Donnerstag, 13. März 2014

Kiliansmännle, 29.01.1997




Steuerreform
Was lange währt, wird endlich gut. Sagten sich viele, die am deutschen Steuerdschungel schon seit Jahren leiden. Endlich hat die Koalition in Bonn einen vernünftigen Plan vorgelegt, bei dem alle ernsthaften Experten sagen: Ein gewichtiger Schritt in die richtige Richtung. Kein mutiger, aber gemessen an den politischen Verhältnisse in der neuen „Berliner Republik“ doch ein gewichtiger. Der Spitzensteuersatz soll auf 39 Prozent gesenkt werden. Beginnend bei 90.017 Mark statt wie bisher bei 120.000 Mark. Nicht damit die Millionäre reicher werden, sondern wieder Steuern in Deutschland zahlen. Und ab 13.014 Mark Jahreseinkommen wird überhaupt erst besteuert – mit 15 Prozent. Da ist noch einiges glatter zu machen, zum Beispiel, könnte man den Beginn des Spitzensteuersatzes durchaus bei 120.000 Mark belassen. Denn bisher profitieren die mittleren Einkommen nicht sonderlich von dieser geplanten Steuerreform. Wichtig ist aber, daß die Möglichkeiten für Steuerakrobaten und Trickser erheblich eingeschränkt werden sollen. Ich verstehe auch nicht die Aufregung um die geplante Besteuerung von Sonntags- und Feiertagszuschlägen. Wenn schon das Einkommen besteuert wird, dann bitte das ganze. Die Menschen, die nachts und feiertags, sollen besser bezahlt werden – das dürfte unstrittig sein. Aber nicht durch Steuervergünstigungen, sondern durch bessere und höhere Löhne. Was allerdings bei der Besteuerung von Renten und Lebensversicherungen von der Regierung geplant ist, das ist schon reichlich unverschämt. Sparmöglichkeiten gibt es in unserem Lande mehr als genug, vor allem bei den maßlosen Subventionen und der Verschwendung der öffentlichen Hand. Milliarden könnten da eingespart werden. Wenn diese geplante Steuerreform nicht gerecht über die Bühne geht, dann müssen sich unsere Beamten-Politiker langsam fragen lassen, ob sie die richtigen Leute sind, die das Volk vertreten. Die nächste Bundestagswahl 1998 wird es zeigen, ob sie in den kommenden Monaten den Mut zu klaren und richtigen Entscheidungen hatten. Aber ich hege den leisen Zweifel, daß diese „Steuerreform 1999“ – wie alle anderen zuvor auch – im Lobbyisten-Dschungel der Politik letztendlich sich zu einem Reförmchen deformiert wird. 

Schwäbischer Dialekt?
Einige meiner Landsleute haben ja immer noch Minderwertigkeitsgefühle wegen ihres unüberhörbaren schwäbischen Dialekts. Trotz der Nostalgiewelle, die in den Siebzigern mit der Rückbesinnung auf Traditionen begann, die so manches schlabbrige Oma-Kleid sowie alte Truhen und Schränke wieder „in“ erscheinen ließ und sogar zu schwäbischem Kabarett und Rock führte. Je mehr viele Menschen den breiten Dialekt aus ihrer Alltagssprache ins Private verdrängten, in Berlin oder irgendwo anders sich junge Studenten von der Alb im Öko-Look in Seminaren trotzig ihres Dialekts bedienten, desto mehr geriet der Dialekt in die Nische, von wo er nur gelegentlich hervorgekramt wird. Der gebildete Durchschnittsschwabe spricht halt Hochdeutsch und Englisch und auch Schwäbisch. Und junge Leute können das oft ohne Zwänge nebeneinander her mühelos bewältigen. Peinlich und herabwürdigend wird es nur dann, wenn so manche Rundfunkleute des Stuttgarter Spätzles-Senders recht betulich aus ihrem Rundfunkdeutsch (mit leichtem schwäbischen Akzent) und ein breiiges Gemisch aus pietistischem Pfarrhaus-Schwäbisch mit einigen Ausflügen in die derben Abteilungen des Dialekts – und das aber nur dann, wenn ihnen ein stark dialektsprechender Normalschwabe am Mikrofon gegenübersitzt, der allerdings dann oft mehr aus entsetztem Erstaunen über die Sprachakrobatik des Rundfunkmannes ins dialektgefärbte Hochdeutsche flüchtet. Noch schlimmer wird es, wenn dieser nasale Pietistendialekt mit einem schmatzenden und überbetonten Tunten-Schwäbisch vermischt wird, um kurz darauf wieder beim Straßenverkehrsbericht ins gekonnte Hochdeutsch zu wechseln. Damit ist keine Pflege des Dialekts  angesagt, sondern eine Denunziation. Liebhaber unserer Sprache und urige Schwaben müssen sich bei einem solch gequirlten Sprachquark wirklich verarscht vorkommen. Bitte, liebe Südfunk-Leut, verschont uns in Euren Sendungen, um unserer teuren Gebühren willen, vor solchen Vergewaltigern des Schwäbischen.

Kranke(n) Rechnung
Prächtig ist es geraten, das neue Heilbronner Krankenhaus am Gesundbrunnen. Ich finde, die 130 Millionen Mark Baukosten sind gut angelegt und können sich weithin sehen lassen. Wenn ich an die vereinigten Hüttenwerke der städtischen Krankenanstalten in der Jägerhausstraße zurückdenke, dann war es für den Neubau auch höchste Zeit. Jetzt, wo der finanzielle Gesundbrunnen in Stadt und Ländle endgültig versiegt ist, können wir ja richtig froh sein, daß das Geld gerade noch gereicht hat. Ein ausgemoschteter Sparhaushalt beim Land, millionengroße Löcher im Heilbronner Stadtsäckel – das kann in Teufels Namen niemand wegrechnen. Mit den heutigen Finanzkrücken wäre das Projekt nicht mehr auf die Beine gekommen. Ganz besonders freut es mich zu hören, daß die anfänglichen Kinderkrankheiten am Bau und in der Organisation offenbar behoben sind. Diagnose: Patient Krankenhaus läuft und ist wohlauf. Das gilt für den operativen und pflegerischen Bereich. In der Buchhaltung der Verwaltung scheint noch ein Virus schleppend-langsam aktiv zu sein. Es ist bis zu meinem steinernen Ohr durchgedrungen, daß die Rechnungsstellung an Patienten lahmt. Oder wie anders ist es zu erklären, daß Aufzahlungsrechnungen zur zweiten Klasse seit Mitte letzten Jahres (1996) auf sich warten lassen? Fast könnte ich vermuten, die Stadt hat die Hunderter (in der Gesamtsumme vielleicht viele Tausender?) nicht nötig?! Als Patient und Zahler würde ich mich nicht beschweren. Wenn das Krankenhaus-Kässle das Geld nicht braucht, dann ab damit aufs Sparkonto. Für die Abrechnung der nächsten Bankgebühren reichen die Zinsen allemal. Rechnungsmäßig ist mancher Handwerker dagegen ein Cleverle. Im Werkzeugkoffer soll schon die Rechnung gesichtet worden sein, bevor mit der Arbeit überhaupt begonnen wurde. Selbst der Gesundbrunnen-Vertragsfriseur ist superflott. Mit der Schere und beim Kassieren. Kaum eine halbe Stunde Schnipp-schnapp am Krankenbett – und schon hat die frisurbewußte Patientin 59 Mark los. Cash in die Täsch, versteht sich!

Polizeispenden
Manchmal ist ist unser Staat schon ein komischer Rechtsstaat. Da spenden viele Bürger im Unterland für zwei Polizisten rund 15.000 Mark, weil sie der Ansicht sind, daß die hohen Geldstrafen für die beiden durch das Heilbronner Landgericht kein gerechtes Urteil sind. Darüber kann man streiten. Aber nicht darüber, daß Bürger gegen Urteile mit legitimen Mitteln sich zur Wehr setzen dürfen. Denn Richter sind auch nur Menschen und sprechen im Namen des Volkes Urteile nach Recht und Gesetz, wie sie es auslegen und verstehen. Ob diese Urteile dann auch gerecht sind, das eine ganz andere Frage. Im Falle der beiden Polizisten ist das Heilbronner Urteil selbst in Juristen-Kreisen - auch unter Richtern und Staatsanwälten – höchst umstritten. Kommunal- und Landespolitiker aus den unterschiedlichsten Parteien sind sogar entrüstet über dieses Urteil. Für Konrad Jelen jedoch, den Präsidenten der Landespolizeidirektion Stuttgart I und damit Herrn über alle Ordnungshüter im Regierungsbezirk Stuttgart, wäre die Folge der Annahme des Geldes durch die Polizisten: Ein Ermittlungsverfahren wegen Bestechlichkeit. Einer der Polizisten hat inzwischen beantragt, das Geld annehmen zu dürfen. Bleiben die Fronten verhärtet, muß irgendwann dann das Stuttgarter Innenministerium entscheiden. Dabei ist die Frage, ob anonyme Spenden für die Polizisten genehmigungspflichtig sind. Zumal von Bestechlichkeit in diesem Fall keine Rede sein kann. Eventuell muß ein Verwaltungsgericht entscheiden.  Was den Fall anbetrifft – offenbar einmalig in der Bundesrepublik. Wenn die Polizeiführung nicht aufpaßt, könnte der Streit zu einem Polizeiskandal mutieren, bei dem dann die Frage im Mittelpunkt steht: Wie steht es um die Fürsorgepflicht der Polizeiführung für ihre Beamten vor Ort.

Heilbronn Open
Potzblitz, das war eine heiße Woche bei den 14. Heilbronn Open in Talheim. Das neue Tennis-Center präsentierte sich pünktlich zum Beginn der 14. Heilbronn-Open in völlig neuem Outfit. Wo früher gerade mal gut 1000 Zuschauer auf dem Center-Court Platz fanden und Pressevertreter und Schiedsrichter sich in der engen Kegelbahn drängelten, herrschte in diesem Jahr fast schon Grand-Prix-Atmosphäre. Der Hauptplatz präsentierte sich in schickem blau, über 1600 Zuschauer fanden bequem Platz, sogar die Sponsorenlogen, erinnerten ein wenig an die Top-Turniere in Frankfurt, Hamburg und Stuttgart. 800.000 Mark haben die Umbaumaßnahmen gekostet, ein mutiger Schritt, den Turnierdirektor Uli Eimüllner da in wirtschaftlich schweren Zeiten gegangen ist. Schließlich kann man sich nicht ewig auf den Erfolgen vergangener Jahre ausruhen. Und die Bilanz der 14. Heilbronn-Open kann sich sehen lassen. Obwohl am Finaltag mit Sicherheit noch für rund 600 Zuschauer Sitzplätze frei gewesen wären, kann Turnierdirektor Eimüllner mit einem Schnitt von über 16.000 Zuschauern an neun Tagen, der weit über dem Vorjahresniveau liegt, voll zufrieden sein. Und das Einzelfinale am Sonntag war eh nichts Besonderes. Schlechtes Finale hin oder her, die Sponsoren auf jeden Fall sind voll dabei. Mit langfristigen Verträgen will man Spitzentennis auch bis weit ins 21. Jahrhundert hinein garantieren. Daß man etwas tun muß, um den gestiegenen Ansprüchen von Zuschauern und Sponsoren gerecht zu werden, hat man jedenfalls bei den Verantwortlichen der Heilbronn-Open rechtzeitig erkannt. ganz so weit ist man dagegen beim Eishockey-Erstligisten Heilbronner EC noch nicht. Dort spielt man Woche für Woche immer noch an der Bruchbude am Europaplatz. Immer nur jammern und auf die Stadt hoffen bringt einen eben nicht voran. Gerade in schlechten Zeiten sind Mut und neue Ideen gefragt, auch im Sport.

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