Freitag, 14. März 2014

Kiliansmännle, 26.03.1997





Wechsel-Spitze
In der Spitze des Heilbronner Rathauses – sprich bei den vier Bürgermeistern und dem OB – wird es in den nächsten Monaten Veränderungen geben. Ende April legt der Kulturbürgermeister der Stadt Heilbronn Reiner Casse (CDU) sein Amt aus gesundheitlichen Gründen nieder. Regulär dauert seine Amtszeit bis Mai 2000. Das Vorschlagsrecht für einen Nachfolger liegt bei den Christdemokraten im Rathaus. Als Casse 1984 erstmals für die Dezernentenstelle kandidierte, hatte er in der eigenen Partei als Gegenkandidaten Artur Kübler, heute CDU-Fraktionsvorsitzender im Rathaus. Jetzt stellen sich viele kommunalpolitische Beobachter die Frage, ob Kübler wieder kandidiert oder ob die CDU einen Fachmann von auswärts präsentiert. Bei den Sozialdemokraten steht Harald Friese, der Verkehrs- und Krankenhausdezernent, in den Startlöchern für eine Bundestagskandidatur 1998. Seine Bürgermeister-Amtszeit endet wie bei Casse im Mai des Jahres 2000. Käme Friese über einen guten Landeslistenplatz in den Bundestag, dann müßte im nächsten Jahr die SPD einen Nachfolger für dieses Bürgermeisteramt vorschlagen. Baubürgermeister Ulrich Frey (SPD) wird sich im Juni 1998 erneut dem Gemeinderat zur Wahl stellen müssen. Anzeichen, daß er nicht mehr kandieren will, sind bis heute nicht vorhanden. Die erste Amtsperiode des Ersten Bürgermeisters der Stadt Heilbronn Werner Grau endet erst 1999. Ob er im Oktober 1999 dann seinen Hut in den Ring des OB-Wahlkampfes werfen wird, das steht vorläufig noch in den Sternen. Manfred Weinmann wird aus Altersgründen dann nicht mehr für sein Amt als Oberbürgermeister kandidieren können. Spekuliert wird derzeit viel, wer sich dann aus der kommunalpolitischen Riege des Unterlands auf die Kandidatenlisten setzen lassen wird. Bei der SPD werden die Namen Harry Mergel (SPD-Fraktionsvorsitzender) und Dr. Jürgen Zieger (Bürgermeister in Neckarsulm) gehandelt. Bei der CDU ist außer Werner Grau bisher kein Name im Gespräch. FDP, Reps und Grüne spielen in diesem Kandidatenreigen noch keine Rolle. Aber mischen kräftig mit.

Freß-Tempel
Toprestaurants in Deutschland leiden nicht. Behaupten jedenfalls Gastronomen, die ganz oben in jener Rangliste aufzufinden sind, die vom Wirtschaftsmagazin Capital veröffentlicht wird (April 1997). In einer Zusammenfassung der Bewertungen der fünf Restaurantführer Varta, Michelin, Gault Millaut, Aral Schlemmeratlas und Macellino’s wird eine 100er-Bestenliste präsentiert (umfaßt diesmal nur 97 Restaurants), die es in sich hat. Martin Öxle vom Aufsteiger des Jahres, der prachtvollen Speisemeisterei in Stuttgart (Platz zehn), schwärmt trotz der Klagen in der Gastronomie: „Seit Eröffnung vor dreieinhalb Jahren sind wir täglich ausgebucht.“ Leistung lohnt sich also, wenn Qualität und Preis in einem akzeptablen Verhältnis zueinander stehen. Aus unserer Region stehen die Schweizer Stuben in Wertheim mit 93,4 Capital-Punkten an dritter Stelle. An zehnter Stelle folgt die Speisemeisterei Stuttgart (89,4 Punkte). das Wald- & Schloßhotel Friedrichsruhe (Zweiflingen) nimmt Platz 18 ein (87 Punkte). Auf weiteren Plätzen aus unserer (erweiterten) Region: 16. Da Gianni, Mannheim (87,4 Punkte),19. Wielandshöhe Stuttgart (87), 20. Taverna La Vigna, Wertheim (86,3), 23. Schloß Höfingen, Leonberg (84,8), 40. Landgasthof Adler, Rosenberg (84), 41. Die Ulrichshöhe, Nürtingen (83,5), 46. Zirbelstuben / Hotel Victoria, Bad Mergentheim (82,8), 68. Délice, Stuttgart (80,5), 77. La Chandelle-Mondial, Wiesloch (79,9)  und 84. Oberländer Weinstube, Karlsruhe (79,1). Aus dem Unterland ist leider unter den Spitzenrestaurants Deutschlands niemand zu finden. Obwohl in so manchem kleinen „Freßtempel“ hier in der Gegend die Speisen und Weine sich preislich kaum von dem unterscheiden, was in den Toprestaurants verlangt wird. Nun fragen sich viele: Warum überhaupt diese Liste? Jene, die gelegentlich ihr Geld für gutes Essen ausgeben wollen, sagen, das sei wie beim Test von Autos. Man orientiere sich halt. Und ob man nun in irgendeinem Nobelrestaurant dasselbe ausgebe wie in einem Spitzenrestaurant, das sei dann doch schon ein gelinder Unterschied. Für’s gleiche Geld  – wohlgemerkt.

Arbeitsplätze
Wenn es um Arbeitsplätze geht, dann wird hart und mit allen Tricks gerungen. Zwischen Neuenstadt und Gochsen im Landkreis Heilbronn will die Unterländer Firma Lidl & Schwarz ein Verteilzentrum mit gigantischen Ausmaßen bauen: 533 Meter lang, 170 Meter breit und 15 bis teilweise 25 Meter hoch. 600 Arbeitsplätze sollen geschaffen werden. Das Areal liegt verkehrsgünstig neben der Autobahn. Jetzt hat sich Widerstand geregt.  Altbekannte Argumente werden ins Feld geführt: zu hoher Landschaftsverbrauch, Verkehrschaos (falls mal das Weinsberger Kreuz dicht sein sollte) oder Hochwassergefahr.  Schilder werden aufgestellt, mit denen die Gegner gegen den „Wahnsinnsbau“  protestieren. Die Befürworter melden sich kaum zu Wort. Schließlich erhofft man sich in diesen Zeiten der steigenden Arbeitslosenzahlen viel von dieser Lidl & Schwarz-Investition. Die Argumente der Gegner werden abgeschmettert. Sie kämen von Besitzern sicherer Arbeitsplätze, Lehrer zum Beispiel, denen die saubere Landschaft wichtiger ist als die sichere Existenz von Familien. Die Fronten sind verhärtet. Die auf dem Feld stehenden Protest-Schilder werden entweder abgesägt oder nächtens beschossen. Es soll auch schon zu anonymen Drohungen gekommen sein. Wenn das Projekt in Neuenstadt dank der Proteste scheitern sollte, und das Verteilzentrum an einem anderen Ort an der Autobahn gebaut wird, dann wird das Klima in Neuenstadt noch mehr vergiftet sein. Arbeitsplatz-Verhinderer ist dann nur das zärtlichste aller Schimpfwörter, die über die Verhinderer hinwegfegen werden. Tengelmann will im Unterland Arbeitsplätze abbauen, Lidl & Schwarz will welche schaffen.  Welche Alternativen sind da noch möglich? Ich kenne keine. Und die Neuenstädter Gegner schaffen auch keine.

IHK-Skandal?
Die IHK-Verweigerer blasen zum Angriff. Soll doch der ehemalige Stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Heilbronn Dr. Klaus Kniep nach seinem Ausscheiden im Jahre 1995 einen Beratervertrag für die Jahre von 1995 bis 1999 von der IHK erhalten haben. Die Beratertätigkeit hätte er jedoch nie ausgeübt, sagen die IHK-Verweigerer, aber dafür ein Honorar von mehreren hunderttausend Mark erhalten. Nach 25 Dienstjahren bei der Heilbronner Kammer war Klaus Kniep am 30. Juni 1995 „auf eigenen Wunsch“ ausgeschieden. Daß dieser Wunsch zuvor mit einem Beratervertrag vom 25. April 1995 datiert befördert wurde, ist für die IHK-Verweigerer nicht ordnungsgemäß – ein „Scheinvertrag“ sei geschlossen worden. Für die nichtausgeübte Beratertätigkeit zahlt die Kammer 87,5 Prozent des Kniep-Bruttogehalts, nebst Sozialleistungen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Beihilfen. Nach 1999 wird ein Ruhegeld von Kniep bezogen, das 75 Prozent des Bruttogehalts beträgt. Nun stellen sich viele Beobachter die Frage, ob das, was in der Wirtschaft an der Tagesordnung ist, bei einer öffentlich-rechtlichen Institution wie der IHK ebenfalls üblich sein darf. Dem Wirtschaftsministerium in Stuttgart wurde der Vorgang von der IHK zur Prüfung vorgelegt. Die Heilbronner Kammer verwahrt sich gegenüber den Vorwürfen und sieht keinen „Schaden für ihre Pflichtmitglieder.“  Außerdem sei es „unseriös“, die Altersversorgung eines Mitarbeiters in zweifelhafte Zahlenbeispiele einzurechnen.  Wegen der „Vertraulichkeit bei Personalangelegenheiten“ wolle man jedoch „eine exakte Klarlegung der Fakten und Zahlen und einem Widerlegen der Aussagen der IHK-Verweigerer nicht nachkommen“. Denn die IHK-Verweigerer bezögen sich „bei ihren fälschlichen Anschuldigungen auf ein Papier aus dem Jahresbeginn 1996, das heute so keine Gültigkeit mehr hat“. Aber das Kind ist jetzt schon in den Brunnen gefallen. Ob sich daraus jetzt ein IHK-Skandal entwickelt, liegt allein in den Händen der Verantwortlichen in Geschäftsführung und Präsidium. Geprüft wurde der Vorgang von der Unabhängigen Rechnungsprüfungsstelle in Bielefeld – ohne Beanstandungen. Trotzdem: Transparenz und Ehrlichkeit sind jetzt gefragt, um Schaden von der Institution IHK abzuwenden.

Eier suchen
Manche Leute fahren an Ostern in einen Kurzurlaub, andere suchen die Eier im heimischen Garten. Wer die Umwelt schonen will, sollte allerdings daheim im Kreise der Familie feiern. Denn verstopfte Autobahnen und überlaufene Ausflugsziele sind ja nicht gerade dazu angetan, festliche Stimmung zu verbreiten. Wie wäre es mit einem schönen Spaziergang (bei Regen oder Sonnenschein) in den Wäldern oder Parkanlagen rund um den Heimatort? Oder sportlicher Betätigung auf den dafür ausgeschilderten Parcours in unserer Region (es muß ja nicht allein beim Weinglas-Stemmen bleiben an diesen Feiertagen). Oder einem schönen, ausgedehnten  Frühstück zu später Stunde (um die Mittagszeit) mit der ganzen Familie. Auf das Mittagessen kann dann getrost verzichtet werden. Dafür gibt es dann ein feines Abendessen, das sich mit mehreren Gängen durchaus über drei vier Stunden hinziehen darf – und zu dem alle aus der Familie in der Vor- und Aufbereitung ihren Teil beitragen. Die Kinder richten den Nachtisch, der Vater versucht sich an den Vorspeisen, die Tante oder Oma bringt die Salate mit und die Mutter beschränkt sich auf den Hauptgang des Ostermenus. Abräumen und Abwaschen (sofern keine Spülmaschine im Hause ist) kann ja die Kinderschar unter Anleitung des Familienoberhauptes. Und am zweiten Feiertag kann man dann ja in ein gutes Restaurant im Unterland essen gehen. Da bleibt Mutterns Küche kalt. Na dann, ein frohes Osterfest. Und guten Appetit.    

Winterkrieg
Tollhaus Theater. Oder was geht in Heilbronner Schlafzimmern? Bekam das Premierenpublikum am Sonntag, 23. März 1997, mit „Winterkrieg“ etwa ein Stück Welttheater zu sehen? Calderon und Shakespeare, Goethe und die Bibel, alles in einen Teig geknetet. Der Autor Christian Martin wollte offenbar ein Stück für die Ewigkeit produzieren. Zu anspruchsvoll? Zu außergewöhnlich? Oder vielleicht zu aufreizend? Ehrenwerte Heilbronner Bürger (männlich und weiblich) blieben nicht allzu lange bei der Premiere. Also Platz gemacht, auf und nieder, immer wieder. Achtung automatische Klappsessel!  Reichlich reger Verkehr regierte Reihe für Reihe. Wie auf der Bühne, da wurde auch Verkehr betrieben. Die rothaarige Hexe orakelte nur nach orgiastischem Höhepunkt, aber die neugierigen Männer opferten sich gerne für Verheißungen, sogar (besonders wild) ein Kirchenvater. – Wer verließ also die Vorstellung frühzeitig? Verklemmte Gehemmte oder jene, die sich vom Fernsehen daheim mehr Natürlichkeit erhofften? Oder andere, die es selber besser machen? Hat das Zeitalter der sexuellen Aufklärung doch nicht alle Scheu genommen? Offenbar schreckliche Scham und großer Zorn scheuchte schonungslos viele Zuschauer aus dem Heilbronner Schauspielhaus. Manche mögen’s eben nicht heiß. Nach der Pause waren dann die durchhaltenden Dauerhocker unter sich. Der Kunst-Kenner-Kern (?) versuchte, den Wust an Zitatensammlungen zu sortieren. Denn das Spiel – frei nach dem bürgerlichen Heldenleben – sollte ja zum munteren Mitdenken anregen und war gar nicht angenehm zu konsumieren, wie so andere leichtverdauliche Kost, die das Stadttheater Heilbronn auch serviert. Über Geschmack läßt sich ja bekanntlich nicht streiten. Aber ist es nicht gewagt, empört das Theater zu verlassen, wenn man sich das Ende des Dramas entgehen läßt? Die wenigen Sitzenbleiber applaudierten jedenfalls dem Flop heftig.

Hagenbucher
Wie schön wäre es gewesen, wenn ... ja, wenn nicht der Widerstand zu groß geworden wäre. Schließlich hatte die Brauerei Cluss ihre Traditionspforten sehr plötzlich in Heilbronn geschlossen, Arbeitsplätze verschwanden, das Traditionsbier wird in Stuttgart bei Dinkelacker abgefüllt und dort auch ausgeliefert. Und dann sollte – sozusagen als Bonbon – für den Getränkekonzern (gut subventioniert) ein kleines, aber feines Brauhaus im Hagenbucher entstehen. Ein Biergarten neben dem Insel-Hotel, dem Theaterschiff und unterhalb des geplanten Museums. Eine Vorstadtgartenlandschaft mit kultureller Szene, so oder ähnlich träumte die Rathausspitze in Heilbronn. Aber die geplante Landesgartenschau ging den Bach runter und nun auch das kleine Cluss-Brauhaus. Wer ist schuld dran? Die Gründe, die geplante Investition von 3,5 Millionen im Hagenbucher nicht zu tätigen, werden von der Stuttgarter Brauerei Dinkelacker knapp erklärt: „1. Die Emotionalisierung gegen Cluss und Dinkelacker, obwohl im Hagenbucher etwas Positives für Heilbronn geschaffen werden sollte. 2. Die Beschränkung der Anzahl der Plätze und der Zeit für die Außenbewirtschaftung. 3. Die Tatsache, daß Heilbronn keine Landesgartenschau bekommt. 4. Der aus finanziellen Gründen nicht absehbare Zeitpunkt für den Ausbau des Hagenbuchers zum Museum.“ Das sind harte Vorwürfe an die Stadtverwaltung Heilbronn. Unbeweglichkeit,  und planerische Ziellosigkeit stecken als Vorwürfe in diesen Punkten. Da kann ich nur sagen: Auch die Cluss-Politik war in den letzten Jahren nicht gerade auf Zuverlässigkeit für die Stadt gebaut, obwohl gewichtige Stadtmanager im Cluss-Aufsichtsrat sitzen.

Wohnen im Osten
Wer mit wachen Augen durch das Nobelviertel des Heilbronner Ostens fährt, wird festgestellt haben: In den letzten Jahren hat sich dort erheblich viel getan. Bungalows aus der Nachkriegszeit, Gartengrundstücke und auch herrschaftliche Villen sind zwei- bis dreigeschossigen Eigentumswohnungen mit großer Tiefgarage gewichen. Durchaus verständlich. Denn die Erben von Grundstücken und Häusern in diesem bevorzugten Wohngebiet im Osten Heilbronns wollen einen Preis sehen, den sie bei einer Vermietung oder einem Verkauf des alten Elternhauses nicht erzielen würden. Und so sprießen die sogenannten „Kolosse“ zum Ärger der Mitbewohner in dieser Landhausgegend munter einer nach dem anderen aus dem Boden. Die Nachfrage für höherwertige Eigentumswohnungen zwischen Gemmingstal und Rampachertal ist vorhanden. Ob nun durch diese Bebauung die Wohngegend „versaut“ wird, die Wohnqualität sinkt, wie manche zornentbrannt behaupten, möchte ich dahingestellt sein lassen. Schließlich hat die Mehrheit der Bewohner Heilbronns nicht die Möglichkeit so exklusiv zu wohnen und stört sich auch nicht sonderlich an den sogenannten Problemen im Osten Heilbronns. Ja, ich behaupte, sie würden liebend gern in den „Kolossen“ wohnen und deren Wohnqualität genießen, hätten sie das Geld diese Wohnungen zu kaufen oder zu mieten. Denn dort zu wohnen ist immer noch mit mehr Qualität verbunden, als in anderen, engbebauten Stadtgebieten Heilbronns sein Wohnquartier zu besitzen.  Aber solange es genügend betuchte Menschen in der Stadt gibt, die sich diese neuen Wohnungen im Osten leisten können, wird gebaut werden. Oder der Bebauungsplan wird geändert, und Neubauwohnungen oder Häuser im Osten sind dann nur noch für die ganz reichen Bürger da. Wird dieses Ziel etwa von den wütenden, protestierenden Nachbarn angestrebt? Auch eine Art von Wohnqualität.

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