Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 10.09.1997




Security
Die Backstreet Boys waren da, und viele, viele Fans kamen. Lange schon wurden die tollen Fünf sehnsüchtig erwartet. Nichts hielt die treuen Fans – fast ausschließlich junge Mädchen – davon ab, ihre Lieblinge live und möglichst nah zu erleben. Bereits in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag campierten rund 300 Fans vor dem Frankenstadion. Auch zahlreiche Reporter und Fotografen kamen. Doch die durften häufig nicht ungehindert die Eingänge passieren. Davon hielten gut dressierte Security-Abgeordnete ab, denn ihre Kontrollen waren scharf und streng. Illegalen Vergehen mußte vorgebeugt werden. Nach gefälschten Backstage-Ausweisen wurde gefahndet, und die wurden auch gefunden. Eine Spiegelreflexkamera ohne Presseausweis war total tabu. Als man solch einen Fotoapparat voll im Einsatz entdeckte, wurde der Film herausgerissen. Die Security ist dazu legalisiert sogar beauftragt, unerlaubtem Blitzlichtgewitter auf die Backstreet Boys entgegenzuwirken. Eine derartige autoritäre Behandlung ist der Bürger eines liberalen Staates ansonsten nicht gewohnt. Da ist ein Backstreet Boys-Konzert mit seinem meterlangen und meterhohen Absperrungsgitter die außergewöhnliche Ausnahme. Deshalb durften die Security-Abgeordneten energisch durchgreifen, und wer die Macht hat, hat das Recht – oder eher andersherum? So wurde der Konzertbesuch zum Kontrollen-Terror.

Laufstegprinzessin
Prinzessin Di ist nun eineinhalb Wochen tot, der Medienrummel um ihre verstorbene Person hingegen noch lange nicht. Vielmehr scheint es so, als dürfte – vor allen Dingen im Medium „Fernsehen“ – jeder seinen Senf zum Verkehrstod Dianas dazugegeben. Zum Beispiel die deutsche Laufstegprinzessin Claudia Schiffer. War sie verärgert darüber, daß der Tod Dianas die Aufmerksamkeit der Medien von ihrer Person ablenkte? In einem Fernseh-Interview, dessen Wortlaut mich doch stark an Kelly Bundy, die „Dumpfbacke“ aus der Sendung „Eine schrecklich nette Familie“, erinnerte, begündete „Deutschlands Blondine Nummer Eins“ die schnelle Fahrweise des Di-Chauffeurs. Weil die Paparazzis „ja so aggressiv und schnell fahren, daß man ihnen nur durch noch schnellere Fahrweise entkommen kann“. Immerhin habe sie das schon am eigenen Leib erfahren, als sie mit ihrem Freund, dem Profigaukler David Copperfield, durch die Weltgeschichte gefahren ist. Ist das nun eine Bestätigung für schlechte Blondinenwitze? Oder ist Claudia nur schlecht informiert gewesen? Aber was ist von einer Person zu erwarten, die eine schlichte Kreation der Medienlandschaft ist und durch selbige zu großem Wohlstand kam? Wettert sie da etwa gegen ihre „Schöpfer“? Vielleicht wird sie demnächst als Joop-Modell genauso schrille Interviews geben wie ihr neuer Meister. Und sich für den Nabel der Welt halten. Nur muß sie das zuvor auch der Regenbogenpresse mitteilen, damit die Fotografen diesen Nabel dann auch gebührend ablichten können. Oder Noch-Nicht-Ehemann Copperfield läßt sie bei Bedarf mit seinen Zauberkünsten schlicht vom Erdboden verschwinden – ganz ohne Fahrer und im nüchternen Zustand. Aber das geht ja nicht. Denn zuvor müssen ja noch ein paar Villen verdient werden, die dann in der einschlägigen Presse bewundernd besprochen und gezeigt werden. So hat halt jeder sein Kreuz zu tragen. Auch wenn es nur aus schlichtem und teuren Stoff ist.    

Elton sang, die Prinzen weinten
Das war ein Wochenende. Die Beerdigung von Lady Di stellte alles in den Schatten, was die Paparazzis in den letzten Jahren an Fotos geliefert hatten. Das Fernsehen war der große Gewinner beim Abschied von Princess Diana. Und als Elton John in der Westminster Abbey seinen Abschiedssong für seine Freundin Di sang, da schluchzten nicht nur die beiden Prinzen William und Harry, da drückte nicht nur die Königin ihr Taschentuch an den Mund, da weinte man im gesamten Insel-Königreich und weit darüber hinaus. Und niemand konnte den Hoheiten dabei zusehen. Trotz der vielen Fernsehkameras in der Kirche. Und niemand hat ein Bild von diesem ergreifenden Augenblick. Hat uns das geschadet? Mitnichten. Es hat uns auch nichts geschadet, daß die Familien Spencer und Windsor nicht in ihrer Trauer beim Gottesdienst abgefilmt werden durften. Dieses Schlüsselloch-Erlebnis wurde Millionen von Menschen zu recht verweigert. Wer trauern wollte, wer den Leichenzug durch ganz London mitverfolgen wollte, wer am Gottesdienst teilnehmen wollte – der konnte das mittels Fernsehen. Aber den Familien direkt ins Gesicht schauen, das wäre doch ein wenig zu weit gegangen. Das entspräche einem plumpen Voyeurismus, der nur peinlich und ordinär ist. Denn wer es im Original sehen wollte, der hätte sich ja in die Kirche schleichen und vor den Familien aufbauen müssen. Daß die Familien es sich verbaten, daß Kameras den Vermittler eines solchen Unterfangens spielen, ist nur allzu verständlich und richtig. Man muß nicht alles tun, was möglich ist. Zum menschlichen Anstand gehört, auf auf viele Dinge zu verzichten, die machbar sind. Die Heuchelei jener, die heute laut und blumenreich trauern, aber vorher jene Medien unterstützen, bezahlten und verschlangen, die ihnen Diana in allen Facetten anboten, auch den übelsten und verlogensten, diese Heuchelei ist nicht nur widerlich, sie ist unanständig.

Wegelagerer
„Heilbronn muß attraktiver werden!“ Das ist eine Vorgabe, die sich nicht nur die Stadtverwaltung Heilbronn gesetzt hat. Die Käthchenstadt soll durch eine attraktive Innenstadt,  zahlreiche Feste, Großveranstaltungen etc. Besucher aus dem näheren und ferneren Umland anziehen. Garanten für einen regen Besucherverkehr in Heilbronn sind dabei vor allen Dingen – jedoch erst zu fortgeschrittener Tageszeit – einige Bars, Kneipen und Discotheken. Zu diesen recht gut besuchten und damit für die Werbewirksamkeit Heilbronns vorteilhaften Locations zählt auch eine Bar auf der Fleiner Höhe. Dort treffen sich besonders an den Wochenenden unzählige Unterländer, um die Arbeitswoche ausklingen zu lassen und das Wochenende zu feiern. Der akute Parkplatzmangel vor dieser Bar ist für die zahlreichen Besucher kein Hinderungsgrund, denn eine benachbarte Schule, eine zu später Nachtzeit nicht mehr befahrene Bushaltestelle und ein Fußgängerweg neben der angrenzenden Hauptstraße, der ab ein Uhr nachts sowieso nur noch von den Besuchern genutzt wird, scheinen genug Auto-Abstellmöglichkeiten ohne Behinderung anderer Verkehrsteilnehmer zu bieten. Die Stadt Heilbronn will sich offenbar auch ein Stückchen vom Erfolgskuchen abschneiden und ihren Profit aus diesem städtischen Besuchermagneten ziehen. So werden zu später Stunde (1.29 Uhr – zum Beispiel) Ordnungshüter an die Fleiner Höhe abkommandiert, um die Parksünder zu notieren und geldlich zu verwarnen, damit es in der Stadtkasse ordentlich klingelt. Wir kennen das! Das Verwarnungsgeld soll dann innerhalb einer Woche ab Zugang der schriftlichen Benachrichtigung bezahlt werden. Leider ist dies für einen „Parksünder“ unmöglich, weil das Schreiben nach seiner Ausstellung erst eine Woche später den Briefkasten erreicht. Ist das nun die versprochene bürgerfreundliche Bürokratie des neuen Ordnungsbürgermeisters Artur Kübler, der seit 1. August im Amt ist – auch für den Straßenverkehr?

Müll-Schlamassel
Fast alle Parteien im Unterland, diverse Fraktionen verschiedener Parteien in Gemeinderäten, im Kreistag und Regionalverband, die Stadt- und Landkreisverwaltung – nahezu alle sind dafür, daß der Müll aus dem Unterland via Autobahn demnächst nach Mannheim gekarrt wird. Und umgekehrt die Verbrennungsreste aus Mannheim dann im Heilbronner Salzbergwerk endgelagert werden. Das ist beschlossene Sache, vertraglich geregelt und besiegelt. Nun ist aber der Mannheimer Raum mit seiner Chemieindustrie schon ganz schön belastet. Die Müllverbrennungsanlage dort muß noch ordentlich umgebaut werden. Wer Müll verursacht, muß ihn auch beseitigen. Möglichst vor Ort. Verursacherprinzip nannte man das einst. Nahezu wütend reagieren unsere Politiker, wenn sie daran erinnert werden. Und das alles nur, weil in Heilbronn im EVS-Kohlekraftwerk eine supermoderne, den neuesten Erkenntnissen der Abgasreduzierung entsprechende Müllverbrennungsanlage gebaut werden soll. Die SPD ist gespalten. Die an der Spitze stehenden Genossen sind mit ihren Kollegen aus den anderen Parteien und Fraktionen gegen die Müllverbrennungsanlage in Heilbronn. Die Arbeitnehmer fürchten um ihre Arbeitsplätze. Denn die Kohlekraftwerkstandorte Heilbronn und Marbach sind heute schon überflüssig. Mehr als 400 Arbeitsplätze sind gefährdet. Und die Gewerkschafter in der SPD, vor allem die Funktionäre, fürchten um ihre Mitglieder. Wenn man die gescheiterte Heilbronner Müllpolitik, die Müll-Bombe auf der Deponie am Wartberg, die Kalte Rotte und jetzt den Mülltourismus nach Mannheim sich vor Augen hält, die unsere Müllgebühren Jahr um Jahr in die Höhe treiben, dann verstehe ich den Zorn der Politiker. Sie haben keinen Schuldigen, weil sie selbst an diesem Müllschlamassel schuld sind. Wie spricht der Volksmund: Getroffene Hunde bellen.          

Landtagseinbruch
Können Sie sich noch erinnern? Zu Beginn des Sommers wurde im Landtag eingebrochen. Das kommt ja nicht häufig vor. Nahezu überhaupt nicht. Aber im Büro des Abgeordneten Alfred Dagenbach war eingebrochen worden. Der Mann ist Mitglied der Partei Die Republikaner, Stadtrat in Heilbronn, kam im Wahlkreis Neckarsulm über die Zweitauszählung in den Landtag, war einst Landesgeschäftsführer der Reps. Die verständigte Polizei, so ist einem Briefwechsel mit dem Landtagspräsidium zu entnehmen, konnte keinerlei Einbruchsspuren feststellen. Der Vorsitzende der Rep-Fraktion Schlierer und andere sollen es abgelehnt haben, eine Presserklärung über den „Vorfall“ herauszugeben. Wegen erheblicher Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Darstellung. Dagenbach soll daraufhin seine Presse-Erklärung in eigener Verantwortung herausgegeben haben. Einige Leute fragen sich nun, was dran ist an den „Bedrohungen“ und „Verfolgungen“, die der Abgeordnete Dagenbach so gern ins Feld führt. In jenem Brief vom 28. Juli heißt es: „Es besteht seitens der genannten Partei- und Fraktionsmitglieder (der Reps) der dringende Verdacht, daß die behaupteten Vorgänge tatsächlich nicht stattgefunden haben und von Herrn Dagenbach nur behauptet werden, um sich in der Öffentlichkeit und bei Parteimitgliedern und -delegierten als ‘bedroht’ und ‘verfolgt’ darstellen zu können.“ –  Nun wird laut die Frage an den Landtagspräsidenten gestellt, ob mit dem ungeklärten Vorfall im Stuttgarter Landtagsbüro des Abgeordneten Dagenbach „dem Ansehen des Landtags als Institution des demokratischen Rechtsstaats schwerer Schaden“ zugefügt wird. Von Integrität und Glaubwürdigkeit des Landtags ist dazuhin noch die Rede. Mal sehen, was sich tut, in der Sache „Einbruch in Dagenbachs Landtagsbüro“.

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