Donnerstag, 13. März 2014

Kiliansmännle, 01.01.1997


Rückblick

In diesen Tagen vor dem Jahreswechsel blickt man auch in der Redaktion des Neckar Express zurück. Ich hatte schon gesagt, daß rund 365 Kolumnen „‘s Kiliansmännle“ 1996 erschienen sind, dazu 52 Interviews unter der Überschrift „Nachgefragt“, 50 „Menschen unter uns“ (in denen Leute aus der Region knappe Auskünfte in einem Satz über sich gaben) und 35 „Vorgestellt“ (in denen Personen des Zeitgeschehens vorgestellt wurden). Im Meinungsexpress wurden im zu Ende gehenden Jahr insgesamt 270 Personen aus dem Unterland zu 52 verschiedenen Themen auf der Straße befragt, fotografiert und ins Blatt gesetzt. Außerdem erschienen im Neckar Express 52 schwäbische Witzle, mehr als 52 Verlosungen für die Leser. Da kommt schon einiges zusammen, bei einem Jahresrückblick. Vielleicht gibt es im Jahre 1997 ein Büchlein mit ausgesuchten Betrachtungen vom Kiliansmännle – oder im Jubiläumsjahr des Neckar Express 1998, wenn das Wochenblatt seinen 25. Geburtstag feiern kann. Wer weiß, wer weiß! Bis dahin muß aber noch fleißig in den Computer getippt werden, damit wöchentlich erscheinen kann, was die Bürger von ihrem Neckar Express erwarten: ein unterhaltsames Blatt, das mittwochs im Laufe des Nachmittags druckfrisch im Briefkasten steckt.


Was wird?
Umfragen zeigen momentan deutlich, daß die Bürger im Jahre 1997 keine wirtschaftliche Besserung erwarten. Die Krise in Deutschland hält an. Warum sollten die Bürger bei steigenden Steuern und Abgaben eine Wende zum Positiven annehmen? Beim Weihnachtsempfang der Arbeitgeber im Foyer des Stadttheaters Heilbronn waren auch nicht gerade zuversichtliche Töne vernehmbar. Klagen also allenthalben, von der Gewerkschaften, den Unternehmern, den Politikern – links oder rechts. Und in diese Krisenstimmung platzt ein Skandal nach dem anderen hinein. Vor allem bei uns im Unterland. Das Jahr 1996 war übersät davon. Und die Aufarbeitung des Rathaus-, des Bechstein- oder Pendolino-Skandals ist erst am Anfang. Auch 1997 wird die Öffentlichkeit Antworten bekommen, nach denen sie nie gefragt hat. Wenn das, was 1996 an die Oberfläche gespült wurde, nur ein geringer Teil dessen ist, was noch an Skandalösem im schlickigen Sumpf verborgen ist, dann kommt einiges auf uns zu. Und wenn das, was uns an Skandalen serviert wurde nur ein Teil von Ganzen sein sollte, dann ist es um den Ruf der Wirtschaftsregion Heilbronn nicht gerade zum besten bestellt. Wenn ich mich so umhöre, dann bemerke ich: Es stinkt den Leuten bei uns in der Region gewaltig. Sie wollen einen Neuanfang. Mit möglichst neuen Köpfen. Manche sprechen auch laut und deutlich davon, daß die alten Seilschaften weg müssen. Wenn nachgefragt wird, dann werden allerdings kaum Namen genannt. Aber sicher ist: Der große Wechsel in vielen Amts-, Firmen- oder Verbandsspitzen wird noch vor der Jahrtausendwende erfolgen. Ob sich damit etwas zum Besseren wendet, das ist noch die Frage. Denn nicht nur Einzelpersonen gestalten unser Schicksal, sondern der Geist, den alle verbreiten. Das Lähmende, das sich wie Mehltau über die Landschaft gelegt hat, muß weg.



Tod einer Ente

Ein Erlebnis der ganz besonderen Art hatten Jungen und Mädchen aus Abstatt und Happenbach einen Tag vor Heiligabend. Schlittenfahren waren die Kinder. Doch dann fielen Schüsse. Eine Jagdgesellschaft aus Abstatt jagte Enten, nicht weit weg von den Schlittenfahrern. Einer der Vögel überlebt die Hatz leicht verletzt. Er fiel zwar vom Himmel, aber der Kinderschar vor die Füße. Mit fachmännischem Blick erkannte einer der Buben: ,,Das Tier kann wieder gesund gepflegt werden. Mein Vater macht das, der versteht etwas davon.“ Wer nun denkt, dem Erpel sei ein zweites Leben gegeben, der wird enttäuscht. Kaum hatte der Junge das gefiederte Tier auf dem Arm, stapfte auch schon ein Waidmann heran und schnappte sich die verletzte Ente. Auf Bitten der Kinder, das Tier doch leben zu lassen, reagierte der Entenjäger so: Mit einem Knüppel schlug er dem Erpel mehrmals auf den Kopf. Blut spritzte in den Schnee. Kreischend vor Angst und geschockt flüchteten die Mädchen. Völlig fassungslos blieben die Jungen stehen. Der Ententöter machte sich mit seinem Opfer davon. Von Tierquälerei möchte ich hier nicht reden, aber etwas mehr Feingefühl kann man wohl von einer Jagdgesellschaft erwarten. Und zu fragen ist, ob solche Menschen zu Recht einen Waffenschein besitzen. Gedanken sollte sich wohl auch der Gemeinderat von Abstatt darüber machen, ob die Jagdpacht da in den richtigen Händen ist. Denn der Ausrichter einer Jagd ist nun mal auch für die Beteiligten an einer solchen Jagd verantwortlich. Verwunderlich ist es auch nicht, daß nach solchen Schockerlebnissen militante Tierschutzorganisationen immer mehr Zulauf von jungen Leuten erhalten. Die betroffenen Kinder waren sich einig: Der Entenbraten möge dem „Entenjäger“ im Halse stecken bleiben!



Klirrende Eiszeit

Vor Jahr und Tag – oder irgendwann in den letzten Monaten muß es gewesen sein: Da las und hörte ich fortwährend, daß unsere Winter nichts als grünangestrichene Sommer wären. Katastrophenszenarien wurden von sogenannten Wetter-Experten gemalt. Und jetzt das: Seit Tagen schon nichts als frostige Kälte. Die Nächte meistens weit unter zehn Grad minus. Und am Tage wird es auch nicht viel wärmer. Offensichtlich wird nicht viel daraus, daß bei uns sizilianische Temperaturen einkehren. Im Gegenteil. Der Nordpol kehrt zurück. Spaß beiseite. Unsere Katastrophenmaler, die uns alle schon im atomaren Krieg verbrennen, in der Sahara-Glut verdursten oder im abgeschmolzenen Pole-Wasser ertrinken sahen, müssen sich im Zeitablauf geirrt haben. Nun, viele von denen glaubten ja auch, daß der Kommunismus sich zum Besseren wandeln würde, Saddam Hussein nicht den Golf-Krieg verursacht hätte oder Erich Honnecker ein bedeutender deutscher Staatsmann sei.  Die jüngste Geschichte lehrt: Es war ein wenig anders als die „Gutmenschen“ in ihrer Rechthaberei wahrhaben wollten. Jetzt aber ist Eiszeit im Ländle. Das Salz im Unterland reichte nicht, um die vielen Straßen vom Schnee und Eis zu befreien. Den Auto-Reparaturwerkstätten geht es auch nicht wie vor Jahr und Tag, müssen sich da einige Mitleidvolle in unseren Rathäusern gedacht haben und überließen es der strengen winterlichen Natur und dem Hoch „Tom“, Kunden mit kleinen oder großen Blechschäden in die Werkstätten zu befördern. Aber wie ich beobachten konnte, haben die meisten der Autolenker sich den Umständen angepaßt, sind äußerst vorsichtig über die eisglatten Straßen gerutscht. Ich weiß ja, in allen Städten und Gemeinden wird von den Bürgern genau geprüft, ob die Straßen, in denen die Bürgermeister wohnen, vom Eise durch kommunale Räumfahrzeuge befreit sind, während die Straße vor dem eigenen Haus noch spiegelglatt ist. Ich konnte es leider nicht nachprüfen – hier oben auf dem Turm. Bin derzeit festgefroren.



Rebellen im Sport

Was war das früher doch einfach: Matte wachsen lassen bis auf die Schultern, silbergrauer Jaguar vor der Tür, Discos Nacht für Nacht – und fertig war der Rebell. Immer motzig, Stänkerer wo es nur geht. Hat zwar nichts bewirkt, fördert aber das medienwirksame Image des „Rebellen“. Wenigstens durch Äußerlichkeiten haben sich einige von anderen abgehoben, haben durch Betonung der Eigenständigkeit den Horizont ihres Berufsstandes als Sportler erweitern können. Aber wer einen Bums im Fuß beziehungsweise im Arm hat, oder über andere besondere Eigenschaften verfügt, der muß nicht zwangsläufig einen Bums im Kopf haben. Muß nicht – kann aber! Mit den vermeintlichen Rebellen der Neuzeit verhält es sich nämlich so, daß sie im Grunde nur ihre Sehnsucht erfüllen wollen. Gerade der Sport, moralversessen, traditionalistisch, konservativ auf seine Regeln beharrend, schreit förmlich nach den Aufmüpfigen, den Widerborstigen, den Querdenkern. Nach denen, die alle Autorität in Frage stellen, die alles Unzweifelhafte anzweifeln, die alles Selbstverständliche kritisch unter die Lupe nehmen. Und die Sportschlagseiten werden nur von Krakeelern und Schreihälsen gefüllt, nicht aber von denen, die leise nachdenken. Dies kann auf keinen Fall Rebellion bedeuten. Aber zum Glück gibt es auch andere. Persönlichkeiten, deren Worte selten laut, weit mehr Gewicht im deutschen Sport haben, als das Gebrüll der Schreihälse. Selten aber vorhanden. Auch sollte noch gesagt werden: Nicht jeder Flegel ist ein Rebell.

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