Wenn es Mode ist ...
Und sind sie nicht pfui-teuflisch
anzuschauen – plötzlich färben sich die Modefrauen ... Schrieb Erich Kästner, der begnadete Satiriker,
einst über die sogenannten Modefrauen. Was färben sie sich? Na, alles, was an
ihnen haarig ist. Derzeit in diversen Schmuddel-Magazinen im Privatfernsehen
nahezu tagtäglich anzuschauen. Kästner unterstellte den Modefrauen sogar, daß
sie sich die Schienbeine bügeln würden, wenn sie hören, daß das Mode ist. Er
hatte nur nicht geahnt, daß im Zeichen der Emanzipation nicht nur Frauen,
sondern auch die Männer der Schöpfung geckig werden. Diese Sorte Mode-Menschen
ist also bis zum heutigen Tage noch nicht ausgestorben. Leute, die meinen, sie
würden ihre Persönlichkeit dadurch aufwerten, nicht Geschmack zu zeigen,
sondern mit der Mode zu gehen. Trendsetter nennt man das bunte Völkchen in
unseren Tagen. Zurzeit soll es ja „in“ sein, so meinen einige große und
bekannte Werbeagenturen, man müsse sich
wie ein Rauschgiftsüchtiger kleiden – und auch noch so aussehen, um
„trendy“ zu sein. Nicht bequem und geschmackvoll muß die Kleidung sein,
auffallen soll der Mensch. Da kommen junge Leute mit grünen, gelben oder blauen
Haaren einher, stapfen mit Plateausohlen durch die Landschaft – und
protestieren damit gegen ihre Eltern, die einst mit langen Haaren und Jeans
wiederum ihre Erzeuger geschockt hatten, deren Eltern nach dem Kriege durch die
amerikanische Musik, Coca Cola und diverses andere Undeutsche von den damals
Jugendlichen in Angst und Schrecken versetzt wurden. Dieses Aufbegehren von
Jugendlichen kann locker weggesteckt werden. Es gehört zum Leben. Auch in
seinen seltsamsten Ausschmückungen. Aber gleichzeitig ist Kleidung auch ein
Zeichen. Denn nicht alle Jugendlichen machen Moden mit. Die Protest-Uniformität
ist ja auch Kennzeichen der Zugehörigkeit. Kommt jemand besonders schrill
daher, fragt man sich unwillkürlich: Wie sieht sein Elternhaus aus. Und das ist
dann komischerweise auch besonders schrill spießig. Protestspießer und
angepaßter Spießer. Zwei Seiten einer Medaille. Und bei den Plateausohlen – das
gab's ja auch schon mal. Und war vor zwanzig Jahren genauso ungesund für die
Füße, damlich anzuschauen und seltsam im Gang, bei den Herrschaften, die sie
tragen und trugen. Aber wem es gefällt?
Über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten. Auch wenn er am Rande des
Erträglichen sich entlangschlängelt.
Offen fahren
Ich finde es einfach schön, in
dieser Zeit der lauen Lüfte offen zu fahren. Nicht mit entblößtem Oberkörper
oder gar barbusig auf dem Fahrrad einher-zu-strampeln – diese grüne Variante
des Sich-Selber-Darstellens ist nicht gemeint. Im Automobil ohne Verdeck durch
die Straßen der Stadt oder über die asphaltierten Strecken der Region zu
rauschen, das war gemeint. Die Genießer fahren Cabrio – ob im BMW, VW, Saab, Mercedes, Porsche, Fiat,
Ford oder welcher Automarke auch immer – Hauptsache, das Verdeck ist weg.
Obwohl – die Marke ist ja auch Kennzeichen für Individualität. Manche
Zeitgenossen meinen gar, sie würde den sozialen Status kennzeichnen. Oder
erkennbar machen, ob das Cabrio-Fahren für den Fahrer ein Genuß oder nur
Prestige beinhaltet. Böse Zungen behaupten gar, man könne am Stil des Fahrens
erkennen, ob die Cabrio-fahrende Person nur von Beruf Sohn oder Tochter ist
oder gar eine Weltanschauung aus dem Offen-Dahingleiten macht. Aber es gibt
auch Schattenseiten bei diesem Genuß. Da ist zum Beispiel das Wetter. So
mancher plötzliche Regenschauer hat schon den Quasi-Innenraum samt Ledersitzen
versaut. Schön anzuschauen ist auch nicht, wenn
die Herrschaften mit zersausten und reichlich strähnig-fettigen Haaren am
Fahrtziel ankommen. Noch schlimmer sind jene dran, die den Sommer und
Herbst über ihre Ohrenleiden auskurieren müssen, die sie sich dank des
Fahrtwindes zugezogen haben. Wobei jeder Cabrio-Fahrer weiß: Der echte Mann /
die wahre Frau von Welt fahren im Cabrio nur maximal 60 bis 70 Kilometer pro
Stunde. Was darüber ist, deutet streng auf Prolo-Verhalten hin. Und im Herbst
oder Winter ist das Cabrio ohnehin abgemeldet. Wer in dieser Zeit mit Zeltdach
fährt, sagen die Puristen, der hat es bitter nötig. Honi soit qui mal y pense – Ein Schelm, der Schlechtes dabei
denkt! Heißt es beim Hosenband-Orden.
Fährt die Queen Cabrio? Oder verhindert sowas der berühmt-berüchtigte englische
Regen?
Brunnen-Plätschern
Am Brunnen vor dem Tore ... – Schön
war’s. Aber das Objekt des heftiges Streites steht nicht vor den Toren der
Stadt, sondern inmitten der City. Nicht auf der Mitte des Kiliansplatzes in
Heilbronn, sondern am Rande rauschen die Fontainen des „Komödiantenbrunnes“ in gehöriger Lautstärke. Nun gibt es ja
verschiedene Möglichkeiten, das Wasser in einem Brunnen fließen zu lassen. Ein
sanftes Plätschern herabfallenden Wassers würde auch niemanden ernsthaft
stören. Hier aber schießen die Wasserströme durch die Röhren mit mehr als 60 Dezibel (db) Lautstärke.
Niemand würde einen künstlichen Wasserfall mit dieser Lautstärke vor seiner
Wohnung dulden. Da sind auch nur 40 db erlaubt. Aber auf einem öffentlichen
Platz, da sieht die Lage schon ein wenig anders aus. Seit einiger Zeit wird der
stördende Lärm stundenweise abgestellt. Denn die in dieser Lärmkulisse
arbeitenden Menschen fühlen sich in ihrer Konzentration gestört. Nicht alle,
aber einige. Daß jene Besucher des Platzes, die nur wenige Augenblicke vor dem
rauschenden Brunnen verweilen, sich durch die lärmenden Wassermassen belästigt
fühlen, ist klar. Sie gehen weiter, wenn sie genug vom rauschenden Wasser
haben. Nun sind einige Zeitgenossen der Ansicht, daß dieser Heilbronner
Komödiantenbrunnen eine Zierde für die Stadt sei. Andere meinen er sei eine monumentalistische Ansammlung von
undefinierbaren Figuren. Aber man hat sich nun mal für dieses Bauwerk
entscheiden, es zur Kunst erklärt – und so aggressiv wie die Skulpturen, so
heftig ist halt auch das Wasserrauschen. Darüber hatte sich offenbar im Vorfeld
niemand Gedanken bei der Heilbronner Stadtverwaltung gemacht. Man nimmt’s halt.
Wie im Supermarkt. Ob‘s dann paßt, sieht
man erst „dahoim“ – auf dem Kiliansplatz. Mich stört das Rauschen nicht.
Aber der Siebenröhrenbrunnen vor der Kilianskirche ist mir weitaus lieber.
Kindertheater
Kinder- und Jugendtheater – hat zur
Zeit in Heilbronn und im Unterland Konjunktur. Unter dem Motto „Gugge mol doo“
wurde am Samstag der vergangenen Woche das Kinder- und Jugendtheaterfestival der
Kulturregion in den Kammerspielen des Heilbronner Stadttheaters aus der Taufe
gehoben. Dieser neue Unternehmung und Anstrengung der Theaterschaffenden von
städtischer Bühne und dem Radelrutsch-Theater
(verantwortlich Chefdramateur Dr. Günter
Ballhausen und Festivalleiter Andreas Balzer) soll einen Vorgeschmack auf
das geben, was in Heilbronn möglich sein könnte, wenn die dritte Spielstätte im
neuen Anbau ans Theater am Berliner Platz ab 1999 geschaffen sein wird. 25
Ensembles aus ganz Deutschland, Belgien und der Schweiz treten an 23
Spielstätten in Heilbronn und der Region darum auf. Und währenddessen wird bei
den Freilichtspielen in Hall und Jagsthausen ebenfalls Kindertheater
aufgeboten. Ich frage mich, was bringt den Kindern und Jugendlichen ein speziell
für sie gemachtes Theater. Es gab ja Zeiten, da wurde an Weihnachten das
obligatorische Märchen im Stadttheater gespielt. Und so man eins in der Nähe
hatte, konnte man die Kinder dort hinschicken. Ansonsten zogen Puppentheater, mit Handpuppen oder Marionetten durch die Lande,
spielten in Schulen, Kindergärten oder Stadthallen auf. Und dann gab es noch
den Kinderfilm im Kino. Heute werden Tag um Tag via Fernsehen Dramen, Komödien,
etc. speziell für die kindliche oder jugendliche Zielgruppe gezeigt. Kinder-
und Jugendtheater mutierte dabei in Richtung Präventions- und
Erziehungstheater. Damit die Heranwachsenden vor Rauschgift, bösen Krankheiten und brutaler Gewalt
nachdrücklich gewarnt werden. Was das mit Theater zu tun hat, ist mir nicht
ganz klar. Aber es unterhält auch – gelegentlich.
Kilianpreis 1997
Zum Saisonabschluß am Stadttheater
in Heilbronn vergeben die Mitglieder des
Theater-Vereins Heilbronn traditionell die Kilianpreise an die Ensemblemitglieder des Stadttheaters und an
eine Theaterbühne in der Region Heilbronn. Für den „Kilianpreis Weibliche
Hauptrolle“ sind nominiert: Sigrid Ganz
(Im Stück „Kabale und Liebe“ spielte sie die Luise), Miriam Eberhard („Annie get your gun“, Annie). Für den „Kilianpreis
Männliche Hauptrolle“: Thomas Braus
(„Kabale und Liebe“, Präsident), Andreas
Wobig („Herbst“, Ephraim Weiß), Franz
Watzke („Winterkrieg“, Narr). „Kilianpreis Weibliche Nebenrolle“: Isabella Hübner („Kabale und Liebe“,
Lady Milford), Ingrid Richter-Wendel
(„Herz mit Schnauze“, Oma Bramme), Sigrid
Ganz („Sommernachtstraum“, Helena). „Kilianpreis Männliche Nebenrolle“: Odo Jergitsch („Annie get your gun“,
Doilly), Ralph Hoenicke („George
Dandin“, Clitandre), Bernd Henneburg
(„George Dandin“, Herr von Sotenville). „Kilianpreis Darstellende Kunst“:
Knurps-Puppentheater Widdern, Kulturkellertheater Heilbronn, Babuschka Theater
Eppingen. Diese von Theater-Verein-Vorstand vorgegebenen Nominierungen können
von den Mitgliedern selbstverständlich durch eigene Nominierungen ergänzt und
damit verändert werden. Die Verleihung der Preise findet dann am Samstag, den
12. Juli, um 18 Uhr im Rahmen der Theater-Gala im Stadttheater Heilbronn statt,
bei der ab 20 Uhr eine Revue der Highlights der Spielzeit 1996/97 auf der Bühne
des Großen Hauses stattfindet. Umrahmt wird die Gala von Führungen, Live-Musik
im Theaterfoyer, Disco in den Kammerspielen und einem Fest im Foyer und am
Märchenbrunnen vor dem Theater. Hollywood ist doch wirklich ein Dreck dagegen.
Isn’t it?
Haller Hamlet
Mit Gift und Schwert wird in
Schwäbisch Hall schon lange nicht mehr gemordet, wenn es um die ungeliebte
Obrigkeit geht. Die vier Oberbürgermeister-Wahlen der letzten Monate in der betulichen Salzsiederstadt haben
gezeigt, daß es mit anonymen Anrufen und Einsprüchen auch geht, wenn man
jemanden zur Strecke bringen will, der zuvor zum „schwäbischen König“, sprich
OB gekürt wurde. Ob der Intendant der Freilichtspiele Achim Plato deshalb in weiser Vorahnung die nach seinem Dafürhalten
für unsere Zeit hochaktuelle
Shakespeare-Tragödie „Hamlet“ als Auftaktinszenierung auf die 54 Stufen der
gigantischen Treppen-Bühne vor dem Barock-Rathaus setzte? Wer weiß. Vor allem
der Hamlet-Darsteller Thomas Stecher,
Schauspieler am Berliner Ensemble, brachte mit seiner Interpretation viel Glanz
in die Inszenierung. Nicht nur daß hier endlich mal wieder ein junger
Schauspieler auftrat, der verständlich sprechen konnte, sondern weil dieser
Hamlet seinen Text in jugendlicher Selbstüberschätzung schwankend zwischen
Intellekt und Gefühl auslebte. Er wartete förmlich lauernd auf die Reaktion
seiner Mitspieler mit seinen spielerisch hingeworfenen Unverschämtheiten. Mit
verhaltener Ironie, bösartigem Sarkasmus und wehleidigem Schmerz schleuderte er
seine Worte wie Pfeile ab – und traf. Das alles in rasantem Wechsel von
Gefühlsschmerzen und aufbegehrendem Geist, von hektischer Betriebsamkeit und
traurig-schönem Abklopfen der eigenen Befindlichkeit. Kennzeichnend für die
Absicht der Inszenierung: Der überaus
schlicht vorgetragene Monolog „Sein oder Nichtsein“. Hamlet spaziert mit
bloßen Füßen geradeaus die Treppe herunter – auf einem von einem Scheinwerfer
gekennzeichneten Weg, Stufe um Stufe, Satz um Satz. Das ist konzentriert,
spannend und die Worte gewinnen eine Kraft, die fesselt und dankbar vom
Publikum mit begeistertem Beifall belohnt wird. Wer den englischen Dramatiker
Shakespeare und deutsches Freilichttheater mag, der sollte sich diesen Haller
Hamlet anschauen. Nicht nur wegen des herausragenden Hauptdarstellers, der sein
Drama wie einen spannenden Psycho-Krimi darlegt, sondern auch wegen der einmaligen
Marktplatz-Kulisse, in der nun schon seit 72 Jahren auf einer grandiosen 54-stufigen Kirchentreppe Theater gespielt
wird.
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