Neue Weinhorizonte
Im noblen Wald- und Schloßhotel Friedrichsruhe bei Öhringen kehrten vor
wenigen Tagen Wein-Journalisten aus neun Ländern ein. Eingeladen hatte die
Messe Stuttgart, die schon jetzt die Werbetrommel rührt für die “Intervitis –
Interfructa“, eine Fach-Ausstellung, die erst im Mai nächsten Jahres in
Stuttgart stattfindet. Den Reben-Experten tischte Patron Lothar Eiermann im Speisesaal des Schlosses standesgemäß auf. Die
umworbenen Gäste ließen sich das Fünf-Gänge-Menü
munden (auch wenn einige mangelnde Würze monierten). Vor allem aber konnten die
vinophilen Schreiberlinge ihren Wein-Horizont gehörig ausdehnen und mit einigen
Vorurteilen aufräumen. Ein Trollinger aus dem Heilbronner Weingut Drautz-Abele legte als Begleiter zu einer
Steinpilzessenz mit Ravioli mächtig Ehre ein für den schwäbischen
Nationaltrunk. „Ich wußte gar nicht, daß dieser Trollinger so gut sein kann“,
staunte etwa ein Italiener. Die nächste Überraschung bescherte ein Riesling aus
Grantschen. Die Spätlese war im Barrique gereift, was von den hochmögenden
Zechern zunächst als pervers abgetan wurde. Doch erstmal am Glase genippt,
waren sie von Schluck zu Schluck mehr überzeugt, daß Kellermeister Fritz Herold
ein großer Wurf gelungen ist. So legten sich besonders Franzose und Italiener
in die fürstlichen Betten mit der neuen Erkenntnis, daß auch die Schwaben
ordentliche Weine zustandebringen.
Weihnachtseinkäufe
Der Samstag vor dem zweiten Advent
brachte den Einzelhändlern im Unterland endlich das, was sie sich vom
Weihnachtsgeschäft erhofft hatten. Das Weihnachtsgeld war ja auch auf die
Konten der arbeitenden Menschen überwiesen worden – und es konnten somit die
Geschenke eingekauft werden, die auf der Wunschliste der Familien stehen. Um die 500 Mark gibt im Durchschnitt eine
Familie bei diesem Fest an Geschenken aus. Die einen mehr, die anderen
weniger – damit der Durchschnitt statistisch erreicht wird. Die Mehrheit der
Bürger jedoch muß sparen, die Mark mehrmals umdrehen, ehe sie ausgegeben wird.
Und auch das merken unsere Geschäftsleute – und werben dementsprechend um die
Kunden. Preisvorteile, Preisnachlässe sind derzeit im Schwange. Und dabei steht
die Stadt Heilbronn mit ihren vielen Einzelhandelsgeschäften und Kaufhäusern in
Konkurrenz zu anderen Städten – wie Neckarsulm, Stuttgart, Ludwigsburg,
Künzelsau, Schwäbisch Hall, Heidelberg oder Karlsruhe. Der Kunde ist heute
bereit, seine Einkäufe dort zu tätigen, wo er eine Fülle im Angebot hat, die
auch preislich vorteilhaft für ihn ist. Manche aus der Region fahren seit jeher
schon in der Frühe eines Samstags nach Heilbronn, um den Kofferraum zu füllen.
Andere – auch aus Heilbronn – nehmen die Mühe auf sich, nach Stuttgart,
Karlsruhe oder Mannheim zu fahren, um einzukaufen. Diese Flexibilität vieler
Bürger wirkt sich aber nicht nur auf den Einkauf aus. Auch in der
Freizeitgestaltung stehen die Städte in Konkurrenz zueinander – und werben um
den Unterländer Bürger. Ob es um ein Abonnement im Staatstheater Stuttgart
geht, um Besuche von Veranstaltungen im Forum in Ludwigsburg, um das neue
SI-Freizeitzentrum des Herrn Deyle in Stuttgart (mit zwei Musicaltheatern,
Badelandschaft, Spielcasino, modernsten Kinosälen, vielen Restaurants und
Einkaufsmöglichkeiten) oder die Theater in Heidelberg, Karlsruhe, Mannheim. Wer attraktive Angebote hat und die
Menschen aus Nordwürttemberg einlädt, der wird
zum Zuge kommen. In dem einst reichlich verschlafenen Stuttgart
merkt jedermann, daß Deyles Unterhaltungszentrum in Möhringen viel abwirft für
den Fremdenverkehr. Hotels und Taxifahrer freuen sich heute schon.
Oh – Heiliger ...
In Hameln kam der Rattenfänger zu
Fuß, in Untergruppenbach kam er getarnt als Sankt Martin. Die Kinder des Dorfes wurden am 11. November auf die
Burg zu einem „St. Martinsritt“ gelockt. Geworben wurde dafür mit Flugblättern,
die in den Kindergärten verteilt wurden. Da der Veranstalter – bewußt? –
verschwiegen wurde, gingen viele Eltern davon aus, es handle sich um eine
Aktion des Kindergartens. Doch weit gefehlt: Hinter der Sache steckte die Wirtin der Burg, die Tochter eines
Unterländer Millionärs. Die biblische Geschichte um den edlen Heiligen war der
Gastronomin schnurz-piep-egal, es ging allein um die Mehrung ihres Profits. Der Reiter hetzte sein Pferd den Berg hoch,
die Kinder konnten kaum Schritthalten, über die Mantelteilung wurde keine Silbe
verloren, geschweige denn – wie erwartet – die Szene mit dem frierenden Bettler
dargestellt. Einen Mantel könne man doch nicht einfach zerreißen, erfuhren
verwunderte Eltern, als sie die Organistoren befragten. Wichtiger war der
Verkauf von Glühwein (3,50 Mark), Kinderpunsch (2,50 Mark) und kalten
Saitenwürstle mit Wecken (2,50 Mark). Die
Eltern wurden abgezockt. Ihren nichts ahnenden Kindern konnten sie den
Wunsch nach Punsch und Wurst nicht abschlagen. Die kommerzielle Absicht
beschämt die Wirtin, der es nicht recht gelingen will, die schönste
Gartenwirtschaft der Region zu etablieren. Elternbeiräte haben sich bei ihr
über das unseriöse Geschäftsgebaren schriftlich beschwert, es kann schließlich
nicht angehen, daß im Kindergarten für privaten Kommerz geworben wird. – Dabei
hatte die Idee zu diesem Kinderfest am Martinstag einst Ende der achtziger
Jahre ein Mann namens Axel von der
Herberg in Flein. Jährlich veranstaltete er mit der Jungen Union das Fest. Er wurde in den Fleiner Gemeinderat gewählt. Machte sich als Handwerker
selbständig. Aber überschätzte offenbar seinen finanziellen Rahmen. Und
verschwand spurlos. Und eine Suchaktion begann. Plötzlich aber war er wieder da
– entdeckt, fotografiert und interviewt vom Neckar Express. Dann verschwand er wieder – und tauchte bis zum
heutigen Tag nicht mehr auf. Irgendwo in Deutschland oder im Ausland wird Axel
von der Herberg sein, der Mann, der einst so schön den Fleiner Martinsritt organsierte,
bei dem es für die Kinder kostenlos eine Süßigkeit gab. Geschädigt hat er so
richtig offenbar niemanden. Im Gegenteil. Er muß noch bei Leuten Geld
eintreiben. Aber seine Idee des Martinsritts lebt weiter, wenn auch verbogen.
Stillstand und Fortschritt
Am Samstag der vergangenen Woche
hatte die Industrie- und Handelskammer Heilbronn, kurz IHK, eine Anzeige in der
Stuttgarter Zeitung geschaltet, in der sie
„eine/n neue/n Leiterin/Leiter Öffentlichkeitsarbeit“ sucht. Das kam
überraschend. Denn der IHK-Geschäftsführer
Thomas Schick, der für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die
Wirtschaftsjunioren zuständig ist, ist noch in Amt und Würden. Angedeutet hatte
sich dieser Abgang, als öffentlich wurde, daß IHK-Hauptgeschäftsführer Heinrich Metzger den Pressemann Schick
zum Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung für die Region machen wollte und Thomas Schick dies postwendend
ablehnte. Schick wird Ende März 1998 aus der Kammer ausscheiden, wie er sagt
„auf eigenen Wunsch“. Und auch ohne jeden Groll. Aber mit 45 Jahren müsse man
sich überlegen, wie es weitergeht. Jetzt sei für ihn der Zeitpunkt gekommen,
nochmal etwas anderes zu beginnen. Ein paar Jahre weiter, und ein solches
Unterfangen wäre schwierig, wenn nicht unmöglich. Eigentlich wollte er ja schon
zum 31. Dezember 1997 gehen, aber man habe ihn gebeten, einen gewichtigen
„Kongreß“ in der Kammer noch
mitdurchzuziehen. Danach wird er sich selbständig machen – mit einer
Agentur für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die Unternehmen, Verbände und
andere Institutionen berät und bedient. Diese wird dann eng mit der Partneragentur „Projekt X“
zusammenarbeiten, wenn es um die Ausführung bei Broschüren und ähnlichem geht.
Bevor Thomas Schick zur IHK ging war er von 1977 bis 1990 Redakteur bei der
Heilbronner Stimme (zuletzt Ressortchef Heimische Wirtschaft und Assistent des
Chefredakteurs Werner Thunert) und
danach Pressesprecher der Südmilch AG in Stuttgart. – In der IHK geht eine Ära
zu Ende. Der Hauptgeschäftsführerwechsel ist von Dr. Horst Schmalz zu Heinrich Metzger erfolgt. Die Wechsel im
Präsidentenamt von Otto Christ zu
einem bisher noch unbekannten Mann steht an, ebenso wie die Neubesetzung des
Amtes des IHK-Pressesprechers. Zur Jahrtausendwende, wenn der OB-Wechsel dann
auch vollzogen ist, wird sich zeigen, was die neuen Männer in den alten Ämtern
bringen. Stillstand oder Fortschritt.
Das Biest
In Baden-Württemberg gibt’s so viele
wichtige Leute, daß gleich zwei Premieren für „Die Schöne und das Biest“ in Stuttgart gefeiert wurden. Am
Donnerstag und Freitag letzter Woche (4. und 5. Dezember) Vorpremiere und
Premiere. Die Show- und Politprominenz war natürlich bei der Champagnerpremiere
anwesend, bei der auch noch 150 Kilo Riesengambas, 1.000 Rinderrouladen, 40
Spanferkel, 9.000 Canapés und 2.500 Flaschen Champagner unters Premierenvolk
gebracht wurden. Zu sehen gab es im Rolf-Deyle-Vergnügungspark auf den Fildern
vor den Toren Stuttgarts das Walt-Disney-Musical „Die Schöne und das Biest“ in
einem atemberaubenden Ausstattungs- und Technikaufwand, daß einem Hören und Sehen
verging. Viele Ohs und Ahs erfüllten Ränge und Parkett in einem neuerbauten
Theater, das so aussieht wie sich Kinder halt ein Theater vorstellen. Mit stehenden Ovationen feierte –
zumindest das Vorpremierenpublikum – das Deyle-Musical. Und ich kann nur ganz
naiv feststellen: So etwas Schönes habe ich mein Leben lang noch nie auf einer
Theaterbühne gesehen. Wer Kinder hat, muß dieses Spektakel in Stuttgart gesehen
haben – und wer keine hat, sollte die seiner Verwandten oder Freunde einladen. Und er sollte auch seinen ganzen (so
vorhanden!) Bildungsbürger-Hochmut zu Hause lassen. Denn dieser ist hier
völlig deplaziert. Die FAZ schrieb: „Schon die Opern Händels oder Rossinis
hatten ihr Moment von Serienproduktion, Baukasten-Problemlosigkeit. Und der
Relaxing-Three-Pack aus Theater, Hotel und Dinner ist etwa für die Besucher der
Salzburger Festspiele ja auch nicht ganz unüblich.“ – Warum auch nicht? Das
Deyle-Theater in Stuttgart ist Salzburg für die kleinen Leute, für jene, die
Spaß am Theater haben wollen. Und dabei alles, was Theater ausmacht, geboten
bekommen: Tanz, Gesang, Himmel und Hölle, Liebe und Schmerz ... Und das Thema,
die Handlung des Märchens „Die Schöne und das Biest“ ist dabei hochaktuell und
tagtäglich erlebbar – für jene, die Augen haben, zu sehen, Ohren haben, zu
hören und Sinne, zu fühlen.
Killerkommandos
In Ägypten starben bisher mehr als
hundert Touristen bei Terroranschlägen. In den letzten drei Monaten schlugen
die muslimischen Fundamentalisten wieder hart zu. Zunächst vor dem ägyptischen
Museum in Kairo, jetzt in Luxor – jeweils mit einem bestialischen Massaker. Was mich verwundert: Als in
Deutschland rechtsradikale Mörder Anschläge auf Ausländer verübten und dabei
Muslime getötet wurden, war in der arabischen Welt, vor allem in der Türkei,
die Empörung groß und schlug riesige Wellen – und das zu recht. Wenn
deutsche Touristen in Ägypten bestialisch umgebracht werden, dann wird in
Deutschland vielfach nach Erklärungen gesucht, warum sie es getan haben, welche
Motive dahinter stehen. Und schnell sind die gestanzten Antworten da. Soziale
Ungerechtigkeit, Armut, kolonialistische Hochnäsigkeit der Europäer, usw. Diese
stereotypen Antworten kennen wir schon seit Jahren. Und oft kommt dann noch die
fundamentalistische Begründung, wir
Europäer, vor allem wir Deutsche, würden mit unserem Massentourismus, die
arabischen Völker in ihrem in Jahrhunderten gewachsenen, natürlichen
Kulturkreis stören und herausreißen. Eine austauschbare, eine abstruse
Argumentation, die für alle Tourismusgebiete dieser Welt gilt, auch für Bayern,
Österreich und die Schweiz. Hoffentlich haben jetzt die europäischen,
japanischen und amerikanischen Touristen endlich begriffen, daß einige arabische Länder als Urlaubsziele
einfach zu gefährlich sind. Die Händler, Hotelangestellten, Taxifahrer und
Fremdenführer in Ägypten spüren es jetzt als erste – wie immer, wenn es um die
hohe Politik geht. Das Volk muß leiden. Und die deutsche Politik? Sie muß sich
den Vorwurf gefallen lassen, daß sie arabische Fundamentalisten als Asylbewerber
im Lande leben läßt, die von Deutschland aus den Terror in Ägypten oder
Algerien organisieren. Jenem Terror, dem auch deutsche Touristen zum Opfer
gefallen sind. Wir haben ihn also schon im eigenen Land. Und wir werden ihn –
so ist anzunehmen – noch stärker bei uns zu spüren bekommen, wenn wir uns nicht
sinnvoll schützen.
Wenn der Moritz ...
Wenn in Heilbronn Bestandsaufnahme gemacht wird, dann wird geredet und
geschrieben, es werden danach Beschlüsse gefaßt ... Und das war es dann auch.
So sammelt man halt Bozetti im Museum (was niemanden sonderlich interessiert),
spielt Theater, feiert Wein- und Volksfeste, läßt Goethe und Schiller zum
Wartberg pilgern, verteilt alljährlich an Schauspieler den Kilianpreis. Naja. „Heilbronn,
das ist die blanke Langeweile, ist stadtgewordener Rudolf Scharping“, meint
Dr. Rainer Moritz, Programmchef des
Reclam Verlags in Leipzig, in einem langen Dreispalter am Samstag, 6. Dezember
1997, im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung (Seite 50). Eine nette Nikolaus-Überraschung
für Heilbronn, die da über die renommierteste Tageszeitung Baden-Württembergs
ins Haus geflattert kam. Moritz zitiert viele lebende Dichter, die nicht nicht
gerade schmeichelhaft über Heilbronn schrieben. Zum Beispiel Herbert Asmodi: „Heilbronn schien mir
weder für Erfahrungen noch für meinen Exhibitionismus eine geeignete Bühne: ich
wollte von dort weg, so rasch als irgend möglich.“ Auch später wollte der
Dramatiker und Fernsehautor wenig mit Heilbronn zu tun haben. Er widerstand
tapfer allen Anlockversuchen: „Ab und an werde ich zu einem Treffen von
ehemaligen Schulkameraden eingeladen. Ich gehe da nie hin. Der Weg allen
Fleisches ist die Verwandlung hoffnungsvoller Jugend in die eigene Karikatur –
man weiß das von sich selber. Warum sich dieses düstere Spektakel vor der
Haustür anschauen?“ – Eine kluge „Nestbeschmutzung“ hat der Rainer Moritz da
geschrieben. Diese Art von geistreicher Auseinandersetzung mit Heilbronn sollte
auch vor Ort geführt werden – ab und an im Feuilleton oder der Wochenbeilage
der Tageszeitung. Die Stadt und das
Umland als hervorragende Kulturlandschaft fortwährend zu loben, zeugt weniger
von einem gesunden Selbstbewußtsein, sondern eher von einem allzu großen
Minderwertigkeitsgefühl. Der Anstoß kam jetzt von außen. Dieser Ball sollte
aufgenommen und klug weitergespielt werden. Damit Heilbronn auch geistig ein
paar Schritte nach vorn macht.
Lächeln, bitte!
Ist Deutschland ein
Einkaufsparadies? Wer die Frage stellt, weiß auch gleich die Antwort: Nein! Das
hat seine Geschichte – im Land mit
veralteten Symbolen von Wirtschaftskraft. In der Nachkriegszeit ging es fast
ausschließlich darum, Produkte herzustellen. Auf den Verkauf wurde weniger Wert
gelegt. Der lief schließlich nahezu von allein – beim vorhandenen Mangel. Die
Zeiten ändern sicher aber. Heute sprechen Experten von der „Einkaufswüste
Deutschland“. Wer in diesem Land sein Geld unter die Leute bringen will, der
hat es sehr schwer. Deutschland ist in Beziehung auf Dienstleistungen eher ein
Entwicklungsland. In vielen Häusern verhalten sich die Verkäufer/innen eher wie
Warenaufpasser, weniger wie Warenanbieter. Dabei predigen die Experten einfache
Dinge, um hier Änderungen herbeizuführen. Um die Stirn zu runzeln, müssen 30
Muskeln bewegt werden, um zu lächeln nur 13. Viele Geschäftsleute, so sie
erfolgreich sein wollen, müssen erheblich dazulernen. Service darf heutzutage
kein Luxus mehr sein, sondern wird für viele Geschäfte zur
Überlebensstrategie werden. Was ist so
schwer daran, diesen einfachen Satz in die Tat umzusetzen: „Begrüßen Sie Ihren Kunden so, als ob er Ihr persönlicher Gast wäre.“
– Ich verstehe ja, es ist hektische Vorweihnachtszeit angesagt. Es muß der
größte Umsatz des Jahres getätigt werden. Wer gewinnen will, muß in die Smiling-Offensive gehen. Als Kunde ist
es mir lieber freundlich beraten zu werden (wenn das auch mit Tricks verbunden
ist) als unfreundlich (aber ehrlich in der momentanen Befindlichkeit) vom
gestreßten Verkäufer angeraunzt zu werden. Als einst nur öffentlich-rechtliches
Fernsehen Werbezeiten vergeben konnte, wurden die Kunden wie Bittsteller
abgespeist. Man konnte froh sein, überhaupt seine Werbung loszuwerden. Heute
werben die Fernsehanstalten um die Werbekunden. Für andere Medien gilt das
gleiche. Die Zeiten, in denen der Briefträger die Werbung (also bares Geld) mit
der Post ins Haus bringt, sind langsam vorbei. Der Kunde ist König – auch wenn
viele das noch nicht gemerkt haben. Wer dabei nach Regulierung durch den Staat
ruft, ist meistens ein schlechter Geschäftsmann.
Müllverbrennung
Stärker konnten die Heilbronner
Müllfronten kaum aufeinander treffen. Bei der Fernsehdiskussion im dritten
Programm. Was sich da bei Südwest 3 beim „Lokaltermin“ zeigte, war eine
Konfrontation, wie sie deutlicher und anschaulicher für Heilbronn nicht hätte sein können. Auf der einen Seite in der Neckarhalle von Neckargartach
die Arbeiter des Kohlekraftwerkes der Energieversorgung Schwaben in Heilbronn,
auf der anderen Seite die Gegner einer Müllverbrennungsanalage in Heilbronn –
eine Bürgerinitiative, bestehend aus gutsituierten Bürgern, Lehrern und
Beamten, die ihre Verachtung und Häme nicht verstecken konnten, vor allem wenn
es um die Arbeitsplätze der EVS-Mitarbeiter ging. Gottfried May-Stürmer, der
Regionalgeschäftsführer des Bund Heilbronn, will im Genehmigungsverfahren dafür
sorgen, so verkündete er lautstark, daß die EVAS Thermik zur teuersten
Anlagevariante gezwungen wird. Offensichtlich sehen die Gegner der Müllverbrennungsanlage, die Möglichkeit die Errichtung
der Anlage zu stoppen, als sehr gering an. Bei der Diskussion stellte sich
heraus, daß jene Verfahren, die von den Umweltschützern propagiert werden,
schlicht nicht finanzierbar sind. Die geplante Kalte Rotte in Heilbronn hatte
es ja auch schon an den Tag gebracht. Selbst der Heilbronner Gemeinderat, der
sie beschlossen hatte, mußte flugs Abstand davon nehmen. Die Müllkosten für den
einzelnen Bürger wären ins astronomische gestiegen. Aber Heilbronn ist ja eine
gute Stadt. Wir subventionieren die Mannheimer Müllverbrennungsanlage ab 1999 bis
zum 31. Mai 2005 pro Jahr mit 500.000 Mark (insgesamt 4,5 Millionen) dafür, daß
Verbrennungskapazitäten für Heilbronn in Mannheim bereitgestellt werden. Und im
gleichen Zeitraum werden im EVS-Kohlekraftwerk Heilbronn Arbeitsplätze abgebaut
– und wenn es die Bürgerinitiative mit ihrer Politik schafft, auch keine neuen
Stellen in der geplanten Müllverbrennungsanlage geschaffen. Dafür wird der Müll
aus den Landkreisen Hohenlohe und Heilbronn sowie der Stadt Heilbronn dann brav
nach Mannheim gekarrt, um dort verbrannt zu werden. Das ist eben deutsche
Politik in vorweihnachtlichen Zeiten. Aber jetzt wollen wir nicht mehr über den
Müll reden, sondern uns des Lebens freuen. An all den vielen Geschenken, die so
hübsch verpackt sind. Die produzieren ja dann auch genug...
Schlaraffenland D.
Im kommenden Winter wird die
Arbeitslosigkeit in Deutschland auf fünf Millionen Menschen ansteigen.
Behaupten Wirtschaftsexperten. Das sind fünf Millionen Menschen, die bei uns
nicht ins Bodenlose fallen, sondern sozial aufgefangen werden. Viele fragen
sich heute, wer trägt Schuld an dieser Misere. Es gibt Länder in Europa, wo die
Arbeitslosenzahlen sinken. Auch in den USA haben Regierung und Parlament sich
angestrengt und das Steuer herumgerissen. Die Arbeitslosenzahlen sinken kontinuierlich,
die Zahl der Sozialhilfeempfänger ebenfalls. Nachdem beschlossen wurde, daß
Sozialhilfe nicht mehr auf unbegrenzte Zeit ausgezahlt wird, sondern nur noch
maximal fünf Jahre im gesamten Leben eines Menschen. Jetzt muß ab einer
bestimmten Zeit eine angebotene Arbeit angenommen werden, ob nun der Müll in den Parks weggeräumt wird oder Kinder auf
einem Spielplatz beaufsichtigt werden. Aber unsere Politiker reformieren den
Sozialstaat nicht, sie schielen lieber auf die kommende Bundestagswahl und
puhlen an ihren Startlöchern. Notwendige Entscheidungen beim Steuerrecht –
Fehlanzeige. Die Rentenreform – bisher ins Wasser gefallen. Dafür werden die
Steuern und Abgaben weiter munter erhöht, als ob der Bürger ein
dukatenscheißender Esel sei. Hauptsache
die Pfründe für unsere Politikerkaste bleiben unangetastet. Ob nun bei CDU,
FDP, SPD, Grünen oder Republikanern. Ob in der Gemeinde, im Land oder im Bund.
Deutschland als Wirtschaftsstandort wird weiter in die Krise getrieben. Und
manch deutscher Dichter schwadroniert munter drauflos – und will ob der von ihm
festgestellten Ungerechtigkeit gegen Asylbewerber aus Kurdistan und der Türkei
nicht mehr in deutschen Landen leben. Über eine Politik des Schuldenmachens auf
Kosten künftiger Generationen verlor er kein Wort. Darüber, daß die Flüchtlinge
aus allen Teilen der Welt lieber ins hochgelobte „Schlaraffenland Deutschland“ kommen als nach Polen, in die Ukraine,
nach Ungarn, Tschechien oder Frankreich zu gehen, um dort um Asyl zu bitten,
verlor er kein Wort. Würde in Deutschland ein ehrlicher Kassensturz gemacht
werden, nicht auf die Schaffenskraft künftiger Generationen heute schon das
Geld ausgegeben werden (das man nicht hat), dann wären die deutschen Lande kaum
mehr ein Schlaraffenland für jedermann.
Die Lust im Wald
Das Wald- und Schloßhotel
Friedrichsruhe, bevorzugte Stätte gehobener Tafelfreuden auch von so manchem
Unterländer, hat eine etwas anrüchige Vergangenheit. Dies verriet Direktor Lothar Eiermann kürzlich im Kreise von
Weinjournalisten, denen er auch anvertraute, daß er eigentlich nur fünf Jahre
bleiben wollte, aber mittlerweile schon 24 Jahre lang in den fürstlichen Töpfen
rührt. Das von 1712 bis 1717 erbaute Jagdschloß des Fürsten Friedrich II. zu Hohenlohe erlebte in den letzten 285
Jahren abwechslungsreiche Zeiten. Dazu, so Eiermann, gehörte auch eine kurze
Episode nach dem Zweiten Weltkrieg. Bevor 1953 das Waldhotel Friedrichsruhe
eröffnet wurde, hatte sich in dem Barockgebäude eine Ballettschule eingemietet,
die auch ordentlich Zuspruch erfuhr. Doch alsbald stellte sich heraus, daß die
Damen dort weniger dem Tanze zugeneigt waren als vielmehr anderen körperlichen
Freuden. Dem unziemigen Treiben wurde daher bald ein Ende gemacht, schließlich
möchte sich das Haus Hohenlohe nicht mit einem fürstlichen Freudenhaus
schmücken. Heute dominieren lukullische Genüsse derart, daß Lothar Eiermann
gerne erzählt, wie stark frequentiert sein Edel-Restaurant ist. Damit hebt er
sich wohltuend vom Gejammer seiner Kollegen ab.
Die zehn Gebote
Kennen Sie die zehn Gebote der Rohstoff-Rückgewinnung? Ich kannte sie bisher
auch nicht. Aber sie klingen ganz plausibel, vor allem was das hochgelobte
Recycling anbetrifft. Sortieren und Wiederverwerten ist ja das Allheilmittel in Deutschland, an dem – so der erklärte
Wille der Fundis unter den Umweltschützern – Europa und die Welt genesen
sollte. Die zehn Gebote der Rohstoff-Rückgewinnung im einzelnen: 1. Du sollst
über den Müll verfügen. 2. Du sollst kein Gold in Deinem Müll suchen. 3. Du
sollst nicht an eine totale Rückgewinnung glauben. 4. Du sollst nichts aus Müll
herstellen, was niemand haben oder kaufen will. 5. Du sollst bei der
Rückgewinnung die Kosten nicht vergessen. 6. Du sollst die Rückstände
beseitigen. 7. Du sollst die im Müll enthaltenen Energien mit möglichst
geringen Verlusten aktivieren. 8. Du sollst andere Rückgewinnungsverfahren für
andere Abfälle haben. 9. Du sollst andere Rückgewinnungsverfahren für andere
Völker haben. 10. Du sollst auch bei der Rückgewinnung Deine Umwelt achten. –
So weit , so gut. Aber momentan scheint es so, als ob auf Kosten der Bürger
sich eine Industrie entwickelt hat, die Müll als eine Goldgrube ansieht. Nicht
weil der Müll so wertvoll wäre, sondern weil die Allgemeinheit für seine
Beseitigung bereit ist, sehr viel Geld zu bezahlen. Und das alles aus Angst,
vor einer möglichen Umweltverschmutzung. Dabei ist der Müll seit jeher
Umweltverschmutzung. Nicht seine Beseitigung. Den Müll einigermaßen sauber und
umweltgerecht, ohne allzu große Belastung für die Nachkommen, zu entsorgen, das
muß das Ziel der Politik und Industrie sein. Derzeit wird aber vornehmlich Geld mit unserem Abfall verdient, auf
Kosten jedes einzelnen Bürgers. Was bei uns in dieser Hinsicht möglich ist,
das würde in anderen Ländern politische Unruhen auslösen. Aber in Deutschland
ist man seit jeher gewöhnt, der Obrigkeit mehr Glauben zu schenken als dem
gesunden Menschenverstand.
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