Donnerstag, 13. März 2014

Kiliansmännle, 15.01. 1997





Aktie gefällig
Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist. Heißt es für alle, die keine Aktien der Telekom gekauft hatten, in jenem alten Gassenhauer aus einer deutschen Operette. An einem Montag war T-Tag in Frankfurt am Main, wenig später in New York und am Dienstag dann in Tokio. Auch über die Unterländer Bankschalter sollen einige hundert Millionen in Telekom-Aktien geflossen sein. Bei einem Ausgabekurs von 28,50 Mark und einem Schlußkurs von 33.90 Mark war das am ersten Tag schon ein ganz schöner Gewinn für die Damen und Herren Aktienbesitzer: 19 Prozent. Danach gab es ein kleines Auf und Ab, und jetzt pendelt die Aktie zwischen 30 und 32 Mark hin und her. Viele denken schon an den Verkauf ihrer Wertpapiere. Aber Kenner der Materie meinen, langfristig gesehen würde der Gewinn noch ein wenig höher ausfallen. Die Telekom kann sich freuen. Werden doch endlich die Schulden, die sich in den Jahren so mir nichts dir nichts (dank Staatsbetrieb)angehäuft hatten, abgetragen. Aber mit dem Geld wurde ja auch ordentlich investiert, zum Beispiel in ein ISDN-Netz oder den Ausbau der Telekommunikation in den neuen Bundesländern. Und seit der Privatisierung hat sich bei der Telekom viel getan. Ein Telefonanschluß zum Beispiel ist recht schnell installiert, die monatlichen Rechnungen können detailliert die einzelnen Telefongespräche ausweisen, so man will. Selbst Telefonate umleiten kann man jetzt, wenn man mal bei Freunden zu Besuch ist. Dreierkonferenzen sind möglich und das berühmte Anklopfen, das beim Telefonieren darüber informiert, daß ein weiterer Teilnehmer gerade anruft. Alles Dienste, die in anderen Ländern schon seit Jahren selbstverständlich sind. Auch auch in Deutschland merkt man langsam, daß die Welt sich wandelt. Gerüstet scheint die Telekom für den Markt, jetzt muß sie sich nur behaupten.

Sekten-Angriffe
Sekten-Krieg gegen Kanzler Kohl – so titelte sehr treffend die größte deutsche Boulevard-Zeitung die Angriffe und Vorwürfe diverser Hollywood-Größen, die in einem offenen Brief in der Harold-Tribune als Anzeige veröffentlicht worden sind. Die Angriffe in der Bundesrepublik gegen Mitglieder der Sekte Scientology werden mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich verglichen.Unterschrieben haben den Brief unter anderem Dustin Hofman, Oliver Stone, Mario Puzo, Tina Sinatra und andere. Ehe man diese Leute verurteilt, muß man sich in Deutschland vor Augen führen, daß in Amerika das Verhältnis von Kirche und Staat ein anderes ist als bei uns. Die Religionsfreiheit ist dort oberstes Gebot. Seine Gründe hat diese Haltung in den Erfahrungen an die Religionsverfolgungen in Europa, die die ersten Einwanderer nach Amerika mitbrachten. Hinzu kommt die ohnehin laxe Haltung der Amerikaner zu Geschehnissen in Europa oder speziell Deutschland. Vielen Menschen in den USA ist nicht klar, wo sich dieses seltsame Land „Germany“ befindet, ob zwischen Rußland und Polen, Sizilien und Spanien, oder Bayern und Finnland. Aber vielen Deutschen ist ja auch nicht klar, wo sich die einzelnen Staaten der USA befinden, im Norden, Süden, Westen oder Osten. Wir müssen also nicht hochnäsig und arrogant über den Teich schauen. Viel wichtiger ist es, daß wir mit Sprüchen, Boykott-Aufrufen oder Verunglimpfungen gegen Sekten vorgehen. Strafwürdiges muß diesen Seelenfängern vorgehalten werden, so es vorhanden ist. Verbrechen, die sie begehen, müssen streng verfolgt werden. Aber nicht nur bei ihnen, sondern auch bei christlichen, jüdischen oder moslemischen Fundis, die mit Bomben und Terror ihre Mitmenschen traktieren. Und die Religionsfreit darf in unserem Staat dabei nicht angetastet werden. Von wem auch immer.

Rot oder grün?
Wenn über Parteien berichtet wird, die so um zehn Prozent in der Wählergunst liegen, dann gibt es doch große Unterschiede. Die Sicht hängt halt immer von der Brille des Betrachters ab. Zur Zeit ist es wohl so, daß die Grünen in so manchen Redaktionsstuben kleiner und großer Tageszeitungen eine starke Lobby haben. Ist ja auch klar. In den Uni-Städten und an den Hochschulen ist diese Partei mit ihrem Hang zu edlen, umweltsauberen und ansonsten unbedingt gerechten Zielen äußerst beliebt. Und so wird der alten Tante SPD, die sich im Ländle langsam aber sicher als Partei sich  zwischen zehn und zwanzig Prozent einzupendeln droht, auch noch nachgerufen, sie solle sich endlich für das Bündnis Rotgrün entscheiden. Bei der letzten Landtagswahl im Frühjahr 1996 ist Dieter Spöri ja diesem Ratschlag gefolgt – und fürchterlich baden gegangen. Jetzt behauptet Rezzo Schlauch, der Beinahe-OB von Stuttgart: „Ich sage nicht, vergeßt die SPD. Im Gegenteil, denkt an sie gerade jetzt im Advent. Wenn ihr in diesen Tagen eine Kerze anzündet, denkt an die SPD, vielleicht geht ihnen ja ein Licht auf.“ –  Daß die Stuttgarter OB-Wahl von der SPD verloren wurde, weil ihr Landesvorsitzender Ulrich Maurer wie schon bei der Landtagswahl falsche Strategien verfolgte, dürfte hinlänglich bekannt sein. Selbst in Bonn weiß man, daß nur starke Persönlichkeiten bei OB-Wahlen in Baden-Württemberg und anderswo siegen. Mainz hat es erst vor wenigen Wochen gezeigt. Dort hatte der Grüne keine Chance. Daß jetzt die Alternativen die SPD zum Juniorpartner degradieren wollen, das ist ihr gutes Recht. Wenn die Sozis das auch noch mit sich machen lassen, dann haben sie auch nichts anderes verdient. Aber viele Genossen im Ländle haben auch schon Pläne, den Kurs zu ändern. Mit Namen wie Erhard Klotz und Siegmar Mosdorf. Nur der Mut dazu fehlt ihnen noch – wie die Beton-Geschlossenheit nach einigem Murren jetzt zeigt. Vielleicht kommt der Mut, wenn die Partei bei zehn Prozent angelangt ist. Aber dann kann es auch zu spät sein. Und ob die großen Pläne der letzten Tage, Bezirksebenen à la CDU bei der SPD einzuführen, von Wahlerfolgen gekönt sein wird, das ist füglich zu bezweifeln. Erst kommt die Arbeit .

Jäger und Töten
Jener Jäger, der um die Weihnachtszeit 1996 im südlichen Landkreis Heilbronn die angeschossene Ente, die von Kindern gefunden wurde, kurzerhand mit wenigen, blutigen Schlägen ins Jenseits beförderte, hat viel Aufsehen erregt. Nun hat sich dieser Mann mit seinem wenig sensiblen Verhalten nicht strafbar gemacht. Ihn moralisierend zu verfolgen, das hieße den Sachverhalt ein wenig überstrapazieren. Verglichen mit dem, was bei uns in Schlachthöfen, bei Tiertransporten oder in Hühnerfarmen tagtäglich geschieht, hat sich dieser Jäger ganz normal verhalten, indem er das verletzte Tier sogleich ins Jenseits beförderte. Es hätte ja nicht gerade vor den Augen der entsetzten Kinder sein müssen. Nun sagten mir einige Leute, sie hätten als Kinder auf Bauernhöfen in der Nachkriegszeit ganz andere Dinge erlebt, wenn Kühe, Schweine, Hühner oder Tauben geschlachtet wurden. Unsere Kinder wachsen heute in einem grausamen Zwiespalt auf. Sie sehen Wurst und Fleischwaren in Hülle und Fülle, nicht aber dahinter die getöteten Tiere. In Tiergeschichten und -filmen lagert der Löwe beim Lamm – wie im Paradies. Aber das ist eben das grausame Märchen. Jeder kleine putzige Löwe, Leopard oder Tiger lebt vom Fleisch, das seine Eltern für ihn in der Steppe gerissen haben. Oder falls er im Zoo aufwächst, von jenem Fleisch, das aus dem Schlachthof kommt. Der Gottesstaat, den sich so mancher Träumer erhoffen, ist auf Erden nicht einrichtbar – und wäre wahrscheinlich grausamer als die vorhandenen Zustände. Jene, die ihn anstrebten, haben es uns gezeigt. Also nicht mit dem Finger auf jenen Jäger zeigen. Drei Finger unserer Hand zeigen auf uns zurück.

Bechstein-Selbstanzeige
Im Herbst des vergangenen Jahres war er noch der große Held und wurde bei seiner Verabschiedung gebührend gefeiert: der Pfarrer und ehemaliger Manager der Beschützenden Werkstätte Hans-Dieter Bechstein. Wenn er am 23. Januar 1997 seinen 70. Geburtstag feiert, dann sollten seine Kritiker nicht übersehen, daß er sich um „seine“ Behinderteneinrichtung und die Menschen, die dort ein Leben unter halbwegs normalen Bedingungen führen können, verdient gemacht hat. Daran beißt die Maus keinen Faden ab, auch wenn sie eine Kirchenmaus ist. Die Vorwürfe gegen Pfarrer Bechstein werden überprüft. Der erste Bericht liegt vor, der von seinem Nachfolger zu recht in Auftrag gegeben wurde. Wenn Anschuldigungen in vorhandenen Dimension gemacht werden, dann müssen sie als Fakten auf den Tisch. Ausreichend ist das nicht zu einer Verurteilung. Denn der Angeklagte muß gehört werden – und solange er nicht von einem ordentlichen Gericht verurteilt worden ist, hat er als unschuldig zu gelten und auch so behandelt zu werden. Hans-Dieter Bechstein hat jetzt beim Heilbronner Finanzamt Selbstanzeige über einen nicht versteuerten Betrag von 140.000 Mark erstattet. Das ist kein Schuldeingeständnis, sondern verpflichtet das Amt genau nachzuprüfen. Auch die Heilbronner Staatsanwaltschaft muß erst prüfen, ob überhaupt strafbare Handlungen im „Fall Bechstein“ vorliegen. Sollten beide Prüfungen negativ für den ehemaligen Leiter der Werkstätten ausfallen, erst dann kommt es zu einer Anklage. Und sollte sich beim anschließenden Prozeß herausstellen, daß schuldhaftes Verhalten vorliegt, erst dann kann geurteilt werden – von einem unabhängigen Gericht. Bechstein hat gegenüber der Staatsanwaltschaft sich eingelassen und einer Stellungnahme sämtliche gegenüber ihn erhobene Vorwürfe als falsch dargelegt. Seine Gegner behaupten, er habe seit 1973 gegen kirchliches Recht verstoßen und den Beschützenden Werkstätten hohen Schaden zugefügt. Ich sage dem ehemaligen Prediger der Kilianskirche ungeachtet dieses Schlachtgetümmels: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Und ich wünsche ihm lutherische Standfestigkeit.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen