbedarften Schülern den neuen Menschen zu schaffen. Wenn bei diesem Prozeß dann aus reiner Provokation gewisse Wahrheiten von Schülern stupide in Frage gestellt werden, dann rasten die Damen und Herren Lehrer völlig aus. Von Pädagogik keine Spur. Ich kann mich noch erinnern, daß es in den sechziger und siebziger Jahren grad umgekehrt an Unterländer Schulen war. Da rasteten Lehrer aus, nur weil Schüler in Jeans im Unterricht erschienen. Schulverbot war die Folge. Heute nutzt es genauso wenig, bei unbequemen Fragen, Schüler als Enkel der Nazimörder zu beschimpfen. Das erinnert fatal an Methoden, die wir aus den beiden Diktaturen in diesem Jahrhundert in Deutschland kennen. In der Familie und in der Schule wird die Saat für das gelegt, was uns derzeit an neonazistischen Auswüchsen bei der Bundeswehr beschäftigt. Themen tabuisieren, Denkverbote aussprechen – das sind die Anfänge für Auswüchse jener Art, die letztlich auch unser Gemeinwesen gefährden. Offenheit, Klarheit, Wahrheitsliebe schmerzen, sind aber besser als sich in einmal gefundene Antworten bequem zurückzulehnen. Denkfaulheit ist das Kennzeichen von Ideologen. Und die haben nichts an unseren Schulen zu suchen. Ob von links oder rechts.                                         

Schuluniform – ein Witz?
Einst hatten moderne Politiker es gar nicht erst zugelassen, daß in den Schulen die Unterschiede zwischen Arm und Reich in der Kleidung sichtbar werden. Alle Schüler hatten ein ganz bestimmte Kleidung zu tragen – einheitlich. In Deutschland beschränkte sich diese Schuluniform vornehmlich auf das Militärische: Kadetten trugen stramme Anzüge. In den höheren Schulen beschränkte man sich auf Mützen. In angelsächsischen Ländern, wo die protestantischen Kirchen oft ein Wörtchen mitzureden hatten, waren die Kleider der Schülerinnen und Schüler ziviler. Bis heute haben sich an den englischen Schulen das Jackett, die dunkle Hose, das weiße Hemd und die Krawatte erhalten. Bei den Mädchen Rock, Bluse, Jäckchen, Kniestrümpfe. Nicht gerade berauschend modisch. Aber einheitlich und praktisch. Bei uns in Deutschland tobt derweil der Marken- und Modekampf unter den Schülern. Man sieht schon nach wenigen Blicken, wer in welche Schicht gehört. Kinder plagen ihre Eltern mit absurden Wünschen nach Designer-Klamotten, nur weil in der Klasse die Tonangebenden vorgeben, was zur Zeit „In“ ist. Da kam unser CDU-Fraktionsvorsitzende Günther Oettinger im Stuttgarter Landtag auf die Idee, die Schuluniformen als Gegenmittel zum Modeterror in unseren Bildungsanstalten wieder ins Gespräch zu bringen. Hohn und Spott schlug ihm entgegen. Vor allem von grünen und sozialdemokratischen Abgeordneten. Deren Kinder würden es sich auch streng verbieten, zumal der Vater ja zu den gehobenen Ständen gehört, auf Designerklamotten zu verzichten. Individualität gegen Gleichmacherei. Diesmal seitenverkehrt – bei Linken und Bürgerlichen.    Vor allem die Sozis wehrten sich gegen die „Gleichmacherei“ und wollten die Schule nicht zum „Kasernenhof“ verkommen lassen. Auch die FDP wollte von Oettingers „Schnapsidee“ nichts wissen. Verständlich – bei ihrer Klientel. Das Problem des Konsumterrors an den Schulen aber ist auch mit dummen Politiker-Sprüchen nicht beseitigt. Hauptsache die nächste Diätenerhöhung kommt. Damit der Filius auch die richtigen Klamotten auf dem Schulhof anhat.                     

Weihnachtsempfang
Immer montags kurz vor Weihnachten – das hat Tradition. Empfang des Arbeitgeberverbandes im Foyer des Stadttheaters Heilbronn. Erst ein kurzer Begrüßungstrunk. Dann die Rede des Vorsitzenden. Danach ein rustikales Vesper im Haus des Handwerks auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Auch am Montag dieser Woche lief der Weihnachtsempfang des Arbeitgeberverbandes wieder so ab. Und alle kamen. Die Industriellen, die Vorstände, die Journalisten, die Politiker und die Vertreter aus diversen Behörden. Man lauschte, man plauschte, man aß und trank. Und hatte was mit auf den Weg bekommen. Kein Fresspaket, sondern geistige Nahrung durch die Rede des Vorsitzenden des Verbands der Metallindustrie Baden-Württemberg (Bezirksgruppe Heilbronn/Region Franken) Karl Schaerff. Nach dem Ende des Kommunismus, meinte er, müßten wir alle einsehen – ob wir wollen oder nicht, daß sich in der Verbindung mit der Revolution im Bereich Kommunikationstechnologie sowie der Liberalisierung der Güter- und Finanzmärkte eine völlig neue Wirtschaftssituation ergeben habe. Vor allem den deutschen Bürokratismus geißelte Schaerff in diesem Zusammenhang, die Überregulierung. Derzeit würden etwa 45.000 Tarifverträge in Deutschland gelten. In der Bundespolitik wirke der Reformstau lähmend. Die Kosten der Wirtschaft aus der Gesetzes- und Verordnungsflut würden sich auf jährlich rund 58 Milliarden Mark summieren. Pro Jahr und Mitarbeiter würden in einer deutschen Firma allein 62 Arbeitsstunden dafür anfallen. Das mag ja alles richtig sein. Aber seit Jahren höre ich von Gewerkschafter und Arbeitgebern, Abgeordneten und sonstigen Politikern nur Klagen. Selten höre ich, daß sie auf die Leistung aus dem vergangenen Jahr im Lande stolz waren. Wie auch, meinen einige Kritiker im Ausland. Sie wollen ja, daß sich alles ändert – nur ohne ihr Mittun. Und es soll ihnen allen auch niemand wehtun. Änderungen aber werden irgendjemand wehtun müssen. Und es kann nicht sein, daß es immer nur die Arbeitnehmer sind, die Einbußen hinnehmen müssen. Es ist an der Zeit, daß sich im Geist unserer Verantwortungsträger etwas ändert. Lamentieren bringt keine Neuerungen. Auch Unternehmer und Arbeitgeber müssen umdenken, wenn sie nicht den Zug der Zeit verpassen wollen. Auch bei deutschen Unternehmern (wie bei vielen Arbeitnehmern) hat sich die Versorgungsmentalität breitgemacht, daß der Staat für ihr Wohlergehen zu sorgen hat. Es kann aber nicht sein, daß mies wirtschaftende Unternehmer in unserem Versorgungsstaat für ihre Unfähigkeit belohnt werden – dank Unterstützung aus Politik und Gewerkschaft.                          

In die Ferne schweifen
Das Gute liegt für Weinfreunde nicht immer nah. Selbst überzeugte Anhänger des Württembergers sehen sich immer häufiger auch nach anderen Tropfen um. Bestes Beispiel dafür ist der Run auf Deutschlands größten Weinhändler – Aldi. Der Discounter offerierte jetzt, für 7,98 Mark die Flasche, beste Riserva-Spanier der Jahrgänge 1985, 1987 und 1989. Man konnte die Trollingerschlotzer beim Großeinkauf beobachten. Die Insider hatten sich von der Qualität bereits bei der letzten 90er Offerte überzeugt. Einheimische Wengerter müssen sich bei solchen Top-Angeboten äußerst warm anziehen. Etliche können mit der Qualität nicht mithalten, vom Preis wollen wir gar nicht erst reden. Weitgereiste Weintrinker haben am Ende der Welt eine weitere Bedrohung württembergischer Besitzstände ausgemacht. Im fernen Neuseeland wurden Schafweiden in Weingärten verwandelt, um in kürzester Zeit Spitzenweine von Weltruf auf den Markt zu bringen. Elegante Chardonnay, edle Merlot und Cabernet Sauvigon, gereift im kleinen Eichenfaß – alles vom Feinsten. Die Wengerter können von den Neuseeländern lernen: Da werden keine Massen produziert, lieber kleine Einheiten zu hohen Preisen (um die 25 Mark). Das Konzept geht auf. Auch ein Blick auf das Konsumverhalten lohnt sich: Es hat sich ein wahrer Weinkult entwickelt – es ist schick in Neuseeland, mit Begeisterung einheimische Weine zu trinken. Vielleicht sollten die schwäbischen Weinmanager der Nachhilfe wegen einen 24-Stunden-Flug auf sich nehmen.

Kiliansmännle, 10.12.1997



Neue Weinhorizonte
Im noblen Wald- und Schloßhotel Friedrichsruhe bei Öhringen kehrten vor wenigen Tagen Wein-Journalisten aus neun Ländern ein. Eingeladen hatte die Messe Stuttgart, die schon jetzt die Werbetrommel rührt für die “Intervitis – Interfructa“, eine Fach-Ausstellung, die erst im Mai nächsten Jahres in Stuttgart stattfindet. Den Reben-Experten tischte Patron Lothar Eiermann im Speisesaal des Schlosses standesgemäß auf. Die umworbenen Gäste ließen sich das Fünf-Gänge-Menü munden (auch wenn einige mangelnde Würze monierten). Vor allem aber konnten die vinophilen Schreiberlinge ihren Wein-Horizont gehörig ausdehnen und mit einigen Vorurteilen aufräumen. Ein Trollinger aus dem Heilbronner Weingut Drautz-Abele legte als Begleiter zu einer Steinpilzessenz mit Ravioli mächtig Ehre ein für den schwäbischen Nationaltrunk. „Ich wußte gar nicht, daß dieser Trollinger so gut sein kann“, staunte etwa ein Italiener. Die nächste Überraschung bescherte ein Riesling aus Grantschen. Die Spätlese war im Barrique gereift, was von den hochmögenden Zechern zunächst als pervers abgetan wurde. Doch erstmal am Glase genippt, waren sie von Schluck zu Schluck mehr überzeugt, daß Kellermeister Fritz Herold ein großer Wurf gelungen ist. So legten sich besonders Franzose und Italiener in die fürstlichen Betten mit der neuen Erkenntnis, daß auch die Schwaben ordentliche Weine zustandebringen.    

Weihnachtseinkäufe
Der Samstag vor dem zweiten Advent brachte den Einzelhändlern im Unterland endlich das, was sie sich vom Weihnachtsgeschäft erhofft hatten. Das Weihnachtsgeld war ja auch auf die Konten der arbeitenden Menschen überwiesen worden – und es konnten somit die Geschenke eingekauft werden, die auf der Wunschliste der Familien stehen. Um die 500 Mark gibt im Durchschnitt eine Familie bei diesem Fest an Geschenken aus. Die einen mehr, die anderen weniger – damit der Durchschnitt statistisch erreicht wird. Die Mehrheit der Bürger jedoch muß sparen, die Mark mehrmals umdrehen, ehe sie ausgegeben wird. Und auch das merken unsere Geschäftsleute – und werben dementsprechend um die Kunden. Preisvorteile, Preisnachlässe sind derzeit im Schwange. Und dabei steht die Stadt Heilbronn mit ihren vielen Einzelhandelsgeschäften und Kaufhäusern in Konkurrenz zu anderen Städten – wie Neckarsulm, Stuttgart, Ludwigsburg, Künzelsau, Schwäbisch Hall, Heidelberg oder Karlsruhe. Der Kunde ist heute bereit, seine Einkäufe dort zu tätigen, wo er eine Fülle im Angebot hat, die auch preislich vorteilhaft für ihn ist. Manche aus der Region fahren seit jeher schon in der Frühe eines Samstags nach Heilbronn, um den Kofferraum zu füllen. Andere – auch aus Heilbronn – nehmen die Mühe auf sich, nach Stuttgart, Karlsruhe oder Mannheim zu fahren, um einzukaufen. Diese Flexibilität vieler Bürger wirkt sich aber nicht nur auf den Einkauf aus. Auch in der Freizeitgestaltung stehen die Städte in Konkurrenz zueinander – und werben um den Unterländer Bürger. Ob es um ein Abonnement im Staatstheater Stuttgart geht, um Besuche von Veranstaltungen im Forum in Ludwigsburg, um das neue SI-Freizeitzentrum des Herrn Deyle in Stuttgart (mit zwei Musicaltheatern, Badelandschaft, Spielcasino, modernsten Kinosälen, vielen Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten) oder die Theater in Heidelberg, Karlsruhe, Mannheim. Wer attraktive Angebote hat und die Menschen aus Nordwürttemberg einlädt, der wird  zum Zuge kommen. In dem einst reichlich verschlafenen Stuttgart merkt jedermann, daß Deyles Unterhaltungszentrum in Möhringen viel abwirft für den Fremdenverkehr. Hotels und Taxifahrer freuen sich heute schon.                                 

Oh – Heiliger ...
In Hameln kam der Rattenfänger zu Fuß, in Untergruppenbach kam er getarnt als Sankt Martin. Die Kinder des Dorfes wurden am 11. November auf die Burg zu einem „St. Martinsritt“ gelockt. Geworben wurde dafür mit Flugblättern, die in den Kindergärten verteilt wurden. Da der Veranstalter – bewußt? – verschwiegen wurde, gingen viele Eltern davon aus, es handle sich um eine Aktion des Kindergartens. Doch weit gefehlt: Hinter der Sache steckte die Wirtin der Burg, die Tochter eines Unterländer Millionärs. Die biblische Geschichte um den edlen Heiligen war der Gastronomin schnurz-piep-egal, es ging allein um die Mehrung ihres Profits. Der Reiter hetzte sein Pferd den Berg hoch, die Kinder konnten kaum Schritthalten, über die Mantelteilung wurde keine Silbe verloren, geschweige denn – wie erwartet – die Szene mit dem frierenden Bettler dargestellt. Einen Mantel könne man doch nicht einfach zerreißen, erfuhren verwunderte Eltern, als sie die Organistoren befragten. Wichtiger war der Verkauf von Glühwein (3,50 Mark), Kinderpunsch (2,50 Mark) und kalten Saitenwürstle mit Wecken (2,50 Mark). Die Eltern wurden abgezockt. Ihren nichts ahnenden Kindern konnten sie den Wunsch nach Punsch und Wurst nicht abschlagen. Die kommerzielle Absicht beschämt die Wirtin, der es nicht recht gelingen will, die schönste Gartenwirtschaft der Region zu etablieren. Elternbeiräte haben sich bei ihr über das unseriöse Geschäftsgebaren schriftlich beschwert, es kann schließlich nicht angehen, daß im Kindergarten für privaten Kommerz geworben wird. – Dabei hatte die Idee zu diesem Kinderfest am Martinstag einst Ende der achtziger Jahre ein Mann namens Axel von der Herberg in Flein. Jährlich veranstaltete er mit der Jungen Union das Fest. Er wurde in den Fleiner Gemeinderat gewählt. Machte sich als Handwerker selbständig. Aber überschätzte offenbar seinen finanziellen Rahmen. Und verschwand spurlos. Und eine Suchaktion begann. Plötzlich aber war er wieder da – entdeckt, fotografiert und interviewt vom Neckar Express. Dann verschwand er wieder – und tauchte bis zum heutigen Tag nicht mehr auf. Irgendwo in Deutschland oder im Ausland wird Axel von der Herberg sein, der Mann, der einst so schön den Fleiner Martinsritt organsierte, bei dem es für die Kinder kostenlos eine Süßigkeit gab. Geschädigt hat er so richtig offenbar niemanden. Im Gegenteil. Er muß noch bei Leuten Geld eintreiben. Aber seine Idee des Martinsritts lebt weiter, wenn auch verbogen.

Stillstand und Fortschritt
Am Samstag der vergangenen Woche hatte die Industrie- und Handelskammer Heilbronn, kurz IHK, eine Anzeige in der Stuttgarter Zeitung geschaltet, in der sie „eine/n neue/n Leiterin/Leiter Öffentlichkeitsarbeit“ sucht. Das kam überraschend. Denn der IHK-Geschäftsführer Thomas Schick, der für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Wirtschaftsjunioren zuständig ist, ist noch in Amt und Würden. Angedeutet hatte sich dieser Abgang, als öffentlich wurde, daß IHK-Hauptgeschäftsführer Heinrich Metzger den Pressemann Schick zum Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung für die Region machen wollte und Thomas Schick dies postwendend ablehnte. Schick wird Ende März 1998 aus der Kammer ausscheiden, wie er sagt „auf eigenen Wunsch“. Und auch ohne jeden Groll. Aber mit 45 Jahren müsse man sich überlegen, wie es weitergeht. Jetzt sei für ihn der Zeitpunkt gekommen, nochmal etwas anderes zu beginnen. Ein paar Jahre weiter, und ein solches Unterfangen wäre schwierig, wenn nicht unmöglich. Eigentlich wollte er ja schon zum 31. Dezember 1997 gehen, aber man habe ihn gebeten, einen gewichtigen „Kongreß“ in der Kammer noch  mitdurchzuziehen. Danach wird er sich selbständig machen – mit einer Agentur für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die Unternehmen, Verbände und andere Institutionen berät und bedient. Diese wird dann eng mit der Partneragentur „Projekt X“ zusammenarbeiten, wenn es um die Ausführung bei Broschüren und ähnlichem geht. Bevor Thomas Schick zur IHK ging war er von 1977 bis 1990 Redakteur bei der Heilbronner Stimme (zuletzt Ressortchef Heimische Wirtschaft und Assistent des Chefredakteurs Werner Thunert) und danach Pressesprecher der Südmilch AG in Stuttgart. – In der IHK geht eine Ära zu Ende. Der Hauptgeschäftsführerwechsel ist von Dr. Horst Schmalz zu Heinrich Metzger erfolgt. Die Wechsel im Präsidentenamt von Otto Christ zu einem bisher noch unbekannten Mann steht an, ebenso wie die Neubesetzung des Amtes des IHK-Pressesprechers. Zur Jahrtausendwende, wenn der OB-Wechsel dann auch vollzogen ist, wird sich zeigen, was die neuen Männer in den alten Ämtern bringen. Stillstand oder Fortschritt.

Das Biest
In Baden-Württemberg gibt’s so viele wichtige Leute, daß gleich zwei Premieren für „Die Schöne und das Biest“ in Stuttgart gefeiert wurden. Am Donnerstag und Freitag letzter Woche (4. und 5. Dezember) Vorpremiere und Premiere. Die Show- und Politprominenz war natürlich bei der Champagnerpremiere anwesend, bei der auch noch 150 Kilo Riesengambas, 1.000 Rinderrouladen, 40 Spanferkel, 9.000 Canapés und 2.500 Flaschen Champagner unters Premierenvolk gebracht wurden. Zu sehen gab es im Rolf-Deyle-Vergnügungspark auf den Fildern vor den Toren Stuttgarts das Walt-Disney-Musical „Die Schöne und das Biest“ in einem atemberaubenden Ausstattungs- und Technikaufwand, daß einem Hören und Sehen verging. Viele Ohs und Ahs erfüllten Ränge und Parkett in einem neuerbauten Theater, das so aussieht wie sich Kinder halt ein Theater vorstellen. Mit stehenden Ovationen feierte – zumindest das Vorpremierenpublikum – das Deyle-Musical. Und ich kann nur ganz naiv feststellen: So etwas Schönes habe ich mein Leben lang noch nie auf einer Theaterbühne gesehen. Wer Kinder hat, muß dieses Spektakel in Stuttgart gesehen haben – und wer keine hat, sollte die seiner Verwandten oder Freunde einladen. Und er sollte auch seinen ganzen (so vorhanden!) Bildungsbürger-Hochmut zu Hause lassen. Denn dieser ist hier völlig deplaziert. Die FAZ schrieb: „Schon die Opern Händels oder Rossinis hatten ihr Moment von Serienproduktion, Baukasten-Problemlosigkeit. Und der Relaxing-Three-Pack aus Theater, Hotel und Dinner ist etwa für die Besucher der Salzburger Festspiele ja auch nicht ganz unüblich.“ – Warum auch nicht? Das Deyle-Theater in Stuttgart ist Salzburg für die kleinen Leute, für jene, die Spaß am Theater haben wollen. Und dabei alles, was Theater ausmacht, geboten bekommen: Tanz, Gesang, Himmel und Hölle, Liebe und Schmerz ... Und das Thema, die Handlung des Märchens „Die Schöne und das Biest“ ist dabei hochaktuell und tagtäglich erlebbar – für jene, die Augen haben, zu sehen, Ohren haben, zu hören und Sinne, zu fühlen.                                   

Killerkommandos
In Ägypten starben bisher mehr als hundert Touristen bei Terroranschlägen. In den letzten drei Monaten schlugen die muslimischen Fundamentalisten wieder hart zu. Zunächst vor dem ägyptischen Museum in Kairo, jetzt in Luxor – jeweils mit einem bestialischen Massaker. Was mich verwundert: Als in Deutschland rechtsradikale Mörder Anschläge auf Ausländer verübten und dabei Muslime getötet wurden, war in der arabischen Welt, vor allem in der Türkei, die Empörung groß und schlug riesige Wellen – und das zu recht. Wenn deutsche Touristen in Ägypten bestialisch umgebracht werden, dann wird in Deutschland vielfach nach Erklärungen gesucht, warum sie es getan haben, welche Motive dahinter stehen. Und schnell sind die gestanzten Antworten da. Soziale Ungerechtigkeit, Armut, kolonialistische Hochnäsigkeit der Europäer, usw. Diese stereotypen Antworten kennen wir schon seit Jahren. Und oft kommt dann noch die fundamentalistische Begründung, wir Europäer, vor allem wir Deutsche, würden mit unserem Massentourismus, die arabischen Völker in ihrem in Jahrhunderten gewachsenen, natürlichen Kulturkreis stören und herausreißen. Eine austauschbare, eine abstruse Argumentation, die für alle Tourismusgebiete dieser Welt gilt, auch für Bayern, Österreich und die Schweiz. Hoffentlich haben jetzt die europäischen, japanischen und amerikanischen Touristen endlich begriffen, daß einige arabische Länder als Urlaubsziele einfach zu gefährlich sind. Die Händler, Hotelangestellten, Taxifahrer und Fremdenführer in Ägypten spüren es jetzt als erste – wie immer, wenn es um die hohe Politik geht. Das Volk muß leiden. Und die deutsche Politik? Sie muß sich den Vorwurf gefallen lassen, daß sie arabische Fundamentalisten als Asylbewerber im Lande leben läßt, die von Deutschland aus den Terror in Ägypten oder Algerien organisieren. Jenem Terror, dem auch deutsche Touristen zum Opfer gefallen sind. Wir haben ihn also schon im eigenen Land. Und wir werden ihn – so ist anzunehmen – noch stärker bei uns zu spüren bekommen, wenn wir uns nicht sinnvoll schützen.                                                               

Wenn der Moritz ...
Wenn in Heilbronn Bestandsaufnahme gemacht wird, dann wird geredet und geschrieben, es werden danach Beschlüsse gefaßt ... Und das war es dann auch. So sammelt man halt Bozetti im Museum (was niemanden sonderlich interessiert), spielt Theater, feiert Wein- und Volksfeste, läßt Goethe und Schiller zum Wartberg pilgern, verteilt alljährlich an Schauspieler den Kilianpreis.  Naja. „Heilbronn, das ist die blanke Langeweile, ist stadtgewordener Rudolf Scharping“, meint Dr. Rainer Moritz, Programmchef des Reclam Verlags in Leipzig, in einem langen Dreispalter am Samstag, 6. Dezember 1997, im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung (Seite 50). Eine nette Nikolaus-Überraschung für Heilbronn, die da über die renommierteste Tageszeitung Baden-Württembergs ins Haus geflattert kam. Moritz zitiert viele lebende Dichter, die nicht nicht gerade schmeichelhaft über Heilbronn schrieben. Zum Beispiel Herbert Asmodi: „Heilbronn schien mir weder für Erfahrungen noch für meinen Exhibitionismus eine geeignete Bühne: ich wollte von dort weg, so rasch als irgend möglich.“ Auch später wollte der Dramatiker und Fernsehautor wenig mit Heilbronn zu tun haben. Er widerstand tapfer allen Anlockversuchen: „Ab und an werde ich zu einem Treffen von ehemaligen Schulkameraden eingeladen. Ich gehe da nie hin. Der Weg allen Fleisches ist die Verwandlung hoffnungsvoller Jugend in die eigene Karikatur – man weiß das von sich selber. Warum sich dieses düstere Spektakel vor der Haustür anschauen?“ – Eine kluge „Nestbeschmutzung“ hat der Rainer Moritz da geschrieben. Diese Art von geistreicher Auseinandersetzung mit Heilbronn sollte auch vor Ort geführt werden – ab und an im Feuilleton oder der Wochenbeilage der Tageszeitung. Die Stadt und das Umland als hervorragende Kulturlandschaft fortwährend zu loben, zeugt weniger von einem gesunden Selbstbewußtsein, sondern eher von einem allzu großen Minderwertigkeitsgefühl. Der Anstoß kam jetzt von außen. Dieser Ball sollte aufgenommen und klug weitergespielt werden. Damit Heilbronn auch geistig ein paar Schritte nach vorn macht.

Lächeln, bitte!
Ist Deutschland ein Einkaufsparadies? Wer die Frage stellt, weiß auch gleich die Antwort: Nein! Das hat seine Geschichte – im  Land mit veralteten Symbolen von Wirtschaftskraft. In der Nachkriegszeit ging es fast ausschließlich darum, Produkte herzustellen. Auf den Verkauf wurde weniger Wert gelegt. Der lief schließlich nahezu von allein – beim vorhandenen Mangel. Die Zeiten ändern sicher aber. Heute sprechen Experten von der „Einkaufswüste Deutschland“. Wer in diesem Land sein Geld unter die Leute bringen will, der hat es sehr schwer. Deutschland ist in Beziehung auf Dienstleistungen eher ein Entwicklungsland. In vielen Häusern verhalten sich die Verkäufer/innen eher wie Warenaufpasser, weniger wie Warenanbieter. Dabei predigen die Experten einfache Dinge, um hier Änderungen herbeizuführen. Um die Stirn zu runzeln, müssen 30 Muskeln bewegt werden, um zu lächeln nur 13. Viele Geschäftsleute, so sie erfolgreich sein wollen, müssen erheblich dazulernen. Service darf heutzutage kein Luxus mehr sein, sondern wird für viele Geschäfte zur Überlebensstrategie  werden. Was ist so schwer daran, diesen einfachen Satz in die Tat umzusetzen: „Begrüßen Sie Ihren Kunden so, als ob er Ihr persönlicher Gast wäre.“ – Ich verstehe ja, es ist hektische Vorweihnachtszeit angesagt. Es muß der größte Umsatz des Jahres getätigt werden. Wer gewinnen will, muß in die Smiling-Offensive gehen. Als Kunde ist es mir lieber freundlich beraten zu werden (wenn das auch mit Tricks verbunden ist) als unfreundlich (aber ehrlich in der momentanen Befindlichkeit) vom gestreßten Verkäufer angeraunzt zu werden. Als einst nur öffentlich-rechtliches Fernsehen Werbezeiten vergeben konnte, wurden die Kunden wie Bittsteller abgespeist. Man konnte froh sein, überhaupt seine Werbung loszuwerden. Heute werben die Fernsehanstalten um die Werbekunden. Für andere Medien gilt das gleiche. Die Zeiten, in denen der Briefträger die Werbung (also bares Geld) mit der Post ins Haus bringt, sind langsam vorbei. Der Kunde ist König – auch wenn viele das noch nicht gemerkt haben. Wer dabei nach Regulierung durch den Staat ruft, ist meistens ein schlechter Geschäftsmann.                                                                 
Müllverbrennung
Stärker konnten die Heilbronner Müllfronten kaum aufeinander treffen. Bei der Fernsehdiskussion im dritten Programm. Was sich da bei Südwest 3 beim „Lokaltermin“ zeigte, war eine Konfrontation, wie sie deutlicher und anschaulicher für Heilbronn  nicht hätte sein können. Auf der einen Seite in der Neckarhalle von Neckargartach die Arbeiter des Kohlekraftwerkes der Energieversorgung Schwaben in Heilbronn, auf der anderen Seite die Gegner einer Müllverbrennungsanalage in Heilbronn – eine Bürgerinitiative, bestehend aus gutsituierten Bürgern, Lehrern und Beamten, die ihre Verachtung und Häme nicht verstecken konnten, vor allem wenn es um die Arbeitsplätze der EVS-Mitarbeiter ging. Gottfried May-Stürmer, der Regionalgeschäftsführer des Bund Heilbronn, will im Genehmigungsverfahren dafür sorgen, so verkündete er lautstark, daß die EVAS Thermik zur teuersten Anlagevariante gezwungen wird. Offensichtlich sehen die Gegner der Müllverbrennungsanlage, die Möglichkeit die Errichtung der Anlage zu stoppen, als sehr gering an. Bei der Diskussion stellte sich heraus, daß jene Verfahren, die von den Umweltschützern propagiert werden, schlicht nicht finanzierbar sind. Die geplante Kalte Rotte in Heilbronn hatte es ja auch schon an den Tag gebracht. Selbst der Heilbronner Gemeinderat, der sie beschlossen hatte, mußte flugs Abstand davon nehmen. Die Müllkosten für den einzelnen Bürger wären ins astronomische gestiegen. Aber Heilbronn ist ja eine gute Stadt. Wir subventionieren die Mannheimer Müllverbrennungsanlage ab 1999 bis zum 31. Mai 2005 pro Jahr mit 500.000 Mark (insgesamt 4,5 Millionen) dafür, daß Verbrennungskapazitäten für Heilbronn in Mannheim bereitgestellt werden. Und im gleichen Zeitraum werden im EVS-Kohlekraftwerk Heilbronn Arbeitsplätze abgebaut – und wenn es die Bürgerinitiative mit ihrer Politik schafft, auch keine neuen Stellen in der geplanten Müllverbrennungsanlage geschaffen. Dafür wird der Müll aus den Landkreisen Hohenlohe und Heilbronn sowie der Stadt Heilbronn dann brav nach Mannheim gekarrt, um dort verbrannt zu werden. Das ist eben deutsche Politik in vorweihnachtlichen Zeiten. Aber jetzt wollen wir nicht mehr über den Müll reden, sondern uns des Lebens freuen. An all den vielen Geschenken, die so hübsch verpackt sind. Die produzieren ja dann auch genug...                                                                                       

Schlaraffenland D.
Im kommenden Winter wird die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf fünf Millionen Menschen ansteigen. Behaupten Wirtschaftsexperten. Das sind fünf Millionen Menschen, die bei uns nicht ins Bodenlose fallen, sondern sozial aufgefangen werden. Viele fragen sich heute, wer trägt Schuld an dieser Misere. Es gibt Länder in Europa, wo die Arbeitslosenzahlen sinken. Auch in den USA haben Regierung und Parlament sich angestrengt und das Steuer herumgerissen. Die Arbeitslosenzahlen sinken kontinuierlich, die Zahl der Sozialhilfeempfänger ebenfalls. Nachdem beschlossen wurde, daß Sozialhilfe nicht mehr auf unbegrenzte Zeit ausgezahlt wird, sondern nur noch maximal fünf Jahre im gesamten Leben eines Menschen. Jetzt muß ab einer bestimmten Zeit eine angebotene Arbeit angenommen werden, ob nun der Müll  in den Parks weggeräumt wird oder Kinder auf einem Spielplatz beaufsichtigt werden. Aber unsere Politiker reformieren den Sozialstaat nicht, sie schielen lieber auf die kommende Bundestagswahl und puhlen an ihren Startlöchern. Notwendige Entscheidungen beim Steuerrecht – Fehlanzeige. Die Rentenreform – bisher ins Wasser gefallen. Dafür werden die Steuern und Abgaben weiter munter erhöht, als ob der Bürger ein dukatenscheißender Esel sei. Hauptsache die Pfründe für unsere Politikerkaste bleiben unangetastet. Ob nun bei CDU, FDP, SPD, Grünen oder Republikanern. Ob in der Gemeinde, im Land oder im Bund. Deutschland als Wirtschaftsstandort wird weiter in die Krise getrieben. Und manch deutscher Dichter schwadroniert munter drauflos – und will ob der von ihm festgestellten Ungerechtigkeit gegen Asylbewerber aus Kurdistan und der Türkei nicht mehr in deutschen Landen leben. Über eine Politik des Schuldenmachens auf Kosten künftiger Generationen verlor er kein Wort. Darüber, daß die Flüchtlinge aus allen Teilen der Welt lieber ins hochgelobte „Schlaraffenland Deutschland“ kommen als nach Polen, in die Ukraine, nach Ungarn, Tschechien oder Frankreich zu gehen, um dort um Asyl zu bitten, verlor er kein Wort. Würde in Deutschland ein ehrlicher Kassensturz gemacht werden, nicht auf die Schaffenskraft künftiger Generationen heute schon das Geld ausgegeben werden (das man nicht hat), dann wären die deutschen Lande kaum mehr ein Schlaraffenland für jedermann.                                            

Die Lust im Wald
Das Wald- und Schloßhotel Friedrichsruhe, bevorzugte Stätte gehobener Tafelfreuden auch von so manchem Unterländer, hat eine etwas anrüchige Vergangenheit. Dies verriet Direktor Lothar Eiermann kürzlich im Kreise von Weinjournalisten, denen er auch anvertraute, daß er eigentlich nur fünf Jahre bleiben wollte, aber mittlerweile schon 24 Jahre lang in den fürstlichen Töpfen rührt. Das von 1712 bis 1717 erbaute Jagdschloß des Fürsten Friedrich II. zu Hohenlohe erlebte in den letzten 285 Jahren abwechslungsreiche Zeiten. Dazu, so Eiermann, gehörte auch eine kurze Episode nach dem Zweiten Weltkrieg. Bevor 1953 das Waldhotel Friedrichsruhe eröffnet wurde, hatte sich in dem Barockgebäude eine Ballettschule eingemietet, die auch ordentlich Zuspruch erfuhr. Doch alsbald stellte sich heraus, daß die Damen dort weniger dem Tanze zugeneigt waren als vielmehr anderen körperlichen Freuden. Dem unziemigen Treiben wurde daher bald ein Ende gemacht, schließlich möchte sich das Haus Hohenlohe nicht mit einem fürstlichen Freudenhaus schmücken. Heute dominieren lukullische Genüsse derart, daß Lothar Eiermann gerne erzählt, wie stark frequentiert sein Edel-Restaurant ist. Damit hebt er sich wohltuend vom Gejammer seiner Kollegen ab.                                              

Die zehn Gebote
Kennen Sie die zehn Gebote der Rohstoff-Rückgewinnung? Ich kannte sie bisher auch nicht. Aber sie klingen ganz plausibel, vor allem was das hochgelobte Recycling anbetrifft. Sortieren und Wiederverwerten ist ja das Allheilmittel in Deutschland, an dem – so der erklärte Wille der Fundis unter den Umweltschützern – Europa und die Welt genesen sollte. Die zehn Gebote der Rohstoff-Rückgewinnung im einzelnen: 1. Du sollst über den Müll verfügen. 2. Du sollst kein Gold in Deinem Müll suchen. 3. Du sollst nicht an eine totale Rückgewinnung glauben. 4. Du sollst nichts aus Müll herstellen, was niemand haben oder kaufen will. 5. Du sollst bei der Rückgewinnung die Kosten nicht vergessen. 6. Du sollst die Rückstände beseitigen. 7. Du sollst die im Müll enthaltenen Energien mit möglichst geringen Verlusten aktivieren. 8. Du sollst andere Rückgewinnungsverfahren für andere Abfälle haben. 9. Du sollst andere Rückgewinnungsverfahren für andere Völker haben. 10. Du sollst auch bei der Rückgewinnung Deine Umwelt achten. – So weit , so gut. Aber momentan scheint es so, als ob auf Kosten der Bürger sich eine Industrie entwickelt hat, die Müll als eine Goldgrube ansieht. Nicht weil der Müll so wertvoll wäre, sondern weil die Allgemeinheit für seine Beseitigung bereit ist, sehr viel Geld zu bezahlen. Und das alles aus Angst, vor einer möglichen Umweltverschmutzung. Dabei ist der Müll seit jeher Umweltverschmutzung. Nicht seine Beseitigung. Den Müll einigermaßen sauber und umweltgerecht, ohne allzu große Belastung für die Nachkommen, zu entsorgen, das muß das Ziel der Politik und Industrie sein. Derzeit wird aber vornehmlich Geld mit unserem Abfall verdient, auf Kosten jedes einzelnen Bürgers. Was bei uns in dieser Hinsicht möglich ist, das würde in anderen Ländern politische Unruhen auslösen. Aber in Deutschland ist man seit jeher gewöhnt, der Obrigkeit mehr Glauben zu schenken als dem gesunden Menschenverstand.