Erdbeerzeit
vorbei
Süß
sind sie – und ein wenig kleiner als in den vergangenen Jahren. Weil es bisher
nicht soviel geregnet hatte. So erschienen die Erdbeeren aus der Umgebung zu
Beginn der Erntesaison. Dafür schmeckten sie umso besser. Dank des vielen
Regens wurden sie dann immer größer, aber schmeckten nicht mehr so erdbeerig.
So ist halt die Natur. Erdbeerzeit ist
trotzdem für mich Genußzeit – auch wenn sie jetzt schon fast am Ende ist.
Ganze Pfunde kann ich von den süßen Früchten wegspachteln. Und die Reminiszenz
an die wenigen schönen Sommertage: Sonntags zum Frühstück gibt es leckere
Erdbeermarmelade auf frischen Brötchen vom Bäcker. „Gsälz“ heißt der
schmackhafte Schleim im schwäbischen – für alle Nordlichter und Fischköpfe sei
es nochmal gesagt, „Gsälz“. Auch wenn es sie schaudert bei diesem schönen
Dialekt-Wort. Nur für Nichteinheimische wird gelegentlich „Salz“ in die
Marmelade gestreut! Wer die roten Beeren selber auf dem Feld pflückte, war gut
dran. Er bekam sie preiswert. Wer sie an den schnell aufgestellten Ständen der
Bauern kaufte – neben Tankstellen oder in der Innenstadt – mußte ab drei Mark
für das Pfund berappen. Wer sich die
süßen Früchte im Supermarkt besorgte, legte entsprechend mehr Münzen auf den
Kassentisch. Jetzt werden sie wieder aus fernen Ländern importiert – per
Schiff oder Flugzeug. Und die schmecken halt anders. Jede Frucht hat halt ihre
Jahreszeit. Das ist nicht nur bei uns so, sondern auch in den mit üppiger Sonne
ausgestatteten Regionen des südlichen Erdballs. Wie heißt es so schön? Die Blüten
des Frühlings werden zu Früchten des Sommers und enden als Marmelade im Herbst.
Wie vieles im Leben. Sinnreich ist das Leben,
auch wenn es als Marmelade endet.
Männle-Preise
Die
alljährlichen Kilianpreise sind eine
schöne Geste der Mitglieder des Heilbronner
Theatervereins. Schauspieler des Heilbronner Theaters erhalten für ihre
Leistungen eine Skulptur, eine Urkunde und einen Scheck für ihre Leistungen.
Ein wenig großspurig wird da vom Unterländer
Oscar gesprochen. Nun denn. Zu einer Akademie von profunden Kennern, die
nach reiflicher Überlegung Preise für die besten Leistungen verteilt, hat es
noch nicht gelangt. Der Vereinsvorstand schlägt seinen Mitgliedern für jede
Preiskategorie drei Namen aus den zahlreichen Darstellern der zu Ende
gegangenen Spielzeit am Heilbronner Theater vor – und aus denen wählen dann die
Theaterverein-Mitglieder ihren Favoriten aus. Freilichttheater bleiben außen
vor. Das ist gut gemeint, sagt aber wenig über eine profunde Bewertung der
schauspielerischen Leistungen aus. Es ist wohl eher so, daß die beliebtesten
Rollendarsteller von einem kleinen
Publikumskreis gekürt werden. Gelegentlich oder vollberuflich
journalistisch arbeitende Menschen aus der Region halten dann die Lobreden auf
die Auserwählten. Auch das nicht immer zur Freude des Theaters, des Intendanten
oder der Geehrten. Derzeit wird in manchen Unterländer Kulturkreisen über eine
andere und vielleicht auch bessere Form der Auswahl und Präsentation dieser
Kilianpreis-Träger nachgedacht – ja sogar gesprochen. Vielleicht ist es richtig
und wichtig, wenn profunde Kenner der Theaterszene, die das Jahr über diese
Kultur-Landschaft intensiv beobachten, sich fortwährend im Hinblick auf die
Preise ihre Gedanken machen. Also eine festinstallierte Jury, deren
Entscheidung zur Hälfte ins Gewicht fällt. Dann können die
Theatervereinsmitglieder immer noch mit ihrem mehr emotional gemachten
Kreuzchen zur anderen Hälfte mitentscheiden.
Neue
Köpfe
Artur Kübler, der CDU-Fraktionsvorsitzende im
Heilbronner Gemeinderat, ist zum neuen Bürgermeister der Stadt gewählt worden. Thomas Strobl, bisher sein Vize im
Stadtrat und CDU-Kreisvorsitzender, ist zu seinem Nachfolger bestimmt worden.
Und es wird nicht lange dauern, bis er auch die Nachfolge des 1998 aus dem
Bundestag ausscheidenden direkt gewählten Abgeordneten Egon Susset als CDU-Kandidat
im Unterland antritt. Dann kommt es darauf an, ob er das Direktmandat
(seit 1976 ununterbrochen von Egon Susset geholt) für die CDU verteidigen kann
und wie er auf der CDU-Landesliste abgesichert ist (falls es mit dem
Direktmandat 1998 schief gehen sollte). Bei der SPD ist der ins Heilbronner
Kulturbürgermeisteramt gewechselte Harald
Friese für gewisse Kreise in der Partei der Spitzenmann für die
Bundestagwahl ’98. Aber es sind auch Überlegungen im Gange, ob nicht eine Frau,
die man gut auf der Landesliste absichert, Nachfolgerin von Peter Alltschekow im Bundestagwahlkreis
Heilbronn wird. Der Name von Marianne
Kugler-Wendt, Heilbronner ÖTV-Sekretärin, wird da oft genannt. Aber auch
der IG-Metall-Chef aus Neckarsulm Frank
Stroh, Vorsitzender der SPD-Arbeitnehmer-Arbeitsgemeinschaft, könnte sich
gute Chancen ausrechnen. Denn er ist nicht nur ein populärer Gewerkschafter,
sondern auch ein Politiker, der mit vielen Menschen aus den unterschiedlichsten
Lagern ohne Vorbehalte reden kann. Mit seinen Ansichten hält er dabei nicht
hinterm Berg. Aber er vermittelt sie so, daß sie jeder zunächst einmal
verstehen kann. Und er ist im Interesse der jeweiligen Sache auch
lösungsorientiert zu Kompromissen fähig. Von den kleineren Parteien im Gäu
spricht kaum jemand. Die suchen noch ihre Kandidaten. Interessant sind übrigens
auch die Schatten der OB-Wahl 1999 in Heilbronn, die jetzt schon geworfen
werden. Namen wie Johanna Lichy
(CDU), Richard Drautz (FDP), Harry Mergel (SPD) und Rezzo Schlauch (Grüne) werden auf dem
Gerüchte-Markt gehandelt. Teilweise klingt das witzig und skurril, andererseits
traurig. Denn neuen Wind in diese Stadt kann nur jemand von außen bringen. Eine
Kandidatin oder ein Kandidat. Das zeigen die vergangenen 20 Jahre mehr als zu
deutlich.
Kaiserstraße
Froh
und glücklich können wir uns schätzen, daß der starke Regen vom vergangenen
Wochenende nur die Besucher der Innenstadtfestes „100 Jahre Kaiserstraße“ ein
wenig belästigte. Schlimmer erging es da unserer einstigen DDR-Partnerstadt
Frankfurt an der Oder, bei der besonders Humorvolle titelten „Frankfurt unter
der Oder“. Tand, Tand ist das Gebilde
von Menschenhand – heißt es bei Theodor
Fontane in einem Gedicht über einen Brückeneinsturz. Und genau das müssen
wir Menschen bei aller Selbstherrlichkeit immer wieder schmerzhaft erkennen.
Ein kleines, ganz natürliches Ereignis wird für uns zur Katastrophe.
Gottseidank war das Hochwasser an Neiße und Oder nicht so reißend geworden wie
in Tschechien oder Polen. Heilbronn feierte währenddessen seine 100 Jahre
Kaiserstraße, ein wenig vornehmer und dezenter als bei anderen Volksfesten. Und
am 1. August geht es dann schon weiter mit dem Unterländer Volksfest auf der Theresienwiese. Ein großes Lob kann
ich den Kaufleuten unterhalb meines Turms aussprechen: Was sie und die
Gastronomen an den beiden Festtagen rund um die Kaiserstraße auf die Beine
gestellt hatten, das konnte sich wahrlich sehen lassen. Eine ungeheure
Eigeninitiative und viel Liebe zur Sache waren seh- und spürbar. Wenn dieser
Elan anhält, dann kann aus der Innenstadt Heilbronns wieder etwas werden. Und
dabei müssen alle an einem Strang ziehen. Stadtverwaltung, Polizei, Kaufleute
und die Bürger des Unterlands. Denn die anderen Gemeinden und Landkreise um
Heilbronn herum rüsten schon seit langem auf, um im Wettbewerb bestehen zu
können. Feste sind schön und gut – aber sie allein bringen keine neuen Kunden.
Dazu gehört eine Stadt, die vernünftig und zeitgemäß auf jene Menschen eingeht,
die per Auto in die Stadt kommen. Sie einfach zu beleidigen, sie zu
verschrecken oder zu schröpfen, das bringt als Folge mit sich, daß eben
woanders eingekauft wird. Heilbronn hat bisher zu viel Verkehrsideologie praktiziert und zu wenig Kundennähe. Das
muß sich jetzt ändern.
Neuer
Vorsitzender
Als
die Heilbronner Kaufleute den
Oberbürgermeister zu einer Sitzung (an einem Freitag während der Kulturtage auf
dem Gaffenberg) ins IHK-Gebäude eingeladen hatten, sollen harte Worte in
Richtung Stadtverwaltung und Verkehrsverein gefallen sein, die an Deutlichkeit
und Direktheit in den Medien bisher nicht vorgekommen waren (höchstens in
Leserbriefen). Dabei ging es auch um Stadtmarketing in Heilbronn. Für die
Heilbronner Kaufleute bedeutet dieses
Zauberwort in erster Linie, Aufwertung der Innenstadt. Und da muß viel
geschehen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Fußgängerzonen sind mehr als
reparaturbedürftig und dürfen nicht länger ein Eldorado für Penner und Fixer
bleiben. Null-Toleranz ist hier durchaus angebracht, wenn die Kaufleute nicht
noch mehr Kunden verlieren wollen. Jener Heilbronner Apotheker, der seinen
nächtlichen Notdienst eingestellt hat, weil die Belästigungen und Angriffe zu
einer Gefahr für seine Angestellten wurden, ist dabei nur ein Mensch, der
konsequent handelt. Und konsequent handelte auch der Heilbronner Verkehrsverein, der in der letzten Woche seinen
amtierenden Vorsitzenden zum Ehrenvorsitzenden machte und einen neuen kürte. Thomas Aurich, bekannter Heilbronner
Gastronomie-Unternehmer, Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes
Heilbronn und rühriger Kommunalpolitiker (noch) ohne Mandat warf seinen Hut in
den Ring und gewann auf Anhieb. Die Frage lautet für viele im Unterland nun:
Was wird sich in Zukunft ändern? Stadtmarketing als Zauberwort bringt noch
keine Wende. Hartes Brettlesbohren ist jetzt angesagt – und die Weichen so
stellen, daß der Heilbronner Zug in die richtige Richtung rollt. Heilbronn als
Festles-Stadt ist vielgerühmt. Diese Qualität muß eingebunden werden in andere
Aktivitäten, die den Heilbronner Kaufleuten und der Attraktivität der
Innenstadt zugute kommen. Wer sich jetzt noch in Absichtserklärungen erschöpft
und keine Taten folgen läßt, der muß sich fragen lassen, ob er falsch an seinem
Platz oder in seinem Ehrenamt ist.
Hunde
im Wald
Die
einen laufen auf zwei Beinen durch den Wald, die anderen auf vier. Die ersten
gehören eindeutig zur Gattung „Mensch“, zweitgenannte sind Tiere. In der Mehrzahl Hunde. Und werden von
Herrchen oder Frauchen, die in einer Wohnung mit zwei, drei oder vier Zimmern
irgendwo in der Stadt wohnen, im Wald Gassi geführt, damit sie ihr „Gschäft“
machen können und ein wenig Auslauf haben. Wenn es geregnet hat und ein wenig
dämpfig ist, kann man es riechen.
Hunde-Urin und -Kot verbreiten da einen ganz speziellen, strengen Duft. Auch an den Pflanzen am Wegesrand kann man die
ständige Berieselung mit dem besonderen Saft sehen. Manches wächst – anderes
geht ein. Und auch so einige Rehe im Stadtwald Heilbronns könnten ein Lied (so
sie singen könnten) über ihre vierbeinigen Tiergenossen singen. Vor allem wenn es ums Jagen geht. Aber
auch unsere zweibeinigen Zeitgenossen wissen um den Kampf der Arten. Besonders
humorvoll wird es für die Jogger, wenn
ihnen ein Kläffer entgegenkommt und der Halter ruft „Der tut nichts!!“. Wir
wissen es, das Herrchen meint es zu wissen – aber weiß es auch der Köter? Er kommt freudig oder zornig erregt auf den
fremden Waldläufer zu, schnuppert – und schon hat die Jogginghose ein Loch.
Dank der kräftigen Zähne von Bello oder Leo. Schlimm wird es dann, wenn Kinder
mit ihren Eltern oder Großeltern durch den Wald spazieren und ein besonders
Herausgeputzter samt englischem Kampfhund (nicht angeleint) sich der Muse
hingibt. Dann kann man flüchtende Bürger, aber auch Waldläufer beobachten,
die gar nicht erst das Wörtchen „Der tut
nix!“ abwarten. Und so stinkt unser schöner Wald als Hundekloake weiter vor
sich hin – vor allem wenn es so schön dämpfig ist. Ein Naturereignis der
besonderen und speziellen Art. Wer muß da nun wen vor wem schützen?
Sommer
und Urlaub
Juli
ist auch ein Sommermonat. Auch wenn’s keiner gemerkt hat. Aber jetzt neigt er
sich seinem wohlverdienten Ende zu. Von schönem, trockenem Wetter fehlte bis
auf wenige Tage, die dann zumeist noch sehr schwül waren, jede Spur. Getreu dem
Lied des holländischen Entertainers Rudi Carrell fragen wir uns langsam alle
„Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“. In Deutschland scheint es heuer auch
ohne Sommer zu gehen, die Sonnenhungrigen nutzen bei der Jagd nach der
ultimativen Bräune die Offerte „Teutonengrill“,
sofern die Alternative „Solarium“
außer acht gelassen wird. Und in diesen, mittlerweile global verteilten
Urlaubssammelpunkten ist Deutschland fast unter sich. Die Häberles aus dem Schwobeländle
als auch die Hansens aus dem Norden der Republik können hier die
kleinbürgerliche Haut abstreifen und mal so richtig die Sau rauslassen. Alkohol
ohne Ende, Discotheken mit Schaumparties
und diversen anderen Aktionen ziehen immer mehr Deutsche in ihren Bann. Es darf gesexelt werden – und das nicht
nur im „deutschen Bundesland Mallorca“ oder auf Ibiza, sondern auch in Übersee,
wie zahlreiche TV-Reportagen berichten. Kultur sehen oder einfach nur erholen
wollen die wenigsten, den barbarischen Germanen „raushängen“ sehr viele. Beim
Abendbüffet im Fünf-Sterne-Hotel liefern sich die Dicksten unter den Dicken mit
großem Einsatz ihrer Ellenbogen eine Schlacht um den fünften hochgetürmten
Teller „Futter“, am Strand überragen männliche Bierbäuche Sandburgen,
weibliche, mit kaum einem Fetzen Stoff bedeckte Formen lassen durch vehemente
Zellulitis-Schluchten so manchen Meeresgraben erblassen und spätestens am
frühen Nachmittag beim Maßkrug-Stemmen zeigt deutsch-man/frau den
Einheimischen, „wo der Bartel den Moscht holt“. Da lohnt es sich doch daheim
zubleiben, den Alltagsstreß und das hiesige Wetter zu genießen, in der Hoffnung
an heimischen Badeseen und in Freibädern von diesem Stück Germanentum verschont
zu bleiben.
Fernsehscherz
Scherz,
Satire, Ironie – das muß man halt können. Und wenn der Leser oder Zuschauer es
nicht versteht, na –– dann war es das eben nicht. Der puritanische Geist, der
solches hervorbringt, beschimpft dann halt den Adressaten oder macht sich über
dessen „Dummheit“ lustig. Man nennt das Arroganz
der Pseudointellektuellen aus Film, Funk und Fernsehen, jenen Pausenclowns, die glauben, ihr schnell
gesendetes Filmchen oder ihr Geschwätz würde die Menschen langanhaltend
beeindrucken, belehren oder unterhalten. Das Fernsehmagazin des Westdeutschen
Rundfunks WDR (auch gelegentlich von strengen Konservativen als „Rotfunk“
tituliert) namens Monitor und sein
Chef Klaus Bednarz sind nicht gerade
für überschäumenden Humor oder hintergründige Satire bekannt. Ihre „Scherze“ sind meist mit der Verbissenheit der Ewig-Beleidigten
vorgetragen, und das gelegentliche Lächeln des Moderators scheint
gefriergetrocknet. Ein Scherz, der jetzt bundesweit Aufmerksamkeit erhaschte,
war durch einen Beitrag hervorgerufen, in dem das Fernsehmagazin behauptete,
wer ins Ausland reise, müsse jetzt eine „Ausreisesteuer“ in Höhe von 150 Mark
berappen. Damit die Schulden des Bundes getilgt werden, die Haushaltslöcher
gestopft werden können. Für den Normal-Fernsehzuschauer war der Bericht von den
anderen im Magazin gezeigten kaum zu unterscheiden. Daß man die Formulare, wie
zum Schluß in der Sendung angekündigt, auch bei der Monitor-Redaktion erhalten
könne, war jener Schlenker, der die WDR-Satire belegen sollte. Sich auf Kosten
anderer lustig zu machen, vor allem auf Kosten der Zuschauer, fiel bisher
selten unter die Kategorie Ironie oder
Satire. Daß man dafür auch noch Gebühren von fast 30 Mark im Monat bezahlen
soll, ist vielen Zuschauern dann doch zu üppig. Jetzt streiten sich
WDR-Intendant Fritz Pleitgen und
Bundesfinanzminister Theo Waigel
heftig. Die haben es nötig. Der eine sollte sich mehr um die Qualität seiner
Sendungen im Hinblick auf die Zuschauer kümmern, der andere, daß wir endlich
weniger Steuern zahlen und die Staatsschulden sinken. Damit hätten sie genug zu
tun.
Einseitig
ist immer gut
Manche
Zeitgenossen meinen ja, wir müßten für unsere monatlichen Rundfunkgebühren von
nahezu 30 Mark endlich einen Sender im Ländle bekommen, der für die Hörer
sendet. Denn sie haben den Eindruck, daß
Superfrust im Südfunk regiere. Der treibe manche Macher dazu, in der
SDR-Endphase den Hörern zu zeigen, was eine Rundfunk-Harke ist. Denn 1998 kommt ohnehin der Südwestrundfunk.
Und dann wird alles ganz anders. Also spielt man bei S4-Baden-Württemberg deutsche Musik. Nicht jene Titel, die in den
letzten Jahrzehnten populär waren, sondern reichlich unbekannte Lieder von
Schlagersängern, die keiner kennt. Haben da etwa Musikredakteure die Rechte
dieser Unbekannten gekauft, um nebenbei ein Zubrot zu bekommen? Oder soll der
schlichte Hörer nur verärgert werden? Und bei der Berichterstattung? Da wird hemmungslos gelispelt, gestottert,
gehaucht, genuschelt oder einfach die Worte gequetscht – als sei das Mikrofon
eine Zitronenpresse. Berichterstattung: Bitte möglichst einseitig. Wenn das
Land spart, dann bricht der Sozialstaat zusammen. Keine Frage, ob unser
Steuergeld teilweise nicht mit beiden Händen von den Beamten zum Fenster
rausgeworfen wird. Wenn es um Umweltschutz geht, ist der immer gut. Welche Vor-
oder Nachteile diese oder jene Aktion für Menschen in sich birgt, diese Frage
wird selten gestellt. Dafür viel Verlautbarungsjournalismus. Das alles wird
sich vielleicht ändern, wenn wir uns mit viel Geld aus den Zwangsgebühren einen
neuen Rundfunk im Südwesten schaffen. Vielleicht. Teuer wird er zunächst
einmal. Ob auch besser – das ist die große Frage an die Zukunft.
Polit-Lähmung
Der
Wahlkampf hat begonnen. Nachdem der Bundeskanzler in Bonn mit starken Worten ab
in den Urlaub ist. Aber was bringt uns ein Wahlkampf – und die Hausaufgaben in
der Politik sind nicht gemacht. Gewählt wird der neue Bundestag erst im Herbst
1998. Steuer- und Rentenreform sollten jedoch schon längst über den Berg sein.
Arbeitgeber und Gewerkschaften klagen jetzt die versprochenen Reformen ein. Und
sie haben mehr als recht. Denn unsere Politiker haben den Mund voller Worte,
die sie wie einen Brei unters Volk bringen – aber wenn es zum Schwur kommt, dann spitzen sie nur ihre Mäulchen, pfeifen
aber nicht. Ob jene aus SPD oder CDU/CSU, ob jene von den Grünen oder
Liberalen. Unsere Verfassung in ihrer Angst vor allzu viel Macht für eine
Institution, läßt klare Verhältnisse wie in Frankreich, England oder USA (den
klassischen modernen Demokratien) nicht zu. Deshalb wird es nach der nächsten
Bundestagswahl auch keinen eindeutigen Sieger geben. Koalitionsgerangel,
Lähmung bei Entscheidungen sind die Folge. Und
im Sommertheater der kommenden Wochen wird eine Sau nach der anderen durch’s
Polit-Dorf gejagt werden. Hinterbänkler geben Interviews, die einen Tag
erregen und dann auch schon wieder vergessen sind. Die Super-Politgrößen werden
an ihren Urlaubsorten wohlgefällig genehme Journalisten empfangen und Sätze
absondern, die wiederum einen oder zwei Tage die Gazetten und Bildschirme
füllen. Das war’s dann. Danach Geschäftigkeit wie immer – und wenig Entscheidungen.
Richtig entschieden wird erst, wenn das Wasser über dem Kopf zusammenschlägt,
wenn große Koalitionen entstehen müssen, die zusammen knapp über 50 Prozent der
Wählerstimmen auf sich vereinigen. Aber komisch: Die Selbstversorgung der
Politiker geht immer schnell über die Bühne, ob bei Diäten oder Pensionen. Da ist Einigkeit hurtig hergestellt.
Und das Hemd näher als der Rock. Bei allen Farben.
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