Freitag, 21. März 2014

Kiliansmännle, 30.07.1997




Schulferien
Heute ist es endlich soweit. Die Zeugnisse sind verteilt. Männliche und weibliche Wesen, die täglich unsere Schulen bevölkern, wissen jetzt, wo sie im kommenden Schuljahr die Bank drücken müssen, ob sie versetzt werden oder das Schuljahr wiederholen müssen, das Abitur in der Tasche haben oder nochmals ein Jahr lang dem Lappen nachbüffeln müssen. Die witzigen oder abstrusen Abischerze sind abgeflammt. Die Sommerferien können beginnen. Unsere vielgescholtenen, hochbezahlten und immer noch beamteten Lehrer fahren in den wohlverdienten Urlaub – hoffentlich wie üblich mit einer Bildungsreise. Weit weg von den sie plagenden Kindern fremder Eltern, denen sie in den zurückliegenden Monaten beibringen mußten, was die mehrheitlich eh nicht wissen wollten, aber für das Leben unbedingt brauchen. Ob alles sinnvoll ist, was in den Schulen gepaukt wird, sei einmal dahingestellt. Oft ist es ja auch so, daß Lehrer an den weiterführenden Schulen sich als verhinderte Wissenschaftler empfinden, die nur durch einen dummen Zufall in den Schuldienst statt an die Universität gelangt sind. Die Schüler haben dann das Nachsehen. Denn sie wollen ja nur das Abi machen, um im Leben voranzukommen. Schule soll anregen und fördern, aber nicht Jugendliche zu Pseudowissenschaftlern heranbilden. Und Lehrer sollten in erster Linie Pädagogen, Erzieher sein, nicht abgehobene Intellektuelle im wissenschaftlichen Wolkenkuckucksheim. Aber diese Klage ist so alt wie unser Bildungssystem. Und wird in vielen Witzen oder Komödien über Lehrer und Schulen ständig zitiert. Es gibt ja sogar ganz böse Zeitgenossen, die behaupten, daß Lehrer in den vielen Jahren des Umgangs mit Menschen, denen sie Wissen beibringen müssen, emotional selber auf das Niveau von Jugendlichen sinken, weil ihnen der Widerstand von erwachsenen Zeitgenossen fehlt. Aber damit müssen sich Schulpsychologen auseinandersetzen. Davon gibt es ja genug. 

Deutsche in Finnland
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Die Wirtschaftsfördergesellschaft Raum Heilbronn hatte eingeladen – und viele Unterländer Geschäftsleute reisten mit. Werner Grau, der Erste Bürgermeister der Stadt Heilbronn, vervollständigte wegen einer wichtigen Gemeinderatssitzung am Donnerstag (24. Juli) zusammen mit dem Chef der Lokalredaktion der Heilbronner Stimme Gerd Kempf erst am Freitag die Wirtschaftsdelegation in Oulu. Und beide hatten damit einige wichtige Besuche versäumt: im Technologie- und Gründerzentrum, beim Weltkonzern Nokia und der Tageszeitung Kaleva, die 1999 ihren hundersten Geburtstag feiert. Aber Teile davon wurden für diese beiden Herren nachgeholt. Und wer war noch dabei? Wolfgang Triebel (Geschäftsführer im EVS-Kohlekraftwerk Heilbronn), Hans Bauer (Sprecher der Siemens-Zweigniederlassung Heilbronn), Peter Degen (Geschäftsführer der Degen Communication/Nokia Systemcenter Heilbronn), Thomas Lischke (Geschäftsführer der Centaur-Unternehmengruppe Heilbronn), Dietmar Schellenberger (Geschäftsführer der Altvater Airdata Systems Bad Rappenau), Ulrich Miessner ( Geschäftsführer CUW, Bad Wimpfen), Walter Kress (Geschäftsführer Kress & Co, Umweltschonende Landtechnik, Neuenstadt), Professor Dr. Ewald Pruckner (Leiter des Steinbeis-Transferzentrums Heilbronn), Margarete Schwab (Industrie- und Handelskammer Heilbronn), Hans-Hermann Nothwang (Geschäftsführer der Firma Schwäbische Wurst-Spezialitäten Nothwang, Bad Friedrichshall), Berthold Böckling (Geschäftsführender Gesellschafter der Firma Glas- und Porzellan Böckling, Neudenau), Jürgen Dieter Ueckert (Redaktionsleiter Neckar Express) und Andreas Jocham (Stellvertretender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Raum Heilbronn). Mit Ehefrauen war die Unterländer Delegation 18 Menschen stark. Demnächst wird sich herausstellen, ob die Kontakte zum Unterland so stark werden, wie der Eindruck, den die Heilbronner Wirtschaftsdelegation von Oulu in Finnland hatte.      

Kehraus eines Oberbürgermeisters
Das Foto ist noch gar nicht so alt und hübsch anzusehen: Da sitzt ein Mann auf einer kleinen mobilen Kehrmaschine und lächelt zuversichtlich. Viele Heilbronner kennen diesen Mann. Mehr als sieben Jahre ist es her, da war der heute 57jährige Baubürgermeister im Heilbronner Rathaus. Ulrich Bauer heißt der Mann auf der Kehrmaschine. Nach seinen Heilbronner Jahren wurde er Oberbürgermeister von Esslingen. Doch der kommunalen Leidenschaft des SPD-Mannes setzt nun ein Leiden, Folge eines Verkehrsunfalles, ein überraschend frühes Ende. Ulrich Bauer tritt nach Ablauf seiner ersten Esslinger Amtszeit im Januar 1998 nicht mehr an. Die Ärzte haben ihm zu diesem Schritt geraten. Bauer bedauert zutiefst, ihn tun zu müssen. Wir glauben ihm dies, wollen ihn nicht einordnen in die enorme Zahl der Bürgermeister, die ihr Amt beenden und dann enorme Energie darauf verwenden, in einer Unternehmensberatung tätig zu sein. In der Region Stuttgart hatte Bauers Stimme Gewicht. Er gilt als besonnener Mann, der sich beispielsweise nicht generell gegen die Messe am Flughafen ausspricht, allerdings auf einen vernünftigen Kompromiß für die Filder drängt. Bauer hat sich in seinen Esslinger Jahren als der präsentiert, der er auch in Heilbronn war: stets verhandlungsbereit, aber dennoch hart in der Sache. Und wäre Bauer wieder angetreten, kaum einer hätte daran gezweifelt, daß er es wieder geschafft hätte. Nun heißt es aber: Kehraus, OB Bauer räumt seinen Sessel.       

Gastfreundschaft
Finnen sind gastfreundlich. Das wissen die beiden Wirtschaftsförderer aus Heilbronn Jürgen Gackstatter (Geschäftsführer) und Andreas Jocham (stellvertretender Geschäftsführer) schon seit einiger Zeit. Erst vor wenigen Wochen hatten sie Finnen nach Neckarsulm gebracht, die in Heilbronns Nachbarstadt mit ihrer finnischen Woche einen großen Erfolg feiern konnten. Als im vergangenen Jahr eine Wirtschaftsdelegation in Oulu weilte, stand das Weindorf in der Berichterstattung im Vordergrund. Aus diesem Grunde nach Finnland zu fahren – naja, das stieß nicht gerade auf Verständnis in der Wirtschaftsregion Heilbronn. Bei der Reise vom Donnerstag bis zum Sonntag der letzten Woche stieß die Heilbronner Delegation auf einige seltsame Erinnerungen vom letzten Jahr (zu lange Reden z.B.), die aber vollständig in den Hintergrund gedrängt werden konnten. Besonders beeindruckt war die Unterländer Delegation vom Besuch bei Nokia. Diese Firma hat sich vom Gemischtwarenladen (Holz- und Reifenproduktion) zum weltweit führenden Hersteller in der Kommunikationstechnologie entwickelt – 31.700 Menschen in 45 Ländern stellen Nokia-Produkte her. Nettoumsatz 1996 39,3 Milliarden Finmark. Insbesondere Mobiltelefone von Nokia beherrschen in Europa den Markt mit ihrer Spitzentechnologie (Werbespruch: Nokia connecting people – Nokia verbindet Menschen). Für Oulu, die Stadt mit ihren 111.556 Einwohnern, ist Nokia ein wichtiger Arbeitgeber. Rund 3.000 Menschen arbeiten in Oulu bei Nokia. Und die Zusammenarbeit mit der Universität sowie dem Technologie- und Gründerzentrum in Oulu sind auch für diese Weltfirma ein entscheidender Stützpfeiler. Vor allem die kleinen Unternehmen im Technologiepark „Technopolis“, die für Nokia Innovationen entwickeln. So mancher ehemalige Student ist da binnen kurzer Zeit Millionär geworden. Und auf solche Leute ist man stolz in Oulu – in Verwaltung und Industrie. Bei uns ist man in einem solchen Fall eher neidisch. Wir können also noch von Oulu, dem „Silicon Valley of the North“, lernen.


