Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 08.10.1997




Deutsche Einheit
Langsam aber sicher bewegen wir uns von Einheitsgeschwätz weg in Richtung realistische Betrachtungsweise. In der alten Bundesrepublik faselte niemand von Einheit zwischen Ostfriesen und Bewohnern des bayrischen Waldes. Im Höchstfall wurden deftige Witze über die Bewohner dieser beiden deutschen Landstriche gemacht. Warum also dieses seltsame Pathos, wenn Mecklenburger, Pommern, Brandenburger, Schlesier oder Sachsen wieder in die Bundesrepublik eingegliedert sind. Da tappt ein wenig der alte Geist durch die Politik, von rechts bis links, der uns schon in den Dreißiger Jahren mehr als plagte. Selbst in Baden-Württemberg sind die Unterschiede zwischen Badenern, Württembergern, Rhein-Pfälzern, Hohenlohern immer noch hör- und sehbar. Auch gibt es bei uns im Ländle die unterschiedlichsten Strukturen im wirtschaftlichen Leben der einzelnen Regionen. Warum sollte das im ganzen Deutschland anders sein? Und warum sollten die Verhältnisse mit Zwang und riesigen Transferleistungen angeglichen werden? Es wächst zusammen, was zusammengehört. In Berlin sehen wir, daß zusammenwuchert, was zu lange getrennt war. Ob dabei was gutes herauskommt, das werden wir erst in einigen Jahren feststellen können. Die Berliner Bauwut gehört zur Geschichte dieser Stadt, die von 1871 bis 1945 deutsche Hauptstadt war. Im Süden übrigens nicht besonders beliebt. ich hoffe nur, daß die Berliner Republik, nicht in nationalistische Töne und Handlungsweisen verfällt, wenn erst einmal die Regierung umgezogen ist. Und der Größenwahnsinn, die Verlogenheit und Selbstherrlichkeit, die von dieser Stadt ausging, solange dort regiert wurde, ob monarchistisch, nationalsozialistisch oder kommunistisch, sollte nicht wiederkehren. Bei einer Hauptstadt Berlin müssen die Deutschen besonders wachsam sein, wie die Geschichte lehrt. Im Sumpf einer Millionenstadt wuchern die seltsamsten Blüten. Deshalb muß das neue Regierungsleben an der Spree besonders kontrolliert werden. Dank der demokratischen Tradition der Bonner Republik ist mir da nicht bange. Aber das Umfeld von Berlin hat rund 70 Jahre Diktatur hinter sich – und erst sieben Jahre Demokratie. Da gilt es besonders wachsam sein.
                
Raub der Töchter?
Die Anzeige hatte etwas Dramatisches. Da suchte ein Mann per Zeitungsinserat nach seinen beiden Töchtern. 2.000 Mark Belohnung solle derjenige erhalten, der dem Mann hilft, die beiden Kinder Victoria (8) und Rebecca (9) zu finden. Wer solche Zeilen liest und dazu noch die Bilder der beiden goldigen Mädchen sieht, denkt freilich zuerst an einen dieser schrecklichen Entführungsfälle oder womöglich einen Sexualmord. Doch der Mann erzählt mehr in der Anzeige. Da berichtet er, daß seine Familie, die beiden Töchter und die Ehefrau von einem enttarnten Agenten einer Organisation, gegen die der Verfassungsschutz ermittelt, psychisch beeinflußt werden. Der Vater der Kinder legt noch mehr offen: Er selbst befinde sich in Lebensgefahr. Ein Irrer, der solche Inserate schaltet. Wohl nicht, denn der Mann vermutet, daß die Angehörigen in den Einflußbereich der Scientology-Organisation geraten seien. Beweisen kann er das nicht. Aber die Methode, mit der er am Rande des Ruins getrieben wird, ähnele der Methodik, die von Scientologen betrieben wird, sagt der Vater. Heftige Unterstützung erhält er von der Aktion Bildungs Information (ABI) aus Stuttgart. Deren Vorsitzender Eberhard Kleinmann hat sich in den letzten Jahren heftig mit den Scientologen angelegt. Er behauptet, daß bei Zerrüttung von Familien immer häufiger die Scientologen eine Rolle spielen. Man muß freilich wissen, daß Kleinmann hinter vielen ungeklärten Fällen plötzlicher Familien-Entzweiungen die Organisation des Ron Hubbard wittert. Vielleicht macht es sich dieser Mann zu leicht. Oder vielleicht ist er einfach auch nur auf Publicity aus. Nicht, daß ich missverstanden werde. Ich halte von keiner sektenähnlichen Gruppierung etwas. Aber letztendlich ist jeder Mensch für sich verantwortlich. Was allerdings bei den beiden gesuchten Mädchen nicht zutrifft. Die haben Vater und Mutter. Und deswegen muß auch der Vater einen Kontakt zu den beiden haben dürfen.   

IHK-Gästeabend
Die Industrie- und Handelskammer Heilbronn veranstaltete vergangenen Dienstag in der Harmonie Heilbronns ihren alljährlichen Gästeabend. Unter der Regie des neuen Hauptgeschäftsführer Heinrich Metzger war einiges anders und neu. Zum Beispiel gab es nicht mehr das Who-is-Who-Büchlein, in dem alle Anwesenden (oder besser: jene, die sich angemeldet hatten) mit Namen und Titel verzeichnet waren. Viel Geld hat die Kammer mit dieser neuen Regelung in Zeiten knapper Kassen gespart. Auch das Essen fiel nicht mehr so üppig aus wie in den vergangenen Jahren. Statt Buffet mit Vor- und Nachspeisen, Käse und Hauptgericht, gab es für jeden Besucher einen Teller voller „Schweinemedaillons mit Champignonrahmsauce und anderen Beilagen“, wie Heinrich Metzger in seiner Rede angekündigt hatte. Und dazu natürlich Getränke. Auch das getragene, klassische Musikprogramm, das teilweise in den vergangenen Jahren geboten wurde, war heuer durch recht lautstarke Musik der Gruppe Flat Attack unter der Leitung von Michael Böttcher ersetzt worden. Und auch kein prominenter Redner irgendwo aus Deutschland legte den IHK-Gästen seine mehr oder minder klugen Gedanken dar, sondern der Landrat  des Main-Tauber-Kreises Georg Denzer sprach zum Thema „Heilbronn-Franken – und wie geht es weiter?“. Ein Feuerwerk neckischer Gedanken fackelte der Napoleon des nördlichsten Landkreises der Region Franken vor den Zuhörern ab – und endete mit dem Wahlspruch des Deutschorden-Infantrieregiments 152 „Wir wissen, was wir sind, wir bleiben, was wir waren.“ Das war natürlich ironisch gesagt. Denn Denzer weiß, daß kaum etwas bleibt, so wie es war. Die Region wandelt sich rasant. Heinrich Metzger belegte das mit Zahlen. Zum Beispiel: „Die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer ist im Zeitraum von 1974 bis 1996 in der Region Heilbronn/Franken um 30 Prozent gestiegen. Das bedeutet eine Zunahme von rund 67.000 Arbeitsplätzen in der Region. In Baden-Württemberg lag die Zunahme bei knapp zehn Prozent.“ Erfreuliche Töne – insgesamt beim IHK-Gästeabend. Das ist selten in Heilbronn.       -

Wat nu, SPD?
Wer sich mal die Mühe macht und in den Zeitungen blättert, die zwei oder drei Wochen vor der Wahl am 21. September in Hamburg erschienen sind, der wird feststellen: Auch unsere lieben Auguren aus den Zeitungsredaktionen haben die Wahl in der Vorhersage kräftig verloren. Was ist auch von Damen und Herren Journalisten in Funkhäusern und Redaktionen zu erwarten, die weit weg von Otto und Lieschen Normalverdiener sind. Sie reden und denken halt in einer Sprache, die den gutverdienenden Mittelschichten angemessen ist. Höhere Angestellte, Politiker, gutverdienende Beamte, Vorstandsmitglieder, etc. Und in denen verdient man so um die 10.000 Mark und aufwärts. Sorgen, die diese Leute haben, möchten jene gern haben, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, Familienväter, die zum Beispiel maximal bis zu 5.000 Mark brutto im Monat verdienen. In Hamburg hatte die politische Kaste aus Politik und Journaille nur noch darüber gerätselt, wer mit Henning Voscherau koalieren werde. Der rechte Rand, der in unserem Land von Jahr zu Jahr wächst, wird in diesem Zusammenhang außen vor gelassen. Daß die SPD seit der letzten Bundestagwahl bei jeder Landtagswahl kräftig verloren hat, jeweils mehr als vier Prozent der Wählerstimmen, auch das wurde nicht bedacht. Dabei sagen Wahlforscher nun seit Beginn des Jahrzehnts, daß für die rechten Parteien ein Potential von zehn bis 20 Prozent in Deutschland vorhanden sei. Wir in Baden-Württemberg wissen darum. Die Republikaner hatten der der letzten Landtagswahl knapp zehn Prozent erreicht. In Heilbronn sogar weitaus mehr. Und ihr stärkster Blutspender ist die Sozialdemokratie, die immer mehr zur Lehrer-, Beamten- und Angestelltenpartei mutiert. Aber  die Heilbronner Sozis bewegen sich munter in Richtung Grün. Eine politische Fläche, die schon besetzt ist. Mit dem Thema Sicherheit hätte SPD-Voscherau in Hamburg die falsche Karte gezogen. Vielleicht wäre ohne Voscherau und das Thema Sicherheit die SPD bei 30 Prozent gelandet. Bei uns in Baden-Württemberg hat sie es schon geschafft, bei 25 Prozent zu landen. Die Zeiten, in denen die Volksparteien lässig über 40 Prozent holten, sind vorbei. Und die Zeiten, in denen Wahlprognosen bis auf Punkte hinterm Komma zutrafen, ebenfalls. Jetzt gilt es: Auf den Wähler hören!

Terror im Urlaub
Wie sie sich doch ähneln, die Fundis bei uns und in anderen Ländern. In Algerien wird im Bürgerkrieg gemordet, was immer den Brüdern des rechten Glaubens unter die Hände kommt. Vornehmlich Frauen, Kinder und Greise. Kolportiert wird in Zeitungsberichten, daß die algerischen Fundamentalisten sauer sind, da die Bevölkerung ihren Kampf um einen Gottesstaat zu wenig unterstützt, ja sogar verrät. Man nimmt also Rache an möglichst vielen Unschuldigen. Gesteuert wird dieser Terror von Asylbewerbern und anerkannten Asylanten aus Algerien, die ihren derzeitigen Wohnsitz in der Bundesrepublik haben. Sagen unsere Geheimdienste. Aber nicht nur Inländer werden in moslemischen Ländern Terroropfer. In Ägypten werden schon seit Jahren Urlauber angegriffen, verletzt, getötet.  Die Ermordung der acht deutschen Touristen vor dem ägyptischen Museum erregte wenige Tage die Welt, dann war der Anschlag ad acta gelegt. Und unsere Politiker von links bis rechts? Die rechten Fundis haben eh kein Mitleid. Sie wollen, daß Deutsche Urlaub in Deutschland verbringen. Und die linken halten Auslandsaufenthalte von „Touris“ ohnehin für eine neue Form des Kolonialismus. Resultat: Die Angehörigen leiden unter dem schmerzhaften Verlust ihrer ermordeten Verwandten, deutsche Touristen stornieren ihre Urlaube in Ägypten, dort leiden viele Menschen in der Tourismusindustrie, die nun ohne Arbeit sind – und die moslemischen Terroristen freuen sich, daß sie dem bösen, dekadenten Westen und dem ägyptischen Staat wieder mal Schaden zugefügt haben. Diese Art von Politik kennen wir spätestens seit der französischen Revolution. In Deutschland-West wurde der Terror bekämpft, aber viele Linksterroristen konnten sich bis heute zu keiner Entschuldigung gegenüber ihren Opfern durchringen, ebenso wie die Staatsterroristen aus der ehemaligen DDR. Wenn der deutsche Staat Menschen im Lande duldet, die von hier aus Terror in anderen Ländern organisieren, darf er sich nicht wundern, wenn unschuldige Bürger deren Opfer werden. Und damit brechen Politiker, vor allem deutsche Minister, ihren Eid. Sie haben die Pflicht Schaden abzuwenden vom deutschen Volk. Auch im Ausland.

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