Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 29.10.1997



Terror-Datum
Im Oktober vor zwanzig Jahren wurde die Lufthansa-Maschine Landshut von palästinensischen Terroristen entführt. Sie erschossen den Piloten, quälten die Passagiere und die Besatzung. In Mogadishu stürmte eine GSG-9-Einheit die Maschine, erschoß alle Terroristen bis auf eine Frau, die schwer verletzt überlebte und befreite alle Geiseln. Die Folge: Vier in Stammheim einsitzende RAF-Terroristen begingen Selbstmord, der entführte Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer wurde ermordet. Die linken Terroristen, die mit der Schußwaffe in der Hand, mit Bomben und Banküberfällen die Welt in ein sozialistisches Himmelreich verwandeln wollten, sind hoffnungslos gescheitert. Der Rechtsstaat hat sie human behandelt, die meisten sind heute wieder auf freiem Fuß – haben aber ihre Straftaten weder bereut noch sich bei ihren Opfern und deren Angehörigen entschuldigt. Wozu auch? Mit einer Lebenslüge läßt es sich offenbar besser leben als mit der Wahrheit. Che Guevara, die linke Terror-Ikone aus Kuba, wird mit dumpfer linker Idiotie heute noch verteidigt, vermarktet und als Vorbild hingestellt. Ein Vorbild war er auch damals. Denn die Terroristen in der Lufthansa trugen stolz T-Shirts mit seinem Konterfei. Neu ist das ja nicht bei jenen, die unsere Welt „Healthy, wealthy and wise“ machen wollen. Spätestens seit der Französischen Revolution von 1789 wissen wir, daß der Terror notwendigerweise dazugehört. Denn den Erkenntnissen von wenigen will die Mehrheit nicht folgen. Und deshalb muß das Volk zu seinem Glück gezwungen werden, da es ja von der Unterdrücker-Indoktrination der alten Herren verseucht ist. Die Kommunisten und Nazis geben in unserem Jahrhundert beredt Zeugnis davon. Ihre Wege sind mit Leichen und Verstümmelten gepflastert. Wer sie ernst nimmt und ihnen auf den Leim geht, macht sich selber schuldig. Selbst wenn er ihrer Partei nicht angehört. Bei uns im Unterland ist es sehr still geworden um jene, die diese Ideologien propagierten. In einer Demokratie haben sie die Chance, sich zu wandeln, ihre Fehler einzusehen, ohne an Leib und Leben verfolgt zu werden. 

Partei-Kandidaten
Die Sozialdemokraten haben zwei Kanzlerkandidaten und auch die Christdemokraten weisen jetzt zwei von dieser Sorte auf. In Heilbronn haben die Christdemokraten ihren Bundestagskandidaten schon gekürt, im Wahlkreis Neckar-Zaber ebenfalls. Dort wird Dr. Renate Hellwig wieder gegen den SPD-Mann Hans-Martin Bury antreten, der es bisher noch nicht direkt in den Bundestag geschafft hatte. Im Wahlkreis Heilbronn werden zwei Juristen gegeneinander antreten. Auch wenn die SPD ihren ausgespähten Bundestagtagskandidaten, den Heilbronner Kulturbürgermeister Harald Friese, noch nicht offiziell auf den Schild gehoben hat, so reist er doch von Versammlung zu Versammlung und präsentiert sich als Quasi-Kandidat – vorläufig noch. Er muß gegen den Schäuble-Schwiegersohn Thomas Strobl ins Rennen gehen, der sich auf CDU-Seite in den letzten Jahren als Multitalent gezeigt hat. SPD-Jurist Friese gegen CDU-Jurist Strobl. Auf SPD-Seite hat es offenbar keine handfeste Überlegung in Richtung Frauen-Kandidatur gegeben. Obwohl die Sozis die Quote haben und die Frauenrechte wie eine Monstranz vor sich her tragen. Das haben ihnen die Christdemokraten im Unterland mit Renate Hellwig gezeigt, wie man Frauen in der Politik in wichtige Ämter bringt. Auch Johanna Lichy, die Staatssekretärin im Stuttgarter Sozialministerium, ist beredter Beleg dafür. Unterländer Politbeobachter meinen: Die Roten schwätzen, die Schwarzen handeln. Harald Friese, der einstige Verkehrsdezernent Heilbronns, ist mit seinem neuen Amt als Kulturbürgermeister jetzt aus der Schußlinie. Straßenverkehr ist eine umstrittene Angelegenheit in Heilbronn. Und der hätte eine Falle für den Bundestagskandidaten sein können. Klug eingefädelt, könnte man meinen. Kultur als weiches Politikfeld ist da weitaus angenehmer. Aber ein Zukunftsthema ist das nicht in Zeiten der Sparbeschlüsse und des strengen Abklopfens bei der hochsubventionierten Staatskultur, die sich immer mehr als superteures Randgruppenthema erweist. Und ob ein Stadtbürgermeister in unserem ländlichen strukturierten Wahlkreis ankommt, hängt ganz von der persönlichen Präsentation des Kandidaten ab. CDU und SPD präsentieren jeweils einen Mann aus der Stadt Heilbronn als Bundestagkandidaten. Das ist eine neue Konstellation, die dem Wähler erst noch schmackhaft gemacht werden muß. Vor allem dem außerhalb Heilbronns.

Schiefes Rathaus?
In Heilbronn wird immer noch herumgerätselt, wie es hochbezahlten Führungskräften entgehen konnte, daß eine zum Himmel stinkende Schlamperei im Rathaus über Jahre gepflegt werden konnte, die erst durch Zufall im sogenannten Rathaus-Skandal von außen aufgedeckt werden konnte. Gerichtskundig ist nun, welch ein Durcheinander im Rathaus herrschte. Die Stadträte wollten sich den Schuh nicht anziehen, daß sie in ihrer Aufsichtspflicht erheblich versagt hätten. Und die Verwaltung wischte den Vorwurf damit beiseite, daß man Kriminellen nicht so schnell beikommen könne. Warum aber fünf Bürgermeister, die jeder für sich mit nahezu 200.000 Mark im Jahr entlohnt werden, ihre Verwaltung nicht im Griff hatten, ist bis heute ein Rätsel. In der Wirtschaft müssen hochbezahlte Manager ja auch den Kopf für Schlamperei hinhalten. Wenn neue Produkte im Automobilbereich floppen, dann sind die Tage der Verantwortlichen gezählt. Wie ist es in Heilbronn? Rathausskandal – der Kämmerei fiel nichts auf. Berliner-Platz-Überbauung – ein superteures Trauerspiel in Raten. Naive Verhandlungsführung – oder war etwa (wie üblich!) die allgemeinwirtschaftliche Lage schuld am Desaster. Aus dem Rathaus-Parlament hört man mittlerweile harsche Töne und macht auch Personen verantwortlich. Industrieansiedlung – ein Durcheinander auf vielen Ebenen. Keine Koordination, die zu erkennbaren Erfolgen führt. Unmut in der Wirtschaftsfördergesellschaft. Die Ansätze in diesem Jahr zur Innenstadtbelebung – nur Eintags- oder Wochenendfliegen? Eine geplante Stadtbahn mit unausgereiften Planungvorstellungen, die an den vorhandenen Verkehrsflüssen einfach vorbeigeht. Nicht Heilbronn-Karlsruhe ist eine Verkehrsachse, sondern Heilbronn-Stuttgart. Wenn auch das Konzept floppt, wer ist dann verantwortlich? Ebenso bei der Müllverbrennung. Hochfliegende Pläne unter Mißachtung und Vernachlässigung der vorhandenen Arbeitsplätze. Man träumt offenbar in Heilbronn viel – von besseren Zeiten. Aber wenn es konkret wird, fehlen ausgereifte Pläne. Siehe oben. Die großen Fraktionen im Rathaus haben das erkannt – und setzen sich jetzt zusammen, um der Stadtverwaltung Beine zu machen.

