Freitag, 14. März 2014

Kiliansmännle, 19.03. 1997





Wenn der Besen hängt
Eigentlich wollte ich an dieser Stelle ja etwas über die Besenwirtschaften im schönen Unterland verbreiten. Aber Sie sehen selbst – diesmal ist der Besenkalender im Neckar Express mal wieder reichlich lang geworden. Und deshalb verzichte ich auf Text. Gehen Sie lieber hin – und genießen unseren guten Wein im Besen.

Gerechtes Urteil
Einige Bürger in der Stadt Heilbronn spekulierten schon. Wird das Urteil im Heilbronner Rathaus-Prozeß weniger hart ausfallen als im Polizisten-Prozeß vor wenigen Monaten? Aber die dritte Große Strafkammer des Landgerichts in Heilbronn  hat – so scheint der allgemeine Tenor zu sein – ein gerechtes Urteil gesprochen. Sechs Jahre Haft für den 54jährigen Angeklagten Eberhard S., der für 129 Untreuefälle in Tateinheit mit Betrug  am Freitag letzter Woche verurteilt worden ist. Der Staatsanwalt hatte sechseinhalb Jahre gefordert. Die Verteidigung hatte auf vier Jahre gehofft, nennt das Urteil nun aber „nicht grob unbillig“. Und hofft, daß ihr Mandant in etwa zwei Jahren sich wieder auf freiem Fuß befindet. Denn bei einem Ersttäter und schwerkranken Menschen besteht die Möglichkeit, ihn schon nach Verbüßung der Hälfte der sechs Jahre aus dem Gefängnis zu entlassen, unter Anrechnung von einem Jahr Untersuchungshaft. Bei dem Urteil berücksichtigte die Heilbronner Kammer vor allem die Nierenkrankheit des Angeklagten und seine angeschlagene körperliche Verfassung nach einer Nierentransplantation. Auch sein Geständnis floß in die Urteilsfindung mit ein, obwohl  er nur zugegeben hatte, was ohnehin bewiesen war. Nochmals zur Erinnerung: 5,7 Millionen Mark hatte der ehemalige Sachbearbeiter im Hauptamt der Stadt Heilbronn veruntreut und dafür rund 200.000 Mark Schmiergelder erhalten. Seine Kumpanen  sind teils verurteilt, teils befinden sie sich in Israel noch auf freiem Fuß. Die Staatsanwaltschaft will Rechtshilfe bei der israelischen Botschaft beantragen. Schäbig von den Helfershelfern des Eberhard S. war ohnehin, sich auf die Verfolgung der Juden während der Nazi-Zeit zu berufen, um den Betrug zu erleichtern. Ob dies nur ein vorgeschobenes Argument im Prozeß war, oder tatsächlich so geschehen ist, bleibt dahingestellt. Verbrechen werden dadurch nicht besser, daß sie in der Berufung auf andere Verbrechen ausgeführt werden. Im Gegenteil. Und ein Verbrecher ist ein Verbrecher, ob nun mit jüdischer,  muslimischer oder christlicher Religionszugehörigkeit.

Frau am Computer
Frau und Computer – da lachen manche Männer doch nur. Und erzählen sich den Witz, daß so manche Sekretärin, nachdem sie Bildschirm und Rechner hingestellt bekommt, auf das geliebte Tipp-Ex nicht verzichten will. Dementsprechend sieht der Bildschirm nach dem ersten Schreiben reichlich fleckig aus. Wer erklärt da dermaßen unverständlich? Dabei haben wir Frauen diese Revolution am Schreibtisch bisher sehr wohl im Griff. Wenn ich die männlichen Kollegen von der Seite belächle wie sie über die technischen Details schwadronieren, sich in kleinsten Unwichtigkeiten verlieren, aber kaum einen Brief selber in die Tastatur bringen, muß ich uns sehr loben. Nur nicht einscannen lassen! Ein bißchen Bites, ein bißchen Bytes sind schneller bereit als eine Suppe sich kochen läßt. Aber die handlichen Mäuse schmecken wohl besser, oder was piepst den nebendran fortwährend? Ach so der gefühlvolle Herr Kollege spielen eben mal mutig spannende Mord-Games, frei nach Killerinstinkt. Nebenbei bringt „frau“ stilistisch wertvolle Inhalte auf den Bildschirm, weil sie weiß, wie man’s macht. Ganz sicher  steckt viel Mühe drin und dahinter immer ein kluger Kopf. Laßt uns nur mal ran an den Dinger. Keine Sorge und kühlen Kopf bewahren, wir zeigen euch gerne den Kochwaschgang. Tipp-Ex-Flecken sind hartnäckig und ziemlich zäh. Wir werden uns spätestens beim Datenaustausch wiedertreffen und im Internet kommt ihr auch nicht an uns vorbei.

Berliner Platz
Alles schien unter Dach und Fach. Und der Investor ließ sich am Tisch von OB und Erstem Bürgermeister bei der Premierenfeier zum Musical „Annie get your gun“ im Heilbronner Stadttheater auch noch gebührend feiern. Wenige Stunden später jedoch ging der Poker um den Berliner Platz in Heilbronn weiter, wie die Tageszeitung bitter feststellte. Ob es zu einem Spatenstich für den Erweiterungsbau für das 100 Millionenprojekt auf dem Berliner Platz noch kommt, steht offenbar in den Sternen. Auch wenn Heilbronns OB sehr zuversichtlich in die nahe Zukunft schaut. Dabei hätte man im Jahre 1992 den Anbau ans Stadttheater für rund 20 Millionen haben können. 100 Millionen waren ja für Tiefgarage und Theater schon verbuddelt worden. Jetzt will man im Rathaus, nachdem die Bülow AG vorsorglich von ihrem Rücktrittsrecht Gebrauch machte, gar nichts von einem Rücktritt oder gar Ausstieg dieser Firma aus dem Berliner-Platz-Projekt wissen. Denn Bülow habe ja schließlich schon fünf Millionen in die Vorarbeiten investiert. Dabei geht es mit der Verlängerung des Rücktrittsrechts um nichts anderes, als daß noch ein paar potente Mieter oder Käufer für Ladengeschäfte gefunden werden. Oder die Stadt sich stärker noch als bisher engagiert. Vielleicht mit Teilen eines Amtes in den Berliner Platz hineinzieht oder eines ihrer Unternehmen bittet, dort aktiv zu werden. Man pokert halt ein wenig von Seiten der Bülow AG. Schließlich sitzt man ja auch am längeren Hebel. Aber ich meine, bei den Vorleistungen der Stadt Heilbronn dürften auch einige andere Investoren interessiert sein. Hat es jetzt wirklich nur noch der Heilbronner Gemeinderat am 17. April in der Hand, durch die Fristverlängerung den Weg für die Bebauung des Berliner Platzes zu ebnen? Das wage ich stark zu bezweifeln. Wenn die Verwaltung schief verhandelt hat, ist es sehr leicht, den Stadträten den Schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben. Nur keiner ist gezwungen, sie sich überzustreifen.

Wirtschaftskriminalität
Warum es bei der Vorlage der jährlichen Kriminalitätsstatistik der Polizeidirektion zu einer enormen Steigerung bei der Wirtschaftskriminalität kam, ist vielleicht nur mit der wirtschaftlichen Situation, in der sich das Land Baden-Württemberg befindet erklärlich. Verglichen mit allen anderen aufgelisteten Straftaten weist dieser Bereich die höchste Steigerungsrate auf. Was aber nicht nur im Bereich der PD Heilbronn so hervorzuheben ist, sondern landesweit im Bereich der Wirtschaftskriminalität feststellbar ist. Im Stadt und Landkreis Heilbronn stiege die Zahl der bekanntgewordenen Fälle von 187 auf 263. Der alljährliche Schaden wird dabei diskret auf „Millionenhöhe“ beziffert. Und die Polizei verweist in diesem Zusammenhang auch darauf, daß durch Wirtschaftskriminalität Firmen in Existenznot geraten und Arbeitsplätze gefährdet werden. Und da die Ermittlungen in der Regel „komplex, sowie zeit- und personalintensiv“ seien, ist angedeutet, daß in diesem Bereich noch weitaus mehr an Straftaten vermutet wird als zur Anzeige kommt oder durch Zufall aufgedeckt wird. Die Scheu von Mitarbeitern oder Geschäftspartnern, Wirtschaftskriminalität zur Anzeige zu bringen ist sehr groß. Es ist ihnen ja auch nicht zu verdenken, daß sie der Ansicht sind, ihren Arbeitsplatz oder ihren Kunden zu verlieren, wenn es zur Anzeige kommt. Also wird versucht, vieles im Vorfeld zu regeln – möglichst außergerichtlich, oder wenigstens ohne Polizei. Vielleicht nur mit der zarten Drohung durch einen Rechtsanwalt. Wenn es dann aber zum Konkurs kommt, stoßen die Beamten des Heilbronner Betrugsdezernates nicht selten auf weitere Straftaten – zum Beispiel Betrugsdelikte. Hier sind die Straftaten von 550 auf 659 angestiegen, ohne Scheckbetrug und Betrügereien mit Scheck- oder Kreditkarten. Also Vorsicht – die Gauner sind unter uns, auch mit Schlips und weißem Kragen, gefönter Frisur und schickem Auto.

Stadtmarketing
Viel war angekündigt - bis hin zu einer Palastrevolution. Aber dann kam alles ganz anders beim Verkehrsverein Heilbronn. Die entscheidende Versammlung wurde einfach abgesagt. Und worum ging der ganze Streit? Stadtmarketing lautet das Zauberwort, mit dem die Zukunft der Käthchenstadt erfolgreich gemanagt werden soll. Denn nach Ansicht des Vorsitzenden des Hotel- und Gaststättenverbandes Thomas Aurich sinken die Übernachtungszahlen in Heilbronn, während sie im Landkreis in den vergangenen zehn Jahren gestiegen waren. Der Vorsitzende des Verkehrsvereins Hans Georg Mayer hält diese zitierten Zahlen des Statistischen Landesamtes für falsch – sie stimmten hinten und vorn nicht. Man müsse von Zimmerbelegung, nicht von Bettenauslastung in einer Stadt wie Heilbronn ausgehen. Und auch Heilbronns Verkehrsdirektor Bernhard Winkler wehrt sich. Schließlich habe Heilbronn den Abzug der Amerikaner in den letzten zehn Jahren verkraften müssen. Ansonsten müßten die Hoteliers halt ihre Vermarktungsstrategien ändern. Wie ansonsten im Lande es auch getan werde. Aber was nutzt das Gefuchtel mit den negativen Zahlen, mit den Hinweisen auf das, was bisher nicht gelaufen ist? Wenn man in Heilbronn nicht endlich Schritt für Schritt Pflöcke einrammt, dann verschläft man auch das, was für die Zukunft notwendig ist. Stadtmarketing ist immer nur so gut wie das, was tatsächlich vermarktet werden kann. Selbstzweck ist ein solches Marketing nur dann, wenn ausschließlich darüber ohne Konsequenzen geredet wird. Und diesen schalen Eindruck muß ich leider gewinnen, wenn ich mir die derzeitigen Diskussionen vor Augen führe.

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