Donnerstag, 20. März 2014

Kiliansmännle, 18.06.1997




Neckarfest ade
Stolz ist er, der Bernhard Winkler (Heilbronns Verkehrsdirektor), auf das siebente Heilbronner Neckarfest 1997. Nicht nur weil die Umzüge auf dem Neckar im Fernsehen live in S3 übertragen worden sind und weil so viele Besucher (180.000 sollen es nach seiner Zählung gewesen sein) am vergangenen Wochenende am alten Neckararm zwischen Insel-Hotel und Rosenaubrücke sich heftig amüsiert hatten, sondern weil es hunderte von Faxe und Anrufe beim Verkehrsverein gegeben  hatte, die ihn zu diesem gelungenen Flußfest gratuliert hatten. Ideales Wetter? Aber klar doch! Die wenigen Regenschauer kamen immer zum richtigen Zeitpunkt, meint der optimistische Verkehrsdirektor. Ein ideales Festles-Wetter also. Übrigens am Rande: „Middle of the Road“, die englische Folk-Pop-Gruppe, spielte beim Neckarfest fetzig auf. Abgeholt wurde sie vom Frankfurter Flughafen höchstpersönlich von Bruno Freiburg, dem Chef der Heilbronner Autovermietung Europcar. Gespeist wurde angemessen beim Italiener „da Umberto“. Dort wurde der Herd extra warm gehalten, weil die Musiker erst gegen zwei Uhr in der Früh am Sonntag in Heilbronn eintrafen.  Und zum Dank spielten sie zu später Nachtstunde noch einen zünftigen Rap-Song, der Begeisterungsstürme bei den Gästen hervorrief. Übrigens waren sie beim Neckarfest der große musikalische Hit. Später dann hatten die Herren Musiker am geheiligten Feiertag noch den Wunsch, im neuen Mercedes SLK durch die