SPD und Gewerkschaft
Niemand hat etwas dagegen, wenn sich Unternehmer und Gewerkschafter neben ihrer Verbandstätigkeit auch noch politisch in den unterschiedlichsten Parteien betätigen. Der DGB-Kreisvorsitzende von Heilbronn, Michael Weiß, ist bei der SPD aktiv, der Erste Bevollmächtigte der IG-Metall Heilbronn/Neckarsulm, Frank Stroh, ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD AfA, die ÖTV-Sekretärin, Marianne Kugler-Wendt, ist SPD-Stadträtin in Heilbronn, und, und ... Die enge Verquickung von Gewerkschaften und Sozialdemokratie ist unübersehbar. Natürlich sind auch einige CDU-Mitglieder vom Arbeitnehmerflügel in den Gewerkschaften aktiv. Aber die Verquickung von Funktionen innerhalb der Gewerkschaften und SPD-Parteiämter ist bei der CDU nicht so ausgeprägt. Sicherlich, der Präsident der Handwerkskammer Heilbronn, Klaus Hackert, ist CDU-Stadtrat. Aber weder der Präsident noch der Hauptgeschäftführer der Industrie- und Handelskammer ist ein CDU-Parteimann,  ebensowenig wie der Geschäftsführer oder der Präsident des Arbeitgeberverbandes. Vielleicht sind sie es verdeckt. In die Mitgliederlisten der Parteien hab ich ja keinen Einblick – Gottseidank. Tatsache ist aber, daß die Arbeiterbewegung der letzten 150 Jahre in Deutschland organisatorisch in einen Gewerkschafts- und einen Parteiflügel aufgespalten, die jedoch wiederum personell eng verzahnt waren. Teilweise bis hin zu den Partei-Abspaltungen von SPD oder Kommunisten, den ungeliebten Kindern der SPD. Bei uns im Unterland weist die Parteipolitik der SPD und die Politik der Gewerkschaften diese enge Verzahnung bis heute auf. Das ist zunächst einmal weder gut noch schlecht, sondern nur eine feststehende Tatsache, mit der man rechnen muß – vor allem der politische Gegner. Bei der Wahl des DGB-Kreisvorsitzenden wurde dies deutlich: Hier kandidierten ein SPD-Mann gegen eine Frau, die stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende Heilbronn-Land ist. Da prallten eben SPD-Welten aufeinander. Und die Frau verlor knapp. Politinteressierte wissen, wie sie das heutzutage zu werten haben.

Schwiegersohn
Egon Susset, der noch bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode amtierende jetzt 67jährige Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Heilbronn offenbarte der Bild am Sonntag, daß er nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament in Bonn seinem Sohn Heiner in den Weinbergen helfen wolle. Den Betrieb, seit 1790 im Familienbesitz, habe er ihm schon überschrieben. Und nachdem er gleich zu Anfang des Jahres für Klarheit in der Frage „Kandidiert er wieder – oder nicht“ gesorgt hatte, konnte die CDU im Unterland schnell Nägel mit Köpfen machen. Thomas Strobl, 37jähriger Rechtsanwalt aus Heilbronn, CDU-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat und CDU-Kreisvorsitzender im Unterland, machte deutlich, daß an ihm kein Weg vorbeiführt. So war es für die Schwarzen ein Leichtes, schnell den Nachfolger im Kandidatenamt für Egon Susset zu küren. Aber der jetzt anlaufende Bundestagwahlkampf hat so seine Tücken und Fallen. In Bild und Stern wird mit dem Hochzeitsbild von Thomas Strobl und seiner Ehefrau sowie deren Vater Dr. Wolfgang Schäuble kräftig Stimmung gemacht. Dem zweiten Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, bisher allerdings nur von Kohls Gnaden, wird damit unterstellt, er wolle seine Familie im Bundestag unterbringen. Das stinkt dem Thomas Strobl natürlich kräftig. Schließlich hat er – von der Schülerunion angefangen  – in  der CDU eine Parteikarriere hinter sich, die er sich mühsam und mit viel Ausdauer erarbeitet hat. Auch vor seiner Heirat war er im Unterland ein wichtiger Arbeiter auf dem CDU-Feld, der ein kräftiges Wörtchen mitzureden hatte. Jetzt muß er sich als Kandidat bis zur Wahl im September 1998 auf einen harten Kampf einrichten, bei dem niemand dem anderen etwas schenkt. Es geht darum, die Nachfolge Egon Sussets anzutreten und den Wahlkreis Heilbronn für die CDU weiter zu sichern, die SPD auf den zweiten Platz zu verweisen und von den kleinen Parteien so viele Erststimmen wie möglich zu holen. Eine kluge Wahlkampfstrategie, die nicht verbohrt und ideologisch angelegt ist, sondern sich flexibel auf die verändernden Umstände einstellen kann, ist dazu vonnöten. Wer dabei die Nase vorn hat, gewinnt – vielleicht. Denn nichts ist unberechenbarer als der Wähler, allein in seiner Kabine.   

Alfred Django
Der Heilbronner Landtagsabgeordnete Alfred Dagenbach, seines Zeichens Mitglied der Republikaner, Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat und Enfant terrible in der Polit-Szene des Unterlandes hat mal wieder gegen die Stadtverwaltung Heilbronn geschossen. Manche meinen, das sei ein Schuß aus der Hüfte gewesen. Andere befürchten einen weiteren Skandal im Heilbronner Rathaus. Tatsachen: Es geht um die Heilbronner Verkehrsbetriebe. Dort werden Mitarbeiter beschuldigt, nicht astrein gearbeitet zu haben. 24 Millionen Mark Umsatz werden in den Verkehrsbetrieben gemacht, mit 210 Mitarbeitern, die 70 Busse in Gang halten und jährlich 12 Millionen Fahrgäste transportieren. Die Anschuldigungen: Wahlfälschung bei einer Personalratswahl, Veruntreuung von Geldern, Verstöße gegen die Angebotsvorschriften, Privatgeschäfte während der Arbeitszeit und dubiose Nebentätigkeiten. Da soll zum Beispiel der Chef der Verkehrsbetriebe seinen privaten Oldtimer auf dem Werksgelände haben warten lassen, der Werkstattleiter soll Autos von Kollegen „gefälligkeitshalber und ohne Entlohnung“ repariert haben. Außerdem hatten Werkstattleiter und der Personalratsvorsitzende jahrelang ohne Genehmigung für eine Privatfirma Lastwagen nach Bremen überführt. Alle diese Vorwürfe, so die Heilbronner Stadtverwaltung seien unberechtigt. „Den Leuten sind keine Vorwürfe zu machen, bei den Verkehrsbetrieben ist alles in Ordnung“, so der zuständige Erste Bürgermeister Heilbronns Werner Grau. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Dabei gehe es auch um Einnahmen von Schwarzfahrern bei den Verkehrsbetrieben, die verschwunden sein sollen. Und das Rechtsamt der Stadt Heilbronn will den „Nestbeschmutzer“ Alfred Dagenbach zur Verantwortung ziehen, er habe als Stadtrat gegen die Geheimhaltungspflichten verstoßen. Wenn etwas an den Vorwürfen dran sein sollte, dann verkehrt sich die Lage. Und die Stadt müßte endlich mal in ihrem Saustall aufräumen. Der Schaden jetzt ist schon groß genug. Wie sagt man in der Landeshauptstadt: Heilbronn ist immer für einen Skandal gut präpariert.       

Klosterleben
Im Unterland haben wir nur ein Kloster, in dem noch leibhaftige Mönche leben. Die Benediktinerabtei Grüssau in Bad Wimpfen im Tal ist seit einigen Wochen schon in den Schlagzeilen, weil in die Abgeschiedenheit des Mönchslebens allzuviel Weltliches hineingetragen wurde. Ein Meditationshaus, in dem die Menschen aus der Alltagswelt sich erholen sollten, brachte viel Unruhe ins Kloster. Und Zerwürfnisse unter den Mönchen.1947 waren die Benediktiner aus dem schlesischen Grüssau vertrieben worden und bauten die leerstehende, vom Verfall bedrohte mittelalterliche Klosteranlage in Bad Wimpfen wieder auf. Jetzt wurde mitgeteilt, daß der zweite Abt der Nachkriegszeit in Wimpfen, der 75jährige Laurentius Hoheisel, sein Amt niederlegt. Ein anderer Mönch, Pater Benedikt wird das Kloster verlassen, um eine Familie zu gründen. Bis zur Neuwahl des Abtes wird der bisherige Abt-Stellvertreter Pater Odo die Amtsgeschäfte führen. Ein  Mann, der sich als entschiedener Gegner des Meditationshauses darstellt, das zum Ende des Jahres geschlossen und dann in die Kur Bad Wimpfens eingegliedert wird. Derzeit leben noch fünf Mönche in der gotischen Klosteranlage in Wimpfen im Tal. Und wie es scheint, werden in nächster Zeit auch keine neuen Mönche hinzukommen. Das Klosterleben hat in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg an Attraktivität eingebüßt. Schade eigentlich. Denn Klöster waren in unserer Kultur immer ein Ort des Geistes und der Ruhe. Von dort gingen Impulse aus, die das weltliche Leben befruchteten. Wenn jetzt Schritt für Schritt mangels Personal das Klosterleben in Bad Wimpfen schrumpft, dann ist das ein erheblicher Verlust für die katholische Kirche und das spirituelle Leben im Unterland. Intellektuelle Freizeitvernügungen haben in einem Kloster wenig zu suchen. Sie zerreißen den Geist des abgeschiedenen Lebens unter Mönchen – wie sich in Wimpfen im Tal gezeigt hat.    

IHK-Präsident
Bei der Industrie- und Handelskammer  Heilbronn ist die Vollversammlung gewählt, das oberste Parlament dieses öffentlich-rechtlichen Selbstverwaltungsorgans der Wirtschaft. Die Stimmenanzahl der Gewählten jedoch wurde nicht veröffentlicht. Ein wenig ungewöhnlich. Aber bei der Wahl des Präsidenten und seiner Stellvertreter werden diese Zahlen eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Frauen sind jetzt auch in der IHK-Vollversammlung vertreten. Aber niemand nimmt im Kammerbezirk ernsthaft an, daß eine der Frauen ins Präsidentenamt gewählt wird. Als Vizepräsident allerdings können sich einige Mitglieder der Vollversammlung durchaus eine Frau vorstellen. Das wäre für die Kammer in Heilbronn auch bitter nötig. Denn Öffnung auch in diesem Bereich sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Der Druck der IHK-Verweigerer wächst nämlich. Deutschlandweit sind sie in 50 Kammerbezirken mit Interessengemeinschaften und Ansprechpartnern vertreten. Insgesamt sollen sich nahezu 15.000 Unternehmen den Verweigerer-Initiativen angeschlossen haben. Man will gegen „die Kammergläubigkeit“, vor allem auch unter Politikern, angehen. Man will der „IHK-Propaganda“ entgegentreten, daß die IHKs Ausbildung betreiben würden, daß es die Zwangsmitgliedschaft überall in Europa gäbe, daß die Vollversammlungen demokratisch gewählte „Parlamente“ seien, die Kammerbeiträge gerechtfertigt seien und alle gleichmäßig belasten würden, die Kammern nur ihnen vom IHK-Gesetz übertragene Aufgabe wahrnehmen würden. Man will erreichen, daß die Haushaltspläne der Kammern von unabhängigen Stellen geprüft werden und der Datenschutz in den Kammern besonders sorgfältig respektiert werde. Außerdem will man von Seiten der  IHK-Verweigerer wissen, warum die Zwangsmitglieder keinen Einblick in die Haushaltspläne haben dürfen, in welcher Höhe die Kammern an Firmen oder Institutionen beteiligt sind, in welchem Umfang Kammerführungskräfte Nebentätigkeiten ausüben. Ein Strauß von Forderungen, mit dem sich die neue Vollversammlung auch beschäftigen dürfte. Der Wind weht rauher in der Wirtschaft  – auch für die IHK.

Kanzler Schäuble?
Der Parteitag der CDU in Leipzig war schon zu Ende, da raffte sich unser dicker Kanzler auf und erklärte der Nation via verschiedenen Fernsehsendern, daß er sich als Nachfolger im Amte den CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Dr. Wolfgang Schäuble wünscht. Selbst das Parteivolk in Heilbronn, daß sich schon auf dem Wege nach Hause befand, war über die Kanzler-Mitteilung reichlich überrascht. Einige Unterländer Delegierte fragten sich, warum Helmut Kohl diese Bemerkung nicht in seinem Abschlußwort auf dem Leipziger Parteitag untergebracht hatte, sondern sich damit quasi direkt ans deutsche Volk wandte. Aber so sind halt Männer, die schon mehr als 15 Jahre regieren. Wann der Stabswechsel im Bundeskanzleramt erfolgt, teilte der Kanzler nicht mit. Zunächst einmal will er ja auch die Wahl 1998 gewinnen. Und falls er da untergeht, dann wird er in in allen Ehren vom Volk abgewählt – wie weiland Winston Churchill. Und falls nicht, dann will der Oggersheimer noch vier Jahre durchhalten – sagt er heute. Es könnte aber auch sein – die Politik ist ein schnell-lebiges Geschäft –, daß demnächst ein Kanzler Wolfgang Schäuble in Bonn regiert. Ein paar Fehler mehr dieser Art, und der Wechsel wäre fällig. Vorläufig haben wir nun in deutschen Landen die seltsame Konstellation, daß die CDU mit zwei Kanzlerkandidaten in die Wahl geht – wie die SPD mit Schröder und Lafontaine. Wenigstens in dieser Angelegenheit ist jetzt Waffengleichheit vorhanden. Und ansonsten kann ich nur sagen: Das Raumschiff „Bonner Politik“ hat abgehoben – und ist weit, sehr weit weg vom Wähler, der staunend zuschaut, wie die politischen Artisten in der Zirkuskuppel ihre Kunststückchen vollführen – und keine Politik für die Menschen machen. Wir werden staunen, was bei der Wahl 1998 alles herauskommt, wenn es so weitergeht wie bisher.

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