Mittwoch, 19. März 2014

Kiliansmännle, 07.05. 1997




Südwest-Rundfunk
Beide Herren hatten sich redlich bemüht – Erwin Teufel, unser Ministerpräsident, und Kurt Beck, der vom Nachbarland über dem Rhein. Der Elefant (sprich die Regierungen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz) kreisten lange Jahre um die Pläne – und gebar dann doch keine Maus, sondern einen neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk für den Südwesten Deutschlands, der sich aus den beiden Sendeanstalten Südwestfunk Baden-Baden und Süddeutscher Rundfunk Stuttgart zusammensetzt. Der Südwest-Rundfunk (mit oder ohne Bindesstrich, zusammengeschrieben oder auseinander, das ist noch nicht so recht klar) ist damit eine der größten Rundfunkanstalten im wiedervereinten Deutschland. Was dank der Besatzungsgrenzen nach 1945 an Rundfunklandschaft geschaffen wurde, soll in den kommenden Jahren zu einem Gebilde zusammenwachsen, das dem Südwesten und seinen beiden Ländern mehr Identität verspricht. Landesrundfunkhäuser in Stuttgart und Mainz, eine große Produktionsstätte in Baden-Baden, das schafft alles zunächst einmal keinen Spareffekt, sondern – wie üblich bei diesen Quasi-Beamten-Anstalten – eine Menge Mehrausgaben. So viele Mitarbeiter wie derzeit, benötigt der neue Sender wahrlich nicht. Aber der Stellenabbau – so das Versprechen der Landesregierungen – wird ohne Entlassungen vor sich gehen. Es wird auf lange Zeit hin also ordentlich krachen im Gebälk der beiden Sender, wenn zusammenwächst, was – laut Rundfunkstaatsvertrag – dann zusammengehören soll. Wichtig für die Region Franken ist – ja für alle Regionen im Lande Baden-Württemberg, daß die Regionalstudios ausgebaut werden, was die Hörfunk- als auch die Fernsehberichterstattung angeht. In Heilbronn sind dafür Lutz Wagner und seine Mannschaft beim Frankenradio für die Hörfunkberichterstattung und Werner Trefz für die Fernsehberichterstattung zuständig. Und vor allem das Frankenradio auf der UKW-Frequenz 99,5 erfreut sich zunehmend von Jahr zu Jahr einer wachsenden Publikumszuneigung, weil es als einziger Sender kontinuierlich regional aus dem Raum der Region Franken berichtet. Durch den neuen Mammutsender wird sich auf die private Rundfunklandschaft erheblich verändern, ist aus Politiker-Kreisen in der Landeshauptstadt Stuttgart zu hören. Die Frage ist nur: Wie und wann?

Angst vor pöbelnden Paukern
In den Klassenzimmern unserer Schulen sind seitens der Lehrer Sprüche wie „Ihr seid ja frigide“, oder „Warum gehen Sie nicht zur Baumschule?“ leider keine Seltenheit. Aber das ist noch lange nicht alles. Es wird von Vorfällen berichtet, bei denen eine Lehrerin eine Schülerin mit einem Verband gefesselt hatte, um sie ruhig zu stellen. Verwundert es da noch, daß Schüler und Schülerinnen Panik vor den Paukern haben? In einer Umfrage unter 10.000 Schülern, die ein Erziehungswissenschaftler durchgeführt hat, gaben 45 Prozent der 13 bis 14jährigen an, vom Lehrer malträtiert  worden zu sein. Selbst unter den 17jährigen beklagen 32 Prozent, daß sie von ihren Lehrern drangsaliert werden. Mit diesen Aussagen kommt man schnell zu dem Ergebnis: Nicht nur unter den Kindern herrscht Krieg, sondern auch zwischen Kindern und Lehrern! Aber die Gegenseite darf man nicht außer acht lassen. Überdurchschnittlich viele Lehrkräfte sind von tiefen Ängsten gequält: von der Unsicherheit, ob man die Rolle des Dompteurs vor dem Schülerpublikum beherrscht, von der Angst der Provokationen, die es in sich haben, und davor, zum Feind der Schüler zu werden. „Man hat das Gefühl, man sitzt vor Ölgötzen. Die glotzen einen an, und es kommt nichts, keine Reaktion“, so ein Lehrer. Kein leichtes Los! Nur zehn Prozent der Lehrer stehen den Job bis ins Pensionsalter durch, und sage und schreibe 46 Prozent werden vorher dienstunfähig. Um diese Problematik jetzt besser in den Griff zu bekommen, hat man in der österreichischen Hauptstadt eine Idee ins Leben gerufen. Lehrer sollen nun auch Zensuren erhalten, bevor sie angestellt oder in den nächsthöheren Dienstgrad befördert werden. Auch die Schüler sollen benoten, wie gut ein Lehrer lehrt und sich verhält. Mal sehen ob sich dieses Projekt auch in Deutschland durchsetzen kann. Aber bis dahin gilt das Motto eines Lehrers: „Ob du nun lernst oder nicht – ich kriege mein Gehalt sowieso

Gefährlicher Festplatz
Mancher professionelle Gastronom sieht sie mit einem weinenden Auge, für die meisten Vereine sind sie die einzige Möglichkeit, die Kasse aufzufüllen: Vereinsfeste. Vielen Leserinnen und Lesern wird auch der Kaudenwald-Verein bekannt sein. Das ist eine Happenbacher Spielplatz-Initiative, die weit über die Grenzen des Unterlandes hinaus Rang und Namen hat. Das Vereinsfest der Kaudenwäldler alljährlich im August ist eines der ganz großen seiner Art. Bereits am 1. Mai fand auf dem Spielplatz „Kaudenwald“ ein für dortige Verhältnisse kleines Fest statt. Aber es waren doch etliche Maiausflügler gekommen, die ein Vesper zu sich nahmen, Fußball spielten oder sich einfach nur sonnten. Nun ist eine der Attraktionen des Kaudenwald eine Art Seilbahn für Kinder. Diese Seilbahn verläuft quer über eine Teil des Spielplatz- und Festgeländes. Einen gefährlichen Haken hat das flotte Transportteil. Die Bahn ist nicht abgesperrt. Wer nicht höllisch aufpaßt und die Seilbahn quert, prallt mit ihr zusammen. Und genau das ist am 1. Mai binnen einer halben Stunde drei Müttern passiert, die ihre kleinen Kinder vor der heranrasenden Seilbahn zurückgerissen haben. Eine der Frauen trug eine Beule am Kopf davon, eine zweite plagte sich mit einer Schulterprellung. Nun muß man wissen, daß der Kaudenwald-Verein ansonsten penibel auf die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften achtet, es wird also bei Festivitäten die Seilbahn-Gondel entfernt. Dies war am 1. Mai nicht der Fall. Freilich hätten die Verantwortlichen durchaus die Möglichkeit gehabt zu reagieren. Denn sie wurden auf die drei Unfälle aufmerksam gemacht und gebeten, die Seilbahn doch zu sperren, ehe noch etwas wirklich Schlimmes passiert. die Reaktion von Seiten des Kaudenwalds war eher stur und verbohrt. „Dies ist ein Spielplatz, die Seilbahn bleibt geöffnet“, hieß die Antwort. Wenn der Kaudenwald allerdings nur ein Spielplatz ist, dann muß der Verein seine Feste an einem anderen Ort feiern. Denn ansonsten wird aus dem Spielplatz ein gefährlicher Festplatz.

Noble Feier
Das müssen schon ganz besondere Kerle sein, die Wengerter aus Grantschen. 50 Jahre gibt es die Weingärtnergenossenschaft nun. Grund genug für das Unternehmen aus dem Weinsberger Tal, das halbe Jahrhundert und den Genossenschaftsneubau hochleben zu lassen. Mehr als 400 geladene Gäste hatten sich eingefunden. Der Lobgesänge aus berufenem Munde gab es genug: Gerdi Staiblin, die baden-württembergische Ministerin für den Ländlichen Raum, war vor Ort geeilt, um eine Weinprobe der ganz besonderen Art zu erleben. Mutig, wie sie nun mal sind die Wein-Rebellen aus Grantschen, stellten sie sich einem internationalen Kräftemessen. Einige Weißweine und ihre wirklich großen Rotweine zeigten im internationalen Vergleich, daß sich Grantschen sehen und trinken lassen kann. Grantschen war angetreten gegen Tropfen aus dem Elsass, Österreich, dem Burgund und der Toskana. Wahrlich zelebriert wurde die Weinprobe von Jens Priewe, dem Koordinator des Weltweinführers. Der gute Mann wirkte auf manchen Gast der Festveranstaltung wie ein Dozent im Hörsaal einer Universität. Da runzelte selbst Gerdi Staiblin ab und zu die Stirn. Sie ist eben in der Landespolitik mehr Tempo gewöhnt. Aber so sind die Grantschener eben. Sie orientieren sich an Höherem. Und das ist gut so. Frau Minister hat es gefallen. Ihr Göttergatte, Kellermeister der Winzergenossenschaft Königschaffhausen war auch dabei. Die beiden scheinen sich sehr selten zu sehen, denn wie sagte doch Frau Staiblin: „Je öfter die Frau des Kellermeisters weg ist, desto besser sind die Weine.“ Der Spätburgunder aus Königschaffhausen wurde auch in Grantschen kredenzt – ein wirklich exzellenter Wein!

SPD-Hoffnung
Das war schon ein Sieg der besonderen, was die Labour-Party in Großbritannien da hingelegt hatte. Mit Staunen und Bewunderung können wir aus Deutschland zu den Briten hinüberschauen, die es mit ihrem Wahlsystem halt fertigbringen, klare politische Verhältnisse zu schaffen. Eine stabile Regierung und eine ihrer gegenübersitzenden Opposition, die sich in den nächsten vier, fünf Jahren regenerieren kann. Die Konservativen hatten mit der Eisernen Lady Margret Thatcher und ihrem blassen Nachfolger John Major sich seit 1979 an der Regierung verschlissen. Jetzt muß den neue Mann der New Labour zeigen, was in ihm steckt. Viele Sozialdemokraten bei uns im Lande schauen jetzt nach einem Mann (oder einer Frau), der (oder die) das zu leisten imstande ist, was Tony Blair in Großbritannien zuwege brachte. Aber ein vielgelobter und bewunderter niedersächsischer SPD-Ministerpräsident Gerhard Schröder, der seine Ehescheidung und neue Lebensgefährtin medial vermarktet hatte, ist nicht aus dem Holz geschnitzt, das der neue Premierminister aufweist. Und auch der sozialdemokratische Parteivorsitzende in Deutschland, der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine muß noch viel lernen, um jene Weltläufigkeit zu erreichen, die der Labour-Chef aufweist. Von Rotlichtaffairen und ähnlichem ist ein Mister Blair nicht geplagt gewesen. Und zu einer lebenslustigen Toskana-Fraktion kann er auch nicht gezählt werden. Vielleicht werden sich die Parteimitglieder bei ihrer Suche nach einem Kanzlerkandidaten auch auf die starken Frauen in ihrer Partei besinnen. Eine Heide Simonis,  Ministerpräsidentin in Schleswig-Holstein, zeigt den Herren Obergenossen in Bonn ja gelegentlich, wo Bartel den Most holt. Und auch eine Monika Wulf-Mathis als Mitglied der Europäischen Kommission steht vor den Türen für hohe deutsche Regierungsämter. Bei der Aufstellung der Bundestagskandidaten ist auch noch nicht das letzte Wort bei den Sozis vor Ort gesprochen. Auch wenn einige Funktionäre das im Unterland zum Beispiel gern so hätten. Die Frauen in der SPD sind schon im Aufbruch. Und der Name Marianne Kugler-Wendt, unerschrockene ÖTV-Sekretärin, wird oft genannt.

Viel Freizeit
Da kann unsereiner schon neidisch werden: Etwas mehr als dreißig Tage im Jahr Urlaub, hinzukommen noch Feiertage. Wer sich freilich für den Beruf des Lehrers entschieden hat, dem geht es weitaus besser. Neben den klassischen Sommerferien, Herbstferien, Weihnachtsferien und Osterferien gibt es auch noch die Pfingstferien. Habe ich irgendwelche Ferien vergessen? Man möge es mir nachsehen. Zurück zu Pfingsten. Die liegen im Wonnemonat Mai. Und der hat es für Lehrkräfte wirklich in sich. Gerade mal acht Tage arbeiten unsere Pauker in diesem Monat. Das kommt durch die Pfingstferien und einige Brückentage, also Freitage zwischen einem Feiertag am Donnerstag und dem unterrichtsfreien Wochenende. Acht Tage arbeiten und ansonsten unterrichtsfreie Zeit. Es gab Jahre, da fanden diese Brückentage nicht statt. Mit der Folge, daß zwar die Lehrer in den Unterrichtsräumen waren, die Schülerinnen und Schüler jedoch fehlten. Die befanden sich auf eigene Faust oder mit den Eltern im Kurzurlaub. Wie man es macht, ist es falsch, mögen die Gewerkschaftsvertretungen der Pauker sagen. Doch der Punkt ist dieser: Lehrer gehören zu der Berufsgruppe mit der meisten Freizeit, allerdings mit den frühesten Pensionszeiten. Kein normaler Arbeitnehmer kann es sich erlauben, so früh den Beruf an den Nagel zu hängen. Bei uns macht das der Staat möglich. Ganz sicher für Verständnis unter Steuerzahlern wird deshalb sorgen, was der Koalitionsausschuß der Landesregierung beschlossen hat: In den kommenden vier Jahren sollen 1600 Lehrkräfte zusätzlich eingestellt werden und – jetzt kommt es – alle Lehrer sollen auf eine Unterrichtsstunde mehr verpflichtet werden. 

