Mittwoch, 19. März 2014

Kiliansmännle, 03.06. 1997


10 Prozent und mehr?
Was mich immer wieder stark wundert, ist die Blauäugigkeit, mit der Menschen zehntausende von Mark – teilweise sogar mehrere hunderttausend – dubiosen Geldanlegern überlassen, die ihnen mehr als zehn Prozent Rendite versprechen. Ist es Dummheit oder reine Geldgier, wenn Menschen derart risikoreich handeln? Wenn es Dummheit ist, dann haben sie selber Schuld. Weil bei jeder anständigen Bank leicht zu erfahren ist, daß bei Anlagen selten über zehn Prozent herausspringen – und wenn, dann nur mit einem großen Risiko behaftet. Entweder man verdient gut oder ein großer Teil des Geldes ist futsch. Wenn es aber Raffgier und Geldgeilheit ist, dann geschieht es diesen Mitmenschen nur recht, wenn sie von jenen, die ihnen das Blaue vom Himmel versprechen, betrogen werden. Es gilt immer noch der alte Grundsatz, daß irgendjemand das Geld erarbeiten muß, das dann als Zinsen aufs Kapital hinzugelegt wird. Wer darauf spekuliert, daß andere für ihn arbeiten und die Zinsen zahlen, kann Glück haben – und viel Geld erhalten. Oder er hat kein Glück – dann darf er aber auch nicht traurig sein. Wie gewonnen, so zerronnen. Beim Gewinn ruft niemand nach dem Staat, bedankt sich keiner bei jenen, die die Zinsen im Schweiße ihres Angesichts erarbeitet haben. Geht das Geld aber futsch, soll gar der Staat und die Allgemeinheit für den Verlust aufkommen. Ein bißchen arg naiv, meine ich. Das wär ja noch schöner. Geldgier gehört nicht bestraft, aber niemand soll sich wundern wenn er bei einem Va-Banque-Spiel verliert – und er soll vor allem nicht nach den Schuldigen suchen. Schuld ist er allein. Es gibt genügend seriöse Anlagemöglichkeiten, bei denen das Geld relativ sicher angelegt ist. Da gibt es aber dann nicht soviel Zinsen.

Kulturtage
1986, bei den ersten Heilbronner Kulturtagen auf dem Gaffenberg, half ein 50köpfiges Team etwas auf die Beine zu stellen, was Heilbronn in Sachen Kleinkunst landesweit bekannt machte. Jetzt, bei den zehnten Heilbronner Kulturtage, sind es mehr als „800 helfende Hände“, verkündet Kulturtage-Chef Harry Mergel. Aus den jungen, ungestümen Bafög-Empfängern von 1986 seien mittlerweile Steuerzahler und Bausparer, Mütter und Väter geworden. Das ursprünglich regionale Kulturfest habe sich zu einem der erfolgreichsten Musik- und Kleinkunstfestivals in Deutschland entwickelt. Was vom 10. bis zum 13. Juli auf dem Gelände der Evangelischen Kirche auf dem Gaffenberg abgeht, ist wieder einmal ein Volks- und Barbecue-Festle für die gehobenen Stände, auch wenn die Macher betonen, sie würden mit ihrem Programm feststellbar einen breiten Querschnitt in der Bevölkerung ansprechen. Aber wie dem auch immer sei – die Heilbronner Kulturtage sind eine Einrichtung, die all jene belebt, die zeitgeistmäßig immer up-to-date sein wollen. Was sich so im bundesdeutschen Unterhaltungsbereich tummelt und zur Kultur drängt, ist auf dem Gaffenberg vertreten. Bei einem Gesamtetat von 1,2 Millionen Mark wird „wirtschaftlich“ gearbeitet, nicht am Programm gespart, rund 700.000 Mark durch Eintrittsgelder aufgefangen. Die Einnahmen stagnieren, die Sponsoren steigen in wirtschaftlich unruhigen Zeiten auch nicht mehr so schnell ein – und so wird trotz laufender Ausgabensteigerungen dank ehrenamtlichen Engagements mit minimalen Rücklagen gearbeitet. Und heraus kommt für Heilbronn und die rund 20.000 Besucher (die Kapazitätsgrenze ist damit erreicht!) ein Festival der Superlative. Jetzt muß an jenem Juli-Wochenende nur das Wetter mitmachen. Aber bei einem christlichen Gelände wie dem Gaffenberg dürfte das ja geritzt sein.

Grundsteuer
Bund, Ländern und Kommunen geht es derzeit nicht gerade rosig – was die Finanzen anbelangt. Das wissen wir schon seit langer Zeit. Und jene, die am lautesten schreien (siehe Saarland, Niedersachsen oder Bremen), denen geht es am dreckigsten. Heilbronn steht im Reigen der Städte noch verhältnismäßig ordentlich da. Aber trotzdem versucht die Verwaltung es immer wieder, sich auf Kosten der Bürger zu sanieren, statt beim Sparen im eigenen Hause hart und konsequent zu beginnen. Jetzt ist die Grundsteuer an der Reihe. Rückwirkend soll sie für dieses Jahr beträchtlich erhöht werden. Die Grundsteuer A (Land- und Forstwirtschaft) soll von 290 auf 330 Punkte, die Grundsteuer B (normale Grundstücke) soll von 305 auf 380 Punkte angehoben werden. Bisher ist die Verwaltung mit diesem Vorhaben im Gemeinderat gescheitert. Man erhofft sich jetzt bei der Sitzung am 12. Juni eine Mehrheit, weil Mehreinnahmen bei der Steuer A von 60.000 Mark und bei der Steuer B von 6,6 Millionen Mark erwartet werden. Dabei wird kräftig auf andere Gemeinden und Städte in Baden-Württemberg verwiesen, wo die Grundsteuer teilweise erheblich höher ausfällt. Dabei wissen wir alle, daß bei der Grundsteuer B die Erhöhung von Vermietern auf die Mieter umgelegt wird. Das heißt Mieterhöhungen in diesem Jahr sind unausweichlich. Den letzten beißen halt die Hunde. Damit wird genau jenes Klima erzeugt, daß die Menschen mehr und mehr verunsichert. Gerechtigkeit? Wenn der Staat, in diesem Fall auch die Kommune, nicht endlich beginnt, in seinem eigenen Terrain ordentlich zu sparen, wird der Unmut immer größer werden. In einer Rep-Hochburg wie Heilbronn oder dem Unterland sollte man den Bogen nicht überspannen – und mit ausgestrecktem Finger ins Elsaß zeigen, wo die Rechtsextremisten um die 15 Prozent bei den Wahlen einheimsen. Im Unterland sind wir schon lange auf diesem Stand. Und unsere Politiker wollen offenbar diese Rep-Ergebnisse noch weiter in die Höhe treiben. 

Heilbronner Hanf-Essen
Unser Koch Tobias Heil hat auch beim Drogendezernat angerufen, ob dieses Essen so genehmigt ist. Erzählt Lore Stöber vom gleichnamigen Restaurant in der Wartbergstraße Heilbronns, das laut Gastronomieführer den dritten Platz in Heilbronn und den 38sten in der Region belegt. In einem gutbürgerlichen Haus eine Hanf-Woche zu veranstalten, das ist schon sehr gewagt. Obwohl dieses Gewächs seit Jahrhunderten in diesen Landen bekannt und genutzt wird. Und was der 23jährige Koch Tobias Heil den Gästen auftischt ist schon sehens- und schmeckenswert. Neben der üblichen Getränke- und Speisekarte gibt es auch jene mit den Hanfprodukten. Hanflimonade, Hanfbier oder Hanflikör. Vorspeisen, vom Salat bis zur Suppe, Hauptgerichte und Desserts sind auf Hanf ausgerichtet – und alles „natürlich absolut legal“, da die Produkte und Waren aus „Faserhanf“ hergestellt sind. Walter Kress, Bio-Bauer aus Neuenstadt-Stein, der in seinen einleitenden Worten der „Tabupflanze Hanf“ den bösen Geruch nehmen wollte, verwies darauf, was alles aus der heimischen Pflanze hergestellt werden kann. Hosen (zum Beispiel eines bekannten Jeansherstellers, schließlich hatte auch ein Herr Strauss 1873 seine Levis-Jeans aus Hanf zunächst gefertigt), Teile für das Automobil (1941 baute Ford ein Hanf-Auto), Hanfpapier (für das Heilbronner Rathaus). Auf 16 Hektar wird bereits in der Region Hanf angebaut. Man könnte den Wirtschaftszweig Hanf in der Umwelttechnologie-Region Franken durchaus noch ausbauen – auf rund 500 Hektar. Denn Hanf (Cannabis sativa) ist schon seit Jahrtausenden ein hilfreicher Begleiter der Menschen in vielen Kulturkreisen der Erde. Kleider, Seile oder Netze aus Hanf gab es schon 4.000 vor Christus in China. Und auch in Europa dient seit 2.500 Jahren Hanf als Rohstoffquelle für Seile, Tücher, Medizin, Nahrung oder Papier. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde verboten – man ersetzte ihn schlicht durch Kunststoffe. Jetzt hat man ihn wieder entdeckt, weil der Hanf in nur 100 Tagen vier bis sieben Meter wächst, eine ertragreiche Faser- und Ölpflanze ist, einen niedrigen Arbeitsaufwand  erfordert und die gesamte Pflanze verwertbar ist. Wahrlich: ein „Grünes Gold“ ist diese Pflanze. Auch fürs schmackhafte Essen.

SWR statt SDR und SWF
Der Staatsvertrag ist seit Sonntag unter Dach und Fach. Ab 1998 wird es den Südwestrundfunk (SWR) in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz als zweitgrößte ARD-Anstalt in Deutschland geben. Was nach dem Krieg durch Besatzungsrecht geschaffen wurde, ist endgültig zu Grabe getragen worden. Gottseidank. Was Lothar Späth einst angedacht hatte, woran er dann kläglich dank vieler Kleingeister gescheitert war, das hat sein Nachfolger Erwin Teufel zusammen mit den SPD-Kollegen Kurt Beck aus dem Nachbarland in die Tat umgesetzt. Jetzt müssen nur noch die Landtage in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zustimmen – das heißt bei uns die CDU/FDP-Koalition und in Mainz das SPD/FDP-Bündnis. Schwierig für die jeweils größte Oppositionspartei im Lande, ihren Genossen oder Parteifreunden auf der anderen Seite des Rheins bei der Abstimmung in den Rücken zu fallen. Der SWR mit seinen 4.200 Beschäftigten und einem Nettogebührenaufkommen von 1,6 Milliarden Mark kommt eigentlich viel zu spät – die „Reform“ war längst überfällig. Ein Jahrhundertwerk ist es schon gar nicht – das Reförmchen im Südwesten. Denn die Zusammenfassung vorhandener Sender in der ARD ist nichts als ein Gebot der Stunde. Damit die Rundfunk- und Fernsehgebühr bei rund 30 Mark gehalten werden kann. Kooperation auf vielen Gebieten ist bei der ARD angesagt. Denn nicht allein die Sender sind teuer, viel teurer, zu teuer ist das Programm. Die Vermehrung von Hörfunk- und Fernsehschienen ist eine Krankheit unter den öffentlich-rechtlichen Sendern. Dem ist jetzt bei SWR löblicherweise ein kleiner Riegel vorgeschoben worden – vorläufig. Die neuen Techniken und ihre Übertragungsmöglichkeiten öffnen da ganz neue, ungeahnte Wege, die auch zum Teil schon munter beschritten werden. Letztlich zum Nachteil des Gebührenzahlers. Und hinzukommt, daß der private Rundfunk in Baden-Württemberg derzeit immer mehr nach hinten abfällt. Der neue SWR wird bewirken, daß es auf diesem Gebiet auch zu einer Reform kommen muß. Denn die drei großen Bereichssender und 14 Lokalsender im privaten Hörfunk sind – so wie derzeit beschaffen – in der Zukunft unter den neuen Bedingungen kaum überlebensfähig.

Arbeitgeber-Treff
Das Freilandmuseum Wackershofen in der Nähe von Schwäbisch Hall ist seit Jahren schon jener Ort, an dem der Arbeitgeberverband Region Franken seinen Sommertreff abhält. Mit einer Ansprache des jeweiligen Vorsitzenden zur „Lage“. Am Montag dieser Woche war Dr. Hans Wiedemann, Geschäftsführer im Gemeinschaftskernkraftwerk Neckarwestheim, an der Reihe, der im Namen der Bezirksgruppe Heilbronn/Region Franken des Verbands der Metallindustrie Baden Württemberg als auch des Arbeitsgeberverbands Region Franken die Gäste begrüßte. Politisch wurde es dann trotz der ungezwungenen Atmosphäre. Wiedemann kritisierte die von den Gewerkschaften propagierte 32-Stunden-Woche. Das entspreche nicht im Geringsten den Anforderungen einer globalisierten Wirtschaft. Und außerdem, so forderte Wiedemann, müßten Renten und andere Sozialleistungen so weit gesenkt werden, daß die Gesellschaft sie bezahlen kann. Ob er damit vor allem jene von Staatsdienern und Politikern gemeint hat? Sein besonders deutlicher Appell an die Politiker: „Unser Parlament sollte und muß den Mut haben, die Steuer- und Sozialreform nicht wieder zu zerreden, sondern möglichst schnell zu einer Entscheidung kommen, wie sie in den späten 80er Jahren in Großbritannien zu einem echten Aufschwung führte.“ – Schön gesagt im Vorfeld einer Bundestagswahl und der Links-Siege in Großbritannien und Frankreich. Jetzt geht es in der Politik mehr ums Muskeln-Spielen-Lassen als um die Vernunft. Zum  Staunen der Wähler. Lutz Wagner, Studioleiter des Südfunks in Heilbronn und Chef des Frankenradios, redete in seinem kleinen Vortrag dann den Unternehmen in launischen Worten gut zu, sich den Journalisten vor Ort zu öffnen statt ständig in einer Angstposition vor der Presse zu verharren. Manche Unternehmen, die ansonsten höchstens mit guten Bilanzzahlen und Jubiläumsdaten in die Öffentlichkeit treten, wundern sich immer, daß es recht heftig wird, wenn mal eine Schieflage in ihrem Betrieb angesagt ist. Dabei wissen wir seit langen, daß Öffentlichkeitsarbeit seit jeher als Mittel in der Auseinandersetzung mit den Konkurrenten benutzt wird. Große Firmen machen uns das tagtäglich vor. Und die Wege der Informationsbeschaffung und -streuung sind so vielfältig wie das Leben. In manchen Konzernen sind ganze Stabsstellen beim Vorstand für diese Art der Arbeit eingerichtet. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nennt man das. Sehr wichtig in einer Kommunikationsgesellschaft. Wer sie vernachlässigt, darf sich nicht wundern.

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