Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 17.12.1997


Vieles wird teurer
Die Tageszeitung wird im neuen Jahr teurer – um 90 Pfennige. Ein Abonnement kostet dann im Monat statt 34,80 Mark 1998 satte 35,70 Mark (Jahresabo also 428,40 Mark). Die Rundfunkgebühren sind in diesem Jahr schon verteuert worden. Monatlich 28,25 Mark müssen wir für Fernsehen und Hörfunk seit Januar ’97 zahlen (macht im Jahr 339 Mark). Und zum 1. April 1998 wird die Mehrwertsteuer von 15 auf 16 Prozent erhöht. Das heißt beim Einkaufen: Wir kriegen weniger für unser Geld. Aber unseren 672 Abgeordneten in Bonn macht das nicht viel aus. Denn just zu diesem Zeitpunkt werden ihre Diäten um rund vier Prozent erhöht. Das heißt, ein jeder bekommt 525 Mark mehr in die ohnehin schon prall gefüllte Tasche. 12.350 Mark erhalten die Damen und Herren dann im Monat. Und die nächste Erhöhung ist auch schon beschlossene Sache. Zum 1. Januar 1999 werden noch mal 525 Mark draufgelegt. Jeder Abgeordnete / jede Abgeordnete weiß also heute schon, was er / sie 1999 verdient: 12.875 Mark monatlich. Der Bund der Steuerzahler spricht in diesem Zusammenhang von Dreistigkeit. Die Gewerkschaft der Polizei ist auch erzürnt. Andere Bereiche des öffentlichen Dienstes würden Nullrunden einlegen – und die Politikergehälter steigen. So manchen schwillt da gehörig der Kamm. Aber wir kennen das ja schon: Wasser predigen und selber Wein saufen. Und die schicken Kritiker schweigen betreten – vor allem die linken Kabarettisten, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen über alles mögliche herziehen und dabei gut abkassieren (aus dem großen Gebührentopf). Nur nicht über das, was uns betrifft. Dafür wird uns im Fernsehen von einer Frau Kroymann ein ARD-Humor der besonderen Art präsentiert (Sonntag, 7. Dezember): „Das Kinderzimmer soll sexuell saniert werden. Ab sofort soll es keine Steiff-Tiere mehr geben, sondern nur noch Schlaff-Tiere.“ – Niveau: pubertierende Schüler. Und dafür müssen wir auch noch Gebühren bezahlen. Ob wir wollen – oder nicht.               

Noch eine Woche
Noch siebenmal schlafen – und dann gibt’s Weihnachtsgeschenke. Wenn am Heiligen Abend beschert wird. Hoffentlich das, was sich ein jeder gewünscht hat. Aber wir wissen heute schon, daß an den Tagen nach dem Fest für die Einzelhändler der Umtausch ansteht. Freuen wir uns trotzdem auf die Tage der Ruhe vom 24. bis 28. Dezember – nach dem Streß des Einkaufens, der Hetze, des Rechnens, ob man dieses oder jenes Geschenk nicht doch noch preiswerter erstehen kann. Weihnachten ist ja in diesem Jahr nicht nur an zwei Feiertagen. Das Wochenende kommt auch noch hinzu, also insgesamt fast fünf feierliche Tage. Für viele wird Heiligabend, der erste und zweite Weihnachtstag jenen familiären Weihnachtsstreß haben, von dem man sich dann am Samstag und Sonntag wieder erholen kann und vorbereiten auf das, was dann am Mittwoch der Woche danach stattfindet: Jahreswechel 1997/98. Schlag auf Schlag geht’s also in den kommenden zwei Wochen zu. Wenn das kein festlicher Reigen wird, dann frage ich mich, was ein Fest ist. Und feiern ohne Suff ist übrigens noch schöner. Für alle.                                                                

Bundeswehr wohin?
Im Sommer noch waren sie die Helden bei der Überschwemmungskatastrophe an der Oder. Jetzt sind sie die Neonazis. Unseren Bundeswehrsoldaten wehen derzeit harte Winde ins Gesicht. Tag für Tag, Woche für Woche kommen neue Belege für ein munteres Neonazitreiben in Teilen der Bundewehr ans Licht. Bunte Blätter, die einst glaubten die gefälschten Hitler-Tagebücher als Weltsensation verkaufen zu können, machen jetzt Kasse mit neonazistischen Umtrieben in Soldatenkreisen. Nun ist die Bundeswehr ein Teil der Gesellschaft. Und wenn ich mir vorstelle, daß rund zehn Prozent der Wähler im Unterland bei den letzten Landtagwahlen streng rechts gewählt haben, dann verwundern mich die Vorkommnisse, die in den letzten Wochen kolportiert wurden, eigentlich nicht sonderlich. Und je mehr man den Provokationen junger Leute mit Hysterie begegnet, desto stärker wird bei denen die Lust, es den Altvorderen gelegentlich zu zeigen. Wir kennen das ja aus den Schulen des Unterlandes, wo Alt-Achtundsechziger und deren Apologeten immer wieder versuchen, aus unbedarften Schülern den neuen Menschen zu schaffen. Wenn bei diesem Prozeß dann aus reiner Provokation gewisse Wahrheiten von Schülern stupide in Frage gestellt werden, dann rasten die Damen und Herren Lehrer völlig aus. Von Pädagogik keine Spur. Ich kann mich noch erinnern, daß es in den sechziger und siebziger Jahren grad umgekehrt an Unterländer Schulen war. Da rasteten Lehrer aus, nur weil Schüler in Jeans im Unterricht erschienen. Schulverbot war die Folge. Heute nutzt es genauso wenig, bei unbequemen Fragen, Schüler als Enkel der Nazimörder zu beschimpfen. Das erinnert fatal an Methoden, die wir aus den beiden Diktaturen in diesem Jahrhundert in Deutschland kennen. In der Familie und in der Schule wird die Saat für das gelegt, was uns derzeit an neonazistischen Auswüchsen bei der Bundeswehr beschäftigt. Themen tabuisieren, Denkverbote aussprechen – das sind die Anfänge für Auswüchse jener Art, die letztlich auch unser Gemeinwesen gefährden. Offenheit, Klarheit, Wahrheitsliebe schmerzen, sind aber besser als sich in einmal gefundene Antworten bequem zurückzulehnen. Denkfaulheit ist das Kennzeichen von Ideologen. Und die haben nichts an unseren Schulen zu suchen. Ob von links oder rechts.                                         

Schuluniform – ein Witz?
Einst hatten moderne Politiker es gar nicht erst zugelassen, daß in den Schulen die Unterschiede zwischen Arm und Reich in der Kleidung sichtbar werden. Alle Schüler hatten ein ganz bestimmte Kleidung zu tragen – einheitlich. In Deutschland beschränkte sich diese Schuluniform vornehmlich auf das Militärische: Kadetten trugen stramme Anzüge. In den höheren Schulen beschränkte man sich auf Mützen. In angelsächsischen Ländern, wo die protestantischen Kirchen oft ein Wörtchen mitzureden hatten, waren die Kleider der Schülerinnen und Schüler ziviler. Bis heute haben sich an den englischen Schulen das Jackett, die dunkle Hose, das weiße Hemd und die Krawatte erhalten. Bei den Mädchen Rock, Bluse, Jäckchen, Kniestrümpfe. Nicht gerade berauschend modisch. Aber einheitlich und praktisch. Bei uns in Deutschland tobt derweil der Marken- und Modekampf unter den Schülern. Man sieht schon nach wenigen Blicken, wer in welche Schicht gehört. Kinder plagen ihre Eltern mit absurden Wünschen nach Designer-Klamotten, nur weil in der Klasse die Tonangebenden vorgeben, was zur Zeit „In“ ist. Da kam unser CDU-Fraktionsvorsitzende Günther Oettinger im Stuttgarter Landtag auf die Idee, die Schuluniformen als Gegenmittel zum Modeterror in unseren Bildungsanstalten wieder ins Gespräch zu bringen. Hohn und Spott schlug ihm entgegen. Vor allem von grünen und sozialdemokratischen Abgeordneten. Deren Kinder würden es sich auch streng verbieten, zumal der Vater ja zu den gehobenen Ständen gehört, auf Designerklamotten zu verzichten. Individualität gegen Gleichmacherei. Diesmal seitenverkehrt – bei Linken und Bürgerlichen.    Vor allem die Sozis wehrten sich gegen die „Gleichmacherei“ und wollten die Schule nicht zum „Kasernenhof“ verkommen lassen. Auch die FDP wollte von Oettingers „Schnapsidee“ nichts wissen. Verständlich – bei ihrer Klientel. Das Problem des Konsumterrors an den Schulen aber ist auch mit dummen Politiker-Sprüchen nicht beseitigt. Hauptsache die nächste Diätenerhöhung kommt. Damit der Filius auch die richtigen Klamotten auf dem Schulhof anhat.                     

Weihnachtsempfang
Immer montags kurz vor Weihnachten – das hat Tradition. Empfang des Arbeitgeberverbandes im Foyer des Stadttheaters Heilbronn. Erst ein kurzer Begrüßungstrunk. Dann die Rede des Vorsitzenden. Danach ein rustikales Vesper im Haus des Handwerks auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Auch am Montag dieser Woche lief der Weihnachtsempfang des Arbeitgeberverbandes wieder so ab. Und alle kamen. Die Industriellen, die Vorstände, die Journalisten, die Politiker und die Vertreter aus diversen Behörden. Man lauschte, man plauschte, man aß und trank. Und hatte was mit auf den Weg bekommen. Kein Fresspaket, sondern geistige Nahrung durch die Rede des Vorsitzenden des Verbands der Metallindustrie Baden-Württemberg (Bezirksgruppe Heilbronn/Region Franken) Karl Schaerff. Nach dem Ende des Kommunismus, meinte er, müßten wir alle einsehen – ob wir wollen oder nicht, daß sich in der Verbindung mit der Revolution im Bereich Kommunikationstechnologie sowie der Liberalisierung der Güter- und Finanzmärkte eine völlig neue Wirtschaftssituation ergeben habe. Vor allem den deutschen Bürokratismus geißelte Schaerff in diesem Zusammenhang, die Überregulierung. Derzeit würden etwa 45.000 Tarifverträge in Deutschland gelten. In der Bundespolitik wirke der Reformstau lähmend. Die Kosten der Wirtschaft aus der Gesetzes- und Verordnungsflut würden sich auf jährlich rund 58 Milliarden Mark summieren. Pro Jahr und Mitarbeiter würden in einer deutschen Firma allein 62 Arbeitsstunden dafür anfallen. Das mag ja alles richtig sein. Aber seit Jahren höre ich von Gewerkschafter und Arbeitgebern, Abgeordneten und sonstigen Politikern nur Klagen. Selten höre ich, daß sie auf die Leistung aus dem vergangenen Jahr im Lande stolz waren. Wie auch, meinen einige Kritiker im Ausland. Sie wollen ja, daß sich alles ändert – nur ohne ihr Mittun. Und es soll ihnen allen auch niemand wehtun. Änderungen aber werden irgendjemand wehtun müssen. Und es kann nicht sein, daß es immer nur die Arbeitnehmer sind, die Einbußen hinnehmen müssen. Es ist an der Zeit, daß sich im Geist unserer Verantwortungsträger etwas ändert. Lamentieren bringt keine Neuerungen. Auch Unternehmer und Arbeitgeber müssen umdenken, wenn sie nicht den Zug der Zeit verpassen wollen. Auch bei deutschen Unternehmern (wie bei vielen Arbeitnehmern) hat sich die Versorgungsmentalität breitgemacht, daß der Staat für ihr Wohlergehen zu sorgen hat. Es kann aber nicht sein, daß mies wirtschaftende Unternehmer in unserem Versorgungsstaat für ihre Unfähigkeit belohnt werden – dank Unterstützung aus Politik und Gewerkschaft.                          

In die Ferne schweifen
Das Gute liegt für Weinfreunde nicht immer nah. Selbst überzeugte Anhänger des Württembergers sehen sich immer häufiger auch nach anderen Tropfen um. Bestes Beispiel dafür ist der Run auf Deutschlands größten Weinhändler – Aldi. Der Discounter offerierte jetzt, für 7,98 Mark die Flasche, beste Riserva-Spanier der Jahrgänge 1985, 1987 und 1989. Man konnte die Trollingerschlotzer beim Großeinkauf beobachten. Die Insider hatten sich von der Qualität bereits bei der letzten 90er Offerte überzeugt. Einheimische Wengerter müssen sich bei solchen Top-Angeboten äußerst warm anziehen. Etliche können mit der Qualität nicht mithalten, vom Preis wollen wir gar nicht erst reden. Weitgereiste Weintrinker haben am Ende der Welt eine weitere Bedrohung württembergischer Besitzstände ausgemacht. Im fernen Neuseeland wurden Schafweiden in Weingärten verwandelt, um in kürzester Zeit Spitzenweine von Weltruf auf den Markt zu bringen. Elegante Chardonnay, edle Merlot und Cabernet Sauvigon, gereift im kleinen Eichenfaß – alles vom Feinsten. Die Wengerter können von den Neuseeländern lernen: Da werden keine Massen produziert, lieber kleine Einheiten zu hohen Preisen (um die 25 Mark). Das Konzept geht auf. Auch ein Blick auf das Konsumverhalten lohnt sich: Es hat sich ein wahrer Weinkult entwickelt – es ist schick in Neuseeland, mit Begeisterung einheimische Weine zu trinken. Vielleicht sollten die schwäbischen Weinmanager der Nachhilfe wegen einen 24-Stunden-Flug auf sich nehmen.

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