Kaiserstraße
Feste
werden in Heilbronn viele gefeiert. Manchmal bekommen auswärtige Besucher den
Eindruck, was anderes hätten die Oberen in Heilbronn nicht im Sinn. Und manche
Zyniker behaupten gar, man sollte in Heilbronn nicht soviel feiern, sondern
sich mehr um die Wirtschaft kümmern. Würde man die gleiche Kraft wie auf die Festles-Umtriebe auf den
wirtschaftlichen Aufbau legen, sähe die Situation in Heilbronn ein wenig anders
aus. Aber in einer Stadt, in deren Rathaus man nicht weiß, wieviel Briefhüllen
zu welchem Marktpreis bestellt werden, ist vieles denkbar. Die Innenstadt
Heilbronn ist schon seit langem ein Sorgenkind. Rauschgiftkonsum, -verkauf, in
deren Folge Kriminalität wie Handtaschenraub, Überfälle, Wohnungseinbrüche sind
deutlich sichtbar. Neulich sagte mir bei einem Rundgang ein auswärtiger
Besucher über den Zustand der City: Wie nach der Wende in der DDR sieht es hier
aus. Nicht gerade ein Kompliment. Dabei versuchen die Gewerbebetreibenden,
allen voran die Heilbronner Kaufleute, neue Impulse zu setzen. Mit dem Taxiboot auf dem Neckar, mit
Preisausschreiben und jetzt mit einem Fest zum Jubiläum 100 Jahre Kaiserstraße.
Aber wer zu Pressekonferenz dieser Aktion in den Heilbronner Ratskeller mit dem
Auto kam, der mußte zunächst einmal rund sieben Mark Gebühren für den
Aufenthalt im Parkhaus neben dem Rathaus zahlen, dann über einen Marktplatz
gehen, auf dem betrunkene Penner bierflaschenschwenkend grölten, um in die gute
Stube der Stadt zu gelangen. Nicht gerade einladend für Gäste von auswärts. Die
Geschäftsleute in der Innenstadt bieten am 18. und 19. Juli ein Mammutprogramm.
150.000 Mark schießt die Stadt zu. Jubiläumsangebote zu Preisen wie vor 100
Jahren werden dem Publikum offeriert. Aber am Montag danach – da sollte es halt
mit der Innenstadtbelebung weitergehen. Und nicht wieder der alte Heilbronner
Trott vorherrschen. Auf, auf – in die Hände gespuckt!
Berliner-Platz-Flop
Es
ist nicht nur traurig, es ist schon mehr: eine Tragödie. Was sich da um den
Berliner Platz in Heilbronn abspielt. Als 1982 das Stadttheater eingeweiht
wurde, waren die Pläne für einen Anbau auf dem Tisch. Man hätte nur bauen
müssen – und das im Verhältnis zu heute recht preiswert. Aber nein. Man schüttete Schotter auf den freien Platz neben dem
Theater. Eine weiße Wand kündet den von Norden in die Stadt einfahrenden
Besuchern jetzt schon 15 Jahre lang an: Hier ist Heilbronns Visitenkarte, eine
Null-Lösung. Es regte auch niemanden in der Stadt so richtig auf – dieses
seltsame Provisorium. Schließlich wälzte man in den vielen Büros der
Stadtverwaltung Pläne – hin und her. Und der hochwohlgeborene Gemeinderat
wackelte mit dem Kopf dazu, mal bedenklich, mal freudig. Und dann kam der große
Erlöser aus Stuttgart. Die Bülow AG sollte richten, was bisher verpennt worden
war. Jetzt aber ist Wirtschaftskrise angesagt. Überall im Lande geht es
bedenklich bergab. In Heilbronn ein wenig bedenklicher. Und was die Spatzen
schon lange von der kommunalen Dächern pfiffen, das wurde jetzt offiziell
mitgeteilt. Die Banken verlangen vom Bauträger Bülow eine Garantie, daß 30
Prozent der kommerziell genutzten Fläche im Anbau vor Baubeginn vermietet sind.
