Wochenblatt
Haben Sie das gewußt? – 0,8 Prozent
aller Deutschen wenden ihr Spiegelei in der Pfanne. Acht Prozent aller
Deutschen jonglieren mit Aktien. 18 Prozent aller Deutschen sprechen mit ihren
Blumen. 28 Prozent aller Deutschen singen unter der Dusche. 38 Prozent aller
Deutschen flirten beim Autofahren. 48 Prozent aller Deutschen tragen verwegene
Unterwäsche. 58 Prozent aller Deutschen
hören klassische Musik. 68 Prozent aller Deutschen fragen im Ausland nach
deutschem Bier. 78 Prozent aller Deutschen machen Fotos von Sonnenuntergängen. Und 88 Prozent aller Deutschen lesen ein
Anzeigenblatt (deutsche Bevölkerung ab 14 Jahren, WLK, AWA ‘96). Die
Wochenzeitung Neckar Express ist ein
Anzeigenblatt im Stadt- und Landkreis
Heilbronn und erscheint allwöchentlich in einer Auflage von 157.000 Exemplaren. Rund 425.000 Menschen wohnen im Stadt und
Landkreis Heilbronn. Da kann man sich schnell ausrechnen, wie intensiv der
Neckar Express gelesen wird. Und das 52-mal pro Jahr. Und im Zeitalter der
immer schneller steigenden Kosten für die privaten Haushalte, ist es natürlich
besonders interessant, eine Wochenzeitung wie den Neckar Express kostenlos in
den Briefkasten gesteckt zu bekommen. Die
Zeiten, als man im Schwobeländle sagte, was nix koscht, des isch au nix, diese
Zeiten sind längst vorüber. Hinzu kommt noch, daß sich im letzten Jahrzehnt
durch eine kleine Revolution in den Medien (private Hörfunk- und Fernsehsender,
Internet, etc.) eine Vielfalt auf die
Konsumenten einstürzt, daß jedes Medium mit großen Anstrengungen um
seinen Platz kämpfen muß. Das haben Tageszeitungen, öffentlich-rechtliche, aber
auch private Fernseh- und Radio-Sender teilweise schmerzlich erfahren müssen.
Eppinger Skinheads
Vor der Jugendkammer des Heilbronner
Landgerichts wird derzeit im sogenannten Skinhead-Prozeß verhandelt. Sieben
junge Männer und Frauen im Alter von 16 bis 24 Jahren sind angeklagt, im Juli
1996 einen 44jährigen betrunkenen Handwerker in Eppingen am Bahnhof bestialisch
umgebracht zu haben. Vorwurf des Staatsanwalts: Mord, Mordversuch, schwerer
Raub, schwere gefährliche Körperverletzung, räuberische Erpressung und
versuchter Computerbetrug mit einer Scheckkarte. Die Eppinger Skinhead-Clique, schon vor diesem Mord in der
Kraichgau-Metropole gefürchtet, hatte den angezechten
Handwerker aus Gemmingen von den Mädchen der Gruppe mit dem
Versprechen auf schnellen Sex hinter den
Bahnhof gelockt, drei fielen dann ohne Vorwarnung über den Mann her, schlugen
seinen Kopf mehrmals gegen einen Waggon, hieben ihm die Fäuste in den Bauch,
versetzten ihm mit Springerstiefeln wuchtige Fußtritte. 200 Mark Bargeld nahmen
sie ihm ab und prügelten sodann die Geheimnummer der Scheckkarte aus dem Mann
heraus. Der Versuch, noch mehr Geld am Geldautomaten herauszupressen, mißlang.
Aus Wut und aus reinem Vergnügen, so der Staatsanwalt, prügelten die Skins weiter auf den
Angetrunkenen ein, warfen den Schwerverletzten sodann in den Kofferraum eines
Autos, überlegten, ob sie den röchelnden Mann in einen See werfen oder besser
vergraben sollten. Nachdem der erste Versuch ihn mit einen übergezogenen
Müllsack zu ersticken mißlang, hielten die Skins dem röchelnden Mann beim
zweiten Versuch die Hände fest, bis der Todeskampf beendet war. Dann warfen sie
die Leiche in einem Weinberg in ein Gebüsch. Am Abend darauf feierten die Skins
mit dem Geld ihres Opfers ein Fest. „Mordlust“
unterstellt der Staatsanwalt den Angeklagten. Die in der Eppinger
Skinhead-Szene übriggebliebenen wenigen „Glatzen“ fürchten jetzt ihrerseits den
Zorn der Mitbürger. 15 Verteidiger sind
aufmarschiert, 23 Zeugen und sieben Sachverständige sollen gehört werden.