Gelbe Säcke fliegen
Müll ist ja ein ganz besonderes Material – vor allem bei uns in deutschen Landen. Broschüren der Rathaus-Abteilung „Political correctness“ weisen uns gelegentlich darauf hin, wie wir als naive Bürger uns zu verhalten hätten. In den Haushalten wird darob vermieden, was das Zeug hält. Und was an Müll dann noch übrigbleibt kommt entweder in den normalen Hausabfall (sprich Mülltonne). Demnächst muß der sogar, welch wertvolle Fracht, über die Autobahn nach Mannheim verfrachtet, um dort verbrannt zu werden. Wenn es Glasflaschen sind, werden diese Behältnisse zum nächstgelegenen Glascontainer transportiert. Bei Papier wird sorgsam zusammengelegt und gefaltet – und dann wird dieser ganz besondere Müll ebenfalls zu einem jener Container transportiert (möglichst mit dem Automobil), die unser trautes Stadtbild derzeit so wundersam verzieren. Joghurt-Becher, Plastiktüten und all das andere aus Kunststoff hergestellte (in einer Broschüre sorgsam aufgelistet) wird von den Hausdamen und -herren in mühseliger Arbeit gesammelt und in dafür extra vorgesehenen gelben Säcken verstaut, die dann gelegentlich vor die Haustüre gestellt werden – zur Entsorgung durch vorbeifahrende orangene Lastwagen bereit. Und dann kann es geschehen – wie am Montag dieser Woche zum Beispiel, daß die Natur uns einen bösen Streich spielt. Heftiger Wind weht durch Gassen und Straßen Heilbronns. Die Gelben Säcke wirbeln durch die Luft, fliegen auf die sauberen Straßen, den Autofahrern direkt vor die Reifen. Diese rollen ungerührt darüber hinweg. Warum sollten sie auch anhalten? Zeit ist Geld. Und die Stadt gibt keins für den Müll, holt es uns Bürgern nur aus der Tasche, Jahr um Jahr mehr. Außerdem hat sie keins. Müllsäcke sind aufgeplatzt, Tüten und Becher wirbeln über die Fahrbahn. Karneval-Stimmung. Oder Besser: Ein Flair wie auf den Straßen so mancher Großstadt in der Dritten Welt.  Nicht gerade sauber – aber lustig sah das aus. An der Kreuzung Weinsberger Straße / Oststraße in Heilbronn. Und recht bunt dazu auch noch. So verfliegt sie, die sorgsame Umweltmühe so manchen bemühten Unterländer Haushalts. Schmallippig beobachteten die Umweltgurus das sündige Naturtreiben.

Kein Tony Blair in Hall
Mit Staunen schauen viele Bürger aus der Region nach Schwäbisch Hall. Was sich dort in der ehemaligen Reichsstadt am Kocher in den letzten Monaten und Wochen rund um zwei Oberbürgermeister-Wahlen getan hat, könnte entweder in den Bereich Schildbürgerstreich gesteckt oder unter dem Begriff Hohenloher Lebensart ablegt werden. Schließlich hatte auch der Remstal-Rebell Helmut Palmer in Hall 1974 einst Triumphe bei OB-Wahlen gefeiert. Vor wenigen Tagen aber wurde ein Mann aus dem baden-württembergischen Wirtschaftsministerium, sozusagen eine Hinterlassenschaft des einstigen SPD-Ministers Dieter Spöri, von den Haller Wählern zum OB gekürt. Zwei CDU-Parteimitglieder und OB-Kandidaten erzielten jeweils 31,8 und 28,21 Prozent, zusammen also  60,01 Prozent – der SPD-Mann Hermann-Josef Pelgrim konnte dank des zweiten Wahlgangs, bei dem die relative Mehrheit zählt, mit 39,1 Prozent sich den Lorbeerkranz des Siegers aufs Haupt drücken. Was den Wählern in der Landeshaupt bei ihrer OB-Wahl billig war (mit dem CDU-Mann Schuster als Sieger), das war den Hallern mit umgekehrten Vorzeichen teuer. Denn sie hatten sich den Luxus erlaubt, innerhalb weniger Monate gleich zwei Oberbürgermeister in insgesamt vier Wahlgängen zu küren. Jetzt bangen viele in der Stadt der Salzsieder vor Einsprüchen. Denn  solche hatten den ersten gewählten OB Kurt Leibbrandt zum Verzicht getrieben. Aber es deutet alles drauf hin, daß jetzt Ruhe am Kocher eingekehrt ist. Und die Sozialdemokraten im Ländle sind freudig erregt – nach ihrer Stuttgarter Schlappe. Manche Genossen in der Regionalhauptstadt Heilbronn hoffen gar, daß sich im Käthchenstädtchen das bürgerliche Lager ebenso zerfleischt wie in Hall – und dann wieder ein SPD-OB die Stadt am Neckar ab 1999 regiert. Aber bis dahin fließt noch viel Wasser den Neckar hinunter. Und ich schätze, die Heilbronner Christdemokraten haben nicht solch ein anarchisches Politikverständnis wie die Haller Bürgerlichen. Denen sagt man im Ländle bekanntlich nach, daß sie eigentlich nie so richtige „Bürgerliche“ geworden sind, auch wenn sie sich zum Bürgeradel zählen. Im Falle eines Falles bleiben sie Hohenloher Schlitzohren. Siehe OB-Wahlen 1996/97.

Theater, Theater
Das Theater muß und soll in erster Linie unterhalten. Ob nun in seine Sparten Oper, Ballett oder Schauspiel. Manche Bürger mit eigentümlicher Kirchenferne meinen ja, das Theater müsse – sozusagen als Glaubensersatz  – in eine moralische Anstalt umgewandelt werden. Damit die sündigen Menschen zum Schönen, Guten und Wahren geführt werden. Ein seligmachender Ansatz aus dem Gedankenwust der frühen bürgerlichen Revolutionen, der bisher (gottseidank durchs breite Volk, sprich Publikum) immer zum Scheitern verurteilt worden war. Theater kann den Menschen nicht erlösen – und soll es auch nicht. Damit wäre es ja überfordert. Wie Marcel Reich-Ranicki in einer Rede zum Neujahrsempfang in Frankfurt am Main treffend formulierte. Und damit insbesondere das Chaos in den Theatern seiner Stadt beschrieb. Sehr richtig wurde formuliert, daß man jeden Intendanten oder Regisseur zunächst fragen sollte, für wen er Oper oder Schauspiel inszeniere. Wenn er mit einer anderen Antwort als „fürs Publikum“ aufwarte, solle man ihn gleich wegschicken. Am besten in die Wüste seiner Gedankenspiele. Wer für die Kritik, möglichst für die überregionale oder internationale, oder für Insider – wie Schauspieler, Regisseure oder andere Intendanten – also gegen das Publikum inszeniert, der muß halt sein eigenes, privates Kellertheater gründen und sich dort seine Zuschauer erziehen. Wer aber Verdis Aida nach Auschwitz ins Nazireich verlegt, der ist nicht nur geschmacklos, sondern bietet eine ekelerregende und widerliche Inszenierung (wie schon geschehen). Überhaupt: Oper lebt von schönen Stimmen und guter Musik. So wie das Schauspiel von guten Schauspielern und hervorragenden Stücken lebt. Nicht von selbstverliebten Regisseuren, die Theater zur ihrer Nabelschau pervertieren. Qualität muß künftig vor allem in hochsubventionierten Häusern – wie Staats- oder Stadttheatern – gefragt sein. Die Zuschauer sollten nicht nur von der Beliebigkeit gerade vorherrschender Theater-Moden belästigt werden. Wer aus dem Theater nach Hause geht, dessen Sinne wollen stimuliert sein, der will angerührt und gut unterhalten sein. Wenn das geschehen ist, dann ist das viele Steuergeld für den Theaterluxus (vielleicht) gerechtfertigt. Auch in Heilbronn.

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