Donnerstag, 20. März 2014

Kiliansmännle, 25.06.1997




Wenn es Mode ist ...
Und sind sie nicht pfui-teuflisch anzuschauen – plötzlich färben sich die Modefrauen ... Schrieb Erich Kästner, der begnadete Satiriker, einst über die sogenannten Modefrauen. Was färben sie sich? Na, alles, was an ihnen haarig ist. Derzeit in diversen Schmuddel-Magazinen im Privatfernsehen nahezu tagtäglich anzuschauen. Kästner unterstellte den Modefrauen sogar, daß sie sich die Schienbeine bügeln würden, wenn sie hören, daß das Mode ist. Er hatte nur nicht geahnt, daß im Zeichen der Emanzipation nicht nur Frauen, sondern auch die Männer der Schöpfung geckig werden. Diese Sorte Mode-Menschen ist also bis zum heutigen Tage noch nicht ausgestorben. Leute, die meinen, sie würden ihre Persönlichkeit dadurch aufwerten, nicht Geschmack zu zeigen, sondern mit der Mode zu gehen. Trendsetter nennt man das bunte Völkchen in unseren Tagen. Zurzeit soll es ja „in“ sein, so meinen einige große und bekannte Werbeagenturen, man müsse sich wie ein Rauschgiftsüchtiger kleiden – und auch noch so aussehen, um „trendy“ zu sein. Nicht bequem und geschmackvoll muß die Kleidung sein, auffallen soll der Mensch. Da kommen junge Leute mit grünen, gelben oder blauen Haaren einher, stapfen mit Plateausohlen durch die Landschaft – und protestieren damit gegen ihre Eltern, die einst mit langen Haaren und Jeans wiederum ihre Erzeuger geschockt hatten, deren Eltern nach dem Kriege durch die amerikanische Musik, Coca Cola und diverses andere Undeutsche von den damals Jugendlichen in Angst und Schrecken versetzt wurden. Dieses Aufbegehren von Jugendlichen kann locker weggesteckt werden. Es gehört zum Leben. Auch in seinen seltsamsten Ausschmückungen. Aber gleichzeitig ist Kleidung auch ein Zeichen. Denn nicht alle Jugendlichen machen Moden mit. Die Protest-Uniformität ist ja auch Kennzeichen der Zugehörigkeit. Kommt jemand besonders schrill daher, fragt man sich unwillkürlich: Wie sieht sein Elternhaus aus. Und das ist dann komischerweise auch besonders schrill spießig. Protestspießer und angepaßter Spießer. Zwei Seiten einer Medaille. Und bei den Plateausohlen – das gab's ja auch schon mal. Und war vor zwanzig Jahren genauso ungesund für die Füße, damlich anzuschauen und seltsam im Gang, bei den Herrschaften, die sie tragen und trugen. Aber wem es gefällt? Über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten. Auch wenn er am Rande des Erträglichen sich entlangschlängelt.

Offen fahren
Ich finde es einfach schön, in dieser Zeit der lauen Lüfte offen zu fahren. Nicht mit entblößtem Oberkörper oder gar barbusig auf dem Fahrrad einher-zu-strampeln – diese grüne Variante des Sich-Selber-Darstellens ist nicht gemeint. Im Automobil ohne Verdeck durch die Straßen der Stadt oder über die asphaltierten Strecken der Region zu rauschen, das war gemeint. Die Genießer fahren Cabrio – ob im BMW, VW, Saab, Mercedes, Porsche, Fiat, Ford oder welcher Automarke auch immer – Hauptsache, das Verdeck ist weg. Obwohl – die Marke ist ja auch Kennzeichen für Individualität. Manche Zeitgenossen meinen gar, sie würde den sozialen Status kennzeichnen. Oder erkennbar machen, ob das Cabrio-Fahren für den Fahrer ein Genuß oder nur Prestige beinhaltet. Böse Zungen behaupten gar, man könne am Stil des Fahrens erkennen, ob die Cabrio-fahrende Person nur von Beruf Sohn oder Tochter ist oder gar eine Weltanschauung aus dem Offen-Dahingleiten macht. Aber es gibt auch Schattenseiten bei diesem Genuß. Da ist zum Beispiel das Wetter. So mancher plötzliche Regenschauer hat schon den Quasi-Innenraum samt Ledersitzen versaut. Schön anzuschauen ist auch nicht, wenn die Herrschaften mit zersausten und reichlich strähnig-fettigen Haaren am Fahrtziel ankommen. Noch schlimmer sind jene dran, die den Sommer und Herbst über ihre Ohrenleiden auskurieren müssen, die sie sich dank des Fahrtwindes zugezogen haben. Wobei jeder Cabrio-Fahrer weiß: Der echte Mann / die wahre Frau von Welt fahren im Cabrio nur maximal 60 bis 70 Kilometer pro Stunde. Was darüber ist, deutet streng auf Prolo-Verhalten hin. Und im Herbst oder Winter ist das Cabrio ohnehin abgemeldet. Wer in dieser Zeit mit Zeltdach fährt, sagen die Puristen, der hat es bitter nötig. Honi soit qui mal y pense – Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt!  Heißt es beim Hosenband-Orden. Fährt die Queen Cabrio? Oder verhindert sowas der berühmt-berüchtigte englische Regen?

Brunnen-Plätschern
Am Brunnen vor dem Tore ... – Schön war’s. Aber das Objekt des heftiges Streites steht nicht vor den Toren der Stadt, sondern inmitten der City. Nicht auf der Mitte des Kiliansplatzes in Heilbronn, sondern am Rande rauschen die Fontainen des „Komödiantenbrunnes“ in gehöriger Lautstärke. Nun gibt es ja verschiedene Möglichkeiten, das Wasser in einem Brunnen fließen zu lassen. Ein sanftes Plätschern herabfallenden Wassers würde auch niemanden ernsthaft stören. Hier aber schießen die Wasserströme durch die Röhren  mit mehr als 60 Dezibel (db) Lautstärke. Niemand würde einen künstlichen Wasserfall mit dieser Lautstärke vor seiner Wohnung dulden. Da sind auch nur 40 db erlaubt. Aber auf einem öffentlichen Platz, da sieht die Lage schon ein wenig anders aus. Seit einiger Zeit wird der stördende Lärm stundenweise abgestellt. Denn die in dieser Lärmkulisse arbeitenden Menschen fühlen sich in ihrer Konzentration gestört. Nicht alle, aber einige. Daß jene Besucher des Platzes, die nur wenige Augenblicke vor dem rauschenden Brunnen verweilen, sich durch die lärmenden Wassermassen belästigt fühlen, ist klar. Sie gehen weiter, wenn sie genug vom rauschenden Wasser haben. Nun sind einige Zeitgenossen der Ansicht, daß dieser Heilbronner Komödiantenbrunnen eine Zierde für die Stadt sei. Andere meinen er sei eine monumentalistische Ansammlung von undefinierbaren Figuren. Aber man hat sich nun mal für dieses Bauwerk entscheiden, es zur Kunst erklärt – und so aggressiv wie die Skulpturen, so heftig ist halt auch das Wasserrauschen. Darüber hatte sich offenbar im Vorfeld niemand Gedanken bei der Heilbronner Stadtverwaltung gemacht. Man nimmt’s halt. Wie im Supermarkt. Ob‘s dann paßt, sieht man erst „dahoim“ – auf dem Kiliansplatz. Mich stört das Rauschen nicht. Aber der Siebenröhrenbrunnen vor der Kilianskirche ist mir weitaus lieber.                                             

Kindertheater
Kinder- und Jugendtheater – hat zur Zeit in Heilbronn und im Unterland Konjunktur. Unter dem Motto „Gugge mol doo“ wurde am Samstag der vergangenen Woche das Kinder- und Jugendtheaterfestival der Kulturregion in den Kammerspielen des Heilbronner Stadttheaters aus der Taufe gehoben. Dieser neue Unternehmung und Anstrengung der Theaterschaffenden von städtischer Bühne und dem Radelrutsch-Theater (verantwortlich Chefdramateur Dr. Günter Ballhausen und Festivalleiter Andreas Balzer) soll einen Vorgeschmack auf das geben, was in Heilbronn möglich sein könnte, wenn die dritte Spielstätte im neuen Anbau ans Theater am Berliner Platz ab 1999 geschaffen sein wird. 25 Ensembles aus ganz Deutschland, Belgien und der Schweiz treten an 23 Spielstätten in Heilbronn und der Region darum auf. Und währenddessen wird bei den Freilichtspielen in Hall und Jagsthausen ebenfalls Kindertheater aufgeboten. Ich frage mich, was bringt den Kindern und Jugendlichen ein speziell für sie gemachtes Theater. Es gab ja Zeiten, da wurde an Weihnachten das obligatorische Märchen im Stadttheater gespielt. Und so man eins in der Nähe hatte, konnte man die Kinder dort hinschicken. Ansonsten zogen Puppentheater, mit Handpuppen oder Marionetten durch die Lande, spielten in Schulen, Kindergärten oder Stadthallen auf. Und dann gab es noch den Kinderfilm im Kino. Heute werden Tag um Tag via Fernsehen Dramen, Komödien, etc. speziell für die kindliche oder jugendliche Zielgruppe gezeigt. Kinder- und Jugendtheater mutierte dabei in Richtung Präventions- und Erziehungstheater. Damit die Heranwachsenden vor Rauschgift,  bösen Krankheiten und brutaler Gewalt nachdrücklich gewarnt werden. Was das mit Theater zu tun hat, ist mir nicht ganz klar. Aber es unterhält auch – gelegentlich.

Kilianpreis 1997
Zum Saisonabschluß am Stadttheater in Heilbronn vergeben die Mitglieder des Theater-Vereins Heilbronn traditionell die Kilianpreise an die Ensemblemitglieder des Stadttheaters und an eine Theaterbühne in der Region Heilbronn. Für den „Kilianpreis Weibliche Hauptrolle“ sind nominiert: Sigrid Ganz (Im Stück „Kabale und Liebe“ spielte sie die Luise), Miriam Eberhard („Annie get your gun“, Annie). Für den „Kilianpreis Männliche Hauptrolle“: Thomas Braus („Kabale und Liebe“, Präsident), Andreas Wobig („Herbst“, Ephraim Weiß), Franz Watzke („Winterkrieg“, Narr). „Kilianpreis Weibliche Nebenrolle“: Isabella Hübner („Kabale und Liebe“, Lady Milford), Ingrid Richter-Wendel („Herz mit Schnauze“, Oma Bramme), Sigrid Ganz („Sommernachtstraum“, Helena). „Kilianpreis Männliche Nebenrolle“: Odo Jergitsch („Annie get your gun“, Doilly), Ralph Hoenicke („George Dandin“, Clitandre), Bernd Henneburg („George Dandin“, Herr von Sotenville). „Kilianpreis Darstellende Kunst“: Knurps-Puppentheater Widdern, Kulturkellertheater Heilbronn, Babuschka Theater Eppingen. Diese von Theater-Verein-Vorstand vorgegebenen Nominierungen können von den Mitgliedern selbstverständlich durch eigene Nominierungen ergänzt und damit verändert werden. Die Verleihung der Preise findet dann am Samstag, den 12. Juli, um 18 Uhr im Rahmen der Theater-Gala im Stadttheater Heilbronn statt, bei der ab 20 Uhr eine Revue der Highlights der Spielzeit 1996/97 auf der Bühne des Großen Hauses stattfindet. Umrahmt wird die Gala von Führungen, Live-Musik im Theaterfoyer, Disco in den Kammerspielen und einem Fest im Foyer und am Märchenbrunnen vor dem Theater. Hollywood ist doch wirklich ein Dreck dagegen. Isn’t it?

Haller Hamlet
Mit Gift und Schwert wird in Schwäbisch Hall schon lange nicht mehr gemordet, wenn es um die ungeliebte Obrigkeit geht. Die vier Oberbürgermeister-Wahlen der letzten Monate in der betulichen Salzsiederstadt haben gezeigt, daß es mit anonymen Anrufen und Einsprüchen auch geht, wenn man jemanden zur Strecke bringen will, der zuvor zum „schwäbischen König“, sprich OB gekürt wurde. Ob der Intendant der Freilichtspiele Achim Plato deshalb in weiser Vorahnung die nach seinem Dafürhalten für unsere Zeit hochaktuelle Shakespeare-Tragödie „Hamlet“ als Auftaktinszenierung auf die 54 Stufen der gigantischen Treppen-Bühne vor dem Barock-Rathaus setzte? Wer weiß. Vor allem der Hamlet-Darsteller Thomas Stecher, Schauspieler am Berliner Ensemble, brachte mit seiner Interpretation viel Glanz in die Inszenierung. Nicht nur daß hier endlich mal wieder ein junger Schauspieler auftrat, der verständlich sprechen konnte, sondern weil dieser Hamlet seinen Text in jugendlicher Selbstüberschätzung schwankend zwischen Intellekt und Gefühl auslebte. Er wartete förmlich lauernd auf die Reaktion seiner Mitspieler mit seinen spielerisch hingeworfenen Unverschämtheiten. Mit verhaltener Ironie, bösartigem Sarkasmus und wehleidigem Schmerz schleuderte er seine Worte wie Pfeile ab – und traf. Das alles in rasantem Wechsel von Gefühlsschmerzen und aufbegehrendem Geist, von hektischer Betriebsamkeit und traurig-schönem Abklopfen der eigenen Befindlichkeit. Kennzeichnend für die Absicht der Inszenierung: Der überaus schlicht vorgetragene Monolog „Sein oder Nichtsein“. Hamlet spaziert mit bloßen Füßen geradeaus die Treppe herunter – auf einem von einem Scheinwerfer gekennzeichneten Weg, Stufe um Stufe, Satz um Satz. Das ist konzentriert, spannend und die Worte gewinnen eine Kraft, die fesselt und dankbar vom Publikum mit begeistertem Beifall belohnt wird. Wer den englischen Dramatiker Shakespeare und deutsches Freilichttheater mag, der sollte sich diesen Haller Hamlet anschauen. Nicht nur wegen des herausragenden Hauptdarstellers, der sein Drama wie einen spannenden Psycho-Krimi darlegt, sondern auch wegen der einmaligen Marktplatz-Kulisse, in der nun schon seit 72 Jahren auf einer grandiosen  54-stufigen Kirchentreppe Theater gespielt wird.

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