Samstag, 15. März 2014

Kiliansmännle, 16.04.1997




IHK: hyperaktiv
Auf der „weltgrößten Industriemesse“ ist die IHK Heilbronn jetzt schon zum 17.mal vertreten. Man will zeigen, was man hat und was man kann – trotz aller Turbulenzen der vergangenen Wochen. Aber bisher lebte die Heilbronner Kammer ja im Windschatten. Und was andere IHKs in Deutschland schon seit Jahren an Kritik einstecken müssen, hat jetzt auch die „Heilbronner Provinz“ erreicht. Ein Normalzustand?! – Normal ist es jedenfalls nicht was die Mitarbeiter seit Freitag letzter Woche auf die Beine Gestellt haben. Nach Dienstschluß in Heilbronn – ab nach Hannover. Die guten Geister hinter den Kulissen: Dr. Helmut Kessler (IHK-Geschäftsführer und Regisseur am Gemeinschaftsstand); Thomas Schick (IHK-Geschäftsführer und verantwortlich für die Presse-Präsentation); Ingeborg Entenmann, Helene Krebs, Lisbeth Schumm und Martin Neuberger als hilfsbereite Geister auf dem Gemeinschaftsstand, der größer denn je sich zwischen den Ständen „Luxemburg“, „Preussag“ und „Austria“ repräsentativ Geltung verschafft. Am Montag bei der großen Pressekonferenz mit Dr. Walter Döring (baden-württembergischer Wirtschaftsminister) mit von der Partie: Dr. Ekkehard Hein (Direktor des Regionalverbandes Franken), Otto Christ (IHK-Präsident), Heinrich Metzger (IHK-Hauptgeschäftsführer), Richard Drautz (FDP-Landtagsabgeordneter) Heilbronns OB Dr. Manfred Weinmann, Neckarsulms OB Volker Blust, Franz Henschel (Außenstellenleiter des IHK-Zentrums für Weiterbildung in Schwäbisch Hall). Fazit der ersten Messe-Tage: Zum 50jährigen Messejubiläum 1997 ein Ausstellerrekord – 7.259 aus 69 Nationen. Und davon wieder 70 aus der Region Franken. Na dann: Viele gute Geschäfte in Hannover. Die Region kann’s gebrauchen.

Müll nach Mannheim
Die Heilbronner Belegschaft des Kohlekraftwerkes der EVS (Energieversorgung Schwaben), an der Spitze des Betriebsrat, ist stinksauer. Im Zuge der Fusion EVS und Badenwerk, der zwei Stromgiganten im Lande, ist nicht gesichert, ob das Heilbronner Kohlekraftwerk so weiterwirtschaften kann wie bisher. Wird die Energiezeugung im Zuge der europäischen Einigung preiswerter, könnte der teure Strom aus Heilbronn überflüssig werden. Die grünen Ästheten im Unterland wären nicht undankbar, würden die riesigen Bauwerke dieses Kraftwerks von der Bildfläche verschwinden. Grünliche Schöngeister haben selten ein ausgeprägtes Gespür für Arbeitsplätze. Den EVS-Beschäftigten ist auch klar, daß es so nicht weitergehen kann. Deshalb setzten sie ihre Hoffnungen auf die Müllverbrennungsanlage in Heilbronn. Bei der SPD stießen sie auf den entschiedenen Widerstand der ökologischen Lehrer- und Beamtenfraktion. Und nachdem jetzt klar ist, daß in der Mannheimer Müllverbrennungsanlage noch Kapazitäten frei sind und der Heilbronner Müll bequem dort hin gekarrt werden kann, ist auch die CDU (so auf ihrem Güglinger Parteitag beschlossen) für das Motto: „... ab nach Mannheim!“ Bis zum Jahr 2015 habe sich in Heilbronn ein Müllverbrennungsofen erledigt. Oh, oh, wie seltsam! Müllverbrennung in Heilbronn – Teufelswerk, gesundheitsschädlich, unerträglich für die Unterländer Menschen. Wenn jedoch der Heilbronner Müll im Ballungszentrum Mannheim verbrannt wird, dann ja dann ... – Ich nenne das schlicht: Sankt-Florians-Prinzip! Wie auch anders. Gottseidank kommt die Müllasche dann zurück – ins Salzbergwerk. Wenigstens wird das Verursacherprinzip ein wenig berücksichtigt. Ansonsten hätten wir ja die absolute SPD-CDU-Grüne-Spießermoral.

Voll cool und echt megageil
Der Fernsehsender, der es schafft, sie vor die Glotze zu bringen, dem laufen sie auch die Türen ein. Klar, die Teenager sind gemeint, eine heißumworbene Zielgruppe in unserer Gesellschaft. Vor allem RTL2 hat dies wohl am besten erkannt. Mit ihrer Sendung „Wildfang – der Teenietalk“ kümmert sich die Moderatorin Iris von Carnap rührend und einfühlsam um die Probleme, Sorgen und Nöten der Jugendlichen. Die Jungs und Mädchen haben keine Scheu ihre Probleme der Öffentlichkeit preiszugeben. Sie reden unbeschwert über Liebe, Sex und Zärtlichkeit und über alles was sonst noch im Teenager-Alter so im Vordergrund steht. Aber in diesem Alter dreht sich anscheinend eh alles nur um Sex, wenn man die Teenie-Sendung verfolgt. Eine Show, die zum Beichtstuhl umfunktioniert wird. Aber den Jugendlichen, immer ohne Nachnamen, scheint diese Entblößungsshow zu gefallen, dies belegen zumindest die Einschaltquoten. Nicht ganz so intim, aber trotzdem voll im Trend ist die sonntägliche „Bravo TV“-Show. Die 16jährige Jungmoderatorin Jasmin Gerat, die wie ein Teenie-Flummi durchs Studio springt, findet einfach alles supercool und einfach megageil. Schlagwörter, die junge Massen hören wollen. Auch wenn sie meistens selbst nicht so genau wissen, was sie gerade gefaselt hat, und ihr intellektueller Horizont etwas eingeschränkt zu sein scheint, der Erfolg ist da. Ihre Interviews mit legendären Popstars reduzieren sich ausschließlich immer wieder auf die Fragen, wo sie das letzte Video gedreht haben, welche Klamotten sie bevorzugen und ob sie einen Freund oder eine Freundin haben. Mehr kann man ihr aber auch wirklich nicht zumuten. Für sie ist eben alles, wie schon erwähnt, supercool und megageil. Besonders der nackte Bauch von Sänger Peter André. Anscheinend hat sie aber Geschmack, wenn man der allgemeinen weiblichen Meinung Glauben schenken kann. Aber zum Glück stehen nicht alle Teenager auf nackte Bäuche von Popstars. So sollte Thomas Gottschalk doch recht haben, als er sagte: „Wenn Kulenkampff der Gymnasiallehrer des Fernsehens war, dann bin ich der Volksschullehrer, und nach mir kommen die Analphabeten.“

Stroh oder Friese
Harry Mergel (SPD-Fraktionsvorsitzender im Heilbronner Gemeinderat) und Sibylle Mösse-Hagen (SPD-Kreisvorsitzende Heilbronn-Stadt) hatten den Clou mit eingefädelt: Harald Friese (SPD-Bürgermeister und Fraktionsvorsitzender im Regionalparlament) wechselt im Heilbronner Rathaus vom Krankenhaus-/Ordnungsdezernat ins Kulturressort. Gleichzeitig meldete Friese sein Interesse an einer Bundeskandidatur im Wahlkreis Heilbronn an. Der eher feingeistige und sensible Bürgermeister, der in seinem Amt viel Schelte einstecken mußte, ergriff die Gelegenheit beim Schopfe, als Peter Altschekow (einst SPD-Kreisvorsitzender Heilbronn-Stadt, SPD-Regionalfraktionsvorsitzender und Spöri-Pressesprecher in Stuttgart) nach der verlorenen Landtagswahl 1996 sich beruflich nach Brandenburg absetzte. Aber Interesse zeigen heißt noch nicht gewählt sein. Frank Stroh, IG-Metall-Chef im Unterland und neuer Vorsitzender der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen AfA, forderte nach seiner Wahl letzte Woche auch gleich, ein Wörtchen bei der Alltschekow-Nachfolge als Bundestagskandidat mitreden zu dürfen. Das ist behutsam und zart formuliert, wenn ich bedenke wie direkt Gewerkschaftler ansonsten ihre Vorstellungen in Worte fassen. Aber die Heilbronner SPD-Genossen, geschwächt durch den überstürzten Spöri-Abgang (der noch wenige Stunden zuvor gut Wetter auf dem Neujahrsempfang gemacht hatte), und durch den Verlust des Landtagsmandats, haben verstanden. Die Landkreis-SPD und die Arbeitsgemeinschaften (vor allem die AfA) wollen ein gewichtiges Wort bei der Aufstellung der SPD-Bundestagskandidaten mitreden. Der Name Frank Stroh wird also bei der Kandidatenkür eine gewichtige Rolle spielen. Es war also reichlich naiv, Harald Friese einzuflüstern: „Jockele, gang Du voraa!“

Handball brutal
Es hätte eigentlich ein großer Tag für den Turn- und Sängerbund Horkheim werden sollen. Am vergangenen Samstag war das letzte Spiel der Handball-Saison angesagt. SV Fellbach hieß der Gegner. Das Match hatte keine wichtige Bedeutung mehr. Schon vorher war klar, TSB Horkheim ist Meister. Soviel ist sicher: Es war kein gutes Spiel, der Gegner aus Fellbach verkaufte sich gut und gewann letztendlich auch. Doch Ergebnis und Spielverlauf sind zweieinhalb Minuten vor dem regulären Abpfiff der Partie unwichtig geworden. Denn da ereignete sich ein Vorfall, den Saalordner in der Horkheimer Sporthalle mit den Worten quittierten: ,,So etwas habe ich in dreißig Jahren Handballgeschichte noch nicht erlebt.“ Handball brutal war zweieinhalb Minuten vor Schluß angesagt. Halt, mit Handball hatte das nichts mehr zu tun. Ein Horkheimer Spieler, der Rumäne Constanstin Dragomir, rastete völlig aus. Das Spiel war unterbrochen, da trat er nach dem Gegner, donnerte ihm anschließend den Ball in die Seite. Es kam zum Tumult und besagter Rumäne streckte einen Spieler aus Fellbach mit einem Faustschlag ins Gesicht nieder. Das war kein harmloser Nasenstüber, der verletzte Spieler mußte notärztlich versorgt werden und zwar von einem zufällig anwesenden ehemaligen Horkheimer Spieler, der mittlerweile Mediziner ist. Anschließend wurde der Fellbacher Handballer per Krankenwagen ins Krankenhaus am Gesundbrunnen gebracht. Die Nase war völlig zertrümmert, eine offene Fraktur, aus der den Helfern das Blut entgegenschoß. Das hat nun wirklich nichts mehr mit Kampfesgeist zu tun. Der Horkheimer Spieler hat eine Tätlichkeit begangen, wird hoffentlich lebenslang für Handballspiele bei uns gesperrt werden. Horkheim täte gut daran, sich von diesem Schläger zu trennen, nicht nur wegen der Imagepflege.

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