Donnerstag, 20. März 2014

Kiliansmännle, 11.06.1997




Für die Freiheit streiten
Im Jahre 1995 trat das „Haus der Geschichte“ in Stuttgart telefonisch an die Stadt Heilbronn heran, um die Idee von verschiedenen Ausstellungen in den Städten des Landes zu erläutern und abzuklären. Es geht um das Jubiläum der Revolution von 1848 im nächsten Jahr. Für Heilbronn war das Thema „Frauen in der Revolution“ vorgesehen. OB Dr. Manfred Weinmann antwortete dieser Tage auf eine SPD-Anfrage in dieser Sache: „Trotz des inzwischen vielfach zitierten Vereins patriotisch gesinnter Jungfrauen zur Fertigung scharfer Munition wären gerade in Heilbronn andere Spezialthemen zur 48er-Revolution geeigneter gewesen.“ Und dann zählt er auf: „Zum Beispiel die Rolle des Militärs. Denn das damals in Heilbronn stationierte 8. Regiment lief in spektakulärer Weise im Juni 1848 auf die Seite der Revolutionäre über. Nachdem der von der Stadt Heilbronn gewünschte „Thementausch“ vom Haus der Geschichte nicht akzeptiert wurde, hat Heilbronn von einer Beteiligung Abstand genommen.“ – Trotzdem, Heilbronn will sich zum Thema 48er-Revolution engagieren: Mit dem Auftrag zu einer Dissertation, im Bereich Tourismus beteiligt man sich an einem landesweiten „Führer zu den Stätten der Revolution“, mit einem Materialienheft für den Geschichtsunterricht, und einer Wanderausstellung über Ludwig Pfaus Zeitschrift „Eulenspiegel“, die in der 48er-Revolution eine wichtige Rolle gespielt hat. – Über die Absage Heilbronns ans „Haus der Geschichte“ hatte die Stuttgarter Zeitung am 12. April 1997 berichtet. Oberbürgermeister Manfred Weinmann: „Zum Abschluß meiner Anwort auf Ihre Anfrage darf ich Gerd Kempf zitieren, der in der Heilbronner Stimme am 19. April 1997 (Seite 35) im Hinblick auf den oben erwähnten Artikel in der Stuttgarter Zeitung formuliert hat: Recherchen machen die schönsten Geschichten kaputt.“ – Na bitte, wer sagt es denn.

Lotto-Verkauf
Privatisierung ist das Zauberwort in der Politik, nachdem aus den Kassen, die wir Bürger tagtäglich mir unseren Steuergeldern füllen, von den Politikern geschöpft wird, als hießen sie alle Sterntaler mit Vornamen. Und sie stellen sich dazu noch ohne Skrupel hin und verkünden bei Subventionen mit lauten Worten, daß die Gelder ihre Wahlgeschenke ans Volk seien. Der Staat schenkt uns Bürgern nichts. Außer jenem Geld, was wir ihm zuvor – nicht gerade freiwillig – gegeben haben. Und solange der einzelne Bürger mehr als die Hälfte des Jahres nur für Steuern und Abgaben arbeiten muß, wird das Zutrauen in diesen gefräßigen Apparat auch nicht besser werden. Vor allem, wenn sich die Damen und Herren Politiker, üppige Gelder und Pensionen ausloben. Und dabei auch ihre vornehmste Klientel, die Beamten, nicht im Regen stehen lassen. Sind unsere Politiker in den Parlamenten doch zu weit mehr als fünfzig Prozent, teilweise an die siebzig, selber diese Berufsgruppe zuzurechnen. Aber all das Kennen wir ja schon. Bisher noch nicht kannten wir die neuen Pläne des Wirtschaftsministers und FDP-Landesvorsitzenden Dr. Walter Döring (Schwäbisch Hall), der unsere ach so heilige (vor allem durch Skandale gebeutelte) landeseigene Lottogesellschaft versilbern möchte, um Haushaltslöcher zu stopfen. Recht hat der Mann. Was hat der Staat mit einer Lotto-Gesellschaft gemein. Außer, daß er einen großen Batzen der Glücksspiel-Gelder ungeniert für sich reklamiert. Ministerpräsident Erwin Teufel hat dem Döring noch wohlwollend zugenickt, als dieser seine Pläne offerierte. Jetzt aber fuhr Günther Oettinger, der CDU-Fraktionsvorsitzende, dem Juniorpartner in der Koalition in die Parade: „Sechs Richtige sind wahrscheinlicher als ein Lotto-Verkauf.“ – Aber dadurch wird das Geld im Staatssäckel auch nicht mehr. 

Internet – für wen?
Die Sozialdemokraten in Heilbronn wollen mit der Presse ins Gespräch kommen. Denn auch in der Demokratie muß der „Obrigkeit“ auf die Finger geschaut werden. Wobei Kontrolle und Kritik in diesem Zusammenhang bitte nötig seien, meint die SPD-Kreisvorsitzende Sibylle Mösse-Hagen. Und deshalb hat sie und ihr Kreisvorstand einen Veranstaltungsreigen namens „Pressegespräche“ geschaffen. Veranstaltungsort ist das Kaffeehaus Hagen in der Christophstraße 13 in Heilbronn. Erster Referent war letzte Woche der Redaktionsleiter des Neckar Express Jürgen Dieter Ueckert. Um einen Rückblick auf die Mediengeschichte Heilbronn, den Ist-Zustand und die Zukunft ging es in seinem Vortrag. Brav hörten sich die Zuhörer aus dem Stadt- und Landkreis Heilbronn mehr als eine Stunde an, was zu diesem Thema alles gesagt werden kann. Und einer vermißte dann ganz konkret das Thema „Internet“, die „Zukunft auf dem Medienmarkt“. Der Ansicht kann man sein. Oder auch nicht. Sicherlich, das Internet bietet viele Möglichkeiten. Man kann schneller Briefe befördern, sich preiswert mit anderen Menschen auf dieser Welt unterhalten, Informationen aus Datenbanken beschaffen, Programme für den PC preiswert herunterladen, etc., etc.. Aber die traditionellen Medien, wie Zeitung, Zeitschrift, Fernsehen oder Hörfunk werden dadurch nicht ersetzt. Zudem ist es notwendig, eine Computer-Anlage zu besitzen, die den Internet-Zugang ermöglicht. Und eine solche Geräteansammlung kostet heutzutage noch zwischen 3.000 und 10.000 Mark. Im Bad, im Bett, auf dem WC, im Garten kann man nicht im Internet surfen, außer man versucht es mit einem tragbaren Computer, Laptop oder Powerbook. Und die Kosten sind ein weiterer Faktor. Was nutzt es, wenn ich vorab in eine Tageszeitung, eine Zeitschrift, etc. schaue – und dafür Telefongebühren um die fünf Mark zahle. Da kauf’ ich sie mir doch lieber gleich. Auf diesem Markt muß sich also noch viel tun, um das Internet zu einem Massenmedium zu gestalten. Bisher zeigt sich, daß Verlage, die ihre Leser ernst nehmen, auf ihre Bedürfnisse eingehen, auch Zuwächse zu verzeichnen haben. Siehe Springer-Verlag. Der Markt ist in Bewegung. Aber nicht plump in Richtung Internet. Dafür ist der Zugang für den Normalverbraucher derzeit viel zu teuer und umständlich.

Linke Mehrheit?
Erst Tony Blair mit seiner New Labour in Großbritannien und jetzt auch noch die Vereinigte Linke in Frankreich. Erdrutschsiege für eine linke Mehrheit bei den Parlamentswahlen in diesen ältesten der europäischen Demokratien. Und nächstes Jahr die Bundesrepublik Deutschland? Eine absolute Mehrheit für ein linkes Bündnis aus Sozialdemokraten und Bündnis-Grünen? Ein Sieg scheint für die Genossen und ihre Bündnisgrünen zum Greifen nahe. Wenn man den Umfrage-Ergebnissen glauben kann. Nicht weil die Regierung versagt hat, sondern weil sie in ihren Handlungen wie gelähmt erscheint. Überall gab es Ansätze – Steuerreform, Gesundheitsreform, Schuldenabbau, Kürzung bei Beamtengehältern. Aber nichts tut sich. Alles versickert in den Fluten der Lobbyisten-Wässer. Und jetzt steht die Bonner Koalition so auf der Kippe, daß es durchaus denkbar wäre, in nächster Zeit entweder eine Große Koalition in Bonn zu haben oder Neuwahlen im Land durchgeführt werden. Was bei unserer Verfassung nahezu unmöglich ist. Von einem Kanzler Helmut Kohl spricht kaum noch jemand in politischen Zirkeln. Dessen Zeit scheint abgelaufen zu sein. 15 Jahre mächtigster Mann in Deutschland, das ist für eine Demokratie ja auch eine lange Zeit. Und ein Wechsel scheint notwendig. Es müßten schon Wunder geschehen, wenn er bis 1998 durchhält und die Bundestagswahl dann auch noch gewinnt. Nicht die Arbeitslosen und Sozialschwachen haben in Frankreich und England die Wahl entschieden, sondern jene, die noch Arbeit haben und um die fürchten, jene, die im Zuge von Leistung und Boom die Gerechtigkeit vermißt haben. Wirtschaftsaufschwung und gesunde Strukturen sind eine Sache. Die Menschen müssen das allerdings auch mittragen – und nicht das Gefühl haben, sie arbeiten nur für eine kleine Schicht von Besserverdienenden. Und da unsere Politiker in der Mehrheit in allen Parlamenten gutdotierte Beamte oder Lobbyisten sind, merken sie kaum mehr, was das Volk, die breite Masse denkt, wo der Schuh wirklich drückt. Daß eine neue Regierung nichts von heute auf morgen besser machen kann, das wissen wir alle. Nur es sollte nicht so weitergehen wie bisher, sagten sich die Franzosen. Und wenn das Ruder in der Bundesrepublik nicht schnell herumgerissen wird, dann werden die Wähler es auch bei der nächsten Bundestagswahl in Deutschland sagen – und eine linke Mehrheit wählen. Aber ich nehme an, vorher kippt die CDU noch ihren Kanzler und Bundesvorsitzenden Helmut Kohl. Denn ganz so abgehoben scheint mir die christdemokratische Basis dann doch nicht zu sein.

Grüner Pfeil
Er ist ein Erbe aus den Zeiten des Kalten Krieges. Ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten. Der Grüne Pfeil, der an Kreuzungen anzeigt, daß der Autofahrer, auch wenn die Ampel rot zeigt, nach rechts abbiegen darf, sofern es der Verkehr auf jener Fahrbahn erlaubt, für deren Benutzer grün angezeigt ist. Einen besseren Verkehrsfluß soll der komische Pfeil bewirken. Manche Zeitgenossen in Heilbronn, die das neue Zeichen als angenehm empfinden, geraten schnell in Versuchung, so sie die Mauern des Käthchenstädtchens verlassen haben, auch an den Kreuzungen in anderen Städten bei Rot durchzufahren. Aber ich habe bisher keine Grünen Pfeile in den Umlandgemeinden ausfindig machen können. Auch wenn ich in Richtung Landeshauptstadt unterwegs bin, suche ich vergeblich die Grünen Pfeile an Kreuzungen. Aber was nicht ist kann ja noch werden. Am Freitag letzter Woche war der Staatssekretär im Bonner Verkehrsministerium Hans Jochen Henke (früher Oberbürgermeister von Ludwigsburg) in Heilbronn und lobte das Experment der Stadtverwaltung. Die 39 „Grüner Pfeil“ an 23 Kreuzungen in Heilbronn unterstützen das Motto „Hirn statt Regeln“. Schön gelobt, Herr Staatssekretär. Dabei gibt es auch im Straßenverkehr noch viel zu tun. Denn in deutschen Landen gilt weiterhin, was nicht ausdrücklich per Schild erlaubt ist, das ist verboten. Die Etablierung des Pfeils, so meinte der Erste Bürgermeister Werner Grau, hätte gezeigt, daß die Autofahrer damit zurechtkämen. Wie schön, daß es dieses Lob von der Obrigkeit gibt, nachdem der Autofahrer als Melkkuh der Nation ansonsten nur geschröpft und beschimpft wird. Bei einem Preisrätsel hatte der Medizinstudent Harald Fladrich per E-Mail aus den USA teilgenommen. Auf den Namen seines Großvaters Otto Fladrich (76), der dann auch den ersten Preis, einen Fiat-Cinquecento gewann. Der Großvater überläßt das Auto jedoch seinem Enkel, der zur Zeit ein Praktikum absolviert. – Frage am Rande der Preisverleihung: Könnte Hans Jochen Henke eventuell OB-Kandidat der CDU in Heilbronn werden? Wenn es im nächsten Jahr keine christliberale Regierung in Bonn mehr gibt? Spekuliert wird schon.

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