Freitag, 21. März 2014

Kiliansmännle, 27.08.1997




Medienmarkt
In Berlin gibt es in den nächsten Tagen die Internationale Funkausstellung, bei der die neuen Geräte für Fernsehen, Rundfunk, Telefon und auch Computer vorgestellt werden. Die Fernseh- und Rundfunkmacher werden sich mit ihren reformierten Programmen dem Publikum präsentieren. Und landauf, landab wird in den Wochen- und Tageszeitungen derzeit viel über die Sättigungsgrenze geschrieben und in Politikerverlautbarungen gesprochen. Flurbereinigung ist das Stichwort. Denn viele Fernsehprogramme in Deutschland – vor allem auf dem privaten Sektor – werden vom Markt verschwinden. Die Einnahmen durch Werbung stagnieren. Die Zuschauer wollen im Durchschnitt auch nicht mehr so lange vor der Glotze sitzen. Werbung im Fernsehen ist flüchtig, nicht wiederholbar und für den Zuschauer oft auch nervend, wenn sie den schönen Spielfilm brutal auseinanderreißt. Das wissen die Werbetreibenden, das wissen die Programmacher. In Baden-Württemberg, das hat die letzte Media-Analyse gezeigt, ist der private Rundfunk noch immer im Hintertreffen. Günther H. Oettinger, der CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag meint, daß mit der Neuordnung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auch eine Stärkung der privaten Hörfunklandschaft einhergehen müsse. Eine Novelle zum Landesmediengesetz müsse sich zum Ziel setzen, das „eklatante Ungleichgewicht zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk in Baden-Württemberg“ zu beseitigen. Während sich die Reichweiten bundesweit auf ein Verhältnis von 50 zu 50 zubewegen, stagniere der Anteil des Privatfunks in Baden-Württemberg bei 30 Prozent. Oettinger dazu wörtlich:  „Das ganze ist sicherlich auch ein Problem der Frequenzverteilung.“ Eine Neufassung des Landesmediengesetzes mache deshalb nur dann Sinn, wenn sie im Zuge eines objektiven und umfassenden Frequenzgutachtens angegangen wird. Und deshalb stehen für ihn „Wettbewerbsfähigkeit und bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen für die Privaten Hörfunkveranstalter im Zentrum der angestrebten Gesetzesnovelle“. Fragt sich nur, wann die kommt. Denn der Markt verändert sich rasant. Vor allem jetzt, wo sich der neue Südwestrundfunk zu etablieren beginnt, der zweitgrößte Sender in Deutschland.     

Heilbronner Weindorf
Bald ist es wieder soweit, wenn es in Heilbronn heißt „Weindorf rund ums Rathaus“. Dann kommen die Weinkenner und andere Weintrinker wieder voll auf ihre Kosten. Manche steigen aber voll um: Vom traditionellen Zehntelesgläschen auf die Ein-Liter-Probierflasche. Aber die meisten bleiben dem kleinen Gläschen treu und genießen unseren edlen Württemberger Wein schluckweise. Für viele Bewohner der Heilbronner Innenstadt ist das Weindorf ein guter Grund, in dieser Zeit den Jahres-Urlaub zu buchen. Nix wie weg heißt die Devise – und hoffen, daß das Hab und Gut unversehrt bleibt. Denn alle Jahre wieder kommt es vor, daß zahlreiche Weinflaschen, auch Schaufenster zu Bruch und mancher Kopf angeschlagen ist. Für viele ist es reichlich erschreckend, wie die Kaiserstraße nach einer Weindorfnacht aussieht. Gestank, kaputte Gläser und Flaschen – und manch Alkohol-Schläfer vor der Kilianskirche. Obwohl genügend Häuser zur Verrichtung der Notdurft aufgestellt sind, lassen so manche Besucher ihr Wässerlein in einer stillen Ecke ab. Selbst Kirchen werden dabei ungeniert angepinkelt. Gewalttätigkeiten zwischen Weindorfbesuchern kommen nicht häufig, aber gelegentlich vor. Man geht aggressiven Trinkern am besten aus dem Wege. Läßt sie einfach links liegen. Rund 300.000 Menschen besuchen das Heilbronner Weindorf und finden dort über 200 Weine vor. Vor allem zum Probieren. Wohlfühlen, Gemütlichkeit lautet die Heilbronner Devise. Und um den alljährlichen Scherbenhaufen zu verhindern, sollte endlich mal Pfand gezahlt werden. Für jede Weinflasche zehn Mark. Da wird der Scherbenhaufen für den Verursacher teuer – und er überlegt sich vielleicht, ob er fallen läßt, was er da grad geleert in seiner Hand hält. Aus schwäbischen Sparsamkeitsgründen.       

Berliner Urteile
Der letzte Staatsratsvorsitzende und SED-Generalsekretär der DDR, Egon Krenz, wurde am Montag in Berlin wegen der Schüsse an der Mauer und am Eisernen Vorhang zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Für all jene in Deutschland, die immer meinen, die Kleinen hängt man, die Großen läßt man laufen, dürfte dieses Urteil eine Genugtuung sein – und ein Schritt in die Richtung zu mehr Gerechtigkeit, auch wenn das Gericht weit unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft geblieben ist. Der wirre Krenz Satz, daß er stellvertretend für jene verurteilt werde, die ihr Leben in der DDR nicht kriminalisieren lassen wollen, ist mehr als abstrus. Die Taktik kennen wir. Die Täter wollen alle mit in ein Boot ziehen, die einst in der DDR lebten. Nach dem Motto: Mitgefangen, Mitgehangen. Krenz und seine SED-Konsorten hatten die Opfer an Mauer und Stacheldraht zu Kriminellen gemacht, jene Menschen die nur natürlich Menschenrechte für sich in Anspruch nahmen, ungehindert die Grenze von Ost nach West passieren, Freizügigkeit erzwingen wollten. Die „DDR-Verbrecher“, die Opfer, wurden jetzt rehabilitiert. Sie wurden zu Opfern von Verbrechern. Und die Verbrecher, die sich in Gewänder von Staatsmännern gehüllt hatten, vom Gericht entlarvt. Es war kein Akt der Siegerjustiz, was in Berlin geschah, sondern nach DDR-Recht wurden jene abgeurteilt, die Verbrechen begangen hatten. Denn allen muß der schlichte Grundsatz klar sein: Man schießt nicht auf Menschen. Peinlich an der Geschichte ist, daß der ehemalige KPdSU-Chef Michail Gorbatschow jetzt seinem Genossen lamentierend zur Hilfe kam. Wer bis heute zu Recht die Verbrechen der Nazis in Deutschland verfolgt, der darf vor den Verbrechen des roten Terrors  in der DDR nicht bagatellisieren.

Goethe und Heilbronn
Goethe was here. So könnte man lässig die Geschichte umschreiben, die sich in den nächsten Tagen in Heilbronn abspielen wird, wenn mit einer Kutschfahrt zum Wartberg der Aufenthalt des Dichterfürsten am 27. und 28. August 1797 in Heilbronn festlich und literarisch begangen wird. Die Stadtbücherei Heilbronn unter ihrem agilen Direktor Günther Emig hat jetzt ein wertvoll aufgemachtes, rund 50 Seiten starkes Büchlein herausgegeben, in dem der Goethe-Aufenthalt in Heilbronn reichbebildert dokumentiert wird. In Heilbronn beging der wohlbeleibte Dichter aus Weimar am 28. August 1797 seinen 48. Geburtstag. Und schrieb seiner Lebensgefährtin Christiane Vulpius über die Stadt im Vergleich zu Heidelberg: „Sie liegt gleichfalls am Neckar, hat aber die schöne fruchtbare Ebene vor sich und im Rücken sehr weit ausgebreitete Weinberge. Da ich ein artiges Zimmer habe, so werde ich mich wohl verleiten lassen, morgen noch da zu bleiben.“ – Seine Reise, die er am 30. Juli 1797 begann, führte ihn in die Schweiz. Die Tour dauerte bis in die zweite Novemberhälfte 1797 und ist als „Dritte Schweizer Reise“ in die Literatur eingegangen. In seinem Reisetagebuch notiert Johann Wolfgang Goethe über die Stadt Heilbronn: „Die Hauptstraßen sind meistens rein; aber die kleineren, besonders nach den Mauern zu, schienen hauptsächlich von Gärtnern und Ackerleuten bewohnt zu seyn. Die Straße dient jedem kleinen Hausbesitzer zum Misthof; Ställe und Scheunen, alles ist dort, jedoch nur kleine und von jedem einzelnen Besitzer zusammen gedrungen.“ – Und an anderer Stelle bemerkt der Dichter: „Die Menschen sind durchaus höflich und zeigen in ihrem Betragen eine gute natürlich stille bürgerliche Denkart. Es werden keine Juden hier gelitten.“ – Wie sich die Zeiten ändern. Hundert Jahre später wurde an der Hauptstraße Allee, dort wo sich heute die Kinos zwischen Hauptpost und Stimme befinden, eine prächtige Synagoge gebaut. Jetzt, weitere hundert Jahre später, streitet man heftig, ob eine Moschee gebaut werden darf. So ändern sich die Zeiten. Aber daß man 1797 in Heilbronn keine Juden duldete, das war mir neu. Schlag nach bei Goethe.     

Übermenschen
1945 erlebte das Großdeutsche Reich seine Götterdämmerung. Windige Figuren, die sich als Staatsmänner gerierten – zum Beispiel ein rauschgiftsüchtiger Fettsack, ein kleiner Mann mit Klumpfuß und ein österreichischer Caféhaus-Ideologe mit Schuhbürstenbart – versanken nach zwölf Jahren politischem Delirium samt ihrem Reich in Schutt und Asche. Auf Schulden, Lug und Trug hatten sie eine Herrenmenschen-Gesellschaft gründen wollen. Die Nachwirkungen sind bis heute in Deutschland spürbar und erlebbar – auch für die zweite und dritte nachgeborene Generation. Wie eine Karikatur wirkt heute das Herrenmenschgefasel, von den blonden und blauäugigen Männern und ihren streng bezopften züchtigen Germanen-Weibern. Dabei wußte man damals schon, daß diese weißhäutigen Idole aus dem lichtarmen Norden nicht gerade zu den widerstandsfähigen Menschentypen zu zählen sind. Juden, ob nun dunkel- oder hellhäutig, blond oder schwarz, blau- oder braunäugig waren für die Nazis die Untermenschen – und nicht nur sie. Das hatte grausame Massenmord-Folgen. Derzeit treibt die Herrenmensch-Ideologie seltsame Blüten. Was sich da heute bei Nazi-Aufmärschen oder Neonazi-Parteien tummelt, entspricht nicht im Ansatz jenem Germanentyp, den sich die Rassisten des Dritten Reiches ausgemalt hatten. Im Gegenteil: Bierbäuchig, stiernackig, feist und glatzig grölt uns die auferstandene Herrenmensch-Ideologie entgegen. Dumpf gewappnet gegen alles, was Ausland scheint. Und bei manchen Linken und Liberalen sind dagegen die verfolgten, ermordeten und verfemten „Untermenschen“ der Nazis zu neuen Herrenmenschen aufgestiegen. Alles, was jüdisch ist, wird mit hymnischer Bewunderung hochgejubelt. Für Elias Canetti sind die Philosemiten schlicht die andere Seite der Medaille des Antisemitismus. Und Henryk M. Broder beschreibt sehr anschaulich, wie einige linksradikale Töchter aus bürgerlichen Nazihaushalten mit glühender Verehrung nach Israel pilgerten, am liebsten konvertiert wären und auf eine abstruse Art jüdischer waren als viele Israelis. Es wird offenbar noch einige Jahre dauern, bis bei uns erkannt wird, daß die Menschen gleich sind, im Guten wie im Bösen, welchem Glauben sie auch angehören mögen, ob Christen, Juden oder Moslems. Wir in Deutschland sollten uns hüten, neue Herrenmenschen zu kreieren. Ob von links oder rechts. Rassismus ist absolut out.

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