„Silicon Oulu“
Eine lange Reise war es: Stuttgart-Kopenhagen, Umsteigen in Kopenhagen, Kopenhagen-Stockholm, Umsteigen Stockholm-Oulu. Die Wirtschaftsfördergesellschaft Heilbronn hatte eingeladen. Und 17 Geschäftsführer und Unternehmer aus dem Unterland hatten sich auf den Weg gemacht, um zu sehen, welche neuen Wege in Nordfinnland, im Silicon Valley des Nordens, in Oulu eingeschlagen werden. Warum die Hauptgeschäftsführer oder Präsidenten der beiden Heilbronner Kammern nicht dabei waren – ein Rätsel. Das Weindorf in Oulu, das einst von Jürgen Gackstatter (dem Geschäftsführer der Heilbronner Wirtschaftsförderungsgesellschaft) mit in Gang gesetzt wurde, hat sich zu einem Europäischen Weindorf entwickelt, bei dem neben württembergischen Weinen, auch französische, italienische und spanische ausgeschenkt werden. Und natürlich auch Bier – aus Eppingen. Ebenso kommen viele Speisen, vor allem Wurstspezialitäten und auch die Weindorfgläser aus dem Unterland. Aber das Europäische Weindorf in Oulu kann nur ein PR-Faktor für unsere Region sein – und wird auch so verstanden. Viel entscheidender ist es, wirtschaftliche Kontakte in diese von High-Tech geprägte Region zu knüpfen. Und deshalb waren in diesem Jahr die Teilnehmer der Unterländer Wirtschaftsdelegation, an der Spitze der Erste Bürgermeister der Stadt Heilbronn. Werner Grau, intensiv bestrebt, Einblicke zu gewinnen. Resultat: Die Delegationsteilnehmer waren von der Gastfreundschaft der Finnen, der Offenheit bei den Informationen und den klaren Zielsetzungen im Wirtschaftsleben schlicht begeistert. Was dort oben im hohen Norden in enger Verknüpfung von Politik, Wirtschaft und Verwaltung geschaffen wurde, kann durchaus Vorbild für Heilbronn und seine Wirtschaftsregion sein. Das haben die Unterländer in vier Tagen serviert bekommen. Deshalb ist es sinnvoll, daß auch außerhalb von Ouluer Weindorf-Zeiten einige Bosse aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung sich dort mal anschauen, was es heißt, die Zukunft im Blick zu haben, in dem die gegenwärtigen Probleme kraftvoll und mit Zuversicht angepackt werden. Wein öffnet Türen, aber sie bleiben nicht offen, wenn es nur beim Wein bleibt.

SSV bis 9. August
Manche meinen ja, der Sommerschlußverkauf habe sich überlebt. Die Einzelhändler setzen ihre Preise schon lange vor dem offiziellen Start herunter. Und der gewitzte Kunde kann sich die besten Stücke schon vorher zu günstigen Preise beschaffen. Als am Montag dieser Woche bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen in deutschen Kaufhäusern und Geschäften die Schnäppchenjagd begann, waren viele Geschäftsinhaber trotzdem glücklich. Lagen doch wegen der nicht gerade sommerlichen Witterung die Häuser noch voll mit den sommerlichen Waren. Und die Einzelhändler sind bislang zufrieden. Teilweise wurden Steigerungen im Vergleich zum Vorjahr bis zu zwanzig Prozent festgestellt. Auch kein Wunder, meine ich. Denn die Preisnachlässe sind heuer besonders stark. Teilweise bis zu fünfzig oder gar bis siebzig Prozent. Hemden für fünf Mark, das ist schon was. Schade, daß meine nur aus Stein sind. Nicht auswechselbar Ich hätte mir garantiert ein paar zugelegt. Auch die billigen Socken im Fünferpack hatten es mir angetan. Könnte ich hier oben auf dem Turm gut gebrauchen, bei der zugigen Luft. Aber der SSV hat erst begonnen. Einige Geschäftsleute stellen schon fest, daß den potentiellen Kunden das Geld nicht mehr so locker in der Tasche sitzt wie in den Jahren zuvor. Gezielt würde gesucht werden. Die Waren werden nach Qualität und Preis-Leistung abgeklopft. Ramscheinkäufe werden immer weniger. Der Kunde ist anspruchsvoll und zögernd. Keine gute Voraussetzung, um eine schnelle Mark zu machen. Hier bewahrheitet sich halt das alte Sprichwort: Der Kunde ist König. Und Herrscher sind oft sehr sensibel und machtbewußt. Manche meinen auch abfällig: Sie seien zickig. So ändern sich halt die Zeiten – auch in Republiken.

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