Donnerstag, 13. März 2014

Kiliansmännle, 08.01.1997



Gutes Geschäft?
Waren Sie etwa auch noch am Heiligabend einkaufen? Da konnten Sie was erleben. Ich jedenfalls sah in den Geschäften des Unterlandes um die Mittagszeit lange Schlangen vor den Kassen stehen. In der Woche vor Weihnachten war noch viel Wehklagen von den Händlern zu hören. Nach dem Weihnachtsfest hieß es dann, daß die letzten Tage vor dem Fest die Händler versöhnlicher gestimmt hätten. Zumindest das Vorjahresergebnis sei wieder erreicht worden. Die Zeit der großen Zuwächse sei halt vorbei. Man hoffe inständig auf einen kleinen Rucker in der Konjunktur, der auch auf den Handel, sprich auf das Konsumverhalten überspringe. Und Theo Waigel möge doch bitteschön damit aufhören, an der Steuerschraube zu drehen. Städte und Gemeinden müßten aufhören, die Abgaben ins Grandiose zu steigern. Der Bürger spart, während der Staat will (mit immer mehr Einnahmen) nur weniger ausgeben. Das nennen Politiker dann „Sparen“. In diesen Tagen, vor und nach den vielen Festtagen, wird auch wieder heftig auf die veränderten Ladenschlußzeiten eingedroschen: Sie hätten keinen zusätzlichen Umsatz gebracht. Nun, so schnell stellen sich die Heerscharen an deutschen Käufern nicht um. Einige Geschäfte haben ja auch schon reagiert. Montags bis mittwochs ist bis 19 Uhr, donnerstags, freitags bis 20 Uhr geöffnet. Das nenne ich Flexibilität. Niemand schreibt den Händlern vor, bis 20 Uhr die Läden zu öffnen. Jetzt nach dem Jahreswechsel ist die Zeit des vorgezogenen Schlußverkaufs, des Umtausches der nichtgewollten Weihnachtsgeschenke und der Einlösung von Geschenk-Gutscheinen. Dabei wird viel in den Läden bewegt, aber weniger verdient. Eben – alles zu seiner Zeit. Eine Zeit, in der neue Kunden gewonnen werden können.


Übernachtungen
Heilbronn ist doch eigentlich eine schöne Stadt – zwischen Wald und Reben, Neckar und Feldern im Westen. Das sagen nicht nur unsere Politiker, die Damen und Herren des Verkehrsamtes, sondern auch viele auswärtige Besucher aus nah und fern. Doch es gibt auch Touristik-Wermutstropfen. Übernachtungszahlen des Statistischen Landesamtes in Stuttgart bringen sie an den Tag. So beliebt scheint das Käthchenstädtchen dann doch wieder nicht zu sein, trotz aller Schönheit und Weinseligkeit. Heilbronn liegt am Schwanz aller baden-württembergischen Städte, wenn es um die Auslastung der Hotelbetten geht. Im Lande sind die Übernachtungszahlen um 17 Prozent (im Zeitraum 1984 bis ’95) gestiegen, im Landkreis Heilbronn um 48 Prozent, in der Stadt Heilbronn stagnieren sie. Nicht gerade berauschend. Die Folge: Viele im Gastgewerbe wissen sich nicht mehr zu helfen. Unter den Hoteliers – so sagen Insider – tobe ein gnadenloser, manche meinen gar ein ruinöser Wettbewerb. Hier müsse entgegengesteuert werden. Nicht nur von der Stadt, auch von Vereinen und Verbänden. Klagen hilft da nicht viel. Heftigen Streit gab es darüber, als die alljährliche Brautmodenschau im Heilbronner Schießhaus, an der einige Unterländer Firmen beteiligt sind, in eine Schieflage zu geraten drohte, weil die Stadt Heilbronn just zu diesem Zeitpunkt ebenfalls eine solche Schau in der Heilbronner Harmonie veranstalten wollte. Aus Mangel an Interesse ist das städtische Unterfangen abgesagt. Trotzdem fragt sich so mancher: Ist es die Aufgabe einer Stadt, das Geschäft von Unternehmern zu betreiben? Und seine Antwort lautet: Die Stadt sollte Rahmenbedingungen schaffen, damit derartige Veranstaltungen stattfinden können. Letztlich regelt den Erfolg ja ohnehin der Markt – lautet die Lehre.


