Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 15.10.1997



Weinlese im Unterland
Die Weinlese bei uns in der Region hat in diesen Tagen begonnen. Haben Sie auch schon den Federweißen, den frischen Wein – ein wenig trüb und nach einiger Zeit reißend – getrunken? Am besten schmeckt Zwiebelkuchen dazu. Bei unseren Weingärtnergenossenschaften, zum Beispiel bei der Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg, können die Liebhaber dieses schwäbischen Nationalgetränks derzeit den frischen unvergorenen Wein kaufen. Und bei manchen Kellereien können sogar frischgeerntete blaue und helle Trauben erstanden werden, deren kleine Beeren zuckersüß schmecken. Die Wengerter schwärmen von den Oechsle-Graden, die sie in ihrem frischgepreßten Saft messen. Wenn ich da an die klobigen Riesenbeeren in manchen Geschäften denke, die reichlich holzig im Mund liegen, auch nicht sonderlich süß sind und kaum mehr nach Weintrauben schmecken, dann ist es für mich ein Hochgenuß, unsere schwäbischen Weintrauben zu essen. Ich verstehe ohnehin nicht, warum nicht mehr von den hiesigen Trauben jetzt im Handel sind. Sie dürften halt ein wenig teurer sein – aber Qualität hat halt ihren Preis. Probieren Sie doch mal, was da auf Unterländer Weinbergen so heranwächst. Es überzeugt. Ob nun im Glas oder als Beere im Mund.

Helmut ist da!
Die christliche-liberale Koalition in Bonn feierte dieser Tage ihren 15. Geburtstag. Und Helmut Kohl, der Kanzler dieser Regierung, ist schon länger als Konrad Adenauer im Amt. Ein heute zwanzigjähriger kennt keinen anderen Kanzler, als jenen Mann aus Oggersheim, den wir nun schon eine Ewigkeit lang als Regierungschef in deutschen Landen haben – zunächst für die Bonner Republik und dann für ganz Deutschland. Wie hat man ihn von linker Seite zu Beginn seiner Kanzlerschaft beschimpft, als tumben Toren hingestellt, als intellektuellen Flachsegler, als Birne verunglimpft, die nicht fähig ist, einen klaren Gedanken zu fassen oder gar auszusprechen. Er war das gefundene Fressen für kleinbürgerliche linke Kabarettisten, die ihn haßten, weil er all das verkörperte, was sie schon an ihren Eltern verabscheut hatten. Aber auch auf der Rechten, vor allem in seiner eigenen Partei, wurde er zunächst nicht ernstgenommen. Was Franz-Josef Strauß, der Bayernkönig, an herablassenden und spitzen Bemerkungen über Helmut Kohl losließ, das füllt heute noch ganze Bücher. Sie alle haben sich getäuscht und sind darob noch erbitterter. Jetzt hat der Obelix aus der Rheinpfalz seinen Parteifreunden auf dem CDU-Parteitag in Leipzig mitgeteilt, was ihnen allen schon seit Monaten bekannt war: Bei der Bundestagwahl 1998 tritt er wieder an. Die beiden Kanzlerkandidaten der SPD, die Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine (Saarland) und Gerhard Schröder (Niedersachsen) werden von ihm als Schuldenmacher und miserable Politiker verhöhnt. Die Sozialdemokraten wehren sich, legen sich auf eine Koalition mit den Grünen fest und sprechen mit gespaltener Zunge über die Einführung des vielumstrittenen Euro. Die Umfrageergebnisse für die CDU und den Kanzler sind miserabel. Aber das waren sie vor den letzten Wahlen auch schon. Entschieden wird die Bundestagswahl am Wahltag im September 1998 von den Wählern. Und nicht in Umfrageergebnissen. Das weiß niemand besser als der alte Wahlkämpe Helmut Kohl. Und einen Tony Blair kann es in Deutschland nie geben, weil unsere Parteienlandschaft anders strukturiert ist. Die kommenden elf Monate Wahlkampf werden zeigen, ob der 67 jährige Kanzler es noch einmal schafft. Wenn nicht, hat er einen Abgang in demokratischen Ehren. Denn es ist weder eine Schande noch ein nationales Unglück, eine Wahl zu verlieren.  

„Teufelskerl“
Bekanntlich wird ja bei Arbeitsjubiläen, Geburtstagen oder am Grabe mit Lob nicht gespart. Da ist plötzlich der Manager der konkursfälligen Firma, der zweimal abgemahnte Mitarbeiter oder der wenig beliebte Kollege Beamte schon nach dem ersten Satz immer der Freundlichste, Beste und natürlich Allertüchtigste gewesen. Der nie einen Fehler gemacht, Gemeinwohl über Eigeninteresse gestellt hat und Summa Summarum Freund, Weggefährte – und wenn es denn mal sein muß – sogar ein Teufelskerl war. Beim 50. Geburtstag des Bad Rappenauer Bürgermeisters, der nebenbei auch noch Landtagsabgeordneter ist, wurde nicht minder aufgetragen. Ein Mann mit annähernd so vielen erfolgreichen Berufs- wie Lebensjahren, glaubt man Berichten in der Tagespresse. Bei so einem Tüchtigen mußte sogar Ministerpräsident Erwin Teufel eigens mit dem Polizeihubschrauber aus Stuttgart kurz herüber nach Bad Rappenau, um das Geschenk zu überreichen. Dabei ist schon der Helikopterflug alleine ein Geschenk – und zwar des Steuerzahlers. Die Flugstunde (möglicherweise nur „zur Übung“ angesetzt), kostet an die 2.000 Mark. Und wenn der Herr Ministerpräsident das bei allen runden Geburtstagen der Abgeordneten macht, summiert sich das fünf- und sechsstellig. Aber dem Schultes-MdL zum Fünfzigsten hat der Landesvater das selbst gemacht. Schließlich ist Gerd Zimmermann für Teufel ein „Freund fürs Leben“, ließ er beim Empfang im Rappenauer Rathaus wissen. Für kritische Worte war an der morgendlichen Kaffeetafel kein Platz. Der Aktien-Deal mit gewinnbringenden Kur-Papieren, die dem persönlichen Zimmermann-Konto zur Besserung verholfen hätten, ist schließlich abgehakt. Von den Tantiemen aus Aufsichtsratspöstchen kraft Amtes, die in der Privatschatulle landeten und erst nach Kritik und Verwarnung durch den Landrat dem Stadtkämmerer abgeführt wurden, spricht auch niemand mehr. Unter Freunden schon gar nicht.      

Privatisierung
Der Staat hat sich um Staatsgeschäfte zu kümmern. Die Wirtschaft kümmert sich um wirtschaftliche Belange. Daß Sozialisten immer noch glauben, wenn Wirtschaft und Banken privatisiert werden, dann könne gerechter verteilt werden, das gehört zu den großen Ammenmärchen der Geschichte und ist trotz des Zusammenbruchs des „real existierenden Sozialismus“ offenbar nicht aus der Welt zu schaffen. Daß Politiker gern Unternehmerles spielen, ist vor allem bei uns im Unterland eine beklagenswerte Tatsache. Was für einen Sinn es macht, wenn Land, Städte und Gemeinden an Unternehmen beteiligt sind, die Politiker in Aufsichtsräten sitzen, ist bis heute nicht verständlich geworden. Der Landesanteil an den Südwestdeutschen Salzwerken in Heilbronn SWS soll verkauft werden. Lange Zeit ging man davon aus, daß Land und Stadt Heilbronn mit je 45 Prozent Aktienanteil sich dabei grün sind. Aber seit geraumer Zeit ist bekannt, daß das Land Baden-Württemberg mehr Aktienanteile als offiziell angegeben besitzt. Im Zuge der Zusammenlegung von Energieversorgung Schwaben und Badenwerk und der Privatisierung des neuen Stromgiganten im Südwesten, Energieversorgung Baden-Württemberg EBW, ist die Veräußerung des Landesanteils an den Salzwerken notwendig geworden. Und dabei geht es auch darum das landeseigene Unternehmen Sonderabfall Baden-Württemberg SBW in die Salzwerke zu integrieren. Damit wäre ein großes Abfallentsorgungsunternehmen geschaffen. Und wenn sich der Stromkonzern EBW dann noch an den Heilbronner Salzwerken beteiligt, dann ist auch für die Müllbeseitigung in Heilbronn ein neues Buch aufgeschlagen. Müllverbrennung in Heilbronn ist immerhin sauberer als derzeit Kohleverbrennung. Und Endlagerung von Müllverbrennungsrückständen ist für Heilbronn eh ein gutes Geschäft. Jetzt müssen halt Nägel mit Köpfen gemacht  werden. Träumereien beim Wein sind nicht mehr gefragt. Günther Oettinger, der CDU-Fraktionsvorsitzende in Stuttgart, hat die Richtung angezeigt.  

Advent, Advent
Ende September beginnt Weihnachten. Wer auf Zimtsterne und Lebkuchen steht, der kann jetzt schon munter zuschlagen. Jetzt ist es auch schon in vielen Geschäften soweit, daß Weihnachtsdekorationen in all ihren Variationen angeboten werden. Und auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wirbt man schon kräftig: „Weihnachten steht vor der Tür!“ Hörte ich gestern im dritten Fernsehprogramm – bei Südwest 3. Denn mit dem „Weihnachtsmobil“ sollen die Leut’ im Ländle besucht werden, die besonders gute Weihnachtsbrötle backen oder sonst irgendwie für die Advents- und Weihnachtszeit attraktive Fernsehideen produzieren. Es gab ja Zeiten, in denen die Vorbereitung zum Weihnachtsfest erst mit dem ersten Advent, also vier Wochen vor Weihnachten begann. Aber die Zeiten wandeln sich. Schließlich ist Weihnachten das Fest im Jahr, bei dem vom Einzelhandel der größte Umsatz getätigt wird. Nicht weil die Händler es so wollen und ihren Kunden willkürlich diesen Termin gesetzt haben, sondern weil wir alle in dieser Zeit hektisch und betriebsam auf das Fest des Jahres zusteuern. Angeboten kann nur das werden, was bei uns Kunden ankommt. Also beginnt die Weihnachtszeit kurz vor dem Ende des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung eben schon im September. Sensiblen Gemütern sträuben sich bei diesem Anblick die Nackenhaare, Puristen rümpfen die Nase und Fromme wittern Blasphemie in diesem unchristlichen Treiben. Aber was hilft es, wenn wir uns aufregen. Angebot und Nachfrage bestimmen das Geschäft. Sind wir froh, daß das Weihnachtsgeschäft nicht gleich nach Ostern beginnt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen