Freitag, 21. März 2014

Kiliansmännle, 16.07.1997




Auf zum elften...
Zehn Jahre Heilbronner Kulturtage auf dem Gaffenberg – mitten im Wald. Gemütlich und ungezwungen geht es dabei auf dem Gelände der Evangelischen Walderholung zu. Künstler aus allen Teilen Deutschlands treten unter Zeltdächern auf. Höhepunkte waren am vergangenen Wochenende der Blödelbarde Helge Schneider, der sich sehr verhalten, munter und höchst musikalisch zeigte, und Dieter Thomas Kuhn, der seinen Fans zeigte, was eine deutsche Schlager-Harke ist (mal ohne Bierzelt und Schunkel-Klatsch-Parade). Die Begeisterung war bei den Besuchern grenzenlos. Nicht nur über die Kleinkunst, die geboten wurde, sondern auch über die perfekte Organisation. Man konnte essen und trinken. Und die Preise waren so gehalten, daß niemand (weil es doch so billig ist) auf den Gedanken kam, sich vollaufen zu lassen. Manche vermißten die lockere Atmosphäre der ersten Jahre, bei denen die Improvisation und das dichte Gedränge heiße Enge schafften. Aber schließlich wollten die Kulturtage-Macher nicht für wenige, die sich in ihren eigenen vier Wänden nicht wohlfühlen, ein Ersatz-Zuhause schaffen, sondern sie wollten einen Raum der kulturellen Begegnung unter freiem Himmel für mehr als 20.000 Menschen an einem verlängerten Wochenende kreieren. Wer etwas anderes will, kann ja die vielen Gassen- und Straßenfeste in der Region besuchen. Dort gibt es jene Atmosphäre mit dörflichem Flair, die auf dem Gaffenberg nicht geboten werden kann. Und wer es dann noch liebt, durch vom Regen durchnäßte Wiesen zu stapfen, den Matsch an den Schuhen bei einem Sommerfest nicht vermissen will, der hatte bis jetzt und auch an den nächsten Wochenenden bestimmt viel Gelegenheit dazu. Das elfte Heilbronner Kulturfestival wird kommen – und 20.000 Menschen warten schon sehnlichst darauf. Wie auf Weihnachten. Bloß im Juli.       

Kaiserstraße
100 Jahren Kaiserstraße werden die Heilbronner Kaufleute an diesem Wochenende in der Innenstadt feiern. Sie wollen zeigen – trotz aller Unkenrufe und der ständig bedrohlicher werdenden Konkurrenz aus den Nachgemeinden beziehungsweise -Kreisen, daß  Heilbronn mit seiner City doch ein liebenswerter und angenehmer Einkaufsort ist. Und dafür geben sie auch mit zig Aktionen viel Geld aus. Jetzt muß bloß noch das Wetter mitspielen. Das Zeltival der Kaufleute und Gastronomen, die Modenschauen, die Inliteskate-Show, die Internet-Präsentation im Rathaus-Innenhof – all die vielen Aktivitäten zusammen zeigen sehr bewegend, wie die Heilbronner Kaufleute mit Mut und Aktivität in die Zukunft schauen. Nach der Feier muß dann die Stadt Heilbronn zeigen, daß sie ihre Innenstadt nicht veröden, nicht zu einem Drogenhandelstreff und Fixerareal verkommen lassen will. Dazu gehören, nach den vielen Rückschlägen der vergangenen Monate und Wochen, Initiativen der besonderen Art. Mittelfristig müssen die Fußgängerzonen endlich anständig saniert werden, die Parkmöglichkeiten rund um die Innenstadt erkennbar für die Besucher ausgeschildert werden. Und langfristig müssen die Einfahrtsstraßen nach Heilbronn in einen Zustand gebracht werden, der vergleichbar ist mit anderen Zentren um die Käthchenstadt Heilbronn. Man sollte mal nach Ludwigsburg oder in andere Städte schauen, um zu sehen, was sich da in den letzten Monaten und Jahren getan hat. Heilbronn kann dort viel lernen. Denn die Stadt steht in Konkurrenz zu den unmittelbaren Nachbargemeinden. Und dieser Kampf um Kunden und Attraktivität muß entschiedener als bisher aufgenommen werden.   

DGB-Schlamm
Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes im Kreisverband Heilbronn heißt Michael Weiß. Der Mann aus der ÖTV hat jetzt angekündigt, daß er sich am 18. Oktober wieder zur Wahl stellen wird. Der Grund für ihn: Die vielen unterstützenden Aussagen der Gewerkschaften im DGB-Kreis. Das teilte er den Mitgliedsgewerkschaften in einem Brief vom 25. Juni mit. Komisch. Denn am 24. Juni hatte die größte Einzelgewerkschaft im Unterland, die IG Metall, sich einstimmig dafür entschieden, „die Kollegin Ulrike Zenke als Kandidatin für die Wahl des DGB-Kreisvorsitzes im Oktober 1997 vorzuschlagen“. Auch das war den Einzelgewerkschaften brieflich mitgeteilt worden. Nächste Runde im Poker um den DGB-Vorsitz: Der DGB-Kreisvorstand empfiehlt am 7. Juli einstimmig, Michael Weiß im Oktober zu wählen. Die Vertreter der IG Metall sind bei dieser Sitzung nicht anwesend, weil sie in Brüssel bei einer Tagung des Europa-Verbandes ihrer Gewerkschaft sind. Deshalb hatte auch die IG Metall den DGB schriftlich gebeten, den Punkt drei „Beschlußvorschlag des Kreisvorstandes zur Wahl des/der Kreisvorsitzenden“ am 7. Juli abzusetzen. Jetzt kocht ein Gemisch aus Verdächtigungen und Schmutz bei den Unterländer Gewerkschaften. Dabei ist die Sache doch glasklar. Nach dem Rückzug von Klaus Rücker aus dem Amt des DGB-Kreisvorsitzenden war man mühsam auf der Suche nach geeigneten Kandidaten. Allen Gewerkschaftern war spätestens nach der Wahl von Michael Weiß klar: Das ist ein Mann des Übergangs. Jetzt hat man die Wahl. Und die Zustimmung zur IG-Metall-Sekretärin ist innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften groß. Das gab es bisher noch nicht. Also sollte man auch beim DGB Demokratie praktizieren – und einfach wählen. Man wird ja sehen, wer die besseren Chancen hat. Verwunderlich ist nur, daß einige Frauen auf der Linken am Gerüchte-Süpplein kräftig mitkochen. Das stinkt. Weil die Zutaten giftig sind.    

Sonntagsverkauf
In Flein wurde am 6. Juli während des Weindorfs an einem Sonntag in vielen Geschäften an Kunden munter verkauft. Zur Freunde aller. In Heilbronn wird im Herbst ebenfalls wieder ein verkaufsoffener Sonntag stattfinden – mit viel Jazzmusik in der City. Und in Neckarsulm? Da erinnerte man sich an eine Verordnung der baden-württembergischen Landesregierung aus dem Jahre 1956, die am 16. Oktober 1996 bestätigt wurde. Sie betrifft Kur-, Erholungs-, Ausflugs- und Wallfahrtsorte. Bis zu 40 Sonntage im Jahr hätten demnach in Neckarsulm ein paar wenige Geschäfte geöffnet haben können. Ein Bademodengeschäft im Aquatoll, die Weingärtnergenossenschaft, acht bis zehn Blumengeschäfte, Weinselbstvermarkter, ein Baumarkt. Die evangelische und katholische Kirche liefen mit 1.400 gesammelten Unterschriften Sturm gegen diese Pläne der Neckarsulmer Stadtverwaltung. Und der Gemeinderat stimmte knapp dagegen – mit 13 zu elf Stimmen. Dabei wäre niemand gezwungen gewesen, seinen Laden am Sonntag offenzuhalten. Was in anderen Ländern selbstverständlich ist – bei uns scheint es immer noch eine Sünde zu sein. Da werden Argumente herangezerrt, daß man glaubt, sich im Dreißigjährigen Krieg, im Zeitalter der Glaubenskriege zu befinden. Wenn der Sozialismus schon auf der ganzen Welt abgewirtschaftet hat, dann muß er wenigstens dafür herhalten. Wie sagte doch eine SPD-Stadträtin? Als Sozialistin habe sie für menschenwürdige Arbeitszeiten und -bedingungen vor allem für Frauen gekämpft. Deshalb sei sie gegen die Pläne der Stadt. Vielleicht fällt einigen Leuten auf, daß sich die Zeiten gewandelt haben. Heute gilt es für den Erhalt und neue Arbeitsplätze zu kämpfen. Und die entstehen nicht durch Verbote und Regulierungswut der Obrigkeit, sondern durch mehr Freiheit in der Wirtschaft. Aber warum sollen nicht demnächst jene Länder Nummer eins werden, die sich nicht mit solchen Sorgen herumschlagen. Es gibt keine Versicherung, die garantiert, daß Deutschland auch weiterhin an der Spitze wirtschaftlich starker Länder steht. Gottseidank. Und unsere Fehler sind die Vorteile der anderen, die klüger als wir sind.       

Terror
Spanien erlebt einen Terroranschlag von baskischen Untergrundkämpfern – und ganz Europa schaut entsetzt zu. Die ETA, die angeblichen Befreier des Baskenlandes von spanischer Okkupation, richten einen jungen Kommunalpolitiker hin – nur weil sie nicht erreicht haben, daß ihre Gefangenen in den staatlichen Gefängnissen nicht wie gewünscht zusammengelegt wurden. Trauer und Wut beherrschen das öffentliche Leben. Die Menschen demonstrieren ihre Abscheu vor soviel Grausamkeit mit Massendemonstrationen, Schweigeminuten und kurzfristigen Arbeitsniederlegungen. Aber es wird wohl nicht viel nutzen. Feige Mörder, die einen abstrusen Wahn von Recht und Gerechtigkeit auf ihre Fahnen geschrieben haben, leben nach eigenen Maßstäben – und morden ungehemmt weiter. Wir kennen das aus unserer Geschichte. Da ernannten sich ein paar wildgewordene Bürgerssöhne und -töchter zur „Roten-Armee-Fraktion“ und wollten die Bundesrepublik in einen linken Terrorstaat schießen und bomben. In der Sendung „Buchzeit“ von Südfunk 2 (Freitag, 11.7. 14.30 Uhr), so höre ich interessiert, werden Bücher von und über RAF-Terroristen vorgestellt. Kriminelle Terroristen und der reagierende Staat werden hübsch vermengt. Weinerlich wird lamentiert, daß die mörderische Bande ihre idealistische Identität verloren habe, die RAF-Geschichte in der BRD noch immer nicht aufgearbeitet wurde – und eigentlich der Staat doch auch Mitschuld an dem verirrten Verhalten der einst so braven und doch intelligenten Bürgerkinder trage. Dabei ist unser Staat mit kaum einer Mörderbande so human umgegangen wie mit den RAF-Terroristen. Die verhielten sich zur Tatzeit gnadenlos – und tun es teilweise heute noch. Kein Wort der Entschuldigung bei den Opfern, kein Bedauern über die Taten. Höchstens Einsicht in die Notwendigkeit, daß die Geschichte halt anders gelaufen ist. Dafür jetzt viele Talkshows mit den grausigen Frauen aus der RAF, den selbstgefälligen Kämpfern. Nach dem Fernsehfilm über die Schleyer-Entführung und die Befreiung der Geiseln in Mogadishu sollte doch auch den letzten Sympathisanten klar sein: Das war kein politisches Indianerspiel, sondern ein Angriff auf die Bürger dieses Staates. Warum dann dieses Hörfunk-Gejammer um die verlorenen Töchter und Söhne aus spießigen Jakobiner-Haushalten?     

Sanges-Lust
Während man sich in Heilbronn im Stadttheater der Verleihung der Kilianpreise hingibt, auf dem Gaffenberg Kulturtage feiert, läßt Andrea Bocelli („Time to say goodby..“) im Innenhof des Neuen Schlosses in Stuttgart „14.000 Fans im Belcanto schwelgen“ (Stuttgarter Nachrichten). Die romantische Stimme aus der Toskana, in Deutschland erst mit dem Lied zum Abschied des Boxers Henry Maske bekannt geworden, ließ rund 8.500 zahlende Fans in den Innenhof des Stuttgarter Schlosses pilgern. Rund 5.000 Fans lagerten dann noch auf dem Schloßplatz und hörten zu, ohne ihn zu sehen. Und wenn dann der blinde Tenor singt, in sich hinein lächelnd, dann scheint Inneres nach Außen zu dringen. Da verstummte selbst das Gewitter, das sich zu Beginn der Veranstaltung drohend angekündigt hatte. Und schon hatte Stuttgart seinen „italienischen“ Sommernachtstraum. Gepilgert waren die Fans aus dem ganzen Lande zu diesem musikalischen Großereignis. Da sah man Leute, die direkt in Lederkluft von ihrem Motorrad herabgestiegen waren, Herren im Smoking, in legerer Freizeit- oder sogar Sportkleidung, große Teile der baden-württembergischen Italo-Diaspora, die Damen im kleinen Schwarzen, die Frauen im bunten Blüschen und den frisch gelegten Haaren (die Friseure in und um Stuttgart müssen ein Heidengeld verdient haben). Volksfest war angesagt: Es gab an diversen Ständen (mit weißen Schirmen) Bier, Wein, Cola, Snacks, Sekt und sogar Schampus. Und zum Schluß bot der sympathische  Sänger seinen Ohrwurm gleich zweimal: einmal in italienischer und einmal in englischer Version. Und danach sah man viele der Konzertbesucher noch auf dem Hamburger Fischmarkt, gleich neben dem Alten Stuttgarter Schloß, der an diesem Wochenende auch so um die 100.000 Besucher sah. Die Landeshauptstadt mausert sich – ganz ungezwungen mit viel südlichem Flair. Man zeigt was man hat: vor allem schöne Plätze.

Emanzipation
Der Drang des weiblichen Geschlechts, die „Emanzipation“ in der modernen Gesellschaft festzuzurren, ist das Beste, was dem Mann im Laufe der Geschichte je passieren konnte. Warum, werden Sie jetzt fragen. Eigentlich ganz einfach! Es gibt eine Menge Vorteile, die uns Männern dadurch verschafft werden. Das beginnt schon bei den kleinen alltäglichen Dingen. Gesellt sich beispielsweise eine Dame zu einer Männerrunde an einen Tisch, so hatten die Herren – wegen der Höflichkeit – bisher stehend zu warten bis sie ihren Mantel abgelegt, alle Anwesenden begrüßt und dann endlich Platz genommen hatte. Das bedeutete fünf Minuten mit angewinkelten Knien die Stuhl- oder Sesselkante in den Kniekehlen. Quälend! Auch die Abschaffung der Höflichkeitsformen erleichtert unser Männerleben. War die Pflicht, Frauen in den Mantel zu helfen, nicht sehr lästig. Denn das zarte Ärmchen verfehlte den Ärmel doch mehrere Male, was uns Männer schnell wie tolpatschige Toreros aussehen ließ. Und wie umständlich und nervig war es doch, den Frauen immer zu die Türe zu öffnen. Durch die Emanzipation und die Zentralverriegelung am modernen Automobil wurden die Männer von diesen dummen Pflichten befreit. Auch wenn den Damen etwas zu Boden fiel, hatten wir Männer uns vor ihnen auf den Boden zu werfen, um es aufzuheben. Dies alles gehört der Vergangenheit an! Die Selbstbefreiung der Frau ist für die Männer-Welt das perfekte Geschäft schlechthin. Vor allem, wenn es um die Finanzen geht. Während das Einkommen bei dem „stärkeren Geschlecht“ gleichgeblieben ist, haben sich die Ausgaben halbiert. Denn die emanzipierte Frau möchte zeigen, daß sie im Restaurant für sich selbst zahlen kann. Das ermöglicht uns Männern, mit gleichem Budget doppelt so viele Frauen auszuführen. Bringt man es auf den Punkt, bleibt als Resultat übrig: Je emanzipierter die Frau, desto geringer die Gefahr für das männliche Portemonnaie.

Zauberwort Privatisierung
Privatisierung lautete das Zauberwort beim baden-württembergischen Landeskongreß der Wirtschaftsjunioren in Heilbronn, dem Zusammenschluß von rund 1.700 Selbständigen und angestellten Führungskräften bis zum Alter von vierzig. Wenn es um konkrete Projekte der Privatisierungsprojekte geht, dann haben die Wirtschaftsjunioren auch schon etwas zu bieten. So forderte Frieder Stephan, der Heilbronner WJ-Vorsitzende die Stadt auf zu prüfen, ob nicht  etwa städtische Einrichtungen wie Gärtnerei, Friedhöfe, Straßenreinigung, Müll, Personennahverkehr, Elektrizitätswerk, Salzbergwerk, Parkhäuser, Theater oder Krankenhaus verkauft werden können. Und wenn sie schon privatwirtschaftlich geführt werden, sollten auch die Beteiligungen der Stadt abgegeben werden. Mit diesem Geld könne man viel erreichen, bekäme auch mehr Beweglichkeit in die Stadtverwaltung. Aber in Heilbronn wird immer davon geredet, aber selten etwas in die Tat umgesetzt. Es fehlt ein Motor, der in anderen Städten (wie zum Beispiel im Ruhrgebiet) schon längst wegen drückender Schuldenlasten in die Privatisierungskampagne eingestiegen ist. Nicht wie bei uns oft geschehen, daß nur eine Umbenennung des Etiketts erfolgt und die Lasten weiterhin voll auf den Bürger abgewälzt werden. Mehr Markt heißt auch, daß nicht nur die breite Masse davon erreicht wird, sondern auch viele Unternehmer, die es sich in unserem Sozialstaat reichlich bequem gemacht haben. Vor allem Manager schieben die Verantwortung für ihr Tun und Handeln gern auf den Staat, die Gesellschaft oder ihre Gesellschafter ab. Nicht ohne zuvor ihr Schäflein ins Trockene gebracht zu haben. Auch bei ihnen muß gewährleistet sein, daß Wettbewerb und Markt durchgesetzt werden. Konkret: Bei einem Mißerfolg sollte zunächst die Führungsebene in die Wüste geschickt werden, ehe man an Arbeitnehmer-Entlassungen denkt. Aber soweit sind wir noch nicht – auch bei den Wirtschaftsjunioren. Es muß noch härter kommen, um die notwendigen Schritte in die richtige Richtung zu unternehmen.

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