Dr. Spöris
Rücktritt wegen Unfähigkeit
Der
Rücktritt kam eigentlich nicht überraschend. Auch wenn einige Genossen heute so
tun. Beim Neujahrsempfang der Sozialdemokraten im Heilbronner Kaffee-Haus Hagen
erzählte Dr. Dieter Spöri
Journalisten, daß man für seine Karriere alles geben müsse. Da gäbe es keine
Abstriche. Für seine Karriere hatte Spöri viel gegeben. Aber nicht alles. In
Heilbronn war in seiner Partei seit 1976 immer ein Grummeln darüber vorhanden,
daß er mit seiner Familie nie in die Käthchenstadt umgezogen war. Damit blieb der SPD-Spitzenpolitiker
Stadt und Menschen im Unterland immer ein
wenig unnahbar, wenn nicht gar fremd. Seine Gegenargument: Er könne
Politik für die Stadt auch dann machen, wenn er nicht ständig hier wohne. In
Bonn, zu seinen hohen Zeiten als Bundespolitiker, so erzählten einst seine
jungen Kollegen aus der SPD-Fraktion, habe einer von ihnen morgens immer an
Spöris Tür geklopft und gerufen, „Dieter, aufstehen, Karriere machen.“ Spöri
war damals ein Flick-Jäger, der SPD-Mann, der dem Finanzminister Gerhard
Stoltenberg Paroli bot. Die Rückkehr in die Provinz war ein sanfter Zwang
seiner Partei. Nach den Spitzenkandidaturen bei Bundestagswahlen im Lande lief
alles auf Dieter Spöri als Gegenspieler Lothar
Späths zu. Aber Spöri brachte seine Partei nicht voran, sondern rutschte
mit ihr immer tiefer: 1988 32 Prozent,
1992 unter 30 und 1996 25,1 Prozent. Als Wirtschaftsminister wurde er von
Unternehmern gelobt, bei seinen Genossen und
den Kollegen Gewerkschaftern mußte er jedoch harte Überzeugungsarbeit
leisten. Nicht mal seine Spitzenkandidatur 1996 war in der Partei unumstritten.
Im Vorfeld der Wahl wurden viele Namen gehandelt. Einer von ihnen war Ulrich
Maurer, der SPD-Landesvorsitzende. Diese quälende Diskussion war schon ein Teil
der Demontage des Politikers Spöri. Den Rest besorgte er selbst, indem er die
Schuld für das Wahldesaster voll auf sich nahm, sich danach ins Schweigen
zurückzog und jetzt den Schlußpunkt unter seine politische Karriere setzte.
Neujahrsempfang in Bananien
Der
Neujahrsempfang des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist eine fast schon
traditionelle Einrichtung. Austragungsort ist der große Saal im
Gewerkschaftshaus an der Gartenstraße Heilbronns, in dem früher das Heilbronner
Stadttheater beheimatet war. Da war es noch anheimelnd. Aber nach dem Umbau,
offenbar von einem Menschenverächter gestaltet, wirkt der Saal eher wie eine
Bahnhofshalle. Die Beleuchtung: schlicht
eine Katastrophe. Eine Behausung, in der man sich nicht länger als
notwendig aufhält. Verständlich, daß in dieser Umgebung Gereiztheit von Seiten
der Gewerkschafter unübersehbar und unüberhörbar war. Eingeladen hatte man auch die „politischen Gegner“ aus dem
Arbeitgeber-Lager, der IHK, der CDU und FDP. Und die bekamen bei diesem
Neujahrsempfang ordentlich ihr Fett ab. In privater Umgebung wäre ich
aufgestanden und hätte den Raum verlassen, wenn mich mein Gastgeber vor allen
anderen Eingeladenen derart beschimpft hätte. Aber privat ist privat, und
Politik ein Sau-Geschäft. Aber anständig blieben die Betroffenen sitzen, hörten
sich brav an, was ihnen um die Ohren geschlagen wurde, klatschten keinen
Beifall dazu – und führten danach beredsam Gespräche mit ihren „Gegnern“.
Business as usual. Ein Neujahrsempfang als Ersatzparteitag? Das ist reichlich
ungewöhnlich. Auch der Satz des Festredners Klaus Wiesehügel,
Bundesvorsitzender der IG Bauen-Agrar-Umwelt: „Die einen kämpfen ums tägliche
Überleben. Die anderen wissen mit ihrem Übermut nicht wohin.“ Auf Länder der
Dritten Welt trifft dieser Satz bestimmt zu. Auf Deutschland ihn zuzuschneiden,
dazu braucht es schon eine Kraftanstrengung, um die Optik zu knicken. Denn
Aussiedler, Asylbewerber und Arbeitslose wissen, daß hier niemand ums tägliche
Überleben kämpfen muß. Die Grundbedürfnisse sind durch den Staat abgesichert.
Deutschland ist keine Bananenrepublik. Aber man kann es dazu herabwürdigen.
Neckarsulm
vorn
Neckarsulm
wird offenbar zum Trendmacher in der Region. Oberbürgermeister Volker Blust hat
einen sehr ordentlichen Haushalt vorgelegt, in dem es keine Neuverschuldung
mehr gibt. Die anderen Gemeinden samt Heilbronn blicken neidisch auf die Autostadt an Sulm und Neckar. In
dieser Stadt tut sich viel. Das Audi-Werk strebt zu neuen Ufern und bringt
ordentlich Geld in die Stadtkasse, trotz Wechsel an der Spitze in Ingolstadt.
Die Audi-Werker machen sich Hoffnungen, daß ihr Standort konzernintern
mithalten kann, um neue Aufträge im Fahrzeugbau an Land zu ziehen, trotz
anhaltender Audi-Sparmaßnahmen. Und vor den Toren der Stadt entsteht ein
Großkino, das für die Innenstadt Heilbronns und die Planung am Berliner Platz
eine starke Konkurrenz darstellt. Leicht zu erreichende Parkplätze sind heute
das A und O für den Kunden. Um die Jahreswende und auch danach mußte ich
mehrmals miterleben, wie vor einem Heilbronner Haus der Unterhaltungselektronik
die Parkplätze im fliegenden Wechsel genutzt wurden und dabei sogar noch
Autoschlangen von nahezu 500 Meter Länge entstanden, die sich aber sehr schnell
bewegten – sprich auflösten. Ein solcher Ansturm würde in der Innenstadt Heilbronns
– trotz Parkhäuser – zu einem Verkehrschaos führen. Wir sind also mitten in
einem Wandel – da beißt die Maus keinen Faden mehr ab. Der Innenstadt-Kern Heilbronns und seine Geschäfte sind unübersehbar
einem Strukturwandel ausgesetzt, der von der Stadtverwaltung unterstützend
begleitet werden müßte. Nicht, indem noch mehr Verkehr aus der Innenstadt
herausgehalten wird, sondern im Gegenteil: Indem der Autoverkehr vernünftig und
schnell an die richtigen Handelsplätze geleitet wird. Heilbronn ist derzeit dafür
kein Vorbild, sondern ein abschreckendes Beispiel.
Hohenloher
Rebellen
Manche
behaupten ja, Hohenlohe sei für Baden-Württemberg das, was der Bayrische Wald
für unseren Nachbarstaat ist. Württembergisch-Sibirien nennen den rauhen Landstrich so manche
Großstädter. Zugegeben – es ist schon ein recht eigentümliches Völkchen dort
auf der Ebene. Einst feierte die NPD zur 68ger Landtagswahl im Hohenloher Land
ihre großen Erfolge. Auch die Republikaner waren in den vergangenen Jahren in
dieser Region nicht gerade erfolglos. Und im schönen, mittelalterlichen
Schwäbisch Hall, jener ehemaligen Salz-, Sieder- und Reichsstadt am Kocher,
gehen seit jeher die Wogen hoch, wenn es gilt, gegen die Obrigkeit zu Felde zu
ziehen. Mehr als 40 Prozent erreichte einst der Rebell vom Remstal Helmut Palmer gegen den jetzt aus dem
Amt scheidenden OB Karl Friedrich Binder. Auch ein eigentümlicher Jugendclub
namens alpha treibt als Relikt der sechziger Jahre in der spießigen Luft Halls
sein renitentes Wesen. Ebenso vermufft
und stehengeblieben im sozialistischen Sumpf jener Zeit, mit all den grünen
Verkleidungen, die heute so Mode sind, wie die PDS im Osten. Vor wenigen Wochen
wurde in Schwäbisch Hall der Bietigheimer Finanzbürgermeister Kurt Leibbrandt im zweiten Wahlgang mit
53 Prozent zum neuen Oberbürgermeister gewählt. Nach der Wahl hagelte es
Einsprüche, an der Rechtmäßigkeit der Wahl wurde gezweifelt, anonyme Anrufe der
übelsten Art erreichten den Gewählten. So ist’s halt Brauch bei diesem Völkchen
in jenem Landstrich. Entnervt zog Leibbrandt die Konsequenz und kündigte an,
sein Amt nicht antreten zu wollen. Wenige Stunden später teilte der designierte
OB jedoch mit, wenn man sich mit dem Wahlanfechter gütlich einige, dann wolle
er doch noch OB in Schwäbisch Hall werden. Aber der wollte nicht wie
Leibbrandt. Und jetzt haben die Haller ihren alten OB Binder wieder – und müssen erneut zur Wahl
schreiten. Das kostet. Warum auch mußten sich die Haller einen aufhalsen, der
ohne Not sein Amt vor dem Antritt schon beschädigen ließ. Genau das aber
wollten die Rebellen ja erreichen: Prüfen, ob der neue Mann den rauhen Winden
Hohenlohes gewachsen ist. Vielleicht wird diesmal der Eugen Höschele aus Heilbronn gewählt, wer weiß?
CDU-Bürgerempfang/Parteitag
Die CDU
wollte es diesmal ganz anders machen: Raus aus den Hotel- und
Gaststättenzimmern, hinein in die große Halle eines Unterländer Unternehmers.
Bei der Weinsberger Maschinenfabrik
Vollert hatte man eine große Halle gemietet, Biertische aufgestellt – und das
Volk strömte. Manche erinnerte der ganze
CDU-Bürgerempfang zum neuen Jahr mehr an einen kleinen Parteitag mit vielen
Reden. Stimmung, Gemütlichkeit, die zum regen Plausch und Gedankenaustausch
führt, kam da nicht auf. Einige prominente Gäste verließen während der
langanhaltenden Reden vorzeitig die Veranstaltung. Für die anderen Gäste gab`s
nach den Ansprachen und dem Eintopf aus der Gulaschkanone die Möglichkeit zu
einem Rundgang durch die Firma Vollert. Das regte zum Spott an. Denn viele
Gäste fragten sich, was dieser Empfang noch mit der CDU im Unterland zu tun
habe. Höhepunkt der Veranstaltung waren nicht die Reden von Thomas Strobl, dem Kreisvorsitzenden,
oder Günther Oettinger, dem CDU-Vorsitzenden der Landtagsfraktion in Stuttgart,
sondern die kurze Ansprache zum Schluß. Egon
Susset hatte sie wohlformuliert und engagiert vorgetragen – seinen Verzicht
auf eine erneute Kandidatur für die Bundestagswahl 1998 hatte er sich
geschickt für den Schlußteil seiner
Ansprache aufgehoben. Und dann ließ er die Stationen seiner Karriere Revue passieren,
die Häme seiner Gegner, die sich groß dünkten (insbesondere Erhard Eppler), die vielen Kandidaten
der SPD, die seit 1969 gegen ihn antraten und seit 1976 regelmäßig im Wahlkreis
Heilbronn den kürzeren zogen. Sussets Stärke liegt darin, daß er nicht
nachkartet, seine ehemaligen Gegner nicht
schlecht macht, sondern schlicht feststellt, daß er halt beim Wähler
besser angekommen und von ihm gewählt worden sei. Der Sieger benötigt keine
Pose, vor allem nicht bei uns im Unterland. Überflieger werden hier als solche
behandelt. Als sein Nachfolger für die Bundestagkandidatur wird schon der
CDU-Kreisvorsitzende Thomas Strobl gehandelt. Aber der muß sich erst mal in
seiner Partei durchsetzen. Auch Egon Susset hatte bei seiner ersten Kandidatur
einige Gegenkandidaten.
Café SPD mit Presse-Zensur
Ins Caféhaus
hatten die Genossen geladen, um dem Neujahrsempfang für die Unterländer Journalisten einen
angenehmen Rahmen zu verleihen. Manche Spötter meinten, die SPD habe damit den
Zug der Zeit erfaßt. Im Hawaii Heilbronns, einem verrufenen Viertel im Norden
Heilbronns, liegt das Kaffeehaus Hagen.
Während die Sektgläser klingen, setzen sich wenige Meter weiter Junkies den
Schuß oder wird türkisches Leben zelebriert. New York läßt grüßen. Die
Heilbronner SPD-Kreisvorsitzende Sibylle
Mösse-Hagen allerdings verweist auf die soziale und unternehmerisch mutige
Tat, die ihr Mann und sie mit der Errichtung
des Firmensitzes dort umgesetzt haben. Und es hatte wirklich Stil, was
die Genossinnen und Genossen mit ihrem Neujahrsempfang auf die Beine gestellt
hatten. Helmut Rohn, Lehrer und
SPD-Stadtrat in Heilbronn, spielte am Flügel auf. Die Heilbronner
Stimme-Journalistin Ulrike Plapp
stimmte in diesen kalten Tagen „Summertime“ an. Peter Knoche, der Bad Friedrichshaller Bürgermeister, ließ in seiner
offiziellen Ansprache das Jahr 1996 Revue passieren. Er erinnerte an Friedrich
Niethammer, den SPD-Fraktionsvorsitzenden in Heilbronn, der 1996 allzu früh
verstorben ist. Er bezeichnete das Landtagswahlergebnis 1996 als ungerecht – so
empfinde es der Durchschnittssozialdemokrat. Er prügelte ein wenig auf
Arbeitgebern und CDU/FDP-Bundesregierung herum – und zur Überraschung aller
Anwesenden nahm er sich dann auch noch die „Monopolpresse“, die Tageszeitung Heilbronner Stimme vor. Dem anwesenden
Chefredakteur Dr. Wolfgang Bok
schrieb er ins Stammbuch, daß er sich für 1997 in der Berichterstattung „mehr
Ausgewogenheit und soziales Feingefühl“ wünsche. Die soziale Verpflichtung der
Redaktion solle sich auch in den Kommentaren widerspiegeln. Das ist neu bei
Presseempfängen im Unterland. Zensuren für Redakteure bei einem Empfang für die
Journaille – das mutet seltsam an, zumal die Gegenrede sich ja aus Höflichkeit
verbietet. Bei Podiumsdiskussionen oder ähnlichen Veranstaltungen mag das ja
angehen. Aber so hätte der HSt-Chefredakteur eigentlich nur aufstehen müssen
und antworten: „Jawoll, Herr Oberlehrer!“ – Hat er aber nicht. Gottseidank.
Laut und
schön
Früher hat
so mancher musikbegabte Zeitgenosse das Klavier aufgemacht und drauflos
gespielt. Den „Fröhlichen Landmann“ beispielsweise, oder Schopäng-Etüden. Das
ist aber lange her, die Finger haben Speck angesetzt. Und außerdem spielt
heutzutage kein Mensch mehr Klavier. Heute spielt man Keyboards. Keyboards sind
der Hit und vollelektronisch. Das merkt man, wenn man das Gerät in Betrieb
nehmen will. Nichts rührt sich. Aus der Gebrauchsanweisung wird man für
gewöhnlich auch nicht schlau, also ruft man einen Fachmann herbei. Der erklärt
einem dann geduldig, daß das Teil zuallererst Saft, sprich Strom, braucht. Daraufhin
fängt das Keyboard an zu leuchten. Wer
aber denkt, daß er nun drauflosspielen könnte, hat geirrt. Es gibt da noch
diverse Splittings und Presets, und geheimnisvolle Special-Effects, die noch
eingerichtet werden müssen. Ferner benötigt man noch zwei längere Kabel mit
Klinke, weil ohne Klinkenstecker keine Lautsprecher, und ohne Lautsprecher kein
Sound. Die Kabel der Stereoanlage tun es fürs erste. Und so gegen Mitternacht
ist das Keyboard betriebsbereit. Das heißt, noch nicht ganz, weil es mit dem Verstärker
der Stereoanlage nur über einen Adapter kompatibel ist, und sich im ganzen Haus
kein solcher Adapter finden läßt. Wozu auch. Bis gestern brauchte man noch
keinen. Und im Keyboards-Fachgeschäft haben sie nicht danach gefragt. Kaufen
sie sich doch, sagt da der Fachmann, gleich eine komplette Verstärkeranlage
plus Boxen plus ein paar externe Effektgeräte. Das käme billiger – und er hätte
da zufälligerweise einen Bekannten. Früher, sagen Sie, hätte man bloß das
Klavier aufzumachen brauchen. Der Fachmann
lächelt nachsichtig. Da hatte man auch kein komplettes Sinfonie-Orchester
unter den Händen gehabt. Oder eine Big-Band. Oder ganze Konzertflügel. Vom
Sound ganz zu schweigen. In Stereo, versteht sich, da fallen Ihnen die Ohren
ab. Und überhaupt: Klavier alleine ist doch irgendwie langweilig.
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