Freitag, 21. März 2014

Kiliansmännle, 09.07.1997




Sucht und Hasch
Ich weiß nicht, ob unverantwortliches Lehrergewäsch viele Schüler annehmen läßt, Hasch-Konsum könne nicht süchtig machen. Nach den in der Zeitschrift Science veröffentlichten Berichten gelangt der Marihuana-Wirkstoff THC auf denselben Leitungsbahnen ins Suchtzentrum des Gehirns wie das Heroin. So italienische Neurologen. Zwei Forscherteams haben die bisher oft bestrittene These mit Tests untermauert, der regelmäßige Joint sei ein erster Schritt zum Konsum harter Drogen. Die Trennlinie zwischen harten und weichen Drogen vermische sich, fanden spanisch-amerikanische Wissenschaftler heraus. Suchtauslösender Schalter im Hirn ist ein kleiner Zellhaufen, der bei Hasch- oder Heroin-Konsum gesteigert Dopamin ausschüttet, der das Wohlbefinden der Rauschgiftkonsumenten hervorruft. Nun wissen wir schon seit langem, daß regelmäßige Haschkonsumenten nicht gerade zu den leistungsstarken Personen im täglichen Leben gehören. Und daß ein gesunder Mensch durch probieren nicht süchtig wird. Dazu benötigt er schon auch noch eine psychische Konstitution, die sich nach dem Himmelreich auf Erden sehnt – und zwar möglichst sofort. Menschen dieser Art gab es immer – und wird es immer geben. Sie müssen bloß an den Stoff kommen, der ihn diese Sehn-Sucht erfüllt. Und die laufen ja nun zuhauf herum, ob als Sektenprediger oder Stoffverkäufer. Gezahlt wird bei beiden Süchten – und zwar nicht zu knapp. Ob nun ein Kontaktladen in der Bahnhofsvorstadt dabei den Süchtigen ein menschenwürdiges Leben beschert, bezweifeln viele. Vor allem Bewohner des Stadtteils. Die Pläne liegen baureif in der Schublade des Heilbronner Rathauses. Aber es traut sich offenbar niemand so recht an die Verwirklichung. Harald Friese, bisher zuständiger Dezernent, ist ein entschiedener Befürworter des Heilbronner Kontaktladens. Sein Nachfolger Artur Kübler, bisher CDU-Fraktionsvorsitzender, wird die Pfeile auf sich ziehen – wie immer er sich auch damit auseinandersetzt. Viel wichtiger wäre es, den offenen und kriminellen Drogenhandel in der Stadt wirksam zu bekämpfen. Die unheilige Solidarität und Allianz zwischen Dealern und Süchtigen muß zerschlagen werden. Das macht Arbeit. Aber wer nicht anfängt, die kleinen Sünden zu bestrafen, wird bei den großen erst recht versagen. Halbherzigkeit ist in diesem Fall ein Verbrechen an Kindern, die zur Sucht verleitet werden.                                                       

Helm auf
Jetzt ist sie wieder angebrochen, die Zeit der Radfahrer. Hatten sich in den kälteren Monaten nur die ganz Hartgesottenen auf ihren Drahtesel geschwungen, zieht es bei sommerlichen Temperaturen nun auch die Freizeit-Pedaleure auf ihr Rad. An manchen Wochenenden sind Straßen und Radwege so stark frequentiert, daß man meinen könnte, die Zeiten der Auto-Ausflügler seien vorüber. Auf einer klassischen Radler-Route, dem Schozachtal-Weg, bilden sich manchmal sogar regelrechte Fahrrad-Staus. Da ist dann selbst mit Geklingel und Gerufe kein Durchkommen mehr. Nun kann man mit einem modernen Bike ordentlich Tempo machen. 40 bis 50 Stundenkilometer sind da schon mal drin. Und jeder Autofahrer weiß, was passiert, wenn er mit seiner Karosse und dieser Geschwindigkeit auf ein Hindernis prallt. Totalschaden, eventuell Verletzungen sind ihm sicher, vor allem wenn er nicht angegurtet ist. Im Auto versuchen die Menschen mittlerweile die größte Sicherheit herauszuholen. Auf dem Fahrrad wollen etliche Zeitgenossen davon überhaupt nichts wissen. Da fahren sie mit klepprigen Rädern, manchmal ohne funktionierende Bremsen, andere wieder ohne einen Schutzhelm. Eigentlich müßten die Radler gewarnt sein. Kaum ein Wochenende vergeht, an dem nicht über Radfahrerunfälle berichtet wird. Erst unlängst prallten bei Heilbronn zwei Drahtesel-Piloten zusammen. Bei einem waren schwerste Verletzungen die Folge. Die Ärzte der Krankenhäuser in und um Heilbronn herum raten dringend: Helm auf! Damit ließen sich im Falle eines Unfalles wenigstens die Folgen dämpfen oder vermeiden. Als „besonders erschreckend“ vermerkten die Mediziner die Sorglosigkeit vieler Eltern im Umgang mit ihren radfahrenden Kindern. Häufig hätte der Nachwuchs keinen Schutz am Leib und würde eingekeilt zwischen den „großen“ Radlern dahinstrampeln.                                         

Medienstars
Manchmal kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Vor allem in der Provinz. Auf einer Gesellschaft im Unterland gab es eine nette Runde. Da wurde über einen bekannten Fernsehmoderator gesprochen, der gelegentlich mit seinen Sendungen für Aufsehen  sorgt. Eine reichlich mittelalterlich und blond aufgeputzte Dame der Gesellschaft sagte dann unvermittelt und besserwissend, daß dieser Mann doch wohl eine Vorliebe für das eigene Geschlecht hege. Nun hatte die Runde nicht über die sexuellen Neigungen irgendwelcher Menschen in dieser Sendung gesprochen, sondern über deren Qualität. Ein älterer, weißhaariger Herr, schon Großvater und Erzeuger mehrerer erfolgreicher Töchter und Söhne, antwortete der Dame ebenso unvermittelt: „Gnädige, nicht nur das, der Mann soll auch Jude und Freimaurer sein sowie den Scientologen nahestehen.“ –  Kein sonderliches Erschrecken bei der Blondierten. Nur der gelangweilte Satz: „Das auch noch. Da kommt ja alles zusammen.“ Und schon wandte sie sich interessiert einem Gespräch zu, bei dem es unter Frauen um die Chancen ihrer Nachkommen in gehobenen Berufen ging. – Aber nicht nur Frauen können dumm und geschwätzig sein. Da erinnert man sich an einen Gewerkschaftsführer aus der Bundesebene, der in der Neckarstadt Heilbronn zu Besuch war und nach einer Pressekonferenz den anwesenden Provinzjournalisten bei einem Glas Württemberger aus der großen weiten Welt erzählte. Erst kürzlich war nämlich ein ausgemachter Redakteur, der seinen Beruf von der Pike auf gelernt hatte, zum Intendanten einer ARD-Anstalt gewählt worden. Der Gewerkschaftsmann tat gewichtig kund, daß er diesen Mann schon gekannt habe, als der noch mit dem Fahrrad kurz nach dem Krieg für eine kleine Zeitung über die Dörfer radelte und „über Hasenzüchtervereine“ berichtet hätte. Keck fragte ein Jungredakteur, was der Gewerkschafter denn zu jener Zeit so getrieben habe. Jugendvertreter und Arbeiter sei er damals gewesen. „Da haben Sie es ja auch weit gebracht“, meinte trocken der Jung-Journalist. Verdutzt und ein wenig kuh-äugig nickte der Mann aus der Gewerkschafts-Funktionärskaste. Und goß den guten Wein hinter seine Binde. 
              
Wer zahlt?
Bei den Renten haben wir einen Generationenvertrag. Wer heute in die Rentenkasse einzahlt, der finanziert die Renten der Menschen, die sie heute beziehen. Wer also heute in Rente geht (nehmen wir mal an - mit 65 Jahren), der ist im Jahre 1932 geboren – war also bei Kriegsende 13 Jahre alt. Jene Menschen, die heute Renten beziehen (ob im Ausland oder in Deutschland), weil sie im Dritten Reich verfolgt oder geknechtet wurden, werden also auch von den Nachgeborenen alimentiert. Die deutschen Enkel zahlen somit für die Sünden ihrer Großväter. Bisher ist das in Deutschland allgemein akzeptiert. Aber das Rentensystem darf nicht weiter von Forderungen belastet werden, die aus dem Unrecht während des Dritten Reiches erwachsen sind. Wenn schon, dann müssen alle an diesen Lasten beteiligt werden – nicht nur die Renten-Einzahler. Darum geht es ja auch bei den Zahlungen, die nicht aus Ansprüchen aus der Einzahlung in die Rentenkasse erwachsen sind und trotzdem aus der Rentenkasse bezahlt werden. Beamte und Freiberufler beteiligen sich nicht an diesen Zahlungen. Denn sie versichern sich selber - oder werden mit Pensionen (bislang) vom Staat ausgehalten. Genau das gleiche gilt für die Zahlungen von Firmen, die einst Zwangsarbeiter beschäftigt und gepeinigt hatten. Was in diesen Firmen heute erarbeitet wird, das muß dazu verwandt werden, um die Ansprüche der Gepeinigten von einst zu befriedigen. Auch hier sollte nicht überreizt werden. Denn schnell ist das böse Wort von der Kollektivschuld und der Sippenhaft ausgesprochen. Die Nazis hatten nach diesem Prinzip Menschen verfolgt. Dieses Prinzip kann nicht ernsthaft von den Nazi-Verfolgten und ihren Nachkommen ins Feld geführt werden, um Unrecht zu sühnen. Auch wenn es bequem ist, so zu verfahren, bleibt das Verfahren Unrecht.                                               

Bürgermeister Artur Kübler
Jetzt ist er es endlich. Tief enttäuscht war er dagegen 1984 gewesen. Die CDU hatte ihn zum Kandidaten für das Amt des Kulturdezernenten in Heilbronn aufgestellt. Und gewählt wurde sein „Parteifreund“ Reiner Casse, mit Unterstützung von einigen Parteifreunden, SPD und FDP im Heilbronner Gemeinderat – entgegen der Absprache. Jetzt aber hatte Artur Kübler es auf Anhieb geschafft, gleich im ersten Wahlgang mit 25 Stimmen. Die kleinen Gruppierungen hatten den Ratssaal unter Protest verlassen, aber vorher leutselig bekundet, daß sie nichts gegen die Person Artur Kübler hätten, sondern nur gegen die undemokratische Absprache der beiden großen Parteien CDU und SPD bei den neu zu besetzenden Bürgermeisterposten. Jetzt muß der noch amtierende Vorsitzende der CDU-Fraktion im Heilbronner Gemeinderat Artur Kübler damit leben, daß seine Stadträte wohl einen strikten Sparkurs beim Personal im Rathaus fordern, aber bei den vier Bürgermeisterposten nicht bereit sind, einen einzusparen. Parteiproporz gehe da über die Finanz-Vernunft, meinen die kleinen Fraktionen von FDP, Grünen, Republikanern und Freien Wählern. Ganz andere Sorgen plagen die CDU. Gewählt ist gewählt. Und jetzt steht die Nachfolge für Artur Kübler an. Derzeit läuft alles auf seinen Stellvertreter Thomas Strobl, Rechtsanwalt und CDU-Kreisvorsitzender zu, der auch schon als Nachfolger für Egon Susset, das heißt zunächst einmal für die Kandidatur zur Bundestagwahl im Wahlkreis Heilbronn gehandelt wird. Sollte er 1998 nach Bonn gehen, dann muß die CDU sich einen neuen Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat suchen. Auch wenn gesagt wird, daß es Egon Susset geschafft hatte, auch im Heilbronner Kreisrat zu sitzen und viele andere Ehrenämter auszuüben. Bei der Nachfolge von Helga Drautz-Oertel, die einst als große Hoffnung der Heilbronner CDU galt und jetzt aus beruflichen Gründen kürzertreten muß, hatte sich schon gezeigt, daß die  Personaldecke dünn wird. Johanna Lichy, die vielbeschäftigte Staatssekretärin und direkt gewählte Heilbronner CDU-Landtagsabgeordnete, ließ sich wieder in die Pflicht nehmen, um den CDU-Stadtverband zu führen. Die Parteien müssen insgesamt attraktiver werden und nicht nur nach Pfründen schielen.                                                              

Synagogengasse
Können Sie sich eine derartige Meldung in unseren Tagen vorstellen: Die Stadtverwaltung und der Gemeinderat der Stadt Heilbronn haben Plänen zugestimmt, daß nach dem Umzug der Jaeger-Filmtheater aus den Gebäuden zwischen Heilbronner Stimme und ehemaliger Hauptpost an der Allee und dem Abriß der Nachkriegsbauten an dieser Stelle wieder die einst durch die Nazis zerstörte Heilbronner Synagoge wiederaufgebaut wird. Warum sollte nicht heute möglich sein, was vor hundert Jahren in Heilbronn in Gang gesetzt worden war? Und an die Stelle der alten Filmbühne unmittelbar neben dem neuen Volksbank-Gebäude wird der Bau einer Moschee geplant. An der Prachtstraße Heilbronns, der Allee, zwei neue Gotteshäuser? Das könnte der Stadt Heilbronn zur Zierde gereichen. Die Bürger dieser Stadt hatten vor rund einhundert Jahren den Mut, derartiges zu genehmigen. Mut und ein großer Toleranzgedanke schienen damals weiter verbreitet zu sein als heute. Bedenkenträger melden sich zuhauf zu Wort, wenn es darum geht, daß fremde christliche Religionen oder Muslime ein Gotteshaus bauen wollen. Bei jüdischen Gotteshäusern, die demnächst bei Anwachsen der jüdischen Gemeinden anstehen, wird man sehen, wie sich unsere schwankenden  Kommunalpolitiker gebärden. Ich kann mir beim besten Willen kaum vorstellen, daß an der Allee Heilbronns irgendwann wieder einmal ein Synagoge (oder gar eine Moschee) gebaut werden könnte. Irgendwo in einem Heilbronner Industriegebiet – ja. Aber mitten in der Stadt? Dabei wäre es durchaus angebracht, wenn unsere Wohlmeindenden sich für den Wiederaufbau des jüdischen Gotteshauses einsetzen würden. In anderen Ländern Europas hat man das schon längst getan. Die Heilbronner Synagogengasse  würde somit wieder mit Fug und Recht ihren Namen tragen.

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