Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 19.11.1997



Landerer-Gelände
Eigentlich sollte ja die Volkshochschule auf das Landerer-Gelände neben dem Horten-Parkhaus. Aber daraus wird wohl nichts in Heilbronn. Wie so vieles. Jetzt wird in der Heilbronner Stadtverwaltung geplant, daß die Stadtbücherei auf den Berliner Platz zieht. Ins neue Medienzentrum. Sprich in den Theateranbau. Dort sollen auch Theaterwerkstätten eingerichtet werden. Ein neues Kino und eine dritte Spielstätte für das Stadttheater wackeln jedoch noch kräftig. Die Frage ist: Was ist unter den gegebenen finanziellen Voraussetzungen machbar, was kann sich die Stadt leisten. Die CDU-Fraktion im Rathaus setzt auf eine Umgestaltung der Fußgängerzone Sülmerstraße und Fleinerstraße. Die Kaiserstraße könne warten, meint der Vorsitzende Thomas Strobl. Sechs Millionen stehen für die Verschönerung der Innenstadt im Haushaltsansatz 1998. Wenn der Zuschußbescheid für die Stadtbahn da sei, sehe man weiter in Sachen Kaiserstraße. Wer weiß, was da noch alles ausgegraben wird. Für den Berliner Platz wird eine attraktive kommerzielle Nutzung angepeilt, eine vom Markt getragene Lösung, die kein Loch in die Stadtkasse reißt. Als Zwischenlösung könnte man auf dem Berliner Platz Parkplätze schaffen. Damit werde die nördliche Innenstadt sicher belebt. Denn die 100-Millionen Mark-Lösung von Bülow sei den Bach runter, der OB-Vorschlag koste rund 80 Millionen Mark – und da stellt sich die Frage, ob die Stadt sich das derzeit leisten kann. Im Vordergrund steht die Bebauung des Kurt-Schumacher-Platzes durch einen privaten Investor. Um die Innenstadt zu beleben, gibt es auch Überlegungen, auf dem Landerer-Gelände ein Bekleidungshaus (z.B. Peek & Cloppenburg) anzusiedeln. Warum nicht? Besser in der City als auf der Grünen Wiese. Belebung der Stadt ist jetzt wichtig. Jemand muß den ersten Schritt machen. Lähmung hatten wir über Jahre mehr als genug. Und fürchterliche, sich über Jahre hinziehende Fehlentscheidungen mehr als genug.

Kirchen-Trauerspiel
Die Evangelen in Heilbronn haben nicht nur mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen, sie müssen auch Ruhe in die eigenen frommen Reihen bringen. Denn so richtig erklären kann bis heute niemand in der Kirche, warum ein Pfarrer namens Hans-Dieter Bechstein erst hochgelobt in den Ruhestand verabschiedet wird, um dann vor den Kadi gezerrt zu werden. Wenn die Kirche und Diakonie ihren einstigen Motor und spiritus rector in der Behindertenbetreuung schäbig behandelt, dann ist das ihre ureigenste Sache. Wenn sie aber zuvor Öffentlichkeit gesucht und immer wieder hergestellt hat, Spenden sammelte und auf ihr und des Pfarrer Bechsteins gutes Tun hinwies, dann muß sie sich gefallen lassen, daß nachgefragt wird. Dabei steht auch das Verhalten der Kirche als Arbeitgeber auf dem Prüfstand. Aber die sogenannte Affäre Bechstein allein ist es nicht. Auch Christoph Ehrmann, Diakon und mit einer außerordentlichen Kündigung bedachter Leiter der Diakonischen Bezirksstelle Heilbronn, wehrt sich gegen seinen Rauswurf. Und das Kirchenvolk ist empört und schreibt Leserbriefe, die sich zornig mit den Kirchenoberen auseinandersetzen. Beleidigend sei deren Inhalt teilweise. Die Leute sind halt nicht informiert, meint Gerhard Berroth, der Vorsitzende der Synode (Kirchenbezirk Heilbronn). Nicht so wie die Kirche es gern hätte. Aber die Öffentlichkeitsarbeit der Kirche war in beiden Fällen, Bechstein und Ehrmann, ein Trauerspiel. Aber es wird noch lustiger. Mit 1.200 Mark bezuschußt die Evangelische Kirche jeden ihrer 750 Kindergartenplätze in Heilbronn. 73 Prozent des Abmangels der Betriebskosten zahlt die Stadt Heilbronn. Die Kirche bezuschusse aber auch Kinder von Eltern, die aus der Kirche ausgetreten sind. Denn bei einem Drittel der Kindergartenkinder seien die Eltern nicht Kirchenmitglieder. Sagt Pfarrer Christian Horn. Vergessen hat er dabei, daß jeder Normalbürger mit seinen Steuergeldern, ob Mitglied der Kirche oder nicht, via Stadtzuschuß die Plätze subventioniert. Und nicht nur das. Auch durch viele, viele andere Zuschüsse für die Kirche bezuschußt jeder steuerzahlende Bürger, ungeachtet seiner Kirchensteuer, die Institution Kirche. Ohne daß er sonderlich gefragt würde. Selbst ein in Deutschland steuerzahlender Moslem oder Jude wird damit zur Kasse gebeten. Ich meine, die Kirche in Heilbronn muß erst mal ihren Laden in Ordnung bringen, ehe sie auf jene Bürger mit Finger zeigt, die mit ihren Abgaben sie großzügig alimentieren. 

Dr. Jürgen Zieger ist OB
Der Neckarsulmer Baubürgermeister Dr. Jürgen Zieger (SPD) war auch schon als Kandidat für das Amt des Heilbronner Oberbürgermeisters im Gespräch. 1999 endet die Amtszeit von OB Dr. Manfred Weinmann – und die Parteien stehen mit der Suche nach geeigneten Kandidaten schon in den Startlöchern. Auch wenn man sich bislang mit der Nennung von Namen noch sehr zurückhält. Der Name Zieger jedoch wird mit einer Heilbronner Kandidatur nicht mehr in Verbindung gebracht. Schließlich wurde der 42jährige Jürgen Zieger am vergangenen Sonntag mit einer überwältigenden Mehrheit von 55,4 Prozent ins Amt des Esslinger Oberbürgermeisters gewählt. Zieger ist damit Nachfolger von Ulrich Bauer, der 1989 als Heilbronner Baubürgermeister zum Esslinger OB gewählt worden war – aber überraschend nach der ersten Wahlperiode nicht mehr antrat. Sein Gegenkandidat, der vom bürgerlichen Lager unterstützte Bürgermeister von Wernau, Roger Kehle (44), landete weit abgeschlagen bei 40,9 Prozent. Jürgen Zieger war von seinem Wahlsieg schon im ersten Wahlgang völlig überwältigt. In Esslingen hatten auch die Genossen mit einem zweiten Wahlgang gerechnet. Schließlich ist der Wähler launisch – und hätte durchaus auch zu einem Wechsel von SPD zu den Konservativen tendieren können. Aber der Wahlkampf war von der Bürgerlichen zum Schluß als Schlammschlacht geführt worden, so daß vor allem bürgerliche Wähler zu den Nichtwählern zu rechnen sind. Die Wahlbeteiligung am Sonntag in Esslingen lag bei mageren 55 Prozent. Aber da die Wähler sofort für Klarheit gesorgt hatten, sind der Stadt die rund 100.000 Mark für einen zweiten Wahlgang erspart geblieben – Bei der Nachfolge für den Neckarsulmer OB Dr. Erhard Klotz hatte sich Jürgen Zieger noch zurückgehalten. Im Blick auf die Heilbronner Wahl 1999 war er schon aufgeschlossener. Und in Esslingen hat er zugepackt, auf Sieg gesetzt – und haushoch gewonnen. Für die gebeutelten Sozialdemokraten im Stuttgarter Raum ist dieser Sieg Balsam, vor allem nach der verlorenen OB-Wahl in Stuttgart. In Heilbronn gibt es jetzt einen gewichtigen SPD-Kandidaten weniger. Esslingen zeigt aber: Wenn die SPD in Heilbronn siegen will, muß der Mann von außen kommen. Übrigens: Für die Nachfolge Ziegers als Neckarsulmer Baubürgermeister soll es schon Kandidaten im Heilbronner Rathaus geben.

Arbeiterwohlfahrt
Ist es nun ein richtiger Skandal – oder ist es nur eine grobe Schlampigkeit, was da von der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Heilbronn-Stadt, kurz AWO genannt, bekannt geworden war. Ein gemeinnütziger Verein ging pleite. Und niemand ist so richtig schuld. Ähnliche Vorkommnisse bei anderen AWO-Kreisen sind derweil in vieler Munde. Zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen. Da sind Leute am Werk, die von einer ordentlichen Geschäftsführung so weit entfernt sind wie Pinguine von der Wüste Sahara. In Heilbronn soll, so wissen Kenner der Materie zu berichten, nach dem Prinzip der Schuhkarton-Buchführung verfahren worden sein. Es kümmert sich halt niemand so recht um das, was entscheidend für eine sorgfältige Geschäftsführung des „Unternehmens AWO“ war. Nun stehen und standen Gewerkschaften und Sozialdemokratische Partei der Arbeiterwohlfahrt schon immer sehr nahe. Aber in Heilbronn hatten sich sozialdemokratische Mandatsträger schon vor Jahren aus dem Vorstand zurückgezogen und die unseriösen Praktiken der AWO-Führung angeprangert. Sibylle Mösse-Hagen, SPD-Stadträtin, hatte schon vor Jahren kundgetan: „Wir werden leider noch von der AWO hören, nur nichts Gutes.“ Damals wollten sie und der SPD-Jurist Wolf Klimpe-Auerbach Licht ins Dunkel der Geschäftsführung bringen, was von der Mitgliederversammlung abgeblockt wurde. In der Wilhelmstraße 27, wo die AWO Räume für ihren Kreisverband und die Schuldnerberatung angemietet hatte, sind 40.000 Mark Mietschulden angelaufen. Auf der Strecke blieben bisher die sozialen Einrichtungen „Pro Familia“, die Betreuungsstelle für türkische und jugoslawische Arbeitnehmer, der Mobile Soziale Hilfsdienst, die Ambulante Krankenpflege, das Waldheim beim Jägerhaus und das Jugend- und Lehrlingswohnheim der AWO Heilbronn. Wer kommt für die Schulden auf? Für das Waldheim ist bisher kein Käufer gefunden. Auch wenn eine Heilbronner Arbeiterwohlfahrt dieser Tage frisch aus der Taufe gehoben wurde, das Vertrauen in diese Institution muß erst wieder erarbeitet werden. Und da muß noch viel Müll beiseite geschafft werden.

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