Freitag, 14. März 2014

Kiliansmännle, 05.02. 1997




Dr. Spöris Rücktritt wegen Unfähigkeit
Der Rücktritt kam eigentlich nicht überraschend. Auch wenn einige Genossen heute so tun. Beim Neujahrsempfang der Sozialdemokraten im Heilbronner Kaffee-Haus Hagen erzählte Dr. Dieter Spöri Journalisten, daß man für seine Karriere alles geben müsse. Da gäbe es keine Abstriche. Für seine Karriere hatte Spöri viel gegeben. Aber nicht alles. In Heilbronn war in seiner Partei seit 1976 immer ein Grummeln darüber vorhanden, daß er mit seiner Familie nie in die Käthchenstadt umgezogen war. Damit blieb der SPD-Spitzenpolitiker Stadt und Menschen im Unterland immer ein  wenig unnahbar, wenn nicht gar fremd. Seine Gegenargument: Er könne Politik für die Stadt auch dann machen, wenn er nicht ständig hier wohne. In Bonn, zu seinen hohen Zeiten als Bundespolitiker, so erzählten einst seine jungen Kollegen aus der SPD-Fraktion, habe einer von ihnen morgens immer an Spöris Tür geklopft und gerufen, „Dieter, aufstehen, Karriere machen.“ Spöri war damals ein Flick-Jäger, der SPD-Mann, der dem Finanzminister Gerhard Stoltenberg Paroli bot. Die Rückkehr in die Provinz war ein sanfter Zwang seiner Partei. Nach den Spitzenkandidaturen bei Bundestagswahlen im Lande lief alles auf Dieter Spöri als Gegenspieler Lothar Späths zu. Aber Spöri brachte seine Partei nicht voran, sondern rutschte mit ihr immer tiefer: 1988 32 Prozent, 1992 unter 30 und 1996 25,1 Prozent. Als Wirtschaftsminister wurde er von Unternehmern gelobt, bei seinen Genossen und  den Kollegen Gewerkschaftern mußte er jedoch harte Überzeugungsarbeit leisten. Nicht mal seine Spitzenkandidatur 1996 war in der Partei unumstritten. Im Vorfeld der Wahl wurden viele Namen gehandelt. Einer von ihnen war Ulrich Maurer, der SPD-Landesvorsitzende. Diese quälende Diskussion war schon ein Teil der Demontage des Politikers Spöri. Den Rest besorgte er selbst, indem er die Schuld für das Wahldesaster voll auf sich nahm, sich danach ins Schweigen zurückzog und jetzt den Schlußpunkt unter seine politische Karriere setzte.

Neujahrsempfang in Bananien
Der Neujahrsempfang des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist eine fast schon traditionelle Einrichtung. Austragungsort ist der große Saal im Gewerkschaftshaus an der Gartenstraße Heilbronns, in dem früher das Heilbronner Stadttheater beheimatet war. Da war es noch anheimelnd. Aber nach dem Umbau, offenbar von einem Menschenverächter gestaltet, wirkt der Saal eher wie eine Bahnhofshalle. Die Beleuchtung: schlicht eine Katastrophe. Eine Behausung, in der man sich nicht länger als notwendig aufhält. Verständlich, daß in dieser Umgebung Gereiztheit von Seiten der Gewerkschafter unübersehbar und unüberhörbar war. Eingeladen hatte man auch die „politischen Gegner“ aus dem Arbeitgeber-Lager, der IHK, der CDU und FDP. Und die bekamen bei diesem Neujahrsempfang ordentlich ihr Fett ab. In privater Umgebung wäre ich aufgestanden und hätte den Raum verlassen, wenn mich mein Gastgeber vor allen anderen Eingeladenen derart beschimpft hätte. Aber privat ist privat, und Politik ein Sau-Geschäft. Aber anständig blieben die Betroffenen sitzen, hörten sich brav an, was ihnen um die Ohren geschlagen wurde, klatschten keinen Beifall dazu – und führten danach beredsam Gespräche mit ihren „Gegnern“. Business as usual. Ein Neujahrsempfang als Ersatzparteitag? Das ist reichlich ungewöhnlich. Auch der Satz des Festredners Klaus Wiesehügel, Bundesvorsitzender der IG Bauen-Agrar-Umwelt: „Die einen kämpfen ums tägliche Überleben. Die anderen wissen mit ihrem Übermut nicht wohin.“ Auf Länder der Dritten Welt trifft dieser Satz bestimmt zu. Auf Deutschland ihn zuzuschneiden, dazu braucht es schon eine Kraftanstrengung, um die Optik zu knicken. Denn Aussiedler, Asylbewerber und Arbeitslose wissen, daß hier niemand ums tägliche Überleben kämpfen muß. Die Grundbedürfnisse sind durch den Staat abgesichert. Deutschland ist keine Bananenrepublik. Aber man kann es dazu herabwürdigen.

Neckarsulm vorn
Neckarsulm wird offenbar zum Trendmacher in der Region. Oberbürgermeister Volker Blust hat einen sehr ordentlichen Haushalt vorgelegt, in dem es keine Neuverschuldung mehr gibt. Die anderen Gemeinden samt Heilbronn blicken neidisch auf die Autostadt an Sulm und Neckar. In dieser Stadt tut sich viel. Das Audi-Werk strebt zu neuen Ufern und bringt ordentlich Geld in die Stadtkasse, trotz Wechsel an der Spitze in Ingolstadt. Die Audi-Werker machen sich Hoffnungen, daß ihr Standort konzernintern mithalten kann, um neue Aufträge im Fahrzeugbau an Land zu ziehen, trotz anhaltender Audi-Sparmaßnahmen. Und vor den Toren der Stadt entsteht ein Großkino, das für die Innenstadt Heilbronns und die Planung am Berliner Platz eine starke Konkurrenz darstellt. Leicht zu erreichende Parkplätze sind heute das A und O für den Kunden. Um die Jahreswende und auch danach mußte ich mehrmals miterleben, wie vor einem Heilbronner Haus der Unterhaltungselektronik die Parkplätze im fliegenden Wechsel genutzt wurden und dabei sogar noch Autoschlangen von nahezu 500 Meter Länge entstanden, die sich aber sehr schnell bewegten – sprich auflösten. Ein solcher Ansturm würde in der Innenstadt Heilbronns – trotz Parkhäuser – zu einem Verkehrschaos führen. Wir sind also mitten in einem Wandel – da beißt die Maus keinen Faden mehr ab. Der Innenstadt-Kern Heilbronns und seine Geschäfte sind unübersehbar einem Strukturwandel ausgesetzt, der von der Stadtverwaltung unterstützend begleitet werden müßte. Nicht, indem noch mehr Verkehr aus der Innenstadt herausgehalten wird, sondern im Gegenteil: Indem der Autoverkehr vernünftig und schnell an die richtigen Handelsplätze geleitet wird. Heilbronn ist derzeit dafür kein Vorbild, sondern ein abschreckendes Beispiel.

Hohenloher Rebellen
Manche behaupten ja, Hohenlohe sei für Baden-Württemberg das, was der Bayrische Wald für unseren Nachbarstaat ist. Württembergisch-Sibirien nennen den rauhen Landstrich so manche Großstädter. Zugegeben – es ist schon ein recht eigentümliches Völkchen dort auf der Ebene. Einst feierte die NPD zur 68ger Landtagswahl im Hohenloher Land ihre großen Erfolge. Auch die Republikaner waren in den vergangenen Jahren in dieser Region nicht gerade erfolglos. Und im schönen, mittelalterlichen Schwäbisch Hall, jener ehemaligen Salz-, Sieder- und Reichsstadt am Kocher, gehen seit jeher die Wogen hoch, wenn es gilt, gegen die Obrigkeit zu Felde zu ziehen. Mehr als 40 Prozent erreichte einst der Rebell vom Remstal Helmut Palmer gegen den jetzt aus dem Amt scheidenden OB Karl Friedrich Binder. Auch ein eigentümlicher Jugendclub namens alpha treibt als Relikt der sechziger Jahre in der spießigen Luft Halls sein renitentes Wesen. Ebenso vermufft und stehengeblieben im sozialistischen Sumpf jener Zeit, mit all den grünen Verkleidungen, die heute so Mode sind, wie die PDS im Osten. Vor wenigen Wochen wurde in Schwäbisch Hall der Bietigheimer Finanzbürgermeister Kurt Leibbrandt im zweiten Wahlgang mit 53 Prozent zum neuen Oberbürgermeister gewählt. Nach der Wahl hagelte es Einsprüche, an der Rechtmäßigkeit der Wahl wurde gezweifelt, anonyme Anrufe der übelsten Art erreichten den Gewählten. So ist’s halt Brauch bei diesem Völkchen in jenem Landstrich. Entnervt zog Leibbrandt die Konsequenz und kündigte an, sein Amt nicht antreten zu wollen. Wenige Stunden später teilte der designierte OB jedoch mit, wenn man sich mit dem Wahlanfechter gütlich einige, dann wolle er doch noch OB in Schwäbisch Hall werden. Aber der wollte nicht wie Leibbrandt. Und jetzt haben die Haller ihren alten OB Binder  wieder – und müssen erneut zur Wahl schreiten. Das kostet. Warum auch mußten sich die Haller einen aufhalsen, der ohne Not sein Amt vor dem Antritt schon beschädigen ließ. Genau das aber wollten die Rebellen ja erreichen: Prüfen, ob der neue Mann den rauhen Winden Hohenlohes gewachsen ist. Vielleicht wird diesmal der Eugen Höschele aus Heilbronn gewählt, wer weiß?

