Glücklich ist,
wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist. Heißt es für alle, die keine Aktien
der Telekom gekauft hatten, in jenem alten Gassenhauer aus einer deutschen
Operette. An einem Montag war T-Tag in Frankfurt am Main, wenig später in New
York und am Dienstag dann in Tokio. Auch
über die Unterländer Bankschalter sollen einige hundert Millionen in
Telekom-Aktien geflossen sein. Bei einem Ausgabekurs von 28,50 Mark und
einem Schlußkurs von 33.90 Mark war das am ersten Tag schon ein ganz schöner
Gewinn für die Damen und Herren Aktienbesitzer: 19 Prozent. Danach gab es ein
kleines Auf und Ab, und jetzt pendelt die Aktie zwischen 30 und 32 Mark hin und
her. Viele denken schon an den Verkauf ihrer Wertpapiere. Aber Kenner der
Materie meinen, langfristig gesehen würde der Gewinn noch ein wenig höher
ausfallen. Die Telekom kann sich freuen. Werden doch endlich die Schulden, die
sich in den Jahren so mir nichts dir nichts (dank Staatsbetrieb)angehäuft
hatten, abgetragen. Aber mit dem Geld wurde ja auch ordentlich investiert, zum
Beispiel in ein ISDN-Netz oder den Ausbau der Telekommunikation in den neuen
Bundesländern. Und seit der Privatisierung hat sich bei der Telekom viel getan.
Ein Telefonanschluß zum Beispiel ist recht schnell installiert, die monatlichen
Rechnungen können detailliert die einzelnen Telefongespräche ausweisen, so man
will. Selbst Telefonate umleiten kann man jetzt, wenn man mal bei Freunden zu
Besuch ist. Dreierkonferenzen sind möglich und das berühmte Anklopfen, das beim
Telefonieren darüber informiert, daß ein weiterer Teilnehmer gerade anruft.
Alles Dienste, die in anderen Ländern schon seit Jahren selbstverständlich
sind. Auch auch in Deutschland merkt man langsam, daß die Welt sich wandelt.
Gerüstet scheint die Telekom für den Markt, jetzt muß sie sich nur behaupten.
Sekten-Angriffe
Sekten-Krieg
gegen Kanzler Kohl – so titelte sehr treffend die größte deutsche
Boulevard-Zeitung die Angriffe und Vorwürfe diverser Hollywood-Größen, die in
einem offenen Brief in der Harold-Tribune als Anzeige veröffentlicht worden
sind. Die Angriffe in der Bundesrepublik
gegen Mitglieder der Sekte Scientology werden mit der Verfolgung der Juden im
Dritten Reich verglichen.Unterschrieben haben den Brief unter anderem
Dustin Hofman, Oliver Stone, Mario Puzo, Tina Sinatra und andere. Ehe man diese
Leute verurteilt, muß man sich in Deutschland vor Augen führen, daß in Amerika
das Verhältnis von Kirche und Staat ein anderes ist als bei uns. Die
Religionsfreiheit ist dort oberstes Gebot. Seine Gründe hat diese Haltung in
den Erfahrungen an die Religionsverfolgungen in Europa, die die ersten
Einwanderer nach Amerika mitbrachten. Hinzu kommt die ohnehin laxe Haltung der
Amerikaner zu Geschehnissen in Europa oder speziell Deutschland. Vielen
Menschen in den USA ist nicht klar, wo sich dieses seltsame Land „Germany“
befindet, ob zwischen Rußland und Polen, Sizilien und Spanien, oder Bayern und
Finnland. Aber vielen Deutschen ist ja auch nicht klar, wo sich die einzelnen
Staaten der USA befinden, im Norden, Süden, Westen oder Osten. Wir müssen also
nicht hochnäsig und arrogant über den Teich schauen. Viel wichtiger ist es, daß
wir mit Sprüchen, Boykott-Aufrufen oder Verunglimpfungen gegen Sekten vorgehen.
Strafwürdiges muß diesen Seelenfängern vorgehalten werden, so es vorhanden ist.
Verbrechen, die sie begehen, müssen streng verfolgt werden. Aber nicht nur bei
ihnen, sondern auch bei christlichen, jüdischen oder moslemischen Fundis, die
mit Bomben und Terror ihre Mitmenschen traktieren. Und die Religionsfreit darf
in unserem Staat dabei nicht angetastet werden. Von wem auch immer.
Rot
oder grün?
Wenn über
Parteien berichtet wird, die so um zehn Prozent in der Wählergunst liegen, dann
gibt es doch große Unterschiede. Die Sicht hängt halt immer von der Brille des
Betrachters ab. Zur Zeit ist es wohl so, daß die Grünen in so manchen
Redaktionsstuben kleiner und großer Tageszeitungen eine starke Lobby haben. Ist
ja auch klar. In den Uni-Städten und an den Hochschulen ist diese Partei mit
ihrem Hang zu edlen, umweltsauberen und ansonsten unbedingt gerechten Zielen
äußerst beliebt. Und so wird der alten Tante SPD, die sich im Ländle langsam
aber sicher als Partei sich zwischen
zehn und zwanzig Prozent einzupendeln droht, auch noch nachgerufen, sie solle
sich endlich für das Bündnis Rotgrün entscheiden. Bei der letzten Landtagswahl im Frühjahr 1996 ist Dieter Spöri ja
diesem Ratschlag gefolgt – und fürchterlich baden gegangen. Jetzt behauptet
Rezzo Schlauch, der Beinahe-OB von Stuttgart: „Ich sage nicht, vergeßt die SPD.
Im Gegenteil, denkt an sie gerade jetzt im Advent. Wenn ihr in diesen Tagen
eine Kerze anzündet, denkt an die SPD, vielleicht geht ihnen ja ein Licht auf.“
– Daß die Stuttgarter OB-Wahl von der
SPD verloren wurde, weil ihr Landesvorsitzender Ulrich Maurer wie schon bei der
Landtagswahl falsche Strategien verfolgte, dürfte hinlänglich bekannt sein.
Selbst in Bonn weiß man, daß nur starke Persönlichkeiten bei OB-Wahlen in
Baden-Württemberg und anderswo siegen. Mainz hat es erst vor wenigen Wochen
gezeigt. Dort hatte der Grüne keine Chance. Daß jetzt die Alternativen die SPD
zum Juniorpartner degradieren wollen, das ist ihr gutes Recht. Wenn die Sozis
das auch noch mit sich machen lassen, dann haben sie auch nichts anderes
verdient. Aber viele Genossen im Ländle haben auch schon Pläne, den Kurs zu
ändern. Mit Namen wie Erhard Klotz und Siegmar Mosdorf. Nur der Mut dazu fehlt
ihnen noch – wie die Beton-Geschlossenheit nach einigem Murren jetzt zeigt.
Vielleicht kommt der Mut, wenn die Partei bei zehn Prozent angelangt ist. Aber
dann kann es auch zu spät sein. Und ob die großen Pläne der letzten Tage,
Bezirksebenen à la CDU bei der SPD einzuführen, von Wahlerfolgen gekönt sein
wird, das ist füglich zu bezweifeln. Erst kommt die Arbeit .
Jäger
und Töten
Jener Jäger, der
um die Weihnachtszeit 1996 im südlichen Landkreis Heilbronn die angeschossene
Ente, die von Kindern gefunden wurde, kurzerhand mit wenigen, blutigen Schlägen
ins Jenseits beförderte, hat viel Aufsehen erregt. Nun hat sich dieser Mann mit
seinem wenig sensiblen Verhalten nicht strafbar gemacht. Ihn moralisierend zu verfolgen, das hieße den Sachverhalt ein wenig
überstrapazieren. Verglichen mit dem, was bei uns in Schlachthöfen, bei
Tiertransporten oder in Hühnerfarmen tagtäglich geschieht, hat sich dieser
Jäger ganz normal verhalten, indem er das verletzte Tier sogleich ins Jenseits
beförderte. Es hätte ja nicht gerade vor den Augen der entsetzten Kinder
sein müssen. Nun sagten mir einige Leute, sie hätten als Kinder auf Bauernhöfen
in der Nachkriegszeit ganz andere Dinge erlebt, wenn Kühe, Schweine, Hühner
oder Tauben geschlachtet wurden. Unsere Kinder wachsen heute in einem grausamen
Zwiespalt auf. Sie sehen Wurst und Fleischwaren in Hülle und Fülle, nicht aber
dahinter die getöteten Tiere. In Tiergeschichten und -filmen lagert der Löwe
beim Lamm – wie im Paradies. Aber das ist eben das grausame Märchen. Jeder
kleine putzige Löwe, Leopard oder Tiger lebt vom Fleisch, das seine Eltern für
ihn in der Steppe gerissen haben. Oder falls er im Zoo aufwächst, von jenem
Fleisch, das aus dem Schlachthof kommt. Der Gottesstaat, den sich so mancher
Träumer erhoffen, ist auf Erden nicht einrichtbar – und wäre wahrscheinlich
grausamer als die vorhandenen Zustände. Jene, die ihn anstrebten, haben es uns
gezeigt. Also nicht mit dem Finger auf jenen Jäger zeigen. Drei Finger unserer
Hand zeigen auf uns zurück.
Bechstein-Selbstanzeige
Im Herbst des
vergangenen Jahres war er noch der große Held und wurde bei seiner
Verabschiedung gebührend gefeiert: der Pfarrer und ehemaliger Manager der
Beschützenden Werkstätte Hans-Dieter Bechstein. Wenn er am 23. Januar 1997
seinen 70. Geburtstag feiert, dann sollten seine Kritiker nicht übersehen, daß
er sich um „seine“ Behinderteneinrichtung und die Menschen, die dort ein Leben
unter halbwegs normalen Bedingungen führen können, verdient gemacht hat. Daran
beißt die Maus keinen Faden ab, auch wenn sie eine Kirchenmaus ist. Die
Vorwürfe gegen Pfarrer Bechstein werden überprüft. Der erste Bericht liegt vor,
der von seinem Nachfolger zu recht in Auftrag gegeben wurde. Wenn Anschuldigungen in vorhandenen
Dimension gemacht werden, dann müssen sie als Fakten auf den Tisch.
Ausreichend ist das nicht zu einer Verurteilung. Denn der Angeklagte muß gehört
werden – und solange er nicht von einem ordentlichen Gericht verurteilt worden
ist, hat er als unschuldig zu gelten und auch so behandelt zu werden.
Hans-Dieter Bechstein hat jetzt beim Heilbronner Finanzamt Selbstanzeige über
einen nicht versteuerten Betrag von 140.000 Mark erstattet. Das ist kein
Schuldeingeständnis, sondern verpflichtet das Amt genau nachzuprüfen. Auch die
Heilbronner Staatsanwaltschaft muß erst prüfen, ob überhaupt strafbare
Handlungen im „Fall Bechstein“ vorliegen. Sollten beide Prüfungen negativ für
den ehemaligen Leiter der Werkstätten ausfallen, erst dann kommt es zu einer
Anklage. Und sollte sich beim anschließenden Prozeß herausstellen, daß
schuldhaftes Verhalten vorliegt, erst dann kann geurteilt werden – von einem
unabhängigen Gericht. Bechstein hat gegenüber der Staatsanwaltschaft sich
eingelassen und einer Stellungnahme sämtliche gegenüber ihn erhobene Vorwürfe
als falsch dargelegt. Seine Gegner behaupten, er habe seit 1973 gegen
kirchliches Recht verstoßen und den Beschützenden Werkstätten hohen Schaden
zugefügt. Ich sage dem ehemaligen Prediger der Kilianskirche ungeachtet dieses
Schlachtgetümmels: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Und ich wünsche ihm
lutherische Standfestigkeit.
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