Freitag, 14. März 2014

Kiliansmännle, 12.02.1997




 
Sexualmord im ZDF?
Wie steht‘s eigentlich um den versuchten Sexualmord in Bad Rappenau-Bonfeld? Man hört gar nichts mehr. Auch sieben Monate nach der Tat liegt kein Fahndungserfolg vor. Doch jetzt – nach dem Fund der Leiche der 16jährigen Manuela Kreis ist auch der Bonfelder Fall wieder in den Schlagzeilen. Bei beiden Straftaten wurden die Opfer mit einem Messer bedroht, verletzt beziehungsweise getötet. Trotz über 675 Hinweisen aus der Bevölkerung konnte kein polizeilicher Erfolg erzielt werden. Auch das Abzapfen von Blut bei 102 männlichen Mitbürgern ergab nicht den erhofften Erfolg. Kein „genetischer Fingerabdruck“ war übereinstimmend mit dem des Täters. Und nebenbei ist das fast perfekte Phantombild eh schon veraltet. Die ganzen Ermittlungen brachten bis jetzt kein Licht ins Dunkle. Die Erfolglosigkeit der Polizei stößt in der Bevölkerung auf Unverständnis. Aus diesem Grund überlegt die Kriminalpolizei Heilbronn derzeit diesen Fall ins Fernsehen zu bringen. So soll Eduard Zimmermann in den Fall eingeschaltet werden. Für alle jene, die ihn nicht kennen: Er ist der „Aktenzeichen XY“-Mann im ZDF. Eigentlich eine gute Idee, aber die Heilbronner Polizei rechnet mit zu vielen Hinweisen, die zu viel unnütze Arbeit abverlangen würde. Und aus diesem Grunde wird dieses Vorhaben – so wie es aussieht – ins Wasser fallen. Andererseits werden bis zu 40 Prozent der in einem Fernseh-Film dargestellten Fälle aufgeklärt. Wobei der Fahndungserfolg unmittelbar auf die Fernsehbeiträge zurückzuführen ist. Da macht sich die „unnütze“ Arbeit dann  wieder bezahlt – oder? Und vor allem in einem Mordfall, beziehungsweise in einem versuchten Sexualmord wie jenem in Bonfeld, sollten alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um den Täter zu schnappen. Egal wie die bisherigen Ermittlungen gelaufen sind, und egal wieviel Arbeit dahinter stecken mag.

Audi-Glück
Wirtschaftliche Erfolge sind in unseren harten Zeiten keine Seltenheit – auch wenn es den meisten Menschen in der Bundesrepublik nicht mehr so gut geht wie einst erhofft. Aber am Hungertuch muß keiner nagen, weder Sozialhilfeempfänger noch Asylbewerber. Der Autobauer Audi ist eine Firma, die in den vergangenen Jahren deutlich im Windschatten der großen Mutter VW (und ohne deren Skandalgeschichten) an Schubkraft gewonnen hat. Vor zwei Jahren habe man mit der Internationalisierung begonnen – und das zahle sich jetzt aus, meint der scheidende Vorsitzende des Vorstands Dr. Herbert Demel. Seine vorgelegten Geschäftszahlen  für  1996 belegen diese Feststellung. Umsatzsteigerung im Auslandsgeschäft von 49 Prozent – im Gegensatz zu 1995 von 45 Prozent. 13,6 Prozent mehr Kunden. Was will die Audi mehr? Im Werk Neckarsulm, dessen Bestand noch vor wenigen Monaten gar nicht so sicher war, wird kräftig investiert. 14 Millionen Mark wurden in einen Logistikanbau investiert. Und bei der Eröffnung dieses Neubaus meinte Produktionsvorstand Jürgen Gebhardt, damit sichere man die Audi-Wettbewerbsfähigkeit und auch die Audi-Arbeitsplätze im Unterland. Neckarsulms Oberbürgermeister Volker Blust freute sich wie ein Schneekönig, denn Audis Erfolge auf dem Markt lassen auch das Geld im Kasten der Stadt ordentlich klimpern. Allzu große Sorgen muß sich die Stadt jetzt nicht mehr machen. Im Gegenteil: Es wird in die Zukunft investiert. Dr. Jürgen Zieger, der Bürgermeister der Stadt, legte dann auch bei der SPD-Jahreskonferenz ein Papier vor, in dem er über „Die ‘Neue Industriekultur’ und ihre Auswirkungen auf die Akteure der Wirtschaft, die Stadtplanung und die Politik“ nachdachte. Ungewöhnlich. Zumal dem sechsseitigen Aufsatz auch noch eine bildliche Darstellung des geplanten „Business Park Neckarsulm – Ein Standort mit Zukunft“ angehängt war. Nachgefragt, ob er vor den Heilbronner Zukunftsplänen als Konkurrenz zu Neckarsulm ein wenig Angst habe, lächelte Zieger nur weise. Mehr braucht er auch wirklich nicht zu sagen.