CDU-Bürgerempfang/Parteitag
Die CDU wollte es diesmal ganz anders machen: Raus aus den Hotel- und Gaststättenzimmern, hinein in die große Halle eines Unterländer Unternehmers. Bei der Weinsberger  Maschinenfabrik Vollert hatte man eine große Halle gemietet, Biertische aufgestellt – und das Volk strömte. Manche erinnerte der ganze CDU-Bürgerempfang zum neuen Jahr mehr an einen kleinen Parteitag mit vielen Reden. Stimmung, Gemütlichkeit, die zum regen Plausch und Gedankenaustausch führt, kam da nicht auf. Einige prominente Gäste verließen während der langanhaltenden Reden vorzeitig die Veranstaltung. Für die anderen Gäste gab`s nach den Ansprachen und dem Eintopf aus der Gulaschkanone die Möglichkeit zu einem Rundgang durch die Firma Vollert. Das regte zum Spott an. Denn viele Gäste fragten sich, was dieser Empfang noch mit der CDU im Unterland zu tun habe. Höhepunkt der Veranstaltung waren nicht die Reden von Thomas Strobl, dem Kreisvorsitzenden, oder Günther Oettinger, dem CDU-Vorsitzenden der Landtagsfraktion in Stuttgart, sondern die kurze Ansprache zum Schluß. Egon Susset hatte sie wohlformuliert und engagiert vorgetragen – seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur für die Bundestagswahl 1998 hatte er sich geschickt  für den Schlußteil seiner Ansprache aufgehoben. Und dann ließ er die Stationen seiner Karriere Revue passieren, die Häme seiner Gegner, die sich groß dünkten (insbesondere Erhard Eppler), die vielen Kandidaten der SPD, die seit 1969 gegen ihn antraten und seit 1976 regelmäßig im Wahlkreis Heilbronn den kürzeren zogen. Sussets Stärke liegt darin, daß er nicht nachkartet, seine ehemaligen Gegner nicht  schlecht macht, sondern schlicht feststellt, daß er halt beim Wähler besser angekommen und von ihm gewählt worden sei. Der Sieger benötigt keine Pose, vor allem nicht bei uns im Unterland. Überflieger werden hier als solche behandelt. Als sein Nachfolger für die Bundestagkandidatur wird schon der CDU-Kreisvorsitzende Thomas Strobl gehandelt. Aber der muß sich erst mal in seiner Partei durchsetzen. Auch Egon Susset hatte bei seiner ersten Kandidatur einige Gegenkandidaten.

Café SPD mit Presse-Zensur
Ins Caféhaus hatten die Genossen geladen, um dem Neujahrsempfang für die Unterländer Journalisten einen angenehmen Rahmen zu verleihen. Manche Spötter meinten, die SPD habe damit den Zug der Zeit erfaßt. Im Hawaii Heilbronns, einem verrufenen Viertel im Norden Heilbronns, liegt das Kaffeehaus Hagen. Während die Sektgläser klingen, setzen sich wenige Meter weiter Junkies den Schuß oder wird türkisches Leben zelebriert. New York läßt grüßen. Die Heilbronner SPD-Kreisvorsitzende Sibylle Mösse-Hagen allerdings verweist auf die soziale und unternehmerisch mutige Tat, die ihr Mann und sie mit der Errichtung  des Firmensitzes dort umgesetzt haben. Und es hatte wirklich Stil, was die Genossinnen und Genossen mit ihrem Neujahrsempfang auf die Beine gestellt hatten. Helmut Rohn, Lehrer und SPD-Stadtrat in Heilbronn, spielte am Flügel auf. Die Heilbronner Stimme-Journalistin Ulrike Plapp stimmte in diesen kalten Tagen „Summertime“ an. Peter Knoche, der Bad Friedrichshaller Bürgermeister, ließ in seiner offiziellen Ansprache das Jahr 1996 Revue passieren. Er erinnerte an Friedrich Niethammer, den SPD-Fraktionsvorsitzenden in Heilbronn, der 1996 allzu früh verstorben ist. Er bezeichnete das Landtagswahlergebnis 1996 als ungerecht – so empfinde es der Durchschnittssozialdemokrat. Er prügelte ein wenig auf Arbeitgebern und CDU/FDP-Bundesregierung herum – und zur Überraschung aller Anwesenden nahm er sich dann auch noch die „Monopolpresse“, die Tageszeitung Heilbronner Stimme vor. Dem anwesenden Chefredakteur Dr. Wolfgang Bok schrieb er ins Stammbuch, daß er sich für 1997 in der Berichterstattung „mehr Ausgewogenheit und soziales Feingefühl“ wünsche. Die soziale Verpflichtung der Redaktion solle sich auch in den Kommentaren widerspiegeln. Das ist neu bei Presseempfängen im Unterland. Zensuren für Redakteure bei einem Empfang für die Journaille – das mutet seltsam an, zumal die Gegenrede sich ja aus Höflichkeit verbietet. Bei Podiumsdiskussionen oder ähnlichen Veranstaltungen mag das ja angehen. Aber so hätte der HSt-Chefredakteur eigentlich nur aufstehen müssen und antworten: „Jawoll, Herr Oberlehrer!“ – Hat er aber nicht. Gottseidank.

Laut und schön
Früher hat so mancher musikbegabte Zeitgenosse das Klavier aufgemacht und drauflos gespielt. Den „Fröhlichen Landmann“ beispielsweise, oder Schopäng-Etüden. Das ist aber lange her, die Finger haben Speck angesetzt. Und außerdem spielt heutzutage kein Mensch mehr Klavier. Heute spielt man Keyboards. Keyboards sind der Hit und vollelektronisch. Das merkt man, wenn man das Gerät in Betrieb nehmen will. Nichts rührt sich. Aus der Gebrauchsanweisung wird man für gewöhnlich auch nicht schlau, also ruft man einen Fachmann herbei. Der erklärt einem dann geduldig, daß das Teil zuallererst Saft, sprich Strom, braucht. Daraufhin fängt das Keyboard an zu leuchten. Wer aber denkt, daß er nun drauflosspielen könnte, hat geirrt. Es gibt da noch diverse Splittings und Presets, und geheimnisvolle Special-Effects, die noch eingerichtet werden müssen. Ferner benötigt man noch zwei längere Kabel mit Klinke, weil ohne Klinkenstecker keine Lautsprecher, und ohne Lautsprecher kein Sound. Die Kabel der Stereoanlage tun es fürs erste. Und so gegen Mitternacht ist das Keyboard betriebsbereit. Das heißt, noch nicht ganz, weil es mit dem Verstärker der Stereoanlage nur über einen Adapter kompatibel ist, und sich im ganzen Haus kein solcher Adapter finden läßt. Wozu auch. Bis gestern brauchte man noch keinen. Und im Keyboards-Fachgeschäft haben sie nicht danach gefragt. Kaufen sie sich doch, sagt da der Fachmann, gleich eine komplette Verstärkeranlage plus Boxen plus ein paar externe Effektgeräte. Das käme billiger – und er hätte da zufälligerweise einen Bekannten. Früher, sagen Sie, hätte man bloß das Klavier aufzumachen brauchen. Der Fachmann lächelt nachsichtig. Da hatte man auch kein komplettes Sinfonie-Orchester unter den Händen gehabt. Oder eine Big-Band. Oder ganze Konzertflügel. Vom Sound ganz zu schweigen. In Stereo, versteht sich, da fallen Ihnen die Ohren ab. Und überhaupt: Klavier alleine ist doch irgendwie langweilig.

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