Mittwoch, 19. März 2014

Kiliansmännle, 28.05.1997


Wochenblatt
Haben Sie das gewußt? – 0,8 Prozent aller Deutschen wenden ihr Spiegelei in der Pfanne. Acht Prozent aller Deutschen jonglieren mit Aktien. 18 Prozent aller Deutschen sprechen mit ihren Blumen. 28 Prozent aller Deutschen singen unter der Dusche. 38 Prozent aller Deutschen flirten beim Autofahren. 48 Prozent aller Deutschen tragen verwegene Unterwäsche. 58 Prozent aller Deutschen hören klassische Musik. 68 Prozent aller Deutschen fragen im Ausland nach deutschem Bier. 78 Prozent aller Deutschen machen Fotos von Sonnenuntergängen. Und 88 Prozent aller Deutschen lesen ein Anzeigenblatt (deutsche Bevölkerung ab 14 Jahren, WLK, AWA ‘96). Die Wochenzeitung Neckar Express ist ein Anzeigenblatt im Stadt- und Landkreis Heilbronn und erscheint allwöchentlich in einer Auflage von 157.000 Exemplaren. Rund 425.000 Menschen wohnen im Stadt und Landkreis Heilbronn. Da kann man sich schnell ausrechnen, wie intensiv der Neckar Express gelesen wird. Und das 52-mal pro Jahr. Und im Zeitalter der immer schneller steigenden Kosten für die privaten Haushalte, ist es natürlich besonders interessant, eine Wochenzeitung wie den Neckar Express kostenlos in den Briefkasten gesteckt zu bekommen. Die Zeiten, als man im Schwobeländle sagte, was nix koscht, des isch au nix, diese Zeiten sind längst vorüber. Hinzu kommt noch, daß sich im letzten Jahrzehnt durch eine kleine Revolution in den Medien (private Hörfunk- und Fernsehsender, Internet, etc.) eine Vielfalt auf die  Konsumenten einstürzt, daß jedes Medium mit großen Anstrengungen um seinen Platz kämpfen muß. Das haben Tageszeitungen, öffentlich-rechtliche, aber auch private Fernseh- und Radio-Sender teilweise schmerzlich erfahren müssen.

Eppinger Skinheads
Vor der Jugendkammer des Heilbronner Landgerichts wird derzeit im sogenannten Skinhead-Prozeß verhandelt. Sieben junge Männer und Frauen im Alter von 16 bis 24 Jahren sind angeklagt, im Juli 1996 einen 44jährigen betrunkenen Handwerker in Eppingen am Bahnhof bestialisch umgebracht zu haben. Vorwurf des Staatsanwalts: Mord, Mordversuch, schwerer Raub, schwere gefährliche Körperverletzung, räuberische Erpressung und versuchter Computerbetrug mit einer Scheckkarte. Die Eppinger Skinhead-Clique, schon vor diesem Mord in der Kraichgau-Metropole gefürchtet, hatte den angezechten Handwerker aus Gemmingen von den Mädchen der Gruppe mit dem Versprechen  auf schnellen Sex hinter den Bahnhof gelockt, drei fielen dann ohne Vorwarnung über den Mann her, schlugen seinen Kopf mehrmals gegen einen Waggon, hieben ihm die Fäuste in den Bauch, versetzten ihm mit Springerstiefeln wuchtige Fußtritte. 200 Mark Bargeld nahmen sie ihm ab und prügelten sodann die Geheimnummer der Scheckkarte aus dem Mann heraus. Der Versuch, noch mehr Geld am Geldautomaten herauszupressen, mißlang. Aus Wut und aus reinem Vergnügen, so der Staatsanwalt,  prügelten die Skins weiter auf den Angetrunkenen ein, warfen den Schwerverletzten sodann in den Kofferraum eines Autos, überlegten, ob sie den röchelnden Mann in einen See werfen oder besser vergraben sollten. Nachdem der erste Versuch ihn mit einen übergezogenen Müllsack zu ersticken mißlang, hielten die Skins dem röchelnden Mann beim zweiten Versuch die Hände fest, bis der Todeskampf beendet war. Dann warfen sie die Leiche in einem Weinberg in ein Gebüsch. Am Abend darauf feierten die Skins mit dem Geld ihres Opfers ein Fest. „Mordlust“ unterstellt der Staatsanwalt den Angeklagten. Die in der Eppinger Skinhead-Szene übriggebliebenen wenigen „Glatzen“ fürchten jetzt ihrerseits den Zorn der Mitbürger. 15  Verteidiger sind aufmarschiert, 23 Zeugen und sieben Sachverständige sollen gehört werden. Täglich soll der Prozeß rund 12.000 Mark kosten. 16 Verhandlungstage sind angesetzt.

Beklebtes Niveau
Er ziert beinahe jedes Auto, auch in Heilbronn, wobei Größe, Farbe, Form, Text und Vielzahl völlig unterschiedlich sein können. Nur eines haben alle gemeinsam – sie sind hirnlos! Sie, die Aufkleber beschreiben auf Anhieb,  welcher Gesellschaftsschicht oder geistigen Gruppe der Halter des PKWs sich zuordnet. Beispielsweise ist schon öfters der Spruch „Mallorca – saufen und f..., echt goil!“ gesichtet worden. Sehr starkes Niveau, meine ich. Aber auch Texte wie „2 fast 4 you“ übersteigen entschieden den Horizont des mittelmäßig gebildeten Zeitgenossen. Einzigartig wie Legasthenie durch eine perfekte Kombination mit arabischen Zahlen plus die Verbindung mit Anglizismen einen klaren Sinn ergeben können. Andere Menschen im Straßenverkehr outen sich durch den Aufkleber mit ihren  persönlichen Problemen. So müssen zum Beispiel einige Truckers offenbar an schweren sexuellen Störungen leiden, da der Spruch „Achtung meine Damen, meiner ist 18 Meter lang!“ oft auf ihrem LKW-Anhänger zu finden ist. Andere dagegen haben sich sicherlich nur ein wenig verschätzt. Teenager und Studenten ehren dagegen lieber den wirklichen Besitzer des Autos. Besonders beliebt sind in diesem Fall „Sponserd by Daddy, Oma oder Opa“. Sie haben es sich ja auch verdient. Eine andere Sorte Aufkleber zeigt an, welchem Club der Fußballfan anhängt. Übertreibungen sind dabei keine Seltenheit. Wimpel, Schal, Sitzbezüge – alles in den Farben des Vereins. Es dauert sicherlich auch nicht mehr lange, bis der FC Bayern München den ersten in Vereinsfarben lackierten Opel seinen Superfans anbietet. Sehr zuvorkommend sind auch jene Fahrer, die mit der Frage auf dem Heck ihres Autos „Fahre ich zu dicht vor Ihnen her?“ etwas, fragt sich nur was, deutlich machen wollen. Doch noch zuvorkommender sind andere, die durch riesige Firmenaufkleber (Pioneer, Kenwood,etc.) auf ihrer Heckscheibe, dem potentiellen Autoknacker die Suche nach guter Ware erleichtern wollen. So hat halt jeder was davon. Oder etwa nicht? Oder doch? Oder wie? Oder was? Echt geil?

Top Ten für BW
Ich finde es einfach toll, wenn jemand in diesen Zeiten auch mal was Positives rüberbringt. Zum Beispiel unser Wirtschaftsminister Walter Döring. „Top Ten für den Standort Baden-Württemberg“ nennt er seine Liste. Denn „Baden-Württemberg ist Zukunftsland Nummer eins. Es lohnt sich hier zu leben, zu arbeiten und zu investieren. Es gibt in Europa keinen besseren Standort.“ Und dann zählt er auf: „1. Exportland Nummer 1 unter den Flächenländern Deutschlands: Je Einwohner exportierte Baden-Württemberg in Höhe von gut 12.500 Mark (Deutschland: 9.000 Mark) im Jahr 1996 in praktisch alle Länder der Welt. 2. Höchste gesamtwirtschaftliche Leistung – gemessen am Bruttosozialprodukt: Das von den Einwohnern Baden-Württembergs erzielte reale Bruttosozialprodukt war mit 43.665 Mark am höchsten unter den Flächenländern (Westdeutschland: 40.883 Mark).“ Zusammengefaßt lauten die Überschriften:  3. Land mit dem höchsten materiellen Lebensstandard. 4. Niedrigste Arbeitslosigkeit zusammen mit Bayern. 5. Niedrigste Insolvenzhäufigkeit der Wirtschaftsunternehmen in Deutschland. 6. Land mit der höchsten Industriedichte und der zweithöchsten Handwerksdichte unter den Flächenländern. 7. Land mit den meisten Erfindern in Deutschland und auch mit Abstand der höchsten Patentaufkommen. 8. Baden-Württemberg investiert am meisten in die Forschung und Entwicklung. 9. Land mit dem dichtesten Netz an Forschungseinrichtungen. 10. Baden- Württemberg ist zukunftsorientiert und hat die jüngste Wohnbevölkerung. Und dann die Vision des Ministers (dank neue Messe in Stuttgart, neuem Stadtteil am Hauptbahnhof) zum Schluß: „Baden-Württemberg steht damit im Zentrum des europäischen Verkehrsverbundes; es wird Knotenpunkt sein für die Begegnung von hochtechnisierter Industriestruktur, Medienwirtschaft, Kommunikation und Marketing.“ – Was kann uns da noch passieren, außer daß es uns noch schlechter gehen könnte?

Schöne Schule
Erinnern Sie sich an Ihre Schulzeit? Die Angst vor Klassenarbeiten, vor Zeugnissen, vor der strengen Mathe-Lehrerin? Oder ist Ihnen eine Abneigung gegen den Geruch von Leberwurstbroten und Äpfeln geblieben – dem klassischen Pausenvesper? Oder erinnern Sie sich auch nur an die Kritzeleien an den Wänden der Schultoilette, die Schnitzereien auf dem Schultisch? Na klar, jeder von uns weiß da etwas von seiner Schulzeit zu berichten. Nun hat solch eine Lehranstalt die Eigenschaft, daß Generationen von Schülerinnen und Schülern Mobiliar und Gemäuer schon ziemlich strapazieren. Irgendwann muß renoviert werden. Und wer eines der Heilbronner Gymnasien betreten hat, weiß, daß dies dringend notwendig ist. Teilweise sehen die Räumlichkeiten schon ziemlich runtergekommen aus. Kein Wunder, daß die Schulleiter immer wieder Bitten an die Kommunalpolitiker richten, doch auch etwas für die Schulen zu tun. Einer Gruppe von Eltern eines Heilbronner Gymnasiums dauerte das alles zu lange. Sie beschlossen, einen Klassenraum ihrer Kinder selber zu erneuern. Das Angebot wurde dem Schulleiter vorgetragen. Dieser fand die Idee ganz toll. Denn die Eltern hatten ja das immer wieder angemahnte eigene Engagement gezeigt. Nicht nur motzen, sondern selber klotzen, war die Devise der Mütter und Väter. Leider mußte das Renovierungsprogramm erst einmal aufgeschoben werden. Denn just zu dem Zeitpunkt, als die Eltern mit ihrer Bauinitiative starten wollten, wurde von Seiten der Schulbehörden signalisiert: Es kommen neue Möbel und um eine Renovierung der Klassenzimmer sei es auch nicht schlecht bestellt. Schade eigentlich, denn damit wurde eine positive Aktion gestoppt, bevor sie überhaupt starten konnte. Aber vielleicht hat diese Idee ja Vorbildfunktion – wäre doch klasse, oder?

Freilichtheater-Saison
Er wird langsam aber sicher sommerlich – auch wenn die Temperaturen gelegentlich mehr an einen April als den Monat Mai erinnern. Die beginnende Sommerzeit heißt bei uns in der Region auch: Beginn der Freilichtspielsaison. Bei den Laienspielen in Neuenstadt am Kocher beginnt die Spielzeit am Freitag, den 6. Juni mit der Premiere einer Komödie von Nikolai Gogol „Der Revisor“. Die Truppe der munteren Spieler unter ihrer rührigen Regisseurin Hanna Reiners wird bis zum 20. Juli jeden Freitag, Samstag und Sonntag auf der Burggrabenbühne für die Theaterhungrigen der besonderen Art ihr Spektakel abliefern. Neuenstadt verspricht immer einen unterhaltsamen Abend – soviel ist jetzt schon sicher. In Jagsthausen wird unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Professor Dr. Roman Herzog Theater im Burghof geboten. Künstlerischer Leiter der Burgfestspiele in Jagsthausen ist Jochen Striebeck, der auch schon den Götz mimte. Überhaupt: Das Traditionsstück Goethes „Götz von Berlichingen“ steht jetzt schon im 48. Spieljahr auf dem Plan und feiert ungebrochen bei den Zuschauern seine Erfolge – in welcher Inszenierung auch immer. Den Titelhelden spielt in diesem Jahr der Berliner Schauspieler Jürgen Watzke unter der Regie des Münchner Regisseurs Alois-Michael Heigl. Premiere ist am Donnerstag, den 12. Juni. Alexandra Freifrau von Berlichingen, die Erste Vorsitzende der Burgfestspiele, setzt auf Kontinuität. Der große Erfolg des vergangenen Jahres, das Musical „Kiss me Kate“ in der Inszenierung von Helga Wolf, wird wieder aufgenommen. Und als Märchen  gibt es vom 18. Juni bis 10. August im Burghof die Geschichte des „Rumpelstilzchen“ nach den Gebrüdern Grimm in der Inszenierung von Andreas Herrmann. Auch in Zwingenberg am Neckar und in Schwäbisch Hall am Kocher wird Freilichttheater geboten. Oper, Musical und viel klassisches Schauspiel. Erfolgreiches Theater eben.

Klärschlamm
Die Klärschlammverbrennung im Kohlekraftwerk Heilbronn der Energieversorgung Schwaben EVS war erfolgreich. Jetzt wartet man auf die Genehmigung  zur dauerhaften Verbrennung. Der Unterländer Klärschlamm wird deshalb weiter außerhalb des Landes Baden-Württemberg entsorgt. Jährlich fallen in der Heilbronner Kläranlage zum Beispiel 20.000 Tonnen Schlamm an. Die Firma Hölzl aus Schonstett entsorgt diesen „Müll“. Bis Juni 1997. Dann wird bis zum März 1998 die Firma Strabag aus Krefeld den Schlamm entsorgen. Kosten: 2,44 Millionen Mark. Der Klärschlamm wird von der Austraße in Heilbronn zum Neckarsulmer Bahnhof gekarrt, und von dort gelangt er auf Spezialcontainern per Bahn nach Leuna bei Halle. In einer Hochhalde wird der Heilbronner Schlamm dann als Rekultivierungsmaterial verwendet. Der Sinn dieses teuren Unterfangens ist mir bisher noch nicht ganz klar geworden. Klar ist mir nur, daß diese Art der Entsorgung große Kosten verursacht, die wir als Verbraucher mit unseren Müllgebühren bezahlen müssen. In Heilbronn und Umgebung kann der Schlamm nicht entsorgt werden, behauptet die Verwaltung. Man habe kein Deponiegelände. Auf dem vorhandenen würde der Heilbronner Schlamm eine „Rutschgefahr“ mit sich bringen. Erst wenn die EVS ihre Dauergenehmigung in der Tasche hat, kann der Müll in Heilbronn entsorgt werden. Naja, bis dahin ist er gerade recht für die neuen Bundesländer, um auf Feldern und bei der Rekultivierung zu helfen. Ich habe den leisen Verdacht, daß hier viel Unsinn in die Praxis umgesetzt wird. Aber Schildbürger soll es bekanntlich viele  geben in der Bundesrepublik. In Heilbronn – behaupten Kenner seit dem Rathausskandal – seien sie aber zuhauf anzutreffen. Aber es gibt ja viele Rathäuser im Land. Und da wiehert’s bekanntlich oft.

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