Kultur-Erfolg
Wenn es bei uns um Kultur geht, dann ist hochgeistige Anstrengung angesagt. Nicht immer. Aber für viele ist Kultur halt eine Bußübung – und kein Vergnügen, keine Unterhaltung, sondern eine Art von Geißlerdrama. Nach dem alten griechischen Tragik-motto, daß man zur Läuterung durch die Hölle gehen muß. Das hat dann viel mit Peinigung zu tun – und Kritik bleibt außen vor. Weil der Mensch sich ja wie in einer Sauna von Überflüssigem, Krankmachendem trennt und danach als neues Wesen lustvoll und denkend durch die Welt wandelt. Naja, den Ansatz haben die meisten Sekten und fanatischen Religionsgemeinschaften auch. Da ist halt noch der alte Traum vom Paradies im Hinterkopf, den so manche Intendanten und Regisseure, Bildhauer und Maler, Museumsdirektoren und Lehrer umtreiben. Daß in unseren Zeiten Kultur auch Erfolge vorzuweisen hat, wird dabei oft negiert. Vor allem in den alimentierten Kulturinstitutionen. Erfolg ist unheimlich – eigentlich ja auch akulturell. Kultur ist eben nur gut, wenn sie weh tut. Vor allem dem Geldbeutel des Steuerzahlers. Und so ist dann auch die Berichterstattung in vielen Medien bei uns im Lande. Verständlich über Kulturereignisse berichten? Wozu? Das überläßt man bei den verhinderten Künstlern und Dozenten in den Feuilletonredaktionen lieber der FAZ oder der Bild-Zeitung. Und rümpft die Nase. Schließlich ist fast jeder Redakteur in so mancher deutschen Kulturredaktion ein Beinahe-Schriftsteller, ein Wesen der schöne Künste, kein Reporter darüber. Kultur im Radio zum Beispiel ist dann angesagt, wenn mit verquetschem Zungeschlag in Bandwurmsätzen, möglichst ohne Originaltöne, über Kulturereignisse schwadroniert, nicht berichtet wird. Oder wenn die Kultursendung zum Seminar ausartet – und als Zwischenmusik keine Melodien, sondern Töne  in ungewohnter Folge zu Gehör gebracht werden. Das erfreut die kleine Gemeinde, die sich das auf Kosten der Mehrheit der Gebührenzahler noch leisten kann. So werden Leser und Hörer vergrault. Und im Elfenbeinturm wird weiter geschlafen.

Bank und Krise?
Wenn man sich den Verdienst der Banken im Unterland anschaut, dann kann von Wirtschaftskrise keine Rede sein. Stolz verkünden die Geldinstitute  zum Beispiel eine Erhöhung des Geschäftsvolumens in 1996 von rund 6,5 Prozent (die Volksbanken und Raiffeisenbanken zum Beispiel). Bei der Kreissparkasse Heilbronn lag die Steigerung im Vergleich zum Vorjahr „nur“ bei 5,5 Prozent, dafür wird ein Jahresüberschuß wie im Vorjahr erwartet (30 Millionen). Man ist zufrieden bei den Bankern. Sorgen machen ihnen nur die vielen Pleiten im Lande. Oft muß das ausgeliehene Geld an diese Unternehmen dann in den Wind geschrieben werden. Wertberichtigungen nennt man das. Zahlen darüber aber lassen weder die Volksbanken noch die Kreissparkasse raus. Man will ja schließlich seine Niederlagen nicht in Heller und Pfennig der Öffentlichkeit präsentieren. Was bei den Bilanzen der Banken noch auffällig ist: Die Spareinlagen haben sich beträchtlich erhöht. Ist ja auch nicht zu übersehen. Die Leute haben Angst, horten das Geld – und dem Handel geht's miserabel. Die Banken aber können sich freuen. Beim Bauhandwerk sieht es ein wenig anders aus. Die Geldverwalter sehen teils schwarz für die Branche, andere meinen vieles pendle sich ein, was in den vergangenen Jahren überhitzt war. Eigentumswohnungen werden weniger nachgefragt, dafür steht das eigene Häuschen weiterhin hoch im Kurs. Und noch etwas ist auffällig. In machen Branchen geht es der einen Firma gut, der anderen miserabel. Nachgefragt, woran es liegt, meinen die Bänker übereinstimmend: am Management. Ein sehr guter Chef hat sehr gute Mitarbeiter und ebensolche Kunden. Der Fisch stinkt vom Kopf her. Ein Manager zweiter Klasse sucht sich Mitarbeiter dritter Klasse aus – und dementsprechend werden dann auch die Kunden behandelt. Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen. Auch im Geschäft gilt: Kommunikation ist alles. Wer seine Mitmenschen nur als Geldesel für sich betrachtet, muß – gottseidank – über kurz oder lang baden gehen.   

Republikaner
Nach ihren Erfolgen bei den Gemeinderats- und  Landtagswahlen war es recht still um die Republikaner im Unterland geworden. Alfred Dagenbach, Gärtnermeister und Landtagsabgeordneter sowie im Heilbronner Gemeinderat Rep-Fraktionsvorsitzender, bestimmte das Geschehen in seiner Partei eine Zeit lang nicht nur Landesgeschäftsführer, sondern ist weiterhin im Unterland der Mann, der  viele Rep-Fäden zieht. Erst neulich zog er mit einem ehemaligen Parteifreund vor Gericht, der ihn als „Mahatma“ in vielen Faxen betitelt hatte. „Große Seele“ aber wollte sich Dagenbach nicht nennen lassen. Hart wurde vor Gericht gefochten, da ging es nicht nur um die Anrede „lieber Mahatma“, sondern auch um die Beschimpfung „Kameradenverräter“ oder gar die ganze Unterländer Partei, in der „Kritiker beim Staatsschutz angezeigt werden. Dagenbach – hieß es da – könne sich „im Heilbronner Bumsverein nur entfalten, weil man sich dort gegenseitig ans Bein pinkelt.“ – Nachdem diese Geschichte einigermaßen ausgestanden war, wird jetzt mitgeteilt, daß der Heilbronner Rep-Kreisvorstand Versuche abgewehrt habe, den Heilbronner Kreisvorstand von rechts zu unterwandern. Man habe zahlreichen, „zum Teil dubiosen Aufnahmeersuchen“ eine Absage erteilt. Damit wolle man den immer wieder gegen die Republikaner „aus naheliegenden politischen Gründen gemachten Unterstellungen“, sie seien verfassungswidrig, von vornherein die Grundlage entziehen. Außerdem verweist man bei den Reps auf eingeschleuste V-Männer, die schon in vielen Kreisverbänden des Landes brave Parteimitglieder beeinflussen wollten, damit  die Verfassungswidrigkeit der Reps augenscheinlich werde. In Heilbronn halte man sich an die Abgrenzungsbeschlüsse und Richtlinien der Republikaner-Gremien in Bund und Land. Dagenbach will seine Partei offensichtlich in eine rechtsliberale Richtung drängen.  Wächst da ein kleiner Haider aus dem Unterland?        

Vom Eise befreit
An einem Samstag, irgendwann in den letzten Wochen, hetzte ich mal wieder in den Supermarkt, die letzten Einkäufe fürs Wochenende erledigen. Schwer bepackt verließ ich die Einkaufsstätte. Was ich draußen sah, verwunderte mich denn doch ein bißchen. Da steht ein Mann, in der einen Hand hat er seinen Schuh und untersucht ihn eingehend. Der Mann steht allerdings nicht auf einem Bein, obwohl der Parkplatz dick vereist ist, nein er drückt den gerade mal mit einer dünnen Socke geschützten Fuß aufs Eis. Das schaue ich mir an, denke ich. Eine Minute vergeht, zwei, drei Minuten verstreichen. Dann bückt sich der Mann, kratzt mit dem Autoschlüssel übers Eis und platziert grummelnd seinen Sockenfuß wieder auf gefrorene Fläche. Nach einem Weilchen beginnt das gleiche Schauspiel von neuem. Doch nun scheint der Einschuh mehr Erfolg zu haben. Nach längerem Kratzen zieht er ein Stück Papier aus der aufgetauten Fläche, das aussieht wie ein Geldschein. Tatsächlich, als ich näher hinschaue, stellt sich das Papier als Fünfzigmarkschein heraus, verloren von einem Einkäufer, eingefroren und archäologisch akribisch wieder aus dem Eise befreit von einem Finder. Ob der allerdings ein ehrlicher ist und das Geld auf dem Fundamt abgibt, bleibt dahingestellt. Weil, wer holt sich schon gerne eine nasse Socke und ein Eisbein, ohne ein bißchen warmen Geldsegen zu erhalten.

Aschermittwoch
Das war ein buntes Treiben – an den vergangenen Tagen bei uns in der Region. Die Narren trieben es so närrisch wie manche Politiker das ganze Jahr über – besonders närrisch gebärdete sich da die SPD mit dem  Rücktritt ihres Landtagsabgeordneten in Heilbronn Dr. Dieter Spöri. Aber auch das Rathaus Heilbronns  wird auch über den Aschermittwoch hinaus vom närrischen Treiben um die verschwundenen Millionen befallen sein. Der Hauptprozeß steht ja noch an. Und nur um Buntstifte oder Klarsichthüllen geht es da ganz bestimmt nicht. Wer sich da als Obernarr entpuppt, der Beschuldigte, die Superbetrüger aus dem Lande NRW oder unser OB, das wird sich noch herausstellen. Beim offiziellen Heringsessen im Restaurant am Stadtgarten, zu dem die Stadt Heilbronn freundlicherweise die organisierten Narren einlädt, wurden wieder heftige und derbe Witze vom Stapel gelassen, wie sich das so unter männlichen Narren gehört. Aber auch die Damen der Zunft stehen da nicht zurück. Sie lachen, wenn auch ein wenig verschämt – aber unter sich sind sie nicht weniger pointiert, was die Dinge unterhalb der Gürtellinie anbetrifft. Das Procedere – wie gehabt. Ab 10.45 Uhr Treffen „vor dem Rathaus“, Rede des CGH-Präsidenten – und dann nicht wie üblich zum Heringsessen in den Ratskeller, sondern diesmal ins Restaurant am Stadtgarten. Dort wird das abgesetzte CGH-Prinzenpaar den Schlüssel an die Stadt zurückgeben, damit die Bürgermeisterriege wieder das Narrenzepter schwingen kann. Spaß beiseite – ab jetzt wird es ernst. Heilbronn wird in diesem Jahr bei all den vorgelegten Sparplänen seine hochfliegen Pläne – wie Stadtbahn zum Beispiel, mehrmals überdenken müssen.  Denn die Narretei ist vorbei, neuerdings können Politiker für unverantwortliches Geldausgeben auch strafrechtlich belangt werden. Und dann ist es mit dem Spaß und der Narretei vorbei. Endlich. 

Woher? Wohin?
Alles ist schlecht, sagt die Opposition. Zu jeder Zeit. Das war immer so. Als die SPD regierte, war die CDU/CSU mit kaum etwas zufrieden. Seit die CDU/CSU wieder regiert, feuert die SPD aus vollen Rohren. Der Unterschied: Die Union stand von 1969 bis 1982 in der Opposition in Bonn, die SPD geht jetzt schon ins 15. Jahr. Und ein Ende ist nicht absehbar. Viele fragen, woran es liegt. Nun, wer nicht registriert, wie sich in den letzten zwanzig Jahren die Welt verändert hat, wer sich  weg von den Wurzeln als Arbeiter- und Kleine-Leute-Partei hin zur Lobbyisten-Partei für Lehrer und Beamte entwickelt, darf sich nicht wundern, wenn die Zustimmung immer weiter absinkt.  Da nutzen auch die fürsorglichen Argumentationsketten nichts, die in so manchen Zeitungsredaktionen gestrickt werden. Die Blauäugigkeit, mit der viele Sozis Politik in den Siebziger und Achtzigern betrieben haben, wirkt nach. Der Feind schien die USA zu sein, nicht das menschenverachtende kommunistische System im Osten. Das wurde in der Bevölkerung wohl registriert. Und als Gorbatschow samt Honecker von den Freiheitsbewegungen im Osten hinweggespült wurden, da standen die Sozis mit ihren Freundschaftspapieren reichlich hilflos, begossen und belämmert in der neuen politischen Landschaft herum. Ich kann mich noch gut erinnern, mit welch hämischen und abqualifizierenden Bemerkungen Heilbronner Spitzenpolitiker  aus diesem Lager, die Solidarnocz-Gewerkschaftsbewegung abqualifizierten. Klerikalfaschisten war da die mildeste Bezeichnung. Man kungelte bei den vielen Besuchen in Polen lieber mit den kommunistischen Gewerkschaften. Das gleiche bei der  Städtepartnerschaft mit Frankfurt/Oder. Liebdienerei vor der SED, Nichtbeachtung der Opposition. Und jetzt? Wehklagen und Zähneklappern. Da hilft nur: Das Haus ordentlich aufräumen. Weg mit dem Ideologie-plunder, damit die Sicht frei wird. Neue Leute braucht das Land. Zum Beispiel eine Kanzler-Kandidatin im Jahre 1998.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen