Samstag, 15. März 2014

Kiliansmännle, 09.04.1997




Bender-Schaum
Wenn ein großer Verlag, sei es nun Burda, Bertelsmann oder Springer eine neue Frauenzeitschrift auf den Markt bringt, die so zwischen fünf und zehn Mark am Kiosk kostet, dann nimmt man das in der Medienlandschaft achselzuckend zur Kenntnis. Nach dem Motto: Mal sehen, was draus wird. Frauenzeitschriften haben es eh zurzeit schwer am Markt. Selbst bei Emma, dem Blatt für die emanzipierte oder sich so fühlende Frau, sinkt die Auflage von Jahr zu Jahr. Wer in diesem Zeitschriftensegment etwas Neues machen will, muß sich schon was einfallen lassen. Es würde niemanden im Übrigen aufregen, wenn in einer dieser Hochglanzbroschüren um die zehn Mark eine Alice Schwarzer, eine Antje Vollmer oder Biggi Bender aus dem Stuttgarter Landtag über ihr Leben plaudern würde – garniert mit Bildern, die ein Starfotograf geschossen hat. Was ja schon mehr als einmal geschehen ist. Es regt auch niemanden auf, wenn berichtet wird, daß diverse Grünen-Politiker in Edelrestaurants es sich gutgehen lassen, ihre Designerklamotten zur Schau stellen oder von ihrem Urlaub in der Toskana berichten. Wenn aber Johanna Lichy, die Heilbronner CDU-Landtagsabgeordnete und Staatssekretärin, in Azzurra, der neuen Frauen-Zeitschrift aus dem Neckar-Express-Verlag, aus ihrem recht normalen und bodenständigen Alltag erzählt, dann schäumt die Grüne Biggi Bender in Stuttgart. Denn Azzurra wird kostenlos in ausgesuchten Wohngebieten des Unterlands verteilt. Von Johanna Lichys „Vorliebe für die High-Snobiety“ und einer „Nobelbroschüre“ wird da gefaselt. Wir wissen ja, wo hier in der Stadt oder in Stuttgart unsere grünen Stadträte und Landtagsabgeordneten wohnen. Nicht gerade in den Arbeitervororten. Und wir wissen auch, welchen Lebensstil sie bevorzugen. Wer edlen Wein trinkt, sollte anderen nicht Wasser predigen. Da spricht viel Neid aus Frau Benders Worten, die ach-so-gern Staatssekretärin unter einem Ministerpräsidenten Spöri geworden wäre. Wenn es geklappt hätte, wäre sie auch von Azzurra porträtiert worden. Nur – die Wählerinnen und Wähler wollten sie im letzten Jahr nicht, sondern Johanna Lichy

Ein Mann – ein Wort
Kennen Sie den Präsidenten des Kiwanis-Clubs in Heilbronn? Aber sicher kennen Sie den – denn er wurde erst vor wenigen Wochen unter der Überschrift „Menschen unter uns“ hier im Neckar Express vorgestellt. Aber wenn Sie dieses Portrait gelesen haben, dann  kennen Sie Klaus H. Müller immer noch nicht richtig. Weil sich nämlich einige Übertragungsfehler beim Text eingeschlichen hatten. Das kommt gelegentlich in Zeitungen vor. Sollte aber nicht. Deshalb zur klaren, unmißverständlichen Information: Klaus H. Müller ist am 22. Juli 1952 geboren, verheiratet, keine Kinder, Abitur in Heilbronn, Studium der Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft, Tätigkeit in Ministerien und als Rechtsanwalt, heute selbständiger Unternehmer in Heilbronn, von 1979 bis 1989 Stadtrat in Heilbronn, bis 1994 einige Funktionen in der CDU auf Landes- und Regionalebene, seit 1990 Mitglied im Heilbronner Kiwanis Club, 1996/97 Präsident des Clubs. Drei Fragekomplexe waren ganz weggebrochen, die hier Ihnen, liebe Leser,  nicht vorenthalten werden sollen. Auf die Frage CDU? kam die Antwort von Klaus H. Müller: „In den wichtigen Phasen unserer jüngeren Geschichte – ob im Bund oder im Land – die richtungsweisende Kraft, momentan zu hoher Altersdurchschnitt.“ – Familie? „Das Wichtigste, wofür es sich lohnt, hart zu arbeiten. – Kinder? „Ich liebe Kinder, bislang nur fremde, weil wir noch keine eigenen haben. Sie sind unser wichtigster Zukunftsfaktor.“ – Der Präsident des Heilbronner Kiwanis Clubs Klaus H. Müller (Assessor jur.) ist im Berufsleben „Geschäftsführer der Immobilien-Treuhand Gesellschaft für Wirtschaftsförderung mbH“, die ihren Sitz am Bismarckpark in der Keplerstraße 7 Heilbronns hat.  Ich meine vom „Politiker“ Klaus H. Müller werden wir noch einiges zu hören bekommen, denn der Geschäftsmann hat sich aus dem öffentlichen Leben überhaupt nicht verabschiedet. Auch wenn er meint, das Unterland sei die Toskana Deutschlands. Ich hoffe, daß er uns nicht zur Idylle verkommen lassen will, fernab der Zentren. Denn was wir im Unterland derzeit benötigen, ist eine moderne Industriepolitik. Und die betreibt Klaus H. Müller ja auch.

Kleines Arschloch
Viele warteten auf den Kinofilm „Das kleine Arschloch“. In nur wenigen Tagen eroberte er die Kinoszene, hielt sich dann aber nur wenige Tage an der Spitze der deutschen Kinohitparade. Denn die generalüberholte Fassung des zwei Jahrzehnte alten Hollywood-Kassenschlagers „Krieg der Sterne“  hatte sich auf Anhieb an die Spitze gebeamt. 660.531 Zuschauer wollten das Weltraumspektakel sehen – manche aber eher wiedersehen. Der deutsche Zeichentrickfilm „Kleines Arschloch“ verlor durch diesen Hollywood-New-Oldie seinen Spitzenplatz. „Nur“ noch 435.994 Kinogänger wollten den Streifen sehen. Andere Kinofilme wären überaus froh, wenn sie nur annähernd so viele Zuschauer vor die Leinwand bekämen. Die Star-Wars-Geschichte boomt also! Der Boom ist so groß, daß es in vielen Städten Deutschlands spezielle Star-Wars-Parties gibt. Für alle Fans ein Muß! Solche Fans schreckten auch die Preise einer Star-Wars-Ausrüstung nicht zurück, die man auf so einer mega-galaktischen Party tragen sollte, um ja nicht aufzufallen. Läppische 1.000 Mark bis zu erschwinglichen 2.000 Mark kosten die Kostüme, Preis je nach Qualität und Ähnlichkeit. Von Luke Skywalker bis hin zur Blechdose R2D2 gibt es auf diesen Veranstaltungen einfach alles zu finden. Aber es ist ja auch nichts neues, daß die alten Sachen aus den 60ern und 70ern wieder voll im Trend liegen, und das nicht nur in der Kinowelt. Einfache Drei-Streifen-Klamotten haben in jüngster Vergangenheit die Modewelt erobert, oder allbekannte Evergreens werden in Techno- beziehungsweise HipHop-Versionen zum Hitparadenrenner. Man darf wirklich gespannt sein, was sich in naher Zukunft noch so alles tut  – unter dem Motto: „Back to the roots“.