Täglich soll der Prozeß rund 12.000 Mark kosten. 16 Verhandlungstage sind
angesetzt.
Beklebtes Niveau
Er ziert beinahe jedes Auto, auch in
Heilbronn, wobei Größe, Farbe, Form, Text und Vielzahl völlig unterschiedlich
sein können. Nur eines haben alle gemeinsam – sie sind hirnlos! Sie, die
Aufkleber beschreiben auf Anhieb,
welcher Gesellschaftsschicht oder geistigen Gruppe der Halter des PKWs
sich zuordnet. Beispielsweise ist schon öfters der Spruch „Mallorca – saufen und f..., echt goil!“ gesichtet worden. Sehr
starkes Niveau, meine ich. Aber auch Texte wie „2 fast 4 you“ übersteigen
entschieden den Horizont des mittelmäßig gebildeten Zeitgenossen. Einzigartig
wie Legasthenie durch eine perfekte Kombination mit arabischen Zahlen plus die
Verbindung mit Anglizismen einen klaren Sinn ergeben können. Andere Menschen im
Straßenverkehr outen sich durch den Aufkleber mit ihren persönlichen Problemen. So müssen zum
Beispiel einige Truckers offenbar an schweren sexuellen Störungen leiden, da
der Spruch „Achtung meine Damen, meiner ist 18 Meter lang!“ oft auf ihrem
LKW-Anhänger zu finden ist. Andere dagegen haben sich sicherlich nur ein wenig
verschätzt. Teenager und Studenten ehren dagegen lieber den wirklichen Besitzer
des Autos. Besonders beliebt sind in diesem Fall „Sponserd by Daddy, Oma oder Opa“. Sie haben es sich ja auch
verdient. Eine andere Sorte Aufkleber zeigt an, welchem Club der Fußballfan anhängt.
Übertreibungen sind dabei keine Seltenheit. Wimpel, Schal, Sitzbezüge – alles
in den Farben des Vereins. Es dauert sicherlich auch nicht mehr lange, bis der
FC Bayern München den ersten in Vereinsfarben lackierten Opel seinen Superfans
anbietet. Sehr zuvorkommend sind auch jene Fahrer, die mit der Frage auf dem
Heck ihres Autos „Fahre ich zu dicht vor Ihnen her?“ etwas, fragt sich nur was,
deutlich machen wollen. Doch noch zuvorkommender sind andere, die durch riesige
Firmenaufkleber (Pioneer, Kenwood,etc.) auf ihrer Heckscheibe, dem potentiellen
Autoknacker die Suche nach guter Ware erleichtern wollen. So hat halt jeder was
davon. Oder etwa nicht? Oder doch? Oder wie? Oder was? Echt geil?
Top Ten für BW
Ich finde es einfach toll, wenn
jemand in diesen Zeiten auch mal was Positives rüberbringt. Zum Beispiel unser
Wirtschaftsminister Walter Döring.
„Top Ten für den Standort Baden-Württemberg“ nennt er seine Liste. Denn
„Baden-Württemberg ist Zukunftsland Nummer eins. Es lohnt sich hier zu leben,
zu arbeiten und zu investieren. Es gibt in Europa keinen besseren Standort.“
Und dann zählt er auf: „1. Exportland Nummer 1 unter den Flächenländern
Deutschlands: Je Einwohner exportierte Baden-Württemberg in Höhe von gut 12.500
Mark (Deutschland: 9.000 Mark) im Jahr 1996 in praktisch alle Länder der Welt.
2. Höchste gesamtwirtschaftliche Leistung – gemessen am Bruttosozialprodukt:
Das von den Einwohnern Baden-Württembergs erzielte reale Bruttosozialprodukt
war mit 43.665 Mark am höchsten unter den Flächenländern (Westdeutschland:
40.883 Mark).“ Zusammengefaßt lauten die Überschriften: 3. Land mit dem höchsten materiellen
Lebensstandard. 4. Niedrigste Arbeitslosigkeit zusammen mit Bayern. 5.
Niedrigste Insolvenzhäufigkeit der Wirtschaftsunternehmen in Deutschland. 6.
Land mit der höchsten Industriedichte und der zweithöchsten Handwerksdichte
unter den Flächenländern. 7. Land mit den meisten Erfindern in Deutschland und
auch mit Abstand der höchsten Patentaufkommen. 8. Baden-Württemberg investiert
am meisten in die Forschung und Entwicklung. 9. Land mit dem dichtesten Netz an
Forschungseinrichtungen. 10. Baden- Württemberg ist zukunftsorientiert und hat
die jüngste Wohnbevölkerung. Und dann die Vision des Ministers (dank neue Messe
in Stuttgart, neuem Stadtteil am Hauptbahnhof) zum Schluß: „Baden-Württemberg steht damit im Zentrum des europäischen
Verkehrsverbundes; es wird Knotenpunkt sein für die Begegnung von
hochtechnisierter Industriestruktur, Medienwirtschaft, Kommunikation und
Marketing.“ – Was kann uns da noch passieren, außer daß es uns noch
schlechter gehen könnte?
Schöne Schule
Erinnern Sie sich an Ihre Schulzeit?
Die Angst vor Klassenarbeiten, vor Zeugnissen, vor der strengen Mathe-Lehrerin?
Oder ist Ihnen eine Abneigung gegen den Geruch von Leberwurstbroten und Äpfeln geblieben – dem klassischen
Pausenvesper? Oder erinnern Sie sich auch nur an die Kritzeleien an den Wänden
der Schultoilette, die Schnitzereien auf dem Schultisch? Na klar, jeder von uns
weiß da etwas von seiner Schulzeit zu berichten. Nun hat solch eine Lehranstalt
die Eigenschaft, daß Generationen von Schülerinnen und Schülern Mobiliar und
Gemäuer schon ziemlich strapazieren. Irgendwann muß renoviert werden. Und wer
eines der Heilbronner Gymnasien betreten hat, weiß, daß dies dringend notwendig
ist. Teilweise sehen die Räumlichkeiten schon ziemlich runtergekommen aus. Kein
Wunder, daß die Schulleiter immer wieder Bitten an die Kommunalpolitiker
richten, doch auch etwas für die Schulen zu tun. Einer Gruppe von Eltern eines Heilbronner Gymnasiums dauerte das alles
zu lange. Sie beschlossen, einen Klassenraum ihrer Kinder selber zu
erneuern. Das Angebot wurde dem Schulleiter vorgetragen. Dieser fand die Idee
ganz toll. Denn die Eltern hatten ja das immer wieder angemahnte eigene
Engagement gezeigt. Nicht nur motzen, sondern selber klotzen, war die Devise
der Mütter und Väter. Leider mußte das Renovierungsprogramm erst einmal
aufgeschoben werden. Denn just zu dem Zeitpunkt, als die Eltern mit ihrer
Bauinitiative starten wollten, wurde von Seiten der Schulbehörden signalisiert:
Es kommen neue Möbel und um eine Renovierung der Klassenzimmer sei es auch
nicht schlecht bestellt. Schade eigentlich, denn damit wurde eine positive
Aktion gestoppt, bevor sie überhaupt starten konnte. Aber vielleicht hat diese
Idee ja Vorbildfunktion – wäre doch klasse, oder?
Freilichtheater-Saison
Er wird langsam aber sicher
sommerlich – auch wenn die Temperaturen gelegentlich mehr an einen April als
den Monat Mai erinnern. Die beginnende Sommerzeit heißt bei uns in der Region
auch: Beginn der Freilichtspielsaison. Bei den Laienspielen in Neuenstadt am Kocher beginnt die
Spielzeit am Freitag, den 6. Juni mit der Premiere einer Komödie von Nikolai Gogol „Der Revisor“. Die Truppe
der munteren Spieler unter ihrer rührigen Regisseurin Hanna Reiners wird bis
zum 20. Juli jeden Freitag, Samstag und Sonntag auf der Burggrabenbühne für die
Theaterhungrigen der besonderen Art ihr Spektakel abliefern. Neuenstadt
verspricht immer einen unterhaltsamen Abend – soviel ist jetzt schon sicher. In
Jagsthausen wird unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Professor Dr. Roman Herzog Theater im
Burghof geboten. Künstlerischer Leiter der Burgfestspiele in Jagsthausen ist Jochen Striebeck, der auch schon den
Götz mimte. Überhaupt: Das Traditionsstück Goethes „Götz von Berlichingen“ steht jetzt schon im 48. Spieljahr auf dem
Plan und feiert ungebrochen bei den Zuschauern seine Erfolge – in welcher
Inszenierung auch immer. Den Titelhelden spielt in diesem Jahr der Berliner
Schauspieler Jürgen Watzke unter der
Regie des Münchner Regisseurs Alois-Michael
Heigl. Premiere ist am Donnerstag, den 12. Juni. Alexandra Freifrau von Berlichingen, die Erste Vorsitzende der
Burgfestspiele, setzt auf Kontinuität. Der große Erfolg des vergangenen Jahres,
das Musical „Kiss me Kate“ in der Inszenierung von Helga Wolf, wird wieder aufgenommen. Und als Märchen gibt es vom 18. Juni bis 10. August im
Burghof die Geschichte des „Rumpelstilzchen“ nach den Gebrüdern Grimm in der
Inszenierung von Andreas Herrmann.
Auch in Zwingenberg am Neckar und in Schwäbisch Hall am Kocher wird
Freilichttheater geboten. Oper, Musical und viel klassisches Schauspiel.
Erfolgreiches Theater eben.
Klärschlamm
Die
Klärschlammverbrennung im Kohlekraftwerk
Heilbronn der Energieversorgung Schwaben EVS war erfolgreich. Jetzt wartet
man auf die Genehmigung zur dauerhaften
Verbrennung. Der Unterländer Klärschlamm wird deshalb weiter außerhalb des
Landes Baden-Württemberg entsorgt. Jährlich fallen in der Heilbronner
Kläranlage zum Beispiel 20.000 Tonnen Schlamm an. Die Firma Hölzl aus Schonstett entsorgt diesen „Müll“. Bis Juni 1997.
Dann wird bis zum März 1998 die Firma Strabag aus Krefeld den Schlamm
entsorgen. Kosten: 2,44 Millionen Mark. Der Klärschlamm wird von der Austraße
in Heilbronn zum Neckarsulmer Bahnhof gekarrt, und von dort gelangt er auf
Spezialcontainern per Bahn nach Leuna bei Halle. In einer Hochhalde wird der
Heilbronner Schlamm dann als Rekultivierungsmaterial verwendet. Der Sinn dieses
teuren Unterfangens ist mir bisher noch nicht ganz klar geworden. Klar ist mir
nur, daß diese Art der Entsorgung große Kosten verursacht, die wir als
Verbraucher mit unseren Müllgebühren bezahlen müssen. In Heilbronn und Umgebung
kann der Schlamm nicht entsorgt werden, behauptet die Verwaltung. Man habe kein
Deponiegelände. Auf dem vorhandenen würde der Heilbronner Schlamm eine „Rutschgefahr“ mit sich bringen. Erst wenn
die EVS ihre Dauergenehmigung in der Tasche hat, kann der Müll in Heilbronn
entsorgt werden. Naja, bis dahin ist er gerade recht für die neuen
Bundesländer, um auf Feldern und bei der Rekultivierung zu helfen. Ich habe den
leisen Verdacht, daß hier viel Unsinn in
die Praxis umgesetzt wird. Aber Schildbürger soll es bekanntlich viele geben in der Bundesrepublik. In Heilbronn –
behaupten Kenner seit dem Rathausskandal – seien sie aber zuhauf anzutreffen.
Aber es gibt ja viele Rathäuser im Land. Und da wiehert’s bekanntlich oft.
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