Freitag, 14. März 2014

Kiliansmännle, 26.02.1997




Kandidaten
In Bonn wird heftig gerätselt, ob Bundeskanzler Helmut Kohl 1998 nochmal als Spitzenkandidat der CDU/CSU sich aufstellen läßt. Und bei der SPD ist auch noch nicht klar, ob Oskar Lafontaine oder Gerhard Schröder im nächsten Jahr als Widersacher in den Ring steigen. Wenn man das Stimme-Forum letzter Woche in der Heilbronner Kreissparkasse als Gradmesser nimmt, müßte es Schröder werden. Aber davor sind die GenossInnen. Nicht ganz so bombastisch mit bundesweiten Auswirkungen wird im Unterland um die Kandidaturen in den Parteien gerangelt. Die Freien Demokraten haben schon bei ihrem Neujahrsempfang vor wenigen Tagen munter verkündet, daß ihr Kandidat im Wahlkreis Heilbronn der Fachhochschul-Professor Hans-Helmut Grandjot sein wird. Bei den Sozialdemokraten scheint alles auf den Heilbronner Krankenhaus- und Sozialdezernenten Harald Friese hinauszulaufen. Nach der völligen Neubesetzung der Führungsspitze hat man sich auf den Bürgermeister geeinigt, weil er die Gewähr bietet, einen guten Listenplatz auf der Landesliste zu ergattern, so ist zu hören. Bei den Christdemokraten hat Egon Susset eindeutig erklärt, daß er nicht mehr antreten will. Knapp 30 Jahre im Bundestag, das sei genug – und den Ehrgeiz Alterspräsident zu werden, den besitze er nicht. Die Weichen für die Nachfolge sind gestellt. Den ersten Zugriff auf die Kandidatur hat der Kreisvorsitzende – und der heißt Thomas Strobl, ist Rechtsanwalt und Schwiegersohn des Bonner CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Schäuble. Aber bei der CDU im Unterland ist man sich nicht so sicher, ob nicht doch noch Gegenkandidaten auftreten werden. Schließlich hatte Egon Susset bei seiner ersten Nominierung 1969 auch welche, unter anderem Manfred Weinmann, Heilbronns heutigen Oberbürgermeister. Wenn im Herbst die Nominierungen der Parteien anlaufen wissen wir mehr, auch von Grünen und Reps.

Kopftuch-Lehrer
Darf eine Lehrerin während des Unterrichts in Baden-Württemberg ein Kopftuch tragen – gemäß der islamischen Vorschrift? Sie darf. Das Stuttgarter Kultusministerium hat der 24jährigen Muslimin Fereshta Ludin erlaubt, in der Schule und im Unterricht ihr Kopftuch zu tragen. Denn das gehöre zu ihrer Persönlichkeit. Ein wenig widersprüchlich ist die Lage schon: In den Schulen dürfen keine Kreuze hängen, weil das zum Beispiel den Glauben jüdischer oder nichtchristlicher Schüler verletzen könnte. Aber eine muslimische Lehrerin darf ihren Glauben wie ein Schild vor sich hertragen. Da schließt sich dann gleich die Frage an, ob sie eventuell Schüler anderer Religionen mit ihrer Kopfbedeckung indoktriniert. Andererseits: Wenn eine Lehrerin christlichen Glaubens ein Kreuz an der Kette um den Hals hängen hat oder eine jüdische einen Davidsstern, wird ja auch kaum jemand auf die Idee kommen, sie wolle ihre Schüler damit glaubensmäßig beeinflussen. Offensichtlich bekommen wir nun auch im Ländle bis in die staatlichen Institutionen hinein das, was einige Leute so gern als multikulturelle Gesellschaft bezeichnen. Allerdings nicht unter dem Zeichen des friedlichen Nebeneinanderlebens, sondern dem der Abgrenzung voneinander. Vielleicht gibt es dann demnächst auch neben christlichen Internatsschulen in Deutschland muslimische. Wir sind langsam aber sicher in Deutschland keine christliche Gesellschaft mehr, sondern eine, in der die unterschiedlichsten Religionen dazu verurteilt sind, nebeneinander leben zu müssen. Ob das immer friedlich abgehen wird? Die Vereinigten Staaten zeigen uns, wie das geht. Ganz liberal wie in manchen Millionenstädten – oder streng abgegrenzt wie im ländlichen Raum. Das muß eine Gesellschaft ertragen können, wenn sie sich freiheitlich nennt. Aber sie muß auch entschieden gegen Extremisten aus den Religionsgemeinschaften und Sekten vorzugehen, die ihren Glauben als den alleinseligmachenden ansehen und verbreiten wollen.

Vollrausch
Juhnke, Juhnke und nochmals Juhnke. Das ist der Name der sich momentan durch Fernsehreportagen und die Boulevardpresse zieht wie ein roter Faden. Die Rede ist von „Uns Harald“, deutsches Entertainer-Idol und Schauspieler. Doch nicht seine Schauspielqualitäten sind es, die momentan für Schlagzeilen sorgen, sondern seine Alkoholeskapaden. Daß Hochprozentiges zu Juhnke wie Pat zu Patachon gehört, weiß heuer jedes Kind. Und solange die erbrachte Leistung stimmt, ist dagegen auch nichts einzuwenden. Aber nun scheint es der gute Harald endgültig zu weit getrieben zu haben: Stellte man sich bis vor kurzem noch die Frage, wie lange seine Leber beziehungsweise sein Leben die Exzesse noch durchhält, steht nun zur Debatte, ob Deutschlands „Vorzeige-Alki“ ein Vollrausch-Rassist ist. Zur Sachlage: Juhnke soll alkoholisiert den amerikanischen, farbigen Wachmann Robert Ferrell in seiner Menschenwürde verletzt haben. Juhnke bedauerte im nüchternen Zustand den Vorfall zutiefst und entschuldigte sich bei Ferrell. Dieser nahm zuerst auch die Entschuldigung an. Nicht aber das deutsche Spießbürgertum, das um seinen guten Ruf im Ausland fürchtete. Deutsche Fernsehsender beschlossen, Juhnke zu boykottieren, Theater erteilten Auftrittsverbote und in der Presse wollte jeder – so schien es – seinen Senf zum Fall „Juhnke“ abgeben. Der US-Wachmann, anfangs erfüllt von fast biblischer Gnade, revidierte seine Äußerung – wahrscheinlich sagte ihm ein raffgieriger Anwalt, daß der Juhnke Kohle hat – und erzählt nun, daß der deutsche Entertainer Lügen über ihn verbreitet. Traurig, traurig, aber wenn das schnelle Geld lockt, läßt sich auch der Barmherzigste umstimmen. Und zu unseren deutschen Marktschreiern, die Juhnke jetzt öffentlich verdammen, ist zu sagen: Kehrt vor der eigenen Haustür, für die wahrscheinlich des Öfteren der  richtige Schlüssel nicht zu passen scheint! Denn Beispiele für berauschte Prominente, die auffällig werden, gibt es überall zuhauf, nicht nur im Unterland, gell?!?

Ordnungshüter
Recht und Ordnung – das hat sich der Heilbronner Polizeibeamte Bernhard Kriegel auf die ganz persönliche Fahne geschrieben. Nicht nur als Polizist ist er das – von Berufs wegen selbstverständlich, sondern auch als Privatmann. Im Heilbronner Osten zittern nachlässige Autofahrer vor ihm. Vor allem im Bereich Karl-, Kerner- oder Weinsberger Straße. Er schreibt jeden auf, der falsch parkt – egal, ob er als Hauptkommissar unterwegs ist oder als Privatmann. Und was zur Anzeige kommt, muß verfolgt werden. So lautet die Vorschrift. Ob vom Beamten oder einem Privatmann berichtet. Und die Polizeispitze in Heilbronn kann das auch nicht beanstanden – darf sie gar nicht. Denn sonst würde sie ja ordnungwidriges Verhalten unterstützen. Meint der Chef der Polizeidirektion in der Heilbronner Karlstraße Walter Steffan. So mancher Bürger aber ist genervt. Zum Beispiel Kneipenbesucher in der Nähe des Heilbronner Frankenstadions, aber nicht nur dort. Das Heilbronner Ordnungsamt scheint glücklich über den Hobbygeldeintreiber in Uniform zu sein. Hat er doch im vergangenen Jahr schon 700 Ordnungswidrigkeiten angezeigt. Das sind rund 25.000 Mark. In großen Industriebetrieben bekommt man ja für Verbesserungsvorschläge, die zu mehr Effektivität führen, Geldprämien. Ich finde einen kleinen Anteil vom eingenommenen Geld kann die Stadt ruhig auch unserem Polizeibeamten geben. Wenn da nicht das Beamtenrecht wäre. Bestechung nennt man das? Aber wer besticht denn da wen? Für unsere Sicherheit, für ordnungsgemäßes Verhalten sorgt doch der brave Mann – auch in seiner knapp bemessenen Freizeit. Fährt er dann etwa Fahrrad? Oder ist er gar ein notorischer Fußgänger? Mehr solcher Beamte, die auch in ihrer Freizeit den Sündern auf die Finger hauen – und wir hätten ... naja, ein wenig mehr Toleranz würde auch nicht schaden, gell, Herr Kriegel. Aber es isch schon recht. 

Gartenschau
Der Traum war so schön. Und nun platzt er. Das Landwirtschaftsministerium in Stuttgart stellte jetzt klar: Wenn die Auswahl zwischen Bewerbern mit vergleichbarer Qualifikation anstehen sollte, wird jene Gemeinde bevorzugt, die noch keine Landesgartenschau durchgeführt hat. Heilbronn hatte seine Landesgartenschau bekanntlich 1985 auf den Wertwiesen ausgerichtet.  Bad Rappenaus Bürgermeister Gerd Zimmermann frohlockte, daß seine Stadt den Zuschlag für das Jahr 2002 erhält. Und richtig: Am Montag hatte der Stuttgarter Ministerrat entschieden, daß die Kurstadt im Landkreis Heilbronn für das Jahr 2008 auserwählt ist. Die Trauer in Heilbronn ist nicht unbeträchtlich. Dafür freut sich die Gemeinde Nordheim. Denn neben der „Großen Landesgartenschau“ (Landeszuschuß bis zu 7,5 Millionen Mark) gibt es jetzt im Wechsel eine kleine unter dem Titel „Mehr Natur in unsere Gemeinde/Stadt“ (Landeszuschuß bis zu 2,5 Millionen Mark). Im Herbst letzten Jahres hatte sich Nordheim kurz vor Toresschluß klammheimlich für die kleine Schau beworben, unterstützt vom Landschafts- und Städteplaner Professor Wolfgang Schreiber. Der Park am Katzenbachtal soll dabei umgewandelt werde – wenn möglich bis hin zum Neckar und westlich bis nach Neipperg. Nordheims Bürgermeister Volker Schiek hatte die Jahre nach der Jahrtausendwende dabei fest im Auge. Jetzt muß man in Nordheim schon im Jahre 2003 ran an den Speck - zusammen mit Tuttlingen kann man sich die Freude teilen. Zu gönnen ist es den beiden Landkreisgemeinden. Denn es soll ja jeder seinen Teil vom Kuchen abbekommen – nur nicht jene, die zum zweiten Mal hier schreien.

Pferdemarkt
Pferdemarkt in der Heilbronner Innenstadt zwischen Gymnasium-, Karl-, Ost- und Moltkestraße. Jedes Jahr aufs Neue ein Fest für die rund 150.000 Besucher aus dem Stadt- und Landkreis Heilbronn. Vor allem an diesem Wochenende schoben sich die Menschen dichtgedrängt durch die Budengassen. Vor einem Stand einen Halt einzulegen war kaum möglich, man wurde einfach weitergeschoben. Nicht gerade ein vergnügliches Erlebnis. Und die Autos der Besucher wurden rund um den Pferdemarkt wahllos abgestellt. Vor allem in den Nebenstraßen – Alexander-, Bismarck-, Goethe-, Kerner- oder Pfühlstraße stand Wagen an Wagen. Wer irgendjemanden in diesen Straßen besuchen wollte, mußte lange einen Parkplatz suchen. Pferdemarkt also nicht nur ein Vergnügen, sondern für viele Anwohner im östlichen Bereich Heilbronns auch eine nervenaufreibende Geschichte an diesen drei Tagen. Schon oft gab es in Heilbronn die Überlegung, den Pferdemarkt auf die Theresienwiese zu verlagern. Dort sind genügend Parkplätze vorhanden und die Budenstraßen wären ein wenig breiter. Aber Tradition ist eben Tradition. Auch wenn sie nicht sehr alt ist. Man ist in der Stadtverwaltung Heilbronn stolz auf einen der wenigen Innenstadtmärkte in Deutschland. Und bei den Händlern ist er ja bekanntlich auch sehr beliebt, weil ordentlich umgesetzt wird. Bernhard Winkler, Verkehrsdirektor in Heilbronn, verweist gern darauf, daß von den 800 Bewerbern nur 300 in Heilbronn zum Zuge kommen können. Und da sucht man dann bei der Stadt halt nur die Besten aus. 

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