Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 05.11.1997



Heilbronner Kinos
Heilbronn ist eine kinofreudige Stadt. Heilbronns Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann sorgt sich jetzt darum, daß die Allee als Kinomeile der Stadt verödet. Grund: Die Eröffnung des Europlex-Großkinos am Donnerstag, 27. November um 19 Uhr in Neckarsulm – gleich neben der Autobahn. Die Betreiberin der Heilbronner Kinomeile Lieselotte Jäger bemerkte dazu lapidar, daß es dem Herrn Weinmann wahrlich bald einfalle, daß Heilbronn irgendwann einmal ohne Kinos dastehen könnte. Wie recht sie doch hat. In Heilbronn hatte man auf dem Berliner Platz ein Kino-Center geplant, ohne die vorhandene Betreiberin Jäger in Gespräche einzubinden. Und ist jetzt erstaunt, daß vier Monate nach dem Richtfest im Juli der Betrieb in Neckarsulm schon anlaufen kann. 1.900 Sitzplätze wird es in dem neuen Europlex-Kino von Lieselotte Jäger vor den Toren Neckarsulms geben. 300 kostenlose Parkplätze stehen den Besuchern zur Verfügung. Heilbronn hätte das auch bieten können. Zum Beispiel auf dem Gelände der ehemaligen Wharton Barracks neben dem Autobahnzubringer nach Untergruppenbach. Aber man wollte vieles, vor allem Konkurrenz zum vorhandenen Kinobetreiber – und hat jetzt nichts. Die Bebauung des Berliner Platzes à la Bülow ist gestorben – und damit auch das geplante Kino. Auf dem Kurt-Schumacher-Platz am Eingang zur Bahnhofsvorstadt planen private Investoren ein Gebäude, in dem ein Kino-Center untergebracht werden könnte. Aber dieser mutigen Firma werden, so CDU-Stadtrat Thomas Strobl, von der Stadtverwaltung nur Prügel in den Weg gelegt. „Man will eine Lösung verhindern, das ist offenkundig.“ Dabei könnte die Stadt sehr schnell bauplanungsrechtliche Voraussetzungen schaffen – und Zwischenlösungen für das Parkproblem schaffen. Denn ein Parkhaus sei hier ja ohnehin geplant. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und das sind nun einmal die Jäger-Filmtheaterbetriebe mit ihrem neuen Haus in Neckarsulm, in dem ein Kino-Erlebnis der besonderen Art versprochen wird. Für Besucher aus den Räumen Mosbach, Sinsheim, Bad Rappenau, Bad Wimpfen, Öhringen, Heilbronn oder Lauffen ist dieser neue Kino-Treffpunkt leichter zu erreichen als die Innenstadt Heilbronns mit ihren leidigen Parkproblemen. Wenn Heilbronn bauen sollte, dann ist Neckarsulm schon lange in Betrieb. Ob dieser Vorsprung je eingeholt wird, sich ein Investor auf ein neues Heilbronner Spielchen in Sachen Kino einläßt? Ich hege da so meine Zweifel.

Brücken-Kunst
Als die deutsche Hauptstadt noch geteilt war, da durfte Berlin die Widerauferstehung von Brückenkunst der besonderen Art erleben. Barocke Skulpturen wurden von West nach Ost transportiert und auf der Schloßbrücke restauriert wieder aufgestellt. Dort stehen sie heute noch – und in Berlin sind Bevölkerung und Obrigkeit zufrieden darob. In Heilbronn wurden am Sonntag zwei der geplanten je 5,40 Meter hohen Köpfe aus Corten-Stahl neben einem Bekleidungsgeschäft und einer Bankfiliale enthüllt. Aber was da vom Oberbürgermeister und dem Künstler enthüllt wurde, ist nur unter größter Anstrengung als Kopf auszumachen. „Vier schnörkellos und lapidar, zugleich archaisch anmutende Kopfskulpturen verwandeln die neue Brücke in einen platzartigen Erlebnisraum, in dem man gerne verweilen und die Qualität der Neckarlandschaft und den Blick auf die Innenstadt genießen kann“, heißt es in der Einladungskarte zur Eröffnung, die unter der Überschrift „Vier Köpfe für Heilbronn“  verschickt wurde. Daß von den vieren zwei fehlen erinnert an den Berliner Platz. Laut Künstler Franz Bernhard muß das Gesamtkunstwerk mit vier Köpfen auf beiden Brückenenden als Gesamtkunstwerk, „als Einheit gesehen werden, da es von allen Teilen gleichermaßen verkörpert wird.“ 247.000 Mark hat die die erste Hälfte des Gesamtkunstwerks bisher gekostet. 20.000 Mark aus Steuergeldern der Stadt wurden hinzugeschossen. Der Rest für die beiden Rostskulpturen wurde gespendet. Verwegene argumentieren jetzt, daß in den beiden „Köpfen“ Bezüge zu den Kopfskulpturen am Kiliansturm aufgegriffen wurden. Mag ja sein. Aber um das kunstsinnig zu bemerken, muß man als Betrachter schon eine besondere Brille aufsetzen. Oder man sagt’s einfach. Irgendjemand wird es schon glauben oder nachplappern. Aber rostige Kunst steht ja schon zweifach in Heilbronn herum: Als Behördenzierde und vor der Harmonie – von Pflanzen überwuchert. Ich verstehe nicht, warum man die Gebilde Köpfe nennt. Ebenso hätte man sie Kippende Säule, Penis, Finger, Pfeil oder Hinkelstein in Stahl nennen können. Und daß sie „lapidar“ sind – das sieht nun wirklich jeder, der sehen kann. „Schnörkellos“ sind sie wahrlich auch. Aber wo bleibt der „platzartige Erlebnisraum“? Vielleicht kommt er ja noch, wenn die Stadt dereinst mal über die Friedrich-Ebert-Brücke rattert. Und das kostet erst!

Gespött der Nation
Neckarsulm glänzt derzeit mit Positiv-Schlagzeilen wie „solarthermische Hauptstadt Europas“, dem „ersten Wolkenkratzer des Unterlands“ oder dem ersten Super-Kino-Komplex. Ausgerechnet in dieser Phase der Euphorie machte bürokratischer Übereifer die Audi-Stadt zum Gespött der deutschen Fernseh-Nation. Am späten Samstagabend  (1. November) karikierte die erfolgreiche Protestsendung „Wie bitte?!“ auf RTL vor einem millionenstarken Publikum eine Bußgeld-Aktion von Martin Lamminger, dem Leiter des Amts für Öffentliche Ordnung der Großen Kreisstadt Neckarsulm.  Lamminger wurde dabei als griesgrämiger Zeitgenosse dargestellt, der seinen Nachbarn die Freude eines Grillfestes nicht gönnt und deshalb nach Möglichkeiten sucht, ihnen juristisch an den Karren zu fahren. Das gelingt ihm denn auch, als die Festgesellschaft an einem Parkverbotsschild ein handgemaltes Straßenschild zu Ehren einer Jubilarin befestigt. Weil die Frau just 50 wurde, tauften sie das Sträßchen eben nach ihr – ein nicht gerade staatsgefährdender Spaß. Doch Lamminger verstand keinen solchen, schickte einen Polizisten los, der das Corpus delicti abfotografieren sollte. Prompt kam auch der Bußgeldbescheid: 75 Mark, wegen Befestigen eines nichtamtlichen Schildes an einem amtlichen solchen. Sicherlich hat Lamminger tatsächlich nach Recht und Gesetz gehandelt. Das ist ihm wahrlich nicht vorzuwerfen. Seiner Stadt aber hat er damit nicht gedient. Sie ist zum Gespött geworden. Wie heißt es so schön? Die Verhältnismäßigkeit der Mittel sollte auch von deutschen Beamten beachtet werden.   

Landespresseball
Der Heilbronner Presseball existierte –  in den achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre. Dann verschwand er spurlos. Der letzte Anlauf der Tageszeitung zur 50-Jahr-Feier ihres Hauses wurde mangels Masse gestoppt. Und das gesellschaftliche Großereignis in  der Unterlandmetropole spielt derzeit nur noch am Rande, wenn sich die Leut’ ganz privat unterhalten, eine ganz kleine Rolle. Manche Menschen hoffen, daß sich die Medien der Region doch noch mal aufraffen und einen Unterländer Presseball organisieren. Allerdings entscheidet dann auch der Eintrittspreis. Mehr als hundert Mark pro Karte, da überlegt es sich auch eine gutbetuchte Familie, ob sich das lohnt, und prüft, ob das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Denn die Uppercrust des Unterlandes und der Region, die auf jeden Fall einen solchen Ball besuchen wird, ist dünn gesät. Sie allein füllt noch keinen Ballsaal. Und als Ersatz gibt es ja den alljährlich im November stattfindenden Landespresseball in der Landeshauptstadt, auf dem in den letzten Jahren vermehrt Unterländer Unternehmer und Politiker zu sehen waren. Jetzt am Freitag, den 7. November, ist es in der Liederhalle zu Stuttgart wieder soweit. Der Höhepunkt der Stuttgarter Ballsaison ist diesmal eine „notte italiana“. Diese italienische Nacht steht unter dem Motto „Ballissimo“. Auftreten werden Alice, „die schöne Italienerin mit der Gänsehautstimme“, das Orchestra Bravo aus Mailand, Günter Noris und sein Show und Tanzorchester, Gino Castelli mit Italo-Pop. Es wird eine Mitternachtsshow mit Franco Ferrari geben, moderiert wird der Abend von Rainer Nitschke vom Südfunk. Hauptgewinn der Tombola ist ein Audi A3. Der Ball steht unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Erwin Teufel. Und wer jetzt Lust bekommen hat, der kann mal nachfragen, ob es noch Karten gibt (Büro Landespresseball, Haus des Landtags, Konrad-Adenauer-Straße 3, 70173 Stuttgart, Telefon 0711-2369507).

Mergel und Strobl
Es war alles so schön gewesen. Die Große Koalition auf dem Rathaus hatte perfekt funktioniert. Im Testlauf hatten CDU und SPD bei den Bürgermeisterwahlen einen Tausch vereinbart, nachdem Reiner Casse vorzeitig aus dem Amt geschieden war. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Artur Kübler wurde neuer Ordnungsbürgermeister, der SPD-Mann Harald Friese wechselte ins Kulturressort. Das war in der ersten Hälfte des Jahres. Jetzt stagniert die Heilbronner Kommunalpolitik. Hektik und Schadensbegrenzung spielen eine Hauptrolle in der Politik auf dem Rathaus, nachdem das Bülow-Projekt Berliner Platz geplatzt, der Rathaus-Skandal noch nicht verdaut ist und bei den Verkehrsbetrieben die Mißwirtschaft staatsanwaltliche Ermittlungen nach sich zog. CDU und SPD setzten sich am 23. Oktober in einer Heilbronner Gaststätte zusammen und berieten einen Zehn-Punkte-Plan, damit der Mehltau in der Heilbronner Kommunalpolitik weggeblasen wird. Man einigte sich schnell. Die SPD wollte weder Punkt noch Komma an der Vereinbarung geändert wissen. Harry Mergel, der Fraktionsvorsitzende sprach, von einer Generalvollmacht, die er habe. Die CDU-Fraktionsspitze wollte jedoch die Vereinbarung in ihrer Fraktion noch genehmigen lassen. Dann kam  ein vierseitiger OB-Brief an die Fraktionen. Die SPD wollte jetzt die Chance nicht verstreichen lassen, um das Projekt „Theateranbau“ auf dem Berliner Platz doch noch zu retten. Die CDU aber bestand auf der Vereinbarung, die SPD änderte sie in zwei Punkten ab. Thomas Strobl, CDU-Fraktionsvorsitzender: „Die SPD-Fraktion hat Mergel die Gefolgschaft verweigert.“ Harry Mergel kontert, daß das OB-Schreiben mit allen Dezernenten abgesprochen gewesen wäre und deshalb berücksichtigt werden müsse. Und im Übrigen habe er nie gesagt, daß er die Generalvollmacht seiner Fraktion habe. In zwei von zehn Punkten unterscheiden sich jetzt SPD und CDU. Die CDU will keinen Schnellschuß beim Berliner Platz, die SPD retten, was jetzt zu retten ist. Wichtig ist aber, daß jetzt Nägel mit Köpfen gemacht werden. Und das Wenden der Worte ein Ende hat. Oder soll’s noch schlimmer kommen?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen