Medienmarkt
In
Berlin gibt es in den nächsten Tagen die Internationale Funkausstellung, bei
der die neuen Geräte für Fernsehen, Rundfunk, Telefon und auch Computer
vorgestellt werden. Die Fernseh- und Rundfunkmacher werden sich mit ihren
reformierten Programmen dem Publikum präsentieren. Und landauf, landab wird in
den Wochen- und Tageszeitungen
derzeit viel über die Sättigungsgrenze geschrieben und in
Politikerverlautbarungen gesprochen. Flurbereinigung ist das Stichwort. Denn
viele Fernsehprogramme in Deutschland
– vor allem auf dem privaten Sektor – werden vom Markt verschwinden. Die
Einnahmen durch Werbung stagnieren. Die Zuschauer wollen im Durchschnitt auch
nicht mehr so lange vor der Glotze sitzen. Werbung im Fernsehen ist flüchtig,
nicht wiederholbar und für den Zuschauer oft auch nervend, wenn sie den schönen
Spielfilm brutal auseinanderreißt. Das wissen die Werbetreibenden, das wissen
die Programmacher. In Baden-Württemberg, das hat die letzte Media-Analyse
gezeigt, ist der private Rundfunk noch immer im Hintertreffen. Günther H. Oettinger, der
CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag meint, daß mit der Neuordnung des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks auch eine Stärkung der privaten
Hörfunklandschaft einhergehen müsse. Eine Novelle zum Landesmediengesetz müsse
sich zum Ziel setzen, das „eklatante Ungleichgewicht zwischen
öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk in Baden-Württemberg“ zu
beseitigen. Während sich die Reichweiten bundesweit auf ein Verhältnis von 50
zu 50 zubewegen, stagniere der Anteil des Privatfunks in Baden-Württemberg bei
30 Prozent. Oettinger dazu wörtlich:
„Das ganze ist sicherlich auch ein Problem der Frequenzverteilung.“ Eine
Neufassung des Landesmediengesetzes mache deshalb nur dann Sinn, wenn sie im
Zuge eines objektiven und umfassenden Frequenzgutachtens angegangen wird. Und
deshalb stehen für ihn „Wettbewerbsfähigkeit und bessere wirtschaftliche
Rahmenbedingungen für die Privaten Hörfunkveranstalter im Zentrum der
angestrebten Gesetzesnovelle“. Fragt sich nur, wann die kommt. Denn der Markt verändert sich rasant.
Vor allem jetzt, wo sich der neue Südwestrundfunk zu etablieren beginnt, der
zweitgrößte Sender in Deutschland.
Heilbronner
Weindorf
Bald
ist es wieder soweit, wenn es in Heilbronn heißt „Weindorf rund ums Rathaus“.
Dann kommen die Weinkenner und andere Weintrinker wieder voll auf ihre Kosten.
Manche steigen aber voll um: Vom
traditionellen Zehntelesgläschen auf die Ein-Liter-Probierflasche. Aber die
meisten bleiben dem kleinen Gläschen treu und genießen unseren edlen
Württemberger Wein schluckweise. Für viele Bewohner der Heilbronner Innenstadt
ist das Weindorf ein guter Grund, in dieser Zeit den Jahres-Urlaub zu buchen.
Nix wie weg heißt die Devise – und hoffen, daß das Hab und Gut unversehrt
bleibt. Denn alle Jahre wieder kommt es vor, daß zahlreiche Weinflaschen, auch
Schaufenster zu Bruch und mancher Kopf angeschlagen ist. Für viele ist es
reichlich erschreckend, wie die Kaiserstraße nach einer Weindorfnacht aussieht.
Gestank, kaputte Gläser und Flaschen – und manch Alkohol-Schläfer vor der
Kilianskirche. Obwohl genügend Häuser zur Verrichtung der Notdurft aufgestellt
sind, lassen so manche Besucher ihr
Wässerlein in einer stillen Ecke ab. Selbst Kirchen werden dabei ungeniert
angepinkelt. Gewalttätigkeiten zwischen Weindorfbesuchern kommen nicht häufig,
aber gelegentlich vor. Man geht aggressiven Trinkern am besten aus dem Wege.
Läßt sie einfach links liegen. Rund 300.000 Menschen besuchen das Heilbronner
Weindorf und finden dort über 200 Weine vor. Vor allem zum Probieren.
Wohlfühlen, Gemütlichkeit lautet die Heilbronner Devise. Und um den
alljährlichen Scherbenhaufen zu verhindern, sollte endlich mal Pfand gezahlt
werden. Für jede Weinflasche zehn Mark. Da wird der Scherbenhaufen für den
Verursacher teuer – und er überlegt sich vielleicht, ob er fallen läßt, was er
da grad geleert in seiner Hand hält. Aus schwäbischen Sparsamkeitsgründen.
Berliner
Urteile
Der
letzte Staatsratsvorsitzende und SED-Generalsekretär der DDR, Egon Krenz, wurde am Montag in Berlin
wegen der Schüsse an der Mauer und am Eisernen Vorhang zu sechseinhalb Jahren
Haft verurteilt. Für all jene in Deutschland, die immer meinen, die Kleinen
hängt man, die Großen läßt man laufen, dürfte dieses Urteil eine Genugtuung
sein – und ein Schritt in die Richtung zu mehr Gerechtigkeit, auch wenn das
Gericht weit unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft geblieben ist. Der
wirre Krenz Satz, daß er stellvertretend für jene verurteilt werde, die ihr
Leben in der DDR nicht kriminalisieren lassen wollen, ist mehr als abstrus. Die Taktik kennen wir. Die Täter wollen
alle mit in ein Boot ziehen, die einst in der DDR lebten. Nach dem Motto: Mitgefangen, Mitgehangen. Krenz und
seine SED-Konsorten hatten die Opfer an Mauer und Stacheldraht zu Kriminellen
gemacht, jene Menschen die nur natürlich Menschenrechte für sich in Anspruch
nahmen, ungehindert die Grenze von Ost nach West passieren, Freizügigkeit
erzwingen wollten. Die „DDR-Verbrecher“, die Opfer, wurden jetzt rehabilitiert.
Sie wurden zu Opfern von Verbrechern. Und die Verbrecher, die sich in Gewänder
von Staatsmännern gehüllt hatten, vom Gericht entlarvt. Es war kein Akt der
Siegerjustiz, was in Berlin geschah, sondern nach DDR-Recht wurden jene
abgeurteilt, die Verbrechen begangen hatten. Denn allen muß der schlichte
Grundsatz klar sein: Man schießt nicht auf Menschen. Peinlich an der Geschichte
ist, daß der ehemalige KPdSU-Chef Michail
Gorbatschow jetzt seinem Genossen lamentierend zur Hilfe kam. Wer bis heute
zu Recht die Verbrechen der Nazis in Deutschland verfolgt, der darf vor den
Verbrechen des roten Terrors in der DDR
nicht bagatellisieren.
Goethe und
Heilbronn
Goethe was
here. So könnte man
lässig die Geschichte umschreiben, die sich in den nächsten Tagen in Heilbronn
abspielen wird, wenn mit einer Kutschfahrt
zum Wartberg der Aufenthalt des Dichterfürsten am 27. und 28. August 1797 in Heilbronn festlich und literarisch
begangen wird. Die Stadtbücherei Heilbronn unter ihrem agilen Direktor Günther
Emig hat jetzt ein wertvoll aufgemachtes, rund 50 Seiten starkes Büchlein
herausgegeben, in dem der Goethe-Aufenthalt in Heilbronn reichbebildert
dokumentiert wird. In Heilbronn beging der wohlbeleibte Dichter aus Weimar am
28. August 1797 seinen 48. Geburtstag. Und schrieb seiner Lebensgefährtin Christiane Vulpius über die Stadt im
Vergleich zu Heidelberg: „Sie liegt gleichfalls am Neckar, hat aber die schöne
fruchtbare Ebene vor sich und im Rücken sehr weit ausgebreitete Weinberge. Da
ich ein artiges Zimmer habe, so werde ich mich wohl verleiten lassen, morgen
noch da zu bleiben.“ – Seine Reise, die er am 30. Juli 1797 begann, führte ihn
in die Schweiz. Die Tour dauerte bis in die zweite Novemberhälfte 1797 und ist
als „Dritte Schweizer Reise“ in die Literatur eingegangen. In seinem
Reisetagebuch notiert Johann Wolfgang Goethe über die Stadt Heilbronn: „Die
Hauptstraßen sind meistens rein; aber die kleineren, besonders nach den Mauern
zu, schienen hauptsächlich von Gärtnern und Ackerleuten bewohnt zu seyn. Die
Straße dient jedem kleinen Hausbesitzer zum Misthof; Ställe und Scheunen, alles
ist dort, jedoch nur kleine und von jedem einzelnen Besitzer zusammen
gedrungen.“ – Und an anderer Stelle bemerkt der Dichter: „Die Menschen sind
durchaus höflich und zeigen in ihrem Betragen eine gute natürlich stille
bürgerliche Denkart. Es werden keine
Juden hier gelitten.“ – Wie sich die Zeiten ändern. Hundert Jahre später
wurde an der Hauptstraße Allee, dort wo sich heute die Kinos zwischen Hauptpost
und Stimme befinden, eine prächtige Synagoge gebaut. Jetzt, weitere hundert
Jahre später, streitet man heftig, ob eine Moschee gebaut werden darf. So
ändern sich die Zeiten. Aber daß man 1797 in Heilbronn keine Juden duldete, das
war mir neu. Schlag nach bei Goethe.
Übermenschen
1945 erlebte
das Großdeutsche Reich seine Götterdämmerung. Windige Figuren, die sich als
Staatsmänner gerierten – zum Beispiel ein rauschgiftsüchtiger Fettsack, ein
kleiner Mann mit Klumpfuß und ein österreichischer Caféhaus-Ideologe mit
Schuhbürstenbart – versanken nach zwölf Jahren politischem Delirium samt ihrem
Reich in Schutt und Asche. Auf Schulden,
Lug und Trug hatten sie eine Herrenmenschen-Gesellschaft gründen wollen.
Die Nachwirkungen sind bis heute in Deutschland spürbar und erlebbar – auch für
die zweite und dritte nachgeborene Generation. Wie eine Karikatur wirkt heute
das Herrenmenschgefasel, von den blonden und blauäugigen Männern und ihren
streng bezopften züchtigen Germanen-Weibern. Dabei wußte man damals schon, daß
diese weißhäutigen Idole aus dem lichtarmen Norden nicht gerade zu den
widerstandsfähigen Menschentypen zu zählen sind. Juden, ob nun dunkel- oder
hellhäutig, blond oder schwarz, blau- oder braunäugig waren für die Nazis die
Untermenschen – und nicht nur sie. Das hatte grausame Massenmord-Folgen.
Derzeit treibt die Herrenmensch-Ideologie seltsame Blüten. Was sich da heute
bei Nazi-Aufmärschen oder Neonazi-Parteien tummelt, entspricht nicht im Ansatz
jenem Germanentyp, den sich die Rassisten des Dritten Reiches ausgemalt hatten.
Im Gegenteil: Bierbäuchig, stiernackig,
feist und glatzig grölt uns die auferstandene Herrenmensch-Ideologie entgegen.
Dumpf gewappnet gegen alles, was Ausland scheint. Und bei manchen Linken und
Liberalen sind dagegen die verfolgten, ermordeten und verfemten „Untermenschen“
der Nazis zu neuen Herrenmenschen aufgestiegen. Alles, was jüdisch ist, wird
mit hymnischer Bewunderung hochgejubelt. Für Elias Canetti sind die
Philosemiten schlicht die andere Seite der Medaille des Antisemitismus. Und
Henryk M. Broder beschreibt sehr anschaulich, wie einige linksradikale Töchter
aus bürgerlichen Nazihaushalten mit glühender Verehrung nach Israel pilgerten,
am liebsten konvertiert wären und auf eine abstruse Art jüdischer waren als
viele Israelis. Es wird offenbar noch einige Jahre dauern, bis bei uns erkannt
wird, daß die Menschen gleich sind, im Guten wie im Bösen, welchem Glauben sie
auch angehören mögen, ob Christen, Juden oder Moslems. Wir in Deutschland
sollten uns hüten, neue Herrenmenschen zu kreieren. Ob von links oder rechts. Rassismus ist absolut out.
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