Und deshalb kam bisher die Beurkundung des Kaufvertrags zwischen der Bülow AG
und der Stadt Heilbronn über das Grundstück Am Berliner Platz nicht zustande.
Ob die Arbeitsgruppe, die vom Gemeiderat am Donnerstag eingesetzt werden soll,
da noch die Bülow-Kurve kriegt, das dürfte mehr als zweifelhaft sein.
Verantwortlich ist, wie immer in Heilbronn, niemand aus dem Rathaus. Schicksal
ist eben Schicksal. Wie schon bei den Briefhüllen im Rathausskandal. Sie
flatterten halt teuer rein – und nicht wieder billig raus. Und das kostete.
Darüber kann sich niemand freuen. Eigentlich nur traurig sein, wenn es nicht so
stark an Schilda gemahnen würde. Aber Lichtblicke sind vorhanden: Verkauf des
Landerer-Areals, um den Berliner Platz zu retten; eine dritte
Theater-Spielstätte wird gestrichen; dafür kommt die Volkshochschule ins Haus;
die Kino-Planung bleibt. Eine kommerzielle Nutzung kann heute niemand mehr
garantieren. Die Stadt ist gefordert.
SPD
weiter bergab?
Die
25-Prozent-Partei SPD bei uns in
Baden-Württemberg hat sich ein Ringkampf-lein geleistet. Mehr aber auch nicht.
Sandkastenspiele eben. Da trat letzte Woche Samstag in Sindelfingen Robert Antretter (58),
Bundestagsabgeordneter aus Backnang, gegen den amtierenden Landesvorsitzenden
und SPD-Chef im Stuttgarter Landtag Ulrich
Maurer (48) an. Eine Schlammschlacht im Vorfeld mit Ehrenerklärungen für
Antretter offenbarte den Riß, der durch die Partei geht. Schon in
Radiointerviews hat Maurer seinen Kontrahenten behandelt, als ginge es darum,
einen CDU-Mann im Wahlkampf aus dem Feld zu schlagen. Der Umgang der Genossen
untereinander mit dem vielbeschworenen
Wort Solidarität ist nur Tünche. Denn die SPD im Lande ist seit ihrem
kontinuierlichen Niedergang mit ihren Spitzenmännern Dieter Spöri und Ulrich Maurer zu einem Schnitt für einen
Neunanfang nicht fähig. Was jede andere Volkspartei nach den miserablen Wahlergebnissen der vergangenen
zwei Jahrzehnte schon längst schonungslos vollzogen hätte, davor scheuen sich
die Sozialdemokraten im Lande. Dabei gäbe es viele Möglichkeiten. Man hätte
eine Frau aufs Schild heben können.
Es gibt genügend kämpferische Politikerinnen in der SPD. Man hätte einen jüngeren Mann zum Vorsitzenden
machen können – zwischen 30 und 40 Jahre alt. Aber die SPD hat der Mut verlassen. Sie quengelt vor sich hin, mag
sich nicht richtig dafür oder dagegen entscheiden, sieht sich von lauter
Feinden umgeben, auch in der eigenen Partei, hat kein Vertrauen in die Zukunft
und in sich selbst. Das ist der beste Ansatz, um demnächst bei Wahlen 18 oder
20 Prozent in die Scheuer zu fahren. Wer
nicht fähig ist, eine Führungsspitze auszuwechseln, die den Niedergang der
Partei in letzten Jahren entscheidend mitverantwortet hat, der darf sich nicht
wundern, wenn es noch weiter bergab geht. Wer sich nicht selbst vertraut, dem
vertrauen die anderen, sprich die Wähler, erst recht nicht. Mit 56,7 Prozent wurde Ulrich Maurer als SPD-Landesvorsitzender wiedergewählt.
Das sagt alles.
Sommer
1997
Ist
er nun da? Oder ist er schon wieder weg? Der lange angekündigte Sommer ’97. Die
Freilichttheater in unserer Region,
und davon gibt es ja nicht wenige, klagen unter dem vielen Regen, den kalten
Abenden. Vorstellungen müssen abgesagt oder unterbrochen werde. Und was noch
schlimmer ist: Die Zuschauer kommen gar nicht erst, greifen nicht zum Telefon,
um Karten für Jagsthausen, Schwäbisch Hall oder Neuenstadt am Kocher zu bestellen. Und
das in einer Zeit, in der diese Art des volkstümlichen Theaters ohnehin unter
Kürzungen der Subventionen aus dem Staatssäckel zu leiden hat. Lange hatten die Bauern im Mai und Juni auf
das erfrischende Naß vom Himmel gewartet. Als es dann nach einigen
vorsommerlichen heißen Tagen kam, brachte es nicht Wechsel von Sonne und Regen,
von normalen Sommertemperaturen und angenehmer Hitze, die wir uns so sehnlichst
wünschen, sondern das, was uns Petrus jetzt beschert hat. Nicht gerade eine
freundliche Himmelsgabe. In den nächsten Wochen, so sagen nicht alle, aber
einige Meteorologen, werden wir wieder schöne Sommertage und -wochenenden
bekommen. Bleibt den Teutonen wohl doch nichts anderes als an ihre beliebten
Grillstrände rund ums Mittelmeer zu reisen. War ja auch schon immer ihre Sehnsucht.
Und viele benehmen sich im „17.
deutschen Bundesland“ Mallorca ja auch wie einst ihre seligen Vorfahren,
die Vandalen. Nur mit dem Unterschied: Speer und Schild haben sie in
germanischen Gefilden gelassen. Wenn man die Bilder im Fernsehen sieht und sich
vorstellt, Spanier oder Italiener würden sich derart in deutschen Landen
aufführen – nicht auszudenken. Aber singende Germanenhorden am Mittelmeer- oder
Atlantikstrand, das ist halt was anderes. Das sind ja keine Ausländer. Eben nur
dort. Und die Einheimischen sind froh, wenn sie wieder im Flugzeug sind. Wär
ich auch.
Kirche
und Gott
Da
war doch was? Erinnern Sie sich? Evangelischer
Kirchentag in Leipzig. Erst vor wenigen Tagen. Bunt und recht hübsch im
Fernsehen anzuschauen. Komisch. Um Himmel und Hölle ging es dabei ja nicht.
Denn die existieren für moderne Christen nicht mehr. Auch wenn sie auf Erden
sicht- und erlebbar sind. Glaubens-Bekenntnisse werden da auch nicht abgelegt.
In einem ständigen Palaver, un-abschließbare
Diskurse nennt man das heute, öffnet man sich und versucht es auch bei den
anderen, um herauszufinden, was denn da wirklich nun geglaubt wird. An den
weiblichen, den männlichen Gott – oder überhaupt an keinen. Und bei diesem
Erkenntnisdrang holt man sich – wie in einem Supermarkt – von jeder Religion
auf diesem Erdball das, was am besten aussieht und schmeckt. Ob nun aus
asiatischen, afrikanischen oder
indianischen Religionen. Der dreieinige Gott, die Sündenvergebung, das Heil –
all das ist offenbar im Verschwinden begriffen. Nur bei den christlichen Sekten
wird es noch gepflegt. Man sucht Geborgenheit – hienieden. Der moderne Gläubige
erfährt dann den lieben Gott als netten Kumpel, dem er irgendwo zwischen „Erlebnisurlaub“ und „erfüllter Sexualität“ großzügig einen
Platz zuweist. Ob das die Kirche eines
Jesus Christus ist, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Von den bedrängten
Brüdern und Schwestern in den fundamentalistischen Diktaturen auf dieser Welt
war wenig auf diesem Kirchentag zu hören. Kein Wunder, daß viele Gläubige sich
abwenden und ihre Sinnerfüllung woanders suchen. Um Menschen mühsam werben, sie
munter missionieren, das ist Aufgabe von Kirche – gerade in unserer Zeit.
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