Heissa,
juche!
„Ein
Lied für jeden ...“ Ein Allerweltslied? Aber nein! „Ein Lied für jeden Sonnenschein, der heut vom Himmel fällt.“ Und
nicht nur das: Auch „Ein Lied für jeden, der noch glauben kann“. Woher ich das
habe? Beim Einfach-so-rumstehen wurde dieser Text mir nicht von irgendeinem
Wanderprediger in die Ohren gesäuselt, sondern von einem trällernden Schlagerstar, dessen Namen ich noch nie
gehört hatte – und sogar vergessen habe. Aber auch folgender Text hat mich tief
beeindruckt: „Ihr von morgen werdet staunend rückwärts sehen.“ Udo Jürgens, der der Schlagerphilosoph
und Jünglingsgreis mit Hochzeit in der sozial-liberalen Aera trällerte mir ins
Ohr: “Wer wird in tausend Jahren unsere
Fragen noch verstehen?“ – Ich kann ihm auf diese tiefschürfende Frage keine
Antwort geben. Gottseidank nicht. Er
mir schon: „Ihr von morgen, vergeßt nicht unsre Träume!“ Ich frage mich:
Welche, bitte? Noch ganz benommen von diesen gedankenverlorenen Überlegungen
wurde ich jäh in die heutige Wirklichkeit zurückgestoßen. Ein weiterer
deutscher Sangesbruder stellte inbrünstig fest: „Unsere Liebe muß unsterblich sein, hab’ mein Herz total an Dich
verloren.“ Um wenige Sekunden später zerknirscht und klagend einzufordern:
„Gib mein Herz zurück, wenn du nicht mehr glaubst, daß es für dich schlägt!“
Shakespeare ist ein Dreck gegen diese Dichtkunst. Nach den hochdramatischen
Sentenzen in gesungener Darbietung gab es Nachrichten aus der Region beim Hörfunksender S4 Baden-Württemberg. Gefolgt
von salbungsvoll und stimmungsschwanger gesungenen Leitartikeln zur Lage der
Nation, betroffenheitsdurchtränkten Umweltschutzliedern und sanftmütigen
Ratschlägen zum besseren Verständnis anderer Rassen, Völker und Lebenspartner.
Zwischen den Liedern dann Berichte aus dem Alltagsleben des Landvolkes –
Weinernte, Müllentsorgung, Haushaltslage der Kommunen, die Premiere am
Stadttheater, Aufhebung der Immunität eines Landtagsabgeordneten und
Drogensituation in der Region. Jetzt wußte ich es endlich: My home is my castle
(Daheim ist’s am schönsten). In
heimeligen deutschen Landen, wo es raunt und wispert, die Bächlein
plätschern und Vöglein zwitschern, der gesunde Baum sich im Winde wiegt, der
Bürgerkrieg im Nachbarland tobt, alles
Leben gesund, stark und naturverbunden – kurz grün – sein muß, eben ökologisch
wertvoll. Regional und doch mit der ganzen Welt in allem und jedem
verbunden. Heissa, juche!
Dritte
Spielstätte
Wie
schön wär es gewesen, wenn der Bülow-Bau auf dem Berliner Platz in Heilbronn
Realität geworden wäre. Aber da hatte die Stadt sich auf einen Investor
festgelegt, ihm „säckeweise Puderzucker hineingeblasen“
(CDU-Fraktionsvorsitzender Thomas Strobl)
– und herausgekommen ist eine große Blamage für die Stadtverwaltung und den
Heilbronner Gemeinderat. War man auf dem Rathaus nur blauäugig oder blind? Und
damit ist auch die dritte Spielstätte des Stadttheaters zunächst einmal wieder
zu den Akten gelegt worden. Uwe Jacobi, der Vorsitzende des Theater-Vereins
Heilbronn ist zornig und hofft, „daß der Gemeinderat zu seinem folgerichtigen
Beschluß steht, die dritte Spielstätte zu bauen“. Denn nach seiner Auffassung
darf es nicht sein, „daß Kultur- und Städtebaupolitik zum Spielball von Macht,
Konflikten, Launen, Animositäten, Tagesform, Einflüsterungen, Profilierung,
Schnellschüssen und X-Beliebigkeit verkommt“. Aber genau das war bisher der
Fall. Als das Stadttheater 1982
eingeweiht wurde, waren mehr als zwei Jahrzehnte zäher Diskussion um den
Theaterbau ins Land gegangen. Der Architekt war frohgemut – und meinte, daß
der Theateranbau auf dem Berliner Platz in wenigen Monaten (Kosten damals 20
Millionen Mark) in Angriff genommen wird. Seitdem sind 15 Jahre vergangen. Und
der Schotterplatz neben dem Theater ist das
illustre Eingangstor Heilbronns für Autofahrer aus dem Norden, durch das
niemand fahren kann. Jemand der als 15jähriger Jugendlicher die Einweihung des
Theaters erlebte, ist heute schon satte dreißig. Heilbronner Kultur- und Stadtpolitik – seltsam, seltsam! In Zeiten
der Sparsamkeit ist es wichtiger, daß die vorhandenen Spielstätten gut
ausgelastet, Werkstätten in einem ordentlichen Zustand sind und das Theater
seiner Aufgabe gewissenhaft nachkommt, Kultur
für breite Bevölkerungsschichten zu bieten. Jetzt einen Schnellschuß auf
dem Berliner Platz abzufeuern, nur um Lobbyisten jedwelcher Interessenslage
Genugtuung zu bereiten – die Zeiten sollten endgültig vorbei sein: Es wurde
schon genug (Steuer-)Geld verpulvert.
Landespresseball
Der
Landespresseball am vergangenen Freitag in Stuttgart hatte eine Atmosphäre, die
in den vergangenen Jahren oft vermißt wurde. Man hatte sich auf Seiten der
Organisatoren mächtig ins Zeug gelegt. Und die Anstrengung, den mehr als 2.000 Gästen in der
Stuttgarter Liederhalle eine italienische Nacht zu bieten, hatte sich
gelohnt. Auch wenn in diese seltsame, etwas muffelige Architektur der fünfziger
Jahre kaum Räume gezaubert werden können, die Ballatmosphäre vermitteln.
Zahlreiche Besucher aus dem Unterland hatten den Weg zum Landespresseball
gefunden und tummelten sich dort recht munter. Gespräche mit Landespolitikern
aus CDU, SPD oder FDP über die Heilbronner Situation waren nicht gerade
ermunternd. In Stuttgart schaut man mit
Befremden auf das Treiben in Heilbronn. Der Rathausskandal hat seine
Nachwirkungen. Und von dort scheint es eine gerade Linie zu den seltsamen
Entscheidungen wie Müllverbrennung in Mannheim, zum Widerstand gegen die
Umwandlung des EVS-Kohlekraftwerkes in eine Müllverbrennungsanlage, zu den
Zuständen bei den Verkehrsbetrieben, zur Lage der Innenstadt, Berliner Platz,
Kinos, Fußgängerzone, zur Ansiedlung von Industrie und Handel und vielen
anderen kuriosen Geschichten in der Käthchenstadt zu geben. Kopfschütteln ist die zurückhaltendste Form
der Äußerung über Heilbronn in vielen politischen Lagern. Aber Heilbronn
ist nicht der Nabel der Welt, auch nicht der
im Lande Baden-Württemberg. Andere Regionen um Heilbronn herum sind
rührig und aktiv, setzen Marksteine für die Zukunft. Heilbronn entwirft Pläne,
läßt Gutachten erstellen – und all das schöne Papier lagert dann in so manchem
Rathaus-Aktenschrank. Und das Stadtbahnprojekt? Wer da auf eine schnelle,
unkomplizierte Realisierung hofft, der träumt an Unterländer Kaminen. Warum
Heilbronn und Öhringen gerade in Richtung Karlsruhe tendieren sollten, das ist
äußerst verwegene Logik. Aber Papier ist geduldig, und Briefhüllen lagern ja in
Heilbronner Rathauskellern in Hülle und Fülle.
Berliner
Platz
Beim
Zehn-Punkte-Plan der beiden großen Fraktionen im Heilbronner Gemeinderat sind
die Sozialdemokraten unter der Führung ihres Fraktionsvorsitzenden Harry Mergel ein wenig ins Schleudern
geraten. Die Absprache mit der CDU-Fraktion unter Thomas Strobl, das Papier
gemeinsam zu veröffentlichen, wurde nicht eingehalten. Auf Seiten der
Sozialdemokraten ist zu hören, daß Harry Mergel offenbar ein wenig ungeschickt
seiner Fraktion den von beiden Fraktionsspitzen gemeinsam erarbeiteten
Zehn-Punkte-Katalog nahergebracht habe. So
ungeschickt wie Mergel zuvor der CDU-Spitze unter Zeugen versichert hatte, daß
er eine Generalvollmacht seiner Fraktion besitze und wünsche, daß nichts
mehr an den gemeinsam erarbeiteten Sätzen geändert werde – weder Punkt noch
Komma, die Sätze sollten festgeklopft stehenbleiben. Und auch mit den kleinen
Fraktionen sollte vor Bekanntgabe über den Text nicht verhandelt werden. Der
Hohn der Kleinen ließ nicht auf sich warten. Grüne, Reps, FDP und Freie Wähler
nahmen die Vereinbarung der Elefanten-Fraktionen
zur Kenntnis – und ergötzen sich jetzt an deren Schwierigkeiten. Man hat
schließlich nicht vergessen, daß eine Große Koalition den
CDU-Fraktionsvorsitzenden Artur Kübler
zum Bürgermeister gewählt hatte, der sein neues Amt von Harald Friese übernommen hatte, der auf den Posten des
ausgeschiedenen CDU-Bürgermeisters Reiner
Casse ins Kulturdezernat wechselte. Und auf dem Rathaus wird recht offen
darüber gesprochen, daß dieser Deal Harry Mergel, falls Harald Friese nächstes
Jahr Heilbronner SPD-Bundestagsabgeordneter werden sollte, zum
Kulturbürgermeister machen soll. Mit Unterstützung der CDU. Pöstchenschieberei nennen das die kleinen
Fraktionen im Heilbronner Gemeinderat. Und haben sie mit ihrer Ansicht so
unrecht??!!
Männerstrip
Wenn sich
jemand auszieht, und das auch noch öffentlich, dann erregt dieser Akt Aufsehen.
Wenn sich Frauen ganz berufsmäßig mehrmals am Abend ausziehen, dann nennt man
das „Strippen“. In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts saßen im Parkett als
Zuschauer meistens Männer, stumm und sich mit der einen Hand am Glas
festhaltend, die zweite mit Glimmstengel zwischen den Fingern nervös zum Munde
führend. In schummerigen Bars gingen die
Herren der Schöpfung diesem verruchten Laster nach. Um sich Appetit für
Daheim zu holen? Oder um einmal einen wohlproportionierten Frauenkörper in
geschmeidigen Bewegungsabläufen zu bewundern? Die Zeiten haben sich gewandelt. Frauenstrip wird vornehmlich in Peepshows
geboten – oder ganz hart in Porno-Schuppen, wo nicht Appetit gemacht,
sondern platt gezeigt wird, wie man den Akt vollführen kann. Strip-Schauen ist
eine Sache der Frauen geworden. Männer
ziehen sich aus, in Stadthallen oder Discotheken vor hunderten von Frauen,
die sich nicht gerade zurückhaltend nur an ihrem Getränk festhalten, sondern
lautstark und kreischend Beifall für die wohlgeformten Männerkörper auf der
Bühne herausschreien. Da ist eine geile Stimmung im Saal. Emanzipation gerinnt
zur Imitation – wenn auch auf einem ganz anderen Niveau. Wer hätte sich das vor dreißig Jahren auch nur träumen lassen? Keiner
in unsere patriarchalischen Welt auf keinen Fall. Und die Frauenrechtlerinnen
schon gar nicht, die heute erregt ihren moralischen Abscheu vor derart
wildgewordenen Geschlechtsgenossinen mit verzerrtem Gesicht kundtun. Und auch
starke Männer hätten sich nie träumen lassen, daß manche ihrer
Geschlechtsgenossen auf das Niveau von Stripperinnen herabsinken. So ändert
sich die Welt – und auch die Vorstellung von nackter Haut. Zu meiner Zeit trug
der Mann die Hose so, daß die Frauenwelt sah, was drin ist – oder sein könnte.
Hasenpfoten zum Beispiel. Das langte.
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