Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 12.11.1997



Heissa, juche!
„Ein Lied für jeden ...“ Ein Allerweltslied? Aber nein! „Ein Lied für jeden Sonnenschein, der heut vom Himmel fällt.“ Und nicht nur das: Auch „Ein Lied für jeden, der noch glauben kann“. Woher ich das habe? Beim Einfach-so-rumstehen wurde dieser Text mir nicht von irgendeinem Wanderprediger in die Ohren gesäuselt, sondern von einem trällernden Schlagerstar, dessen Namen ich noch nie gehört hatte – und sogar vergessen habe. Aber auch folgender Text hat mich tief beeindruckt: „Ihr von morgen werdet staunend rückwärts sehen.“ Udo Jürgens, der der Schlagerphilosoph und Jünglingsgreis mit Hochzeit in der sozial-liberalen Aera trällerte mir ins Ohr: “Wer wird in tausend Jahren unsere Fragen noch verstehen?“ – Ich kann ihm auf diese tiefschürfende Frage keine Antwort geben. Gottseidank nicht. Er mir schon: „Ihr von morgen, vergeßt nicht unsre Träume!“ Ich frage mich: Welche, bitte? Noch ganz benommen von diesen gedankenverlorenen Überlegungen wurde ich jäh in die heutige Wirklichkeit zurückgestoßen. Ein weiterer deutscher Sangesbruder stellte inbrünstig fest: „Unsere Liebe muß unsterblich sein, hab’ mein Herz total an Dich verloren.“ Um wenige Sekunden später zerknirscht und klagend einzufordern: „Gib mein Herz zurück, wenn du nicht mehr glaubst, daß es für dich schlägt!“ Shakespeare ist ein Dreck gegen diese Dichtkunst. Nach den hochdramatischen Sentenzen in gesungener Darbietung gab es Nachrichten aus der Region beim Hörfunksender S4 Baden-Württemberg. Gefolgt von salbungsvoll und stimmungsschwanger gesungenen Leitartikeln zur Lage der Nation, betroffenheitsdurchtränkten Umweltschutzliedern und sanftmütigen Ratschlägen zum besseren Verständnis anderer Rassen, Völker und Lebenspartner. Zwischen den Liedern dann Berichte aus dem Alltagsleben des Landvolkes – Weinernte, Müllentsorgung, Haushaltslage der Kommunen, die Premiere am Stadttheater, Aufhebung der Immunität eines Landtagsabgeordneten und Drogensituation in der Region. Jetzt wußte ich es endlich: My home is my castle (Daheim ist’s am schönsten). In heimeligen deutschen Landen, wo es raunt und wispert, die Bächlein plätschern und Vöglein zwitschern, der gesunde Baum sich im Winde wiegt, der Bürgerkrieg im Nachbarland tobt, alles Leben gesund, stark und naturverbunden – kurz grün – sein muß, eben ökologisch wertvoll. Regional und doch mit der ganzen Welt in allem und jedem verbunden. Heissa, juche!   

Dritte Spielstätte
Wie schön wär es gewesen, wenn der Bülow-Bau auf dem Berliner Platz in Heilbronn Realität geworden wäre. Aber da hatte die Stadt sich auf einen Investor festgelegt, ihm „säckeweise Puderzucker hineingeblasen“ (CDU-Fraktionsvorsitzender Thomas Strobl) – und herausgekommen ist eine große Blamage für die Stadtverwaltung und den Heilbronner Gemeinderat. War man auf dem Rathaus nur blauäugig oder blind? Und damit ist auch die dritte Spielstätte des Stadttheaters zunächst einmal wieder zu den Akten gelegt worden. Uwe Jacobi, der Vorsitzende des Theater-Vereins Heilbronn ist zornig und hofft, „daß der Gemeinderat zu seinem folgerichtigen Beschluß steht, die dritte Spielstätte zu bauen“. Denn nach seiner Auffassung darf es nicht sein, „daß Kultur- und Städtebaupolitik zum Spielball von Macht, Konflikten, Launen, Animositäten, Tagesform, Einflüsterungen, Profilierung, Schnellschüssen und X-Beliebigkeit verkommt“. Aber genau das war bisher der Fall. Als das Stadttheater 1982 eingeweiht wurde, waren mehr als zwei Jahrzehnte zäher Diskussion um den Theaterbau ins Land gegangen. Der Architekt war frohgemut – und meinte, daß der Theateranbau auf dem Berliner Platz in wenigen Monaten (Kosten damals 20 Millionen Mark) in Angriff genommen wird. Seitdem sind 15 Jahre vergangen. Und der Schotterplatz neben dem Theater ist das illustre Eingangstor Heilbronns für Autofahrer aus dem Norden, durch das niemand fahren kann. Jemand der als 15jähriger Jugendlicher die Einweihung des Theaters erlebte, ist heute schon satte dreißig. Heilbronner Kultur- und Stadtpolitik – seltsam, seltsam! In Zeiten der Sparsamkeit ist es wichtiger, daß die vorhandenen Spielstätten gut ausgelastet, Werkstätten in einem ordentlichen Zustand sind und das Theater seiner Aufgabe gewissenhaft nachkommt, Kultur für breite Bevölkerungsschichten zu bieten. Jetzt einen Schnellschuß auf dem Berliner Platz abzufeuern, nur um Lobbyisten jedwelcher Interessenslage Genugtuung zu bereiten – die Zeiten sollten endgültig vorbei sein: Es wurde schon genug (Steuer-)Geld verpulvert.  

Landespresseball
Der Landespresseball am vergangenen Freitag in Stuttgart hatte eine Atmosphäre, die in den vergangenen Jahren oft vermißt wurde. Man hatte sich auf Seiten der Organisatoren mächtig ins Zeug gelegt. Und die Anstrengung, den mehr als 2.000 Gästen in der Stuttgarter Liederhalle eine italienische Nacht zu bieten, hatte sich gelohnt. Auch wenn in diese seltsame, etwas muffelige Architektur der fünfziger Jahre kaum Räume gezaubert werden können, die Ballatmosphäre vermitteln. Zahlreiche Besucher aus dem Unterland hatten den Weg zum Landespresseball gefunden und tummelten sich dort recht munter. Gespräche mit Landespolitikern aus CDU, SPD oder FDP über die Heilbronner Situation waren nicht gerade ermunternd. In Stuttgart schaut man mit Befremden auf das Treiben in Heilbronn. Der Rathausskandal hat seine Nachwirkungen. Und von dort scheint es eine gerade Linie zu den seltsamen Entscheidungen wie Müllverbrennung in Mannheim, zum Widerstand gegen die Umwandlung des EVS-Kohlekraftwerkes in eine Müllverbrennungsanlage, zu den Zuständen bei den Verkehrsbetrieben, zur Lage der Innenstadt, Berliner Platz, Kinos, Fußgängerzone, zur Ansiedlung von Industrie und Handel und vielen anderen kuriosen Geschichten in der Käthchenstadt zu geben. Kopfschütteln ist die zurückhaltendste Form der Äußerung über Heilbronn in vielen politischen Lagern. Aber Heilbronn ist nicht der Nabel der Welt, auch nicht der  im Lande Baden-Württemberg. Andere Regionen um Heilbronn herum sind rührig und aktiv, setzen Marksteine für die Zukunft. Heilbronn entwirft Pläne, läßt Gutachten erstellen – und all das schöne Papier lagert dann in so manchem Rathaus-Aktenschrank. Und das Stadtbahnprojekt? Wer da auf eine schnelle, unkomplizierte Realisierung hofft, der träumt an Unterländer Kaminen. Warum Heilbronn und Öhringen gerade in Richtung Karlsruhe tendieren sollten, das ist äußerst verwegene Logik. Aber Papier ist geduldig, und Briefhüllen lagern ja in Heilbronner Rathauskellern in Hülle und Fülle.       

Berliner Platz
Beim Zehn-Punkte-Plan der beiden großen Fraktionen im Heilbronner Gemeinderat sind die Sozialdemokraten unter der Führung ihres Fraktionsvorsitzenden Harry Mergel ein wenig ins Schleudern geraten. Die Absprache mit der CDU-Fraktion unter Thomas Strobl, das Papier gemeinsam zu veröffentlichen, wurde nicht eingehalten. Auf Seiten der Sozialdemokraten ist zu hören, daß Harry Mergel offenbar ein wenig ungeschickt seiner Fraktion den von beiden Fraktionsspitzen gemeinsam erarbeiteten Zehn-Punkte-Katalog nahergebracht habe. So ungeschickt wie Mergel zuvor der CDU-Spitze unter Zeugen versichert hatte, daß er eine Generalvollmacht seiner Fraktion besitze und wünsche, daß nichts mehr an den gemeinsam erarbeiteten Sätzen geändert werde – weder Punkt noch Komma, die Sätze sollten festgeklopft stehenbleiben. Und auch mit den kleinen Fraktionen sollte vor Bekanntgabe über den Text nicht verhandelt werden. Der Hohn der Kleinen ließ nicht auf sich warten. Grüne, Reps, FDP und Freie Wähler nahmen die Vereinbarung der Elefanten-Fraktionen zur Kenntnis – und ergötzen sich jetzt an deren Schwierigkeiten. Man hat schließlich nicht vergessen, daß eine Große Koalition den CDU-Fraktionsvorsitzenden Artur Kübler zum Bürgermeister gewählt hatte, der sein neues Amt von Harald Friese übernommen hatte, der auf den Posten des ausgeschiedenen CDU-Bürgermeisters Reiner Casse ins Kulturdezernat wechselte. Und auf dem Rathaus wird recht offen darüber gesprochen, daß dieser Deal Harry Mergel, falls Harald Friese nächstes Jahr Heilbronner SPD-Bundestagsabgeordneter werden sollte, zum Kulturbürgermeister machen soll. Mit Unterstützung der CDU. Pöstchenschieberei nennen das die kleinen Fraktionen im Heilbronner Gemeinderat. Und haben sie mit ihrer Ansicht so unrecht??!!

Männerstrip
Wenn sich jemand auszieht, und das auch noch öffentlich, dann erregt dieser Akt Aufsehen. Wenn sich Frauen ganz berufsmäßig mehrmals am Abend ausziehen, dann nennt man das „Strippen“. In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts saßen im Parkett als Zuschauer meistens Männer, stumm und sich mit der einen Hand am Glas festhaltend, die zweite mit Glimmstengel zwischen den Fingern nervös zum Munde führend. In schummerigen Bars gingen die Herren der Schöpfung diesem verruchten Laster nach. Um sich Appetit für Daheim zu holen? Oder um einmal einen wohlproportionierten Frauenkörper in geschmeidigen Bewegungsabläufen zu bewundern? Die Zeiten haben sich gewandelt. Frauenstrip wird vornehmlich in Peepshows geboten – oder ganz hart in Porno-Schuppen, wo nicht Appetit gemacht, sondern platt gezeigt wird, wie man den Akt vollführen kann. Strip-Schauen ist eine Sache der Frauen geworden. Männer ziehen sich aus, in Stadthallen oder Discotheken vor hunderten von Frauen, die sich nicht gerade zurückhaltend nur an ihrem Getränk festhalten, sondern lautstark und kreischend Beifall für die wohlgeformten Männerkörper auf der Bühne herausschreien. Da ist eine geile Stimmung im Saal. Emanzipation gerinnt zur Imitation – wenn auch auf einem ganz anderen Niveau. Wer hätte sich das vor dreißig Jahren auch nur träumen lassen? Keiner in unsere patriarchalischen Welt auf keinen Fall. Und die Frauenrechtlerinnen schon gar nicht, die heute erregt ihren moralischen Abscheu vor derart wildgewordenen Geschlechtsgenossinen mit verzerrtem Gesicht kundtun. Und auch starke Männer hätten sich nie träumen lassen, daß manche ihrer Geschlechtsgenossen auf das Niveau von Stripperinnen herabsinken. So ändert sich die Welt – und auch die Vorstellung von nackter Haut. Zu meiner Zeit trug der Mann die Hose so, daß die Frauenwelt sah, was drin ist – oder sein könnte. Hasenpfoten zum Beispiel. Das langte.

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