Er ist’s
Weiche Wolken kräuseln sich gerne, wenn zartes Rosé geschmeidig den Himmel bemalt. Die Blässe der Nacht lassen sanfte Töne schwinden. Mit den ersten zarten Strahlen streichelt die Sonne die Vögel zum Singen. Das muntere Gezwitscher weckt zu einem strahlenden Tag. Noch tropft Tau von den knospenden Sträuchern und glitzert in feinsten Spinnweben glasperlenspielartig. Bald aber wärmt der runde rötliche Ball, wie er sich über die Weinberge rollt, wohlig Wald und Wiesen. Durch die Zweige bricht sich das zaghafte Licht und vergoldet die winzigen Blätter, die sanft vom Winde bewegt ein verzaubert-betörendes Schattenspiel tanzen. Bunte Blüten brechen neugierig blickend hervor und begrüßen den Morgen. Licht und Wärme lassen wonnevoll vollkommene Wunder sprießen. Leider nicht zu fassen und greifen ist das werdende Sein, die Augen können nicht lassen und die Nase die süßliche Frische nicht halten. So zieht der säumende Sog und schlingt betörend mit quickender Quellkraft für einen neuen Tag. Die Vielzahl der Blumen ist unzählbar gewachsen, jede Blüte will die erste sein und reckt den feinen Stengel der Sonne entgegen, um Nahrung zu saugen und summende Bienen zu locken. Die gemütlichen Brummer-Hummeln können es nicht lassen, tauchen ein in den natürlichen Nektar und naschen. Begierde strebt nach schwelgenden Düften, diese durchdringen die Sinne und bedrängen den Geist. Liebende Lüste leuchten lebhaft jedwedem Naturell schnell ganz besessen von maßlosen Begierden. Wenn die köstliche Kraft sich aus den Fängen des Winters befreit, ist der Frühling geboren.

CDU-Bürgermeister?
So kann man sich täuschen, wenn man sich auf sein Erinnerungsvermögen verläßt. Schrieb ich doch in der vergangenen Woche, daß  1984 die CDU im Heilbronner Rathaus bei der Wahl des Kulturbürgermeisters Reiner Casse dem anderen Kandidaten der Christdemokraten Artur Kübler vorgezogen hätte. Stimmt überhaupt nicht. Die CDU hatte den damals 36jährigen Regierungsamtsrat und Geschäftsführer der CDU-Gemeinderatsfraktion Artur Kübler als ihren Kandidaten ausgerufen und dem Gemeinderat präsentiert. Nur gewählt wurde der damals 48jährige Direktor des Regionalverbandes Franken Reiner Casse. Offenbar wollten einige CDU- und FWV-Räte Kübler nicht als Nachfolger des verstorbenen CDU-Kulturbürgermeisters Paul Pfister. Man muß sich das Szenario von damals vorstellen: Ein Jahr zuvor war erstmals mit Dr. Manfred Weinmann in der Heilbronner Nachkriegsgeschichte ein CDU-Mann zum Oberbürgermeister gewählt  – dazu noch das erste katholische Stadtoberhaupt seit der Reformation. Nachfolger Weinmanns als Erster Bürgermeister war der auf CDU-Ticket gewählte Peter Giebler geworden. Und so wählte der Heilbronner Gemeinderat mit deutlichen 24 zu 15 Stimmen auch den CDU-Mann Casse zum neuen Kulturbürgermeister, aber nicht den Parteisoldaten Kübler. Die Junge Union sprach damals von einem „kommunalpolitischen  Skandal“ im Heilbronner Rathaus. Die CDU-Fraktion habe sich in „geradezu trotteliger Vertrauensseligkeit“ von der SPD austricksen lassen. Der CDU-Kreisvorstand bekam auch sein Fett ab: Er habe „die Hände in den Schoß gelegt“ und so getan, als gehe ihn die ganze Wahl herzlich wenig an. Ein tiefer Riß wurde damals in der CDU-Fraktion von kommunalpolitischen Beobachtern festgestellt. Heute wird Reiner Casse parteiübergreifend für seine geleistete Arbeit gelobt. Und Artur Kübler tritt nochmals als Bürgermeister-Kandidat an – jetzt so alt wie Casse damals. Das ist halt wie beim Wein. So mancher wird bei längerem Lagern erst gut und mundet dann vorzüglich.

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