Samstag, 15. März 2014

Kiliansmännle, 30.04.1997



Kulturmeile
Heilbronn ist eine Stadt zwischen den Weinbergen. Ihr Wein ist weit übers Unterland hinaus bekannt und begehrt. Doch was das kulturelle Angebot angeht, sind wir Heilbronner eher das Biedere gewohnt. Da machen andere kleinere Kommunen im Umland ganz anders von sich reden. Nehmen wir beispielsweise Künzelsau. Unlängst erst pilgerten Tausende von Menschen in die vom Vorzeigeunternehmer Reinhold Würth initiierte Gaugauin-Ausstellung. Da wurde hohe Kunst den breiten Massen verständlich dargeboten. Auf die Zehn-Mark-Eintrittskarte war sogar noch ein Gutschein für ein Tässchen Kaffee gedruckt. Und auch die eher hinterwäldlerische Gemeinde Fichtenau bei Crailsheim zeigt dieser Tage, wie Kunst zur Imageverbesserung taugen kann. Eine Dali-Ausstellung wird dort im Rathaus präsentiert. Ein rühriger Bürgermeister, der so etwas auf die Füße stellt. Bleibt nur zu hoffen, daß der Nachfolger von Heilbronns Kulturschultes Reiner Casse ähnliche Ideen haben wird. Schlecht wäre es nicht. Auch für das Image der Stadt Heilbronn, Bürgermeister Harald Friese (SPD). 

Mit dem Teufel im Bunde?
Aus den Schmuddelkindern und Bürgerschrecks von einst sind seriöse Politik-Partner geworden. Was vor fünf, sechs Jahren undenkbar gewesen wäre, ist unlängst eingetreten: Erwin Teufel, christdemokratischer Ministerpräsident trat als Gastredner beim Landesparteitag der baden-württembergischen Grünen in Bruchsal auf. Einer gegen alle – so könnte das Motto dieser Veranstaltung gelautet haben. Auch der Grünen-Kreisverband aus Heilbronn war in Bruchsal vor Ort. Und was vor fünf, sechs Jahren auch undenkbar gewesen wäre: Artig spendeten die Öko-Parteimitglieder dem erzkonservativen CDU-Politiker (SPD-Chef Mauer über Erwin Teufel) Beifall. Die Zeiten ändern sich eben und werden härter für die Sozialdemokraten. Das sehen auch die Heilbronner Genossen so. Argwöhnisch betrachtete man dort die schwarz-grünen Annäherungsversuche. Sehr zurückhaltend übrigens auch der jüngere Teil der Schwarzen. Thomas Strobl, Heilbronner CDU-Hoffnungsträger und Kreisvorsitzender, äußerte sich zum Thema Schwarz-grün nicht. Wozu auch. Über Koalitionen sollte man reden, wenn sie anstehen. Dennoch: Für große Interpretationen ist wenig Platz – auch nach Teufels Auftritt nicht. Schwarz-grün kommt nicht in Frage, für die Grünen nicht und auch für die Schwarzen nicht. Das versicherten Teufel und Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn einhellig. Aber die Stimmung, die durch Teufels Auftritt erzeugt wurde, zeigt eindeutig in eine Richtung: Die beherrschende Regierungspartei CDU nimmt nur die Grünen als Opposition ernst und wahr. Und die FDP, der wenig geliebte Koalitionspartner in Stuttgart, muß noch einiges tun, damit Erwin Teufel auf einem ihrer Parteitage auftritt. Denn mittlerweile haben sich die Grünen in Baden-Württemberg zur Mittelstandspartei entwickelt. Man braucht nur auf deren Wahlergebnisse in den besseren Wohngegenden zu schauen. Auch in Heilbronn – und die FDP-Ergebnisse daneben legen. Und jetzt die Steuerreform-Vorschläge der Grünen im Bund zu betrachten. SPD-nah sind sie wahrlich nicht.

Nicht besenrein
Die Besenwirtschaft – eine Hochburg der Württemberger Wengerter. Kaum ein Landstrich, in dem diese Institution fröhlicher Weinzähne so gepflegt wird wie im Unterland. Kein Wunder, es gibt kaum eine Lokalität, in der sich billig und gut ein Vesper mit einem Viertele genießen läßt. Da gibt es Salzfleisch mit Kraut, Würste aus eigener Herstellung, ein festes Besenbrot oder auch mal ein Käsebrot mit viel Zwiebeln drauf. Doch die Zeiten haben sich geändert – Marktanpassung nennt man das wohl – hatten die Besen früher nur einige wenige Tage pro Jahr geöffnet, sind nun etliche Einrichtungen über viele Wochen geöffnet. Und ich möchte einmal vermuten, da werden nicht nur Wein und Produkte aus eigener Herstellung an den Gast gebracht. Das wären schon ordentlich große Betriebe, die soviel Wein ausschenken könnten und so viele Säue im Stall hätten. Und in manchen Besen gibt es mittlerweile auch Weizenbier und Pommes frites. Wo bitteschön liegt denn dann der Unterschied zur ganz normalen Gastwirtschaft? Gibt es keinen? Ja, aber mit dem Namen Besen lassen sich Ausflügler anlocken und mit dem vor die Wirtschaft gehängten Reisigbesen so mancher unwissende Gast aus dem Nichtschwäbischen an gute alte Tradition glauben machen. Eines wundert mich nur: Daß sich solchen Verfall der guten alten Besensitten die wahren, ehrlichen, wirklichen Besenwirte gefallen lassen. Die nämlich, die zur Besenzeit ihr Wohnzimmer, ihre gute Stube für die Gäste ausräumen. Vielleicht sollte sich um diesen Besen-Schindluder doch einmal der Wirtschaftskontrolldienst kümmern. Übrigens ist dies auch eine rein baden-württembergische Erfindung, zum Segen des Verbrauchers.

1. Mai 1997
Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Aber nicht nur. Am „Tag der Arbeit“, an dem die meisten Menschen in Deutschland nicht arbeiten, schlagen zunächst  einmal Redner auf Mai-Kundgebungen ordentlich aus. Zum Beispiel Gregor Gysi in Hohenlohe. Jener PDS-Mann, der am Vorabend noch in Heilbronn zu seinen Genossen/Genossinnen von der PDS und ihren Sympathisanten aus dem linken Spektrum gegen die Bundesregierung zu Felde ziehen wird. Sein Thema im Haus des Handwerks heute am 30. April ab 20 Uhr: „Wie kriegen wir die Kohlregierung weg? Wirtschafts- und sozialpolitische Alternativen.“ Nun – dieser Gregor ist ja auch ein durchaus renommierter Mann, der schon oft in evangelischen Akademien (vor allem in Westdeutschland) viel beklatscht seine Thesen für einem neuen Sozialismus darlegen konnte. Mit nur einer kleinen Träne im Knopfloch blickt er auf den Verbrecherstaat DDR zurück, den viele angekränkelte Linksliberale in seiner Agonie noch gern (von der Bundesrepublik hochsubventiniert) gerettet hätten, damit auf deutschen Boden der Traum von einem besseren Leben in einer wirklich gerechten Gesellschaft geträumt werden könnte. Aber der kalte Wind der Geschichte hat diesen Traum (nicht nur in Deutschland) einfach weggeblasen. Und jetzt bietet halt die PDS gelegentlich noch ein kleines Lagerfeuer, an dem man sich träumend wärmen kann. Aber man könnte ja auch umziehen, in die letzten Enklaven des Sozialismus auf dieser Welt – nach China, Nordkorea oder Kuba. Aber da unsere lieben Feierabend-Revolutionäre zumeist Pensionsanspruch besitzen, bleiben sie doch lieber in ihren Häusern oder Eigentumswohnungen in deutschen Landen und genießen hier die Früchte des ungerechten Kapitalismus, die weitaus besser munden als das trockene Brot des Sozialismus. Wie hieß es einst so schön im hochgelobten Osten: Salz und Brot macht Wangen rot, Butterbröter machen sie noch röter.

Augen raus
Noch ein Heilbronner Skandal. In einem Bestattungsunternehmen sollen Leichen die Augäpfel herausgenommen worden sein, ohne daß die Angehörigen davon unterrichtet wurden. Auch Herzschrittmacher wurden entfernt, ohne daß über ihren Verbleib etwas bekannt wurden. Leichen, die verbrannt werden sollten, hatten in ihren Särgen allerlei sonderbaren Müll – angeblich zur besseren Brennbarkeit. Es hagelt Beschuldigungen, Vorwürfe, Verdächtigungen, daß einem ganz schwindelig wird. Und es kommen Fragen auf. Wie kommt es, daß Bestattern Leichen überlassen werden, in denen noch Herzschrittmacher, Skalpelle, Nadeln oder Kanülen stecken. Ist es nicht die Aufgabe eine Krankenhauses, eine Leiche „ordnungsgemäß“ dem Bestatter zu übergeben. Daß es bei den Bestattungsunternehmen Konkurrenz gibt, das Geschäft hart ist, ist hinlänglich bekannt. Krankenhäuser sind da ein nicht unbedeutender Auftraggeber. Gefragt sind also nicht nur bestimmte Bestattungsunternehmen, im Kreuzfeuer stehen auch die Krankenanstalten. Hinzu kommt noch der „Heilbronner Hornhäuteskandal“, wie es Boulevard-Zeitungen und -Fernsehsendungen nennen. Ein Mitarbeiter der Heilbronner Augenklinik habe Leichen nicht nur Hornhäute entnommen, sondern ganze Augäpfel – und diese in einer sterilen Kochsalzlösung in die Klinik am Gesundbrunnen transportiert. Den Leichen seien dann Glasaugen eingesetzt worden. Bestimmt waren die Augenhornhäute für Notfallpatienten. Ich frage mich ernsthaft, was daran verwerflich ist. Den Toten helfen diese Hornhäute nicht mehr, ihren Verwandten auch nicht. Aber Menschen, die durch Unfälle oder Krankheit in eine grausame Situation geraten, können diese Hornhäute die Sehkraft erhalten. Juristisch ist diese Feld noch Brachland. „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“, Sachbeschädigung“, „Störung der Totenruhe“ – diese juristischen Begriffe sind dem Nutzen der Hornhäute für die Lebenden nicht im Ansatz angemessen. Es geht vielmehr darum, Leben zu erhalten und zu bewahren, Kranken zu helfen. Darum hat sich der renommierte Chef der Heilbronner Augenklinik Professor Dr. Otto Käfer bemüht. Ihn jetzt in die Nähe krimineller Machenschaften zu bringen, ist mehr als nur Hohn. Es erinnert verdammt an Intrige und Rache. Ich möchte jene sehen und hören, die heute so schnell verurteilen, wenn sie oder ihre Verwandten auf diese Hornhäute angewiesen wären.

Steuerreform
Die Notwendigkeit einer Steuerreform bei uns in Deutschland wurde zunächst einmal von Experten beschworen. Dann hatte sich die Politik des leidigen Themas angenommen. Die Parteien diskutierten viel. Auch im deutschen Bundestag wurde die Reform beschworen. Und als die Regierung in Bonn zu Beginn des Jahres ein Reformpaket vorlegte, waren die Experten voll des Lobes, die Opposition wollte sachlich und genau prüfen. Eine Entlastung für alle Steuerzahler war das Ziel. Aber mit den Wochen geriet das Reformpaket unter die Hände der Lobbyisten von links und rechts. Jetzt wird nur noch geredet und zerredet. Jeder will die Reform, aber nur mit den Abstrichen für seine Klientel. Es entsteht der schlichte Eindruck, daß die Wirtschaft in Deutschland noch nicht tief genug am Boden liegt. Der Leidensdruck muß offenbar noch viel größer werden, damit sich in diesem Lande etwas bewegt. Die mahnende Rede des Bundespräsidenten am Wochenende wird zitiert und zitiert, vor jeder Polit-Gruppe als Beleg gegen die andere. Die naßforsche Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein Heide Simonis erkannte in einem Fernsehinterview zu recht, daß die Bürger irgendwann diese Politiker zum Teufel jagen werden, wenn es einfach so weitergeht und sich nichts bewegt. Im Applaus für den Bundespräsidenten ist Stagnation festzustellen. Eine offensichtlich betäubte Politik nimmt die Arbeitslosigkeit als Massenphänomen leicht hin, blockiert sich täglich selber und beweist dem staunenden Volk ihre Reformunfähigkeit. Hinzu kommt: In keinem Land der klassischen Demokratien des Westens regiert ein Mann so lange wie jener, der jetzt erneut seine Kanzlerkandidatur angekündigt hat. Es wäre besser, er würde jetzt den Stab weitergeben. Auch hier wäre eine Reform vonnöten. Mehr als drei Legislaturperioden sollte niemand Kanzler sein. Der Wechsel gehört zu jeder gesunden Demokratie.

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