Freitag, 21. März 2014

Kiliansmännle, 06.08.1997




Heilbronn ist gut
Heilbronn ist doch wirklich eine tolle Stadt. Gemütlich, schön gelegen, lieblich, voller Bäume und Grün. Was will man mehr. Harry Mergel, der SPD-Fraktionschef im Gemeinderat meinte, hier seien in den letzten Jahren mehr Arbeitsplätze geschaffen worden als in anderen Teilen des Unterlandes. Das solle erst mal jemand nachmachen. Und auch der neue Ordnungsbürgermeister im Rathaus Artur Kübler (CDU) verkündete selbstbewußt, daß Heilbronn sogar Charme besitze. Und er fragt ohne einen Anflug von Ironie: „In welcher vergleichbaren Stadt geht es den Bürgern besser?“ – Das hört man selten. Selbst in der Landeshauptstadt Stuttgart schrecken die Kommunalpolitiker vor derartigen Superlativen zurück. Aber es ist ja schon immer ein Zeichen von Provinz, seinen eigenen Mittelpunkt für den Nabel der Welt zu halten. Aber wer als Politiker geliebt werden will, das ist ein Zeichen unserer Zeit, muß erst heftig gegenlieben. – In Heilbronn kann sich niemand mehr etwas schönreden noch schönbiegen. Kommen Gäste und betrachten die Stadt offenen Auges, so fällt doch – wie viele Heilbronner auch schon festgestellt haben – die Innenstadt mit Pennern, Dealern und Rauschgiftsüchtigen unangenehm ins Auge. Erinnern Sie sich zum Beispiel an das Fest „100 Jahre Kaiserstraße“? Manche kommunalpolitische Beobachter sind der Ansicht, dieses teure Unterfangen hätte man auf drei Monate ausdehnen sollen. Eröffnung mit einem Paukenschlag und ein krönender Abschluß. Dazwischen viele Aktionen, die immer wieder die Attraktivität der Heilbronner Innenstadt herausstellen. Oder: Die Verkäufer in den Geschäften sollten Namensschilder tragen, damit das Verhältnis Kunde-Verkäufer verbessert wird. In anderen Großstädten ist das schon längst der Fall. Vorschläge gibt es viele. Man kann auch von anderen sehr viele lernen. Man muß es nur wollen und nicht glauben, Heilbronn sei der Nabel dieser Welt.       

Krug-Zertrümmerer
Heilbronn ist nicht die Kleiststadt (das ist bekanntlich Frankfurt an der Oder), sondern immer noch die Käthchenstadt. Und damit hat sie allerdings auch wieder viel mit dem Dichter Heinrich von Kleist zu tun. Aber nicht in seinem Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn“, sondern in seinem einzigen Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ geht es bei Kleist um ein Gefäß, in das man keine Flüssigkeit mehr füllen kann. Irgendwann schreit eine Frau in dem Theaterstück einen Mann an und bezeichnet ihn als „Krugzertrümmerer“. Josefine Maier, die Festzelt-Wirtin auf dem Unterländer Volksfest, machte sich aber nicht gemein mit jener Frau namens Marthe aus Kleists „Zerbrochnem Krug“. Die Göckelesmaierin lachte nur laut und schallend als der Heilbronner Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann beim Faßanstich am vergangenen Freitag zur Eröffnung des Volksfestes statt des Zapfhahns den vom Heilbronner Verkehrsdirektor Bernhard Winkler hingehaltenen irdischen Krug mit einem Schlag zertrümmerte. Beim Faßanstich ist unser OB halt ein fast so großer Künstler wie weiland Stuttgarts OB Manfred Rommel. Selten, daß das Bierfaß mit wenigen Schlägen angestochen wurde. Aber das macht ja auch nichts. Denn irgendwann strömte mit vereinter Hilfe der Umstehenden das kühle blonde Naß ohnehin in den Krug – auch wenn es dann ein Glaskrug war, aus dem der OB den Festgästen zuprostete. Es ist halt a Gaudi, bei einer solch derben Zeremonie zuzuschauen, die Sprüch der Umstehenden zu hören, sich vor dem spritzenden Bier in Sicherheit zu bringen. Wohlgefeilte Sätze gehen in einem solchen bierschwangeren Zelt unter wie Bleienten im Teich. Oins, zwoa ... 

Stadt der Energie?
Waren das nun Träumereien am sozialdemokratischen Kamin – zur Sommerzeit? Oder steckt wirklich etwas dahinter? Harry Mergel, der SPD-Fraktionschef im Heilbronner Gemeinderat, hat im Namen seiner SPD-Fraktion einen Antrag mit dem Thema „Heilbronn – Stadt der Energie“ eingebracht. Darin ist dann die Rede vom „Robert-Mayer-Energiemuseum“ im Hagenbucher. Die alte Hagenbucher-Planung wäre damit über Bord geworfen, wie Mergel ausdrücklich betont. Der Neckarpark kann folgende Namen erhalten: Erlebnis Energie, Phänomen Energie oder schlicht Energie-Park. Das sei kurzfristig machbar, meint die SPD. Mittel- oder langfristig sollte die Kranenstraße verlegt werden und auf dem Gelände am Fruchtschuppenweg ein Großveranstaltungszentrum entstehen. Über allem schwebt das kommunale Leitmotiv „Heilbronn – Stadt der Energie“. Damit wäre ein  „wichtiger konkreter Beitrag“ für das regionale Leitbild „Umwelt-Technologie-Region“ geleistet, meint Harry Mergel. Und wer finanziert die ganze Idee? Unter der Federführung der Stadt Heilbronn sollte das SPD-Projekt „zu einem Gemeinschaftswerk aller an einer guten Entwicklung der Stadt interessierten Kräfte werden“. Daher sollte die Stadt sich bemühen, das Konzept „auf dem Wege einer öffentlich-privaten-Partnerschaft zu entwickeln und realisieren“. Vor allem die Energieunternehmen will Mergel dabei am Tisch sitzen haben – ZEAG, EVS, Stadtwerke und GKN. Aber auch die Kammern, den Verkehrsverein, die Kaufleute, die Solarinitiative, die Fachhochschule – und möglichst als Geldgeber dazu noch Land und Bund. Das klingt alles ein wenig sehr didaktisch und lehrreich, was die SPD da vorschlägt. Und viel Geld kostet es auch. Zur Erstellung und für den Unterhalt. Aber mit der momentan gepflegten Energie- und Entsorgungspolitik treibt die Stadt eher Energieunternehmen aus ihren Mauern, als daß es zu Kooperationen käme. Denn ob die EVS nach der Fusion mit dem Badenwerk das Kohlekraftwerk in Heilbronn aufrechterhält, das wird die Zukunft weisen. Rentabel sei es nicht, bei dem billigen Auslandsstrom. Es geht um 400 Arbeitsplätze. Und da ist die SPD gespalten.

Hauptstadt Berlin
Heilbronn ist die Hauptstadt der Region Franken, Stuttgart die Landeshauptstadt des Landes Baden-Württemberg und Berlin die Bundeshauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Und für letztere zahlen wir zurzeit kräftig. Denn es wird umgezogen. Vom alten bunderepublikanischen Regierungssitz Bonn in die einstige Reichhauptstadt an der Spree. Und das kostet viel, sehr viel. Bisher wird vornehmlich gebaut in der frechsten Stadt Deutschlands. Und wie! Bis weit nach dem Jahr 2000, so sagten mir Bauunternehmer, werde dort noch viel Geld verdient. Und wer sich schon einmal in den letzten Monaten am Potsdamer Platz, am Spreebogen in der Nähe des Reichstags, rund um die Friedrichstraße oder Unter den Linden aufgehalten hat, der weiß, was es heißt, gigantische Baustellen zu besichtigen. Was in Berlin-Mitte entsteht, das ist eine völlig neue Stadt mit wenigen Anklängen an das, was einst war. Dieses neue Berlin zwischen Alexanderplatz und Tiergarten gab es vorher noch nicht. Und dieses Berlin wird auch die Stadt völlig umkrempeln. Denn in den letzten 50 Jahren war die Stadt ja mehr oder weniger in einen Dornröschenschlaf gefallen. Im Westen lebten Nostalgiker und Alternative unter einer finanziell wohlausgestatteten Käseglocke, und im Osten Berlins ließ man die Stadt verkommen. Nur wenige „sozialistische Schlafbezirke“ in abscheulicher, asozialer Bauweise entstanden. Und ein wenig Wiederaufbau in Berlin-Mitte. Entweder nostalgisch nett oder bombastische Wohnblöcke für die Speerspitze der Sozialistischen Gesellschaft, der Stasi- und Regierungsmannen. Jetzt, so sagen die Alt- und Neu-Berliner, ist alles anders. Der Wind weht hart aus dem Osten – riecht stark mafiös. Die Industrie wandert ab ins brandenburgische Umland. Die Menschen ziehen weg, die Regierung mit ihrem Lobby-Troß ist noch nicht da. Krisenstimmung allenthalben. Aber Berlin wird Hauptstadt und eine Metropole des Ostens.    

Käthchen und Kleist
„Käthchenstadt hilft Kleiststadt“ – unter diesem Motto will die Stadt Heilbronn ihrer Partnerstadt Frankfurt an der Oder hilfreich unter die Arme greifen. Das Hochwasser hat diese brandenburgische Stadt nicht ganz so hart getroffen wie einzelne Dörfer in diesem Gebiet, aber Hilfe ist trotzdem angesagt. Der Aufruf der Stadt, auf das Konto 90900 bei der Kreissparkasse Heilbronn  (Bankleitzahl 620 500 00) zu spenden, wurde beim Unterländer Volksfest mit der Versteigerung eines von den Wirtschaftsjunioren gespendeten Fahrrads unterstützt. Thomas Lischke (PastPresident der Heilbronner Wirtschaftsjunioren) moderierte die Verlosungsaktion. 1.320 Mark sind dabei herausgekommen. Und der Gewinner des Rades, Andreas Fuchs, spendete gleich wieder sein Rad. Siegrid Lipp, die Leiterin der Heilbronner Majorettengruppe, war mit ihren jungen Damen und den Herrschaften vom Heilbronner Käthchenzug im Festzelt unterwegs und sammelte das Geld für die Lose ein.Jetzt kommt es nur noch darauf an, das gespendete Geld in Brandenburg an die richtige Stelle zu bringen. Denn in Frankfurt an der Oder gab es keine gravierenden Schäden für die Menschen. Aber in anderen Teilen des Landes ist die Not doch riesengroß. Viele haben ihr Hab und Gut, das sie sich erst mühsam nach der Wende angeschafft hatten, durch die Naturkatastrophe verloren. Diesen Menschen muß unbürokratisch geholfen werden. Da gehören die Spendengelder hin. Ich hoffe nur, daß der geringste Teil als Verwaltungsaufwand abgezogen wird und die Hilfsbereitschaft die Adressaten erreicht. 
   
GenossInnen
Die Heilbronner Sozialdemokraten hatten seit der letzten Landtagswahl einiges zu verkraften. Zunächst den Verlust des Direktmandats durch Dieter Spöri, der auch nicht mehr Minister war. Dann starb überraschend der SPD-Fraktionschef im Gemeinderat Friedrich Niethammer. Als Dieter Spöri sein Landtagsmandat kurze Zeit  später niederlegte, war der Ersatzbewerber Niethammer nicht mehr verfügbar. Der Sitz ging ins Remstal. Und Peter Alltschekow, der SPD-Kreisvorsitzende, Spöris Pressesprecher im Wirtschaftsministerium, trat gleich nach der Wahl zurück und entschwand nach Brandenburg. Man stand vor einem Scherbenhaufen und mußtte völlig neu beginnen. Die Heilbronner Stadträtin Sibylle Mösse-Hagen wurde SPD-Kreisvorsitzende Heilbronn-Stadt und Harry Mergel SPD-Fraktionschef im Gemeinderat. Bei der Neubesetzung der Bürgermeisterposten nach dem plötzlichen Ausscheiden Reiner Casses überließ man das Amt von Harald Friese (Krankenhaus, öffentliche Ordnung, Straßenverkehr) der CDU mit Artur Kübler. Und Harald Friese ist seit 1. August der neue Kulturbürgermeister Heilbronn. Eine bessere Startposition für die Bundestagswahl rechnet sich die SPD für Friese damit aus. Vor allem auch dadurch, daß Friese Fraktionschef der Sozialdemokraten in der Regionalversammlung ist. Ob jetzt noch die Arbeitnehmer-Arbeitsgemeinschaft (AfA) unter Frank Stroh etwas gegen Friese vorbringt ist ungewiß. Denn Marianne Kugler-Wendt, die auch im AfA-Vorstand sitzt, gab kund, daß Harald Friese einem vom AfA-Vorstand ausgearbeiteten Anforderungsprofil des SPD-Bundestagskandidaten voll entspreche. Das wurde bei der SPD-Sommerpressekonferenz erst vor wenigen Tagen sehr deutlich gemacht. Der Bundestagswahlkampf hat begonnen. Auch in der SPD.

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