Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 10.12.1997



Neue Weinhorizonte
Im noblen Wald- und Schloßhotel Friedrichsruhe bei Öhringen kehrten vor wenigen Tagen Wein-Journalisten aus neun Ländern ein. Eingeladen hatte die Messe Stuttgart, die schon jetzt die Werbetrommel rührt für die “Intervitis – Interfructa“, eine Fach-Ausstellung, die erst im Mai nächsten Jahres in Stuttgart stattfindet. Den Reben-Experten tischte Patron Lothar Eiermann im Speisesaal des Schlosses standesgemäß auf. Die umworbenen Gäste ließen sich das Fünf-Gänge-Menü munden (auch wenn einige mangelnde Würze monierten). Vor allem aber konnten die vinophilen Schreiberlinge ihren Wein-Horizont gehörig ausdehnen und mit einigen Vorurteilen aufräumen. Ein Trollinger aus dem Heilbronner Weingut Drautz-Abele legte als Begleiter zu einer Steinpilzessenz mit Ravioli mächtig Ehre ein für den schwäbischen Nationaltrunk. „Ich wußte gar nicht, daß dieser Trollinger so gut sein kann“, staunte etwa ein Italiener. Die nächste Überraschung bescherte ein Riesling aus Grantschen. Die Spätlese war im Barrique gereift, was von den hochmögenden Zechern zunächst als pervers abgetan wurde. Doch erstmal am Glase genippt, waren sie von Schluck zu Schluck mehr überzeugt, daß Kellermeister Fritz Herold ein großer Wurf gelungen ist. So legten sich besonders Franzose und Italiener in die fürstlichen Betten mit der neuen Erkenntnis, daß auch die Schwaben ordentliche Weine zustandebringen.    

Weihnachtseinkäufe
Der Samstag vor dem zweiten Advent brachte den Einzelhändlern im Unterland endlich das, was sie sich vom Weihnachtsgeschäft erhofft hatten. Das Weihnachtsgeld war ja auch auf die Konten der arbeitenden Menschen überwiesen worden – und es konnten somit die Geschenke eingekauft werden, die auf der Wunschliste der Familien stehen. Um die 500 Mark gibt im Durchschnitt eine Familie bei diesem Fest an Geschenken aus. Die einen mehr, die anderen weniger – damit der Durchschnitt statistisch erreicht wird. Die Mehrheit der Bürger jedoch muß sparen, die Mark mehrmals umdrehen, ehe sie ausgegeben wird. Und auch das merken unsere Geschäftsleute – und werben dementsprechend um die Kunden. Preisvorteile, Preisnachlässe sind derzeit im Schwange. Und dabei steht die Stadt Heilbronn mit ihren vielen Einzelhandelsgeschäften und Kaufhäusern in Konkurrenz zu anderen Städten – wie Neckarsulm, Stuttgart, Ludwigsburg, Künzelsau, Schwäbisch Hall, Heidelberg oder Karlsruhe. Der Kunde ist heute bereit, seine Einkäufe dort zu tätigen, wo er eine Fülle im Angebot hat, die auch preislich vorteilhaft für ihn ist. Manche aus der Region fahren seit jeher schon in der Frühe eines Samstags nach Heilbronn, um den Kofferraum zu füllen. Andere – auch aus Heilbronn – nehmen die Mühe auf sich, nach Stuttgart, Karlsruhe oder Mannheim zu fahren, um einzukaufen. Diese Flexibilität vieler Bürger wirkt sich aber nicht nur auf den Einkauf aus. Auch in der Freizeitgestaltung stehen die Städte in Konkurrenz zueinander – und werben um den Unterländer Bürger. Ob es um ein Abonnement im Staatstheater Stuttgart geht, um Besuche von Veranstaltungen im Forum in Ludwigsburg, um das neue SI-Freizeitzentrum des Herrn Deyle in Stuttgart (mit zwei Musicaltheatern, Badelandschaft, Spielcasino, modernsten Kinosälen, vielen Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten) oder die Theater in Heidelberg, Karlsruhe, Mannheim. Wer attraktive Angebote hat und die Menschen aus Nordwürttemberg einlädt, der wird  zum Zuge kommen. In dem einst reichlich verschlafenen Stuttgart merkt jedermann, daß Deyles Unterhaltungszentrum in Möhringen viel abwirft für den Fremdenverkehr. Hotels und Taxifahrer freuen sich heute schon.                                 

Oh – Heiliger ...
In Hameln kam der Rattenfänger zu Fuß, in Untergruppenbach kam er getarnt als Sankt Martin. Die Kinder des Dorfes wurden am 11. November auf die Burg zu einem „St. Martinsritt“ gelockt. Geworben wurde dafür mit Flugblättern, die in den Kindergärten verteilt wurden. Da der Veranstalter – bewußt? – verschwiegen wurde, gingen viele Eltern davon aus, es handle sich um eine Aktion des Kindergartens. Doch weit gefehlt: Hinter der Sache steckte die Wirtin der Burg, die Tochter eines Unterländer Millionärs. Die biblische Geschichte um den edlen Heiligen war der Gastronomin schnurz-piep-egal, es ging allein um die Mehrung ihres Profits. Der Reiter hetzte sein Pferd den Berg hoch, die Kinder konnten kaum Schritthalten, über die Mantelteilung wurde keine Silbe verloren, geschweige denn – wie erwartet – die Szene mit dem frierenden Bettler dargestellt. Einen Mantel könne man doch nicht einfach zerreißen, erfuhren verwunderte Eltern, als sie die Organistoren befragten. Wichtiger war der Verkauf von Glühwein (3,50 Mark), Kinderpunsch (2,50 Mark) und kalten Saitenwürstle mit Wecken (2,50 Mark). Die Eltern wurden abgezockt. Ihren nichts ahnenden Kindern konnten sie den Wunsch nach Punsch und Wurst nicht abschlagen. Die kommerzielle Absicht beschämt die Wirtin, der es nicht recht gelingen will, die schönste Gartenwirtschaft der Region zu etablieren. Elternbeiräte haben sich bei ihr über das unseriöse Geschäftsgebaren schriftlich beschwert, es kann schließlich nicht angehen, daß im Kindergarten für privaten Kommerz geworben wird. – Dabei hatte die Idee zu diesem Kinderfest am Martinstag einst Ende der achtziger Jahre ein Mann namens Axel von der Herberg in Flein. Jährlich veranstaltete er mit der Jungen Union das Fest. Er wurde in den Fleiner Gemeinderat gewählt. Machte sich als Handwerker selbständig. Aber überschätzte offenbar seinen finanziellen Rahmen. Und verschwand spurlos. Und eine Suchaktion begann. Plötzlich aber war er wieder da – entdeckt, fotografiert und interviewt vom Neckar Express. Dann verschwand er wieder – und tauchte bis zum heutigen Tag nicht mehr auf. Irgendwo in Deutschland oder im Ausland wird Axel von der Herberg sein, der Mann, der einst so schön den Fleiner Martinsritt organsierte, bei dem es für die Kinder kostenlos eine Süßigkeit gab. Geschädigt hat er so richtig offenbar niemanden. Im Gegenteil. Er muß noch bei Leuten Geld eintreiben. Aber seine Idee des Martinsritts lebt weiter, wenn auch verbogen.

Stillstand und Fortschritt
Am Samstag der vergangenen Woche hatte die Industrie- und Handelskammer Heilbronn, kurz IHK, eine Anzeige in der Stuttgarter Zeitung geschaltet, in der sie „eine/n neue/n Leiterin/Leiter Öffentlichkeitsarbeit“ sucht. Das kam überraschend. Denn der IHK-Geschäftsführer Thomas Schick, der für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Wirtschaftsjunioren zuständig ist, ist noch in Amt und Würden. Angedeutet hatte sich dieser Abgang, als öffentlich wurde, daß IHK-Hauptgeschäftsführer Heinrich Metzger den Pressemann Schick zum Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung für die Region machen wollte und Thomas Schick dies postwendend ablehnte. Schick wird Ende März 1998 aus der Kammer ausscheiden, wie er sagt „auf eigenen Wunsch“. Und auch ohne jeden Groll. Aber mit 45 Jahren müsse man sich überlegen, wie es weitergeht. Jetzt sei für ihn der Zeitpunkt gekommen, nochmal etwas anderes zu beginnen. Ein paar Jahre weiter, und ein solches Unterfangen wäre schwierig, wenn nicht unmöglich. Eigentlich wollte er ja schon zum 31. Dezember 1997 gehen, aber man habe ihn gebeten, einen gewichtigen „Kongreß“ in der Kammer noch  mitdurchzuziehen. Danach wird er sich selbständig machen – mit einer Agentur für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die Unternehmen, Verbände und andere Institutionen berät und bedient. Diese wird dann eng mit der Partneragentur „Projekt X“ zusammenarbeiten, wenn es um die Ausführung bei Broschüren und ähnlichem geht. Bevor Thomas Schick zur IHK ging war er von 1977 bis 1990 Redakteur bei der Heilbronner Stimme (zuletzt Ressortchef Heimische Wirtschaft und Assistent des Chefredakteurs Werner Thunert) und danach Pressesprecher der Südmilch AG in Stuttgart. – In der IHK geht eine Ära zu Ende. Der Hauptgeschäftsführerwechsel ist von Dr. Horst Schmalz zu Heinrich Metzger erfolgt. Die Wechsel im Präsidentenamt von Otto Christ zu einem bisher noch unbekannten Mann steht an, ebenso wie die Neubesetzung des Amtes des IHK-Pressesprechers. Zur Jahrtausendwende, wenn der OB-Wechsel dann auch vollzogen ist, wird sich zeigen, was die neuen Männer in den alten Ämtern bringen. Stillstand oder Fortschritt.

Das Biest
In Baden-Württemberg gibt’s so viele wichtige Leute, daß gleich zwei Premieren für „Die Schöne und das Biest“ in Stuttgart gefeiert wurden. Am Donnerstag und Freitag letzter Woche (4. und 5. Dezember) Vorpremiere und Premiere. Die Show- und Politprominenz war natürlich bei der Champagnerpremiere anwesend, bei der auch noch 150 Kilo Riesengambas, 1.000 Rinderrouladen, 40 Spanferkel, 9.000 Canapés und 2.500 Flaschen Champagner unters Premierenvolk gebracht wurden. Zu sehen gab es im Rolf-Deyle-Vergnügungspark auf den Fildern vor den Toren Stuttgarts das Walt-Disney-Musical „Die Schöne und das Biest“ in einem atemberaubenden Ausstattungs- und Technikaufwand, daß einem Hören und Sehen verging. Viele Ohs und Ahs erfüllten Ränge und Parkett in einem neuerbauten Theater, das so aussieht wie sich Kinder halt ein Theater vorstellen. Mit stehenden Ovationen feierte – zumindest das Vorpremierenpublikum – das Deyle-Musical. Und ich kann nur ganz naiv feststellen: So etwas Schönes habe ich mein Leben lang noch nie auf einer Theaterbühne gesehen. Wer Kinder hat, muß dieses Spektakel in Stuttgart gesehen haben – und wer keine hat, sollte die seiner Verwandten oder Freunde einladen. Und er sollte auch seinen ganzen (so vorhanden!) Bildungsbürger-Hochmut zu Hause lassen. Denn dieser ist hier völlig deplaziert. Die FAZ schrieb: „Schon die Opern Händels oder Rossinis hatten ihr Moment von Serienproduktion, Baukasten-Problemlosigkeit. Und der Relaxing-Three-Pack aus Theater, Hotel und Dinner ist etwa für die Besucher der Salzburger Festspiele ja auch nicht ganz unüblich.“ – Warum auch nicht? Das Deyle-Theater in Stuttgart ist Salzburg für die kleinen Leute, für jene, die Spaß am Theater haben wollen. Und dabei alles, was Theater ausmacht, geboten bekommen: Tanz, Gesang, Himmel und Hölle, Liebe und Schmerz ... Und das Thema, die Handlung des Märchens „Die Schöne und das Biest“ ist dabei hochaktuell und tagtäglich erlebbar – für jene, die Augen haben, zu sehen, Ohren haben, zu hören und Sinne, zu fühlen.                                   

Killerkommandos
In Ägypten starben bisher mehr als hundert Touristen bei Terroranschlägen. In den letzten drei Monaten schlugen die muslimischen Fundamentalisten wieder hart zu. Zunächst vor dem ägyptischen Museum in Kairo, jetzt in Luxor – jeweils mit einem bestialischen Massaker. Was mich verwundert: Als in Deutschland rechtsradikale Mörder Anschläge auf Ausländer verübten und dabei Muslime getötet wurden, war in der arabischen Welt, vor allem in der Türkei, die Empörung groß und schlug riesige Wellen – und das zu recht. Wenn deutsche Touristen in Ägypten bestialisch umgebracht werden, dann wird in Deutschland vielfach nach Erklärungen gesucht, warum sie es getan haben, welche Motive dahinter stehen. Und schnell sind die gestanzten Antworten da. Soziale Ungerechtigkeit, Armut, kolonialistische Hochnäsigkeit der Europäer, usw. Diese stereotypen Antworten kennen wir schon seit Jahren. Und oft kommt dann noch die fundamentalistische Begründung, wir Europäer, vor allem wir Deutsche, würden mit unserem Massentourismus, die arabischen Völker in ihrem in Jahrhunderten gewachsenen, natürlichen Kulturkreis stören und herausreißen. Eine austauschbare, eine abstruse Argumentation, die für alle Tourismusgebiete dieser Welt gilt, auch für Bayern, Österreich und die Schweiz. Hoffentlich haben jetzt die europäischen, japanischen und amerikanischen Touristen endlich begriffen, daß einige arabische Länder als Urlaubsziele einfach zu gefährlich sind. Die Händler, Hotelangestellten, Taxifahrer und Fremdenführer in Ägypten spüren es jetzt als erste – wie immer, wenn es um die hohe Politik geht. Das Volk muß leiden. Und die deutsche Politik? Sie muß sich den Vorwurf gefallen lassen, daß sie arabische Fundamentalisten als Asylbewerber im Lande leben läßt, die von Deutschland aus den Terror in Ägypten oder Algerien organisieren. Jenem Terror, dem auch deutsche Touristen zum Opfer gefallen sind. Wir haben ihn also schon im eigenen Land. Und wir werden ihn – so ist anzunehmen – noch stärker bei uns zu spüren bekommen, wenn wir uns nicht sinnvoll schützen.                                                               

Wenn der Moritz ...
Wenn in Heilbronn Bestandsaufnahme gemacht wird, dann wird geredet und geschrieben, es werden danach Beschlüsse gefaßt ... Und das war es dann auch. So sammelt man halt Bozetti im Museum (was niemanden sonderlich interessiert), spielt Theater, feiert Wein- und Volksfeste, läßt Goethe und Schiller zum Wartberg pilgern, verteilt alljährlich an Schauspieler den Kilianpreis.  Naja. „Heilbronn, das ist die blanke Langeweile, ist stadtgewordener Rudolf Scharping“, meint Dr. Rainer Moritz, Programmchef des Reclam Verlags in Leipzig, in einem langen Dreispalter am Samstag, 6. Dezember 1997, im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung (Seite 50). Eine nette Nikolaus-Überraschung für Heilbronn, die da über die renommierteste Tageszeitung Baden-Württembergs ins Haus geflattert kam. Moritz zitiert viele lebende Dichter, die nicht nicht gerade schmeichelhaft über Heilbronn schrieben. Zum Beispiel Herbert Asmodi: „Heilbronn schien mir weder für Erfahrungen noch für meinen Exhibitionismus eine geeignete Bühne: ich wollte von dort weg, so rasch als irgend möglich.“ Auch später wollte der Dramatiker und Fernsehautor wenig mit Heilbronn zu tun haben. Er widerstand tapfer allen Anlockversuchen: „Ab und an werde ich zu einem Treffen von ehemaligen Schulkameraden eingeladen. Ich gehe da nie hin. Der Weg allen Fleisches ist die Verwandlung hoffnungsvoller Jugend in die eigene Karikatur – man weiß das von sich selber. Warum sich dieses düstere Spektakel vor der Haustür anschauen?“ – Eine kluge „Nestbeschmutzung“ hat der Rainer Moritz da geschrieben. Diese Art von geistreicher Auseinandersetzung mit Heilbronn sollte auch vor Ort geführt werden – ab und an im Feuilleton oder der Wochenbeilage der Tageszeitung. Die Stadt und das Umland als hervorragende Kulturlandschaft fortwährend zu loben, zeugt weniger von einem gesunden Selbstbewußtsein, sondern eher von einem allzu großen Minderwertigkeitsgefühl. Der Anstoß kam jetzt von außen. Dieser Ball sollte aufgenommen und klug weitergespielt werden. Damit Heilbronn auch geistig ein paar Schritte nach vorn macht.

Lächeln, bitte!
Ist Deutschland ein Einkaufsparadies? Wer die Frage stellt, weiß auch gleich die Antwort: Nein! Das hat seine Geschichte – im  Land mit veralteten Symbolen von Wirtschaftskraft. In der Nachkriegszeit ging es fast ausschließlich darum, Produkte herzustellen. Auf den Verkauf wurde weniger Wert gelegt. Der lief schließlich nahezu von allein – beim vorhandenen Mangel. Die Zeiten ändern sicher aber. Heute sprechen Experten von der „Einkaufswüste Deutschland“. Wer in diesem Land sein Geld unter die Leute bringen will, der hat es sehr schwer. Deutschland ist in Beziehung auf Dienstleistungen eher ein Entwicklungsland. In vielen Häusern verhalten sich die Verkäufer/innen eher wie Warenaufpasser, weniger wie Warenanbieter. Dabei predigen die Experten einfache Dinge, um hier Änderungen herbeizuführen. Um die Stirn zu runzeln, müssen 30 Muskeln bewegt werden, um zu lächeln nur 13. Viele Geschäftsleute, so sie erfolgreich sein wollen, müssen erheblich dazulernen. Service darf heutzutage kein Luxus mehr sein, sondern wird für viele Geschäfte zur Überlebensstrategie  werden. Was ist so schwer daran, diesen einfachen Satz in die Tat umzusetzen: „Begrüßen Sie Ihren Kunden so, als ob er Ihr persönlicher Gast wäre.“ – Ich verstehe ja, es ist hektische Vorweihnachtszeit angesagt. Es muß der größte Umsatz des Jahres getätigt werden. Wer gewinnen will, muß in die Smiling-Offensive gehen. Als Kunde ist es mir lieber freundlich beraten zu werden (wenn das auch mit Tricks verbunden ist) als unfreundlich (aber ehrlich in der momentanen Befindlichkeit) vom gestreßten Verkäufer angeraunzt zu werden. Als einst nur öffentlich-rechtliches Fernsehen Werbezeiten vergeben konnte, wurden die Kunden wie Bittsteller abgespeist. Man konnte froh sein, überhaupt seine Werbung loszuwerden. Heute werben die Fernsehanstalten um die Werbekunden. Für andere Medien gilt das gleiche. Die Zeiten, in denen der Briefträger die Werbung (also bares Geld) mit der Post ins Haus bringt, sind langsam vorbei. Der Kunde ist König – auch wenn viele das noch nicht gemerkt haben. Wer dabei nach Regulierung durch den Staat ruft, ist meistens ein schlechter Geschäftsmann.                                                                 
Müllverbrennung
Stärker konnten die Heilbronner Müllfronten kaum aufeinander treffen. Bei der Fernsehdiskussion im dritten Programm. Was sich da bei Südwest 3 beim „Lokaltermin“ zeigte, war eine Konfrontation, wie sie deutlicher und anschaulicher für Heilbronn  nicht hätte sein können. Auf der einen Seite in der Neckarhalle von Neckargartach die Arbeiter des Kohlekraftwerkes der Energieversorgung Schwaben in Heilbronn, auf der anderen Seite die Gegner einer Müllverbrennungsanalage in Heilbronn – eine Bürgerinitiative, bestehend aus gutsituierten Bürgern, Lehrern und Beamten, die ihre Verachtung und Häme nicht verstecken konnten, vor allem wenn es um die Arbeitsplätze der EVS-Mitarbeiter ging. Gottfried May-Stürmer, der Regionalgeschäftsführer des Bund Heilbronn, will im Genehmigungsverfahren dafür sorgen, so verkündete er lautstark, daß die EVAS Thermik zur teuersten Anlagevariante gezwungen wird. Offensichtlich sehen die Gegner der Müllverbrennungsanlage, die Möglichkeit die Errichtung der Anlage zu stoppen, als sehr gering an. Bei der Diskussion stellte sich heraus, daß jene Verfahren, die von den Umweltschützern propagiert werden, schlicht nicht finanzierbar sind. Die geplante Kalte Rotte in Heilbronn hatte es ja auch schon an den Tag gebracht. Selbst der Heilbronner Gemeinderat, der sie beschlossen hatte, mußte flugs Abstand davon nehmen. Die Müllkosten für den einzelnen Bürger wären ins astronomische gestiegen. Aber Heilbronn ist ja eine gute Stadt. Wir subventionieren die Mannheimer Müllverbrennungsanlage ab 1999 bis zum 31. Mai 2005 pro Jahr mit 500.000 Mark (insgesamt 4,5 Millionen) dafür, daß Verbrennungskapazitäten für Heilbronn in Mannheim bereitgestellt werden. Und im gleichen Zeitraum werden im EVS-Kohlekraftwerk Heilbronn Arbeitsplätze abgebaut – und wenn es die Bürgerinitiative mit ihrer Politik schafft, auch keine neuen Stellen in der geplanten Müllverbrennungsanlage geschaffen. Dafür wird der Müll aus den Landkreisen Hohenlohe und Heilbronn sowie der Stadt Heilbronn dann brav nach Mannheim gekarrt, um dort verbrannt zu werden. Das ist eben deutsche Politik in vorweihnachtlichen Zeiten. Aber jetzt wollen wir nicht mehr über den Müll reden, sondern uns des Lebens freuen. An all den vielen Geschenken, die so hübsch verpackt sind. Die produzieren ja dann auch genug...                                                                                       

Schlaraffenland D.
Im kommenden Winter wird die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf fünf Millionen Menschen ansteigen. Behaupten Wirtschaftsexperten. Das sind fünf Millionen Menschen, die bei uns nicht ins Bodenlose fallen, sondern sozial aufgefangen werden. Viele fragen sich heute, wer trägt Schuld an dieser Misere. Es gibt Länder in Europa, wo die Arbeitslosenzahlen sinken. Auch in den USA haben Regierung und Parlament sich angestrengt und das Steuer herumgerissen. Die Arbeitslosenzahlen sinken kontinuierlich, die Zahl der Sozialhilfeempfänger ebenfalls. Nachdem beschlossen wurde, daß Sozialhilfe nicht mehr auf unbegrenzte Zeit ausgezahlt wird, sondern nur noch maximal fünf Jahre im gesamten Leben eines Menschen. Jetzt muß ab einer bestimmten Zeit eine angebotene Arbeit angenommen werden, ob nun der Müll  in den Parks weggeräumt wird oder Kinder auf einem Spielplatz beaufsichtigt werden. Aber unsere Politiker reformieren den Sozialstaat nicht, sie schielen lieber auf die kommende Bundestagswahl und puhlen an ihren Startlöchern. Notwendige Entscheidungen beim Steuerrecht – Fehlanzeige. Die Rentenreform – bisher ins Wasser gefallen. Dafür werden die Steuern und Abgaben weiter munter erhöht, als ob der Bürger ein dukatenscheißender Esel sei. Hauptsache die Pfründe für unsere Politikerkaste bleiben unangetastet. Ob nun bei CDU, FDP, SPD, Grünen oder Republikanern. Ob in der Gemeinde, im Land oder im Bund. Deutschland als Wirtschaftsstandort wird weiter in die Krise getrieben. Und manch deutscher Dichter schwadroniert munter drauflos – und will ob der von ihm festgestellten Ungerechtigkeit gegen Asylbewerber aus Kurdistan und der Türkei nicht mehr in deutschen Landen leben. Über eine Politik des Schuldenmachens auf Kosten künftiger Generationen verlor er kein Wort. Darüber, daß die Flüchtlinge aus allen Teilen der Welt lieber ins hochgelobte „Schlaraffenland Deutschland“ kommen als nach Polen, in die Ukraine, nach Ungarn, Tschechien oder Frankreich zu gehen, um dort um Asyl zu bitten, verlor er kein Wort. Würde in Deutschland ein ehrlicher Kassensturz gemacht werden, nicht auf die Schaffenskraft künftiger Generationen heute schon das Geld ausgegeben werden (das man nicht hat), dann wären die deutschen Lande kaum mehr ein Schlaraffenland für jedermann.                                            

Die Lust im Wald
Das Wald- und Schloßhotel Friedrichsruhe, bevorzugte Stätte gehobener Tafelfreuden auch von so manchem Unterländer, hat eine etwas anrüchige Vergangenheit. Dies verriet Direktor Lothar Eiermann kürzlich im Kreise von Weinjournalisten, denen er auch anvertraute, daß er eigentlich nur fünf Jahre bleiben wollte, aber mittlerweile schon 24 Jahre lang in den fürstlichen Töpfen rührt. Das von 1712 bis 1717 erbaute Jagdschloß des Fürsten Friedrich II. zu Hohenlohe erlebte in den letzten 285 Jahren abwechslungsreiche Zeiten. Dazu, so Eiermann, gehörte auch eine kurze Episode nach dem Zweiten Weltkrieg. Bevor 1953 das Waldhotel Friedrichsruhe eröffnet wurde, hatte sich in dem Barockgebäude eine Ballettschule eingemietet, die auch ordentlich Zuspruch erfuhr. Doch alsbald stellte sich heraus, daß die Damen dort weniger dem Tanze zugeneigt waren als vielmehr anderen körperlichen Freuden. Dem unziemigen Treiben wurde daher bald ein Ende gemacht, schließlich möchte sich das Haus Hohenlohe nicht mit einem fürstlichen Freudenhaus schmücken. Heute dominieren lukullische Genüsse derart, daß Lothar Eiermann gerne erzählt, wie stark frequentiert sein Edel-Restaurant ist. Damit hebt er sich wohltuend vom Gejammer seiner Kollegen ab.                                              

Die zehn Gebote
Kennen Sie die zehn Gebote der Rohstoff-Rückgewinnung? Ich kannte sie bisher auch nicht. Aber sie klingen ganz plausibel, vor allem was das hochgelobte Recycling anbetrifft. Sortieren und Wiederverwerten ist ja das Allheilmittel in Deutschland, an dem – so der erklärte Wille der Fundis unter den Umweltschützern – Europa und die Welt genesen sollte. Die zehn Gebote der Rohstoff-Rückgewinnung im einzelnen: 1. Du sollst über den Müll verfügen. 2. Du sollst kein Gold in Deinem Müll suchen. 3. Du sollst nicht an eine totale Rückgewinnung glauben. 4. Du sollst nichts aus Müll herstellen, was niemand haben oder kaufen will. 5. Du sollst bei der Rückgewinnung die Kosten nicht vergessen. 6. Du sollst die Rückstände beseitigen. 7. Du sollst die im Müll enthaltenen Energien mit möglichst geringen Verlusten aktivieren. 8. Du sollst andere Rückgewinnungsverfahren für andere Abfälle haben. 9. Du sollst andere Rückgewinnungsverfahren für andere Völker haben. 10. Du sollst auch bei der Rückgewinnung Deine Umwelt achten. – So weit , so gut. Aber momentan scheint es so, als ob auf Kosten der Bürger sich eine Industrie entwickelt hat, die Müll als eine Goldgrube ansieht. Nicht weil der Müll so wertvoll wäre, sondern weil die Allgemeinheit für seine Beseitigung bereit ist, sehr viel Geld zu bezahlen. Und das alles aus Angst, vor einer möglichen Umweltverschmutzung. Dabei ist der Müll seit jeher Umweltverschmutzung. Nicht seine Beseitigung. Den Müll einigermaßen sauber und umweltgerecht, ohne allzu große Belastung für die Nachkommen, zu entsorgen, das muß das Ziel der Politik und Industrie sein. Derzeit wird aber vornehmlich Geld mit unserem Abfall verdient, auf Kosten jedes einzelnen Bürgers. Was bei uns in dieser Hinsicht möglich ist, das würde in anderen Ländern politische Unruhen auslösen. Aber in Deutschland ist man seit jeher gewöhnt, der Obrigkeit mehr Glauben zu schenken als dem gesunden Menschenverstand.

1 Kommentar: