Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 26.11.1997



Advent, Advent, ...
Ab kommendem Wochenende wird es auf dem Märkten der Region, ob in Heilbronn, Neckarsulm, Brackenheim oder Bad Wimpfen wieder nach gebrannten Mandeln, Glühwein, Zuckerwatte oder Räucherkerzen duften. Die Vorweihnachtszeit beginnt – und damit auch die Zeit der Weihnachtsmärkte. An manchen Orten nur am Wochenende veranstaltet, in Heilbronn die gesamte Zeit bis wenige Tage vor Heiligabend. Der bekannteste aller Märkte bei uns in der Region, der „Altdeutsche Weihnachtsmarkt“ in Bad Wimpfen, öffnet jedoch nur an zwei Wochenenden für die Besucher seine Pforten – jeweils drei Tage lang. Und zwar am kommenden Wochenende (28. bis 30. November) und am Wochenende darauf.  Bei diesen vorweihnachtlichen Meldungen wird mir erst recht bewußt, daß an diesem Wochenende ja schon der erste Advent gefeiert wird. Beginnt nun eine beschauliche Zeit, eine Zeit der stillen Vorbereitung auf das Weihnachtsfest? Wir wissen es seit Jahren besser. Es beginnt eine hektische Zeit, Betriebsamkeit wird vorherrschen. Es werden Weihnachtsbrötle gebacken, es müssen die Geschenke für die lieben Verwandten, Freunde und Bekannten gekauft oder (etwa gebastelt?),  und es muß die Weihnachtspost geschrieben bzw. rechtzeitig versandt werden, usw. usw. Das bringt eine gehörige Portion Streß mit sich. Ein schöner, ein beruhigender Streß? Aus Erfahrung kann ich sagen: Die meisten Leute sind in dieser Vorweihnachtszeit reichlich genervt. Und die vielen Verkäuferinnen und Verkäufer, die in den nächsten Tagen Höchstleistungen zu erbringen haben, beneide ich wahrlich nicht. Aber schließlich ist für den Einzelhandel die Vorweihnachtszeit das Geschäft des Jahres – in manchen Läden wird jetzt die Hälfte des gesamten Jahresumsatzes getätigt. Man ist es also gewohnt, in diesen wenigen Wochen vor dem fest gehörig anzupacken. Also dann mal zu: besinnliche, schöne Vorweihnachtstage.       

Heilbronner Rostköpfe
Die Friedrich-Ebert-Brücke in Heilbronn hat zwei riesige (5,70 Meter Höhe), rostige Stinkefinger am Ufer zur Innenstadt erhalten, die man Köpfe nennt. Brückenköpfe im Kunstdeutsch. Diese Rostskulpturen des Künstlers Franz Eberhard sollen, nur ein wenig verändert auch schon in anderen südwestdeutschen Städten herumstehen. Nur kann man über Geschmack bekanntlich nicht streiten, aber was da an Arroganz von Personen geboten wird, die sich als Kunstkenner gerieren, ist schon erstaunlich. Das Volk, das diese neue Heilbronner Kunst mit seinen Steuergeldern bezahlt, habe sich gefälligst an die Skulpturen zu gewöhnen. In ein, zwei Wochen sei dann die Aufregung vergessen. Im Hintergrund muß jener Gedanke stehen (der ansonsten nur Diktatoren zu eigen ist): Die breiten Massen, das Volk, der einfache Bürger haben keinen Kunstgeschmack; deshalb muß er ihnen verordnet werden. Von einer Elite. Nun wissen wir ja, daß viele „Geistesarbeiter“, die  sich als Intellektuelle bezeichnen, weder in Zeiten der nationalsozialistischen noch der kommunistischen Diktatur eine gute Figur abgegeben hatten. Ihre Verachtung des gesunden Menschenverstands, ihre Arroganz gegenüber dem Empfinden breiter Massen, ihre Anbetung des Ideals hatten Deutschland in Krieg und Unrecht gestürzt. Danach wurde dann so getan, als ob man sich im guten Glauben und mit den besten Vorsätzen geirrt habe. Nur dieser Irrtum hat jeweils tausenden von Menschen entweder das Leben gekostet oder sie ins Unglück gestürzt. Asche aufs Haupt und durch, das ist zuwenig. Und die moderne Kunst zur Ideologie erklären, ist nicht gerade überzeugend. Die Vielfalt in der Moderne ist groß. Was in Heilbronn an Rostskulpturen herumsteht ist nur ein Aspekt. Diese Art der Bestrafung fürs Auge hat die Stadt nicht unbedingt verdient. Man schaue nur in amerikanische Städte oder nach Stuttgart. Dort stehen moderne Skulpturen, die eine Freude fürs Auge sind. Keine Kunst protestantischer Bestrafungsethik wie in Heilbronn. Aber jede Stadt hat halt die Kunst, die dem Geist ihrer Kunstkenner entspricht. Und bei uns bestimmen halt die protestantischen Pfarrerskinder, wo es kulturell lang geht. Das hat seine Auswirkungen.   

Frauenfreundlich
Die Industrie- und Handelskammer Heilbronn wird gelegentlich von IHK-Verweigerern angegriffen. In letzter Zeit allerdings weniger. Überall wächst die Zahl der Verweigerer, im Kammerbezirk Heilbronn jedoch nicht. Warum wohl? Weil die Kammer einen gepflegten Dialog auch mit den Kammerverweigerern betreibt. Wie sich das gehört! Der rauhe Wind, der dezeit der Wirtschaft und damit auch den Kammern ins Gesicht blase, habe auch seine guten Seiten. Zumindest bewerte die Kammer ihn positiv. Meint der Mann für die Öffentlichkeitsarbeit bei der IHK Heilbronn, Geschäftsführer Thomas Schick. Und die Frauen in der IHK-Vollversammlung? Sie sitzen schon seit Jahren in diesem Gremium. Seit der letzten Wahl vor wenigen Wochen sogar drei an der Zahl. Zudem habe die IHK eine Kontaktstelle für Frauen eingerichtet. Schließlich habe IHK die Zeichen der Zeit schon lange erkannt – und auch dementsprechend gehandelt. Nicht überall. Aber im Kammerbezirk Heilbronn. Und man rede bei der IHK Heilbronn nicht nur über Ausbildung, fordere die Firmen in Industrie und Handel dazu auf, mehr Lehrlinge einzustellen – man betreibe selbst seit Jahren schon Ausbildung im eigenen Hause. Und auch bei den Finanzen sei man transparent. Die IHK-Haushaltspläne werden von einer Zentralstelle und vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg überprüft. Bisher habe es keine Anlaß zu Beanstandungen gegeben. Auf Seiten der IHK spiele man mit offenen Karten, habe keine Berührungs- und Auskunftsängste – auch bei den Beteiligungen. Zum Beispiel sei man am IHK-Weiterbildungszentrum zu 100 Prozent beteiligt. Bewußt nehme man die vom Gesetz vorgeschriebenen Aufgaben wahr – und ganz bewußt auch noch einige mehr. Denn die IHK verstehe sich als Interessenvertretung der Gesamtwirtschaft in der Region. Und deshalb sieht es die Industrie- und Handelskammer als notwendig an, auch Partner der Unternehmen zu sein. Zum Beispiel bei der Weiterbildung. Oder bei Existenzgründern. Wer wollte das bestreiten. Aber hätten Sie das je gedacht? Im Normalfall erscheint Kammerpolitik auf den Wirtschaftsseiten einer Zeitung. Und die werden – wie das Feuilleton – nur von wenigen Lesern frequentiert. Dabei leistet die Heilbronner IHK seit Jahren exzellente Öffentlichkeitsarbeit. Und das nicht nur sporadisch, sondern kontinuierlich.

Wahlgeflimmer
Die Sozialdemokraten haben im Wahlkreis Heilbronn noch keinen Bundestagskandidaten aufgestellt. Aber der einzige Kandidat bei der SPD-Wahlkreiskonferenz am Donnerstag, 27. November, in Eppingen heißt Harald Friese, Kulturbürgermeister aus Heilbronn. Falls sich auf der Kraichgau-Konferenz nicht noch eine Genossin oder ein Genosse findet, die/der bereit ist, für die Unterländer SPD in den Ring zu steigen. So eindeutig wie in Heilbronn stellt sich die Lage auf SPD-Bundesebene nicht dar. Journalisten fragen, bekommen auch Antworten. Oskar Lafontaine, der Parteivorsitzende gibt scheibchenweise zu verstehen, daß er bereit sei – aber entschieden werde erst im März nach der Landtagswahl in Niedersachsen. Gerhard Schröder, der andere Spitzenkandidat, hat die Latte hochgelegt. Er wolle als SPD-Spitzenkandidat antreten, wenn die Wähler in Niedersachsen ihm als Ministerpräsident plus oder minus zwei Prozentpunkte im Vergleich zur letzten Wahl in die Urne legen. Wäre das Minus stärker als zwei Prozentpunkte, schiele er nicht mehr auf das Bundeskanzleramt. Bei der CDU ist die Richtung eindeutig: Kanzler Helmut Kohl tritt nochmal an. Er will es wissen. 1998 ist er dann 16 Jahre im Amt. Eine Zeit, die auf zwanzig Jahre verlängert wird, falls er im September wieder eine Mehrheit im Bundestag zustande bringt, die ihn nochmals zum Bundeskanzler wählt. Die Unruhe bei den Christdemokraten ist jedoch schon jetzt riesig, die Umfrageergebnisse bisher sind katastrophal. Die Chance sein Amt an einen anderen Mann zu übergeben, hat der „ewige Kanzler“ nur noch wenige Wochen. Seltsam eigentlich, daß alle Regierungschefs der Bundesrepublik Deutschland mehr oder minder aus dem Amt gedrängt werden mußten. Ob Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt-Georg Kiesinger, Willy Brandt oder Helmut Schmidt, alle witterten irgendwie Verrat bei ihrem erzwungenen Abgang. Unser Wahlsystem läßt offenbar keine anderen Abgänge zu, als daß die eigene Partei oder der Koalitionspartner den jeweiligen Kanzler zum Rücktritt zwingt. Bei Helmut Kohl könnte diese Tradition durchbrochen werden. Er bekommt beim Wähler einfach keine regierungsfähige Mehrheit zustande. Und danach sieht es momentan aus. Aber alles ist im Fluß und kann sich ändern.

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