Pendolino-Pleite
Kurz vor dem Weihnachtsfest konnte ich in vielen Zeitungen des Landes lesen, daß der sogenannte „Pendolino“ der Deutschen Bahn, der kurvenschnelle VT611, besser bekannt unter dem Ungetüm-Wort NeiTech-Zug seine zweite Premiere nur mit einer kleinen Störung bestanden hätte. Dann aber rollte die Katastrophe für die Region – nicht über die Schienen. Ein Beauftragter der Konzernleitung der Deutschen Bahn AG mußte sich bläßlich beim Heilbronner Oberbürgermeister Manfred Weinmann und Landrat Klaus Czernuska für das große Bahn-Desaster entschuldigen. Eigentlich wollte er ja mit „froher Botschaft“ bei seinem Antrittsbesuch tönen, der Peter Schnell (Nomen est omen?). Aber diese Bahn-Botschaft verkümmerte zur blamablen Peinlichkeit. Denn die „deutsche Wertarbeit“ aus dem Daimler-Benz-Konzern rollte mit gebrochener Gelenkwelle erneut aufs Abstellgleis. Vorläufig ist nicht absehbar, wann der hochgelobte, von den Kommunen und Landkreisen teuer bezahlte Zug wieder zwischen Heilbronn und Mannheim verkehren wird. Nachdem einer der NeiTech-Züge bei Neckarzimmern sogar noch sein Dieselöl nicht halten konnte und mehrere hundert Liter ins Erdreich versickerten, war die Blamage komplett. Jetzt müssen auch noch rund 40 Meter Erde in 1,30 Meter Tiefe ausgehoben werden, um die Umwelt zu schützen. Heilbronn und seine Region – vom Pech verfolgt. Rathaus-, Armbrust- oder Bechstein- Skandal. Wo immer man hinkommt im Lande wird man auf die Pannenserie im Unterland angesprochen. Da kann ich nur raten, einfach mit den Schultern zucken und behaupten: Da muß doch irgendwo ein Nest sein. Oder beschwörende Worte gen Himmel schicken, wie zum Beispiel unser Verkehrsminister im Lande. Das setzt keinen Zug auf die Schienen, wird aber eventuell gelesen oder gehört. Das nennt man Politik.


Siegen lernen
Eine Sechzig- bis Siebzig-Stunden-Woche haben viele unserer Politiker. Erzählen sie uns immer wieder. Und manche ihrer naiven Parteifreunde und -genossen glauben das ja auch. Das ist fast so wie bei Managern von Mammutunternehmen. Die erzählen uns auch, daß sie von ihrer 80-Stunden-Woche gestreßt seien – und schreiten fortwährend braungebrannt und federnden Schritts einher. Wenn schon der „real-existierende Sozialismus“ das Zeitliche gesegnet hat (außer in China, Kuba und Nord-Korea), so feiert doch der bundesrepublikanische Gewerkschafts- und  Konzern-Sozialismus fröhliche Urständ. Manager aus diesen Unternehmen sind zumeist bis ans Lebensende reichlich abgesichert, auch wenn sie vorher gefeuert werden. Siehe Lopez bei VW. Wenn auch Belegschaften bei Schieflagen sofort entlassen werden, die verantwortlichen Manager kommen für das Desaster nicht auf. Sie werden fürstlich entlohnt. Und in der Politik? Wenn einer nicht ganz blöd ist, dann wird er bei frühzeitigem Scheitern Manager in einem landeseigenen oder kommunalen Unternehmungen. Das ist in CDU- wie in SPD-geführten Ländern so, Grüne und FDP profitieren ebenfalls davon. Überall sitzen mehrheitlich Beamte in den Parlamenten und versorgen sich und ihre Klientel – auf Kosten der hart arbeitenden Steuerzahler.  Selbst bei Grünen und Liberalen haben diese Selbstbediener das Sagen. Deshalb  wird sich wenig ändern. Nur sollte uns niemand mehr von 60-Stunden-Arbeit was erzählen. Häppchen und Weingläser stemmen, das ist bei Otto Normalverbraucher Freizeitbeschäftigung, auch das Palavern in Gremien – ohne greifbares Ergebnis. Real kommen also unterm Strich bei den meisten unserer Politikern auch nicht mehr Stunden als beim Normalmenschen heraus: 35 bis 40 Stunden. Und bei Abgeordneten, die nebenher noch Arbeitslosenunterstützung beziehen, sogar noch weniger. Sozialismus heißt, von der Sowjetunion Siegen lernen. Wer sagt’s denn!


Bio-Uhr
Kennen Sie das auch? Klassentreffen, alljährlich. Das muß ja nicht so offiziell sein, daß der obligatorische Feschdles-Onkel der Klasse das organisiert. Es gibt ja auch die inoffiziellen. Ich kenne da eines, bei dem sich die ehemaligen Schulkameraden alljährlich im Januar zum Geburtstag eines ganz bestimmten Klassenmitglieds treffen. Kurz nach der Schule war es irgendwo in der Küche einer Wohngemeinschaft. Da ging es dann in den Gesprächen hauptsächlich um die Ausbildung oder das Studium. Und um die diversen Freundinnen oder Freunde, die ersten feuchten Anbandlungsversuche. Zehn Jahre später war aus der Wohngemeinschaftsküche schon eine eigene, Ikea-mäßig eingerichtete geworden. Gesprächsthema dann: Kleinkindererziehung, die ersten Schritte im Beruf, Karrierepläne oder der Sprung in die Heirat. Weitere zehn Jahre später wurden schon Pubertätsprobleme der Kinder, die Probleme mit der Figur oder dem Haarausfall, die neue Wohnung oder der Hausbau entschieden diskutiert.  Wenn man dann noch zehn Jahre hinzuzählt, so ist aus der Küche eine angemietete Besenwirtschaft geworden, die Kids fangen an zu studieren, im Beruf ist die Frage nach der oberen Karrierestufe wichtig geworden, Scheidungsanwälte spielen eine gewichtige Rolle in den Gesprächen, aber auch die ersten Zipperlein. Rechnen  wir noch weitere zehn Jahre hinzu, dann steht für viele die Pensionierung schon vor der Tür, der Ärger mit den Kindern, die ein blödes Studium gewählt oder sich falsch verheiratet haben, die ersten Enkelkinder, die Probleme mit der Gesundheit (Rezepte werden munter ausgetauscht) oder die Probleme mit der jungen Zweitfrau. Wie eine biologische Uhr läuft das Leben ab. Und die Gespräche sind im Kern immer dieselben, drehen sich im Kreis. Wie soll’s auch anders sein?


Pillenfresser
Wir wissen es alle. Die Polizei, die Eltern, die Lehrer, die Schüler, die Stadtväter und -mütter. Es gibt Drogen in Heilbronn. Nicht nur die allseits bekannten Mittel wie Nikotin, Alkohol, Haschisch, Marihuana, Kokain, Heroin oder Opium. Einst als Appetitzügler vor Jahrzehnten auf den Markt gekommen, ist ein Gemisch die neue Designerdroge Ecstasy im Umlauf, die man auch noch unter dem „Decknamen“ XTC (englisch gesprochen: Ecstasy) kennt. Man könnte auch X-tasy oder Extasy schreiben, das interessiert sowieso keinen, der sich eine solche Pille eingeworfen hat. Hauptsache man ist gut drauf und kann gut abraven. Damit ist eine Droge auch einer Szene zuzuordnen. Die verzogenen, neureichen Techno-Anhänger sind die „Consumer“. Denn nur die können es sich leisten, nächtelang durchzutanzen. Daß Amphetamine schon seit längerer Zeit bekannt sind und dazu auch noch in anderen Lebensbereichen mißbraucht werden, wie zum Beispiel im Leistungssport, wird darüber ein wenig vergessen. Ist hier etwa ein Problem jahrelang aufgeschoben und unter den Tisch gekehrt worden? Bis es die Kinder aus den  Villenvierteln massiv bedroht? XTC-Opfer laufen überall rum, Todesfälle sind bekannt. Viele scheint es zu überraschen, daß ausgerechnet in Heilbronn solche Pillen in rauhen Mengen auftauchen. Vergessen wird dabei, daß Heilbronn, schön zentraleuropäisch gelegen, ein Hauptdrogenumschlagsplatz im Ländle ist. Und daß im Unterland viele Rauschgift-Fäden zusammenlaufen – der Drogenhandel ein Deal ist, der in Heilbronn scheinbar reibungslos funktioniert. Bis vor ein paar Tagen: Um die Weihnachtszeit schlug die Polizei zu – und internationale Verbindungen traten zutage, die man bisher nur der organisierten Kriminalität aus Italien und Rußland zugetraut hätte. Aber „brave deutsche Fabrikantensöhne und andere“ wollten hier die schnelle Mark machen, ohne etwas Anständiges zu leisten. Nun sitzen sie  – zu Recht.


Noch’n Spot im Sport
Jedes Spiel – so oder so ähnlich hat es Sepp Herberger vor Jahren einmal weise formuliert – dauert zweimal 45 Minuten. Die Rede ist natürlich von unserem Volkssport Nummer eins, dem Fußball. Hat jemand eine Vorstellung von der grausamen Konsequenz dieses legendären Satzes für die Manager des Privatfernsehens? Kann jemand überhaupt ermessen, wie sie leiden, wenn sie da fiebernd vor dem Fernseher hocken, und der Ball läuft und läuft 45 Minuten ohne Unterbrechung, und es gibt keine Chance, aber auch gar keine, das Spiel zu unterbrechen, um ein kleines, winziges Stück Werbung reinzuschieben? Dies müssen unausgesprochene Höllenqualen für die Macher der Werbebranche sein. Dem Mann von SAT 1, zum Beispiel, der dieser Tage mit einem einschlägigen Notruf an die Öffentlichkeit trat, gilt deshalb unsere Sympathie. Oder auch nicht! Leute, so dieser Mann, es ist einfach nicht oft genug Halbzeit beim Volkssport Fußball. Wollen wir, daß internationale Live-Übertragungen künftig noch kostendeckender finanzierbar werden, dann müssen wir, so der Mann von SAT 1, unser Fußballspielchen künftig wie beim Eishockey dritteln. Gegeben falls auch vierteln. Dies kommt dem Werbemanagement nur zugute und auch den Spielern, denn  mehr Erholungsmöglichkeiten hat wiederum zur Folge, daß das Niveau länger auf höherem Level gehalten werden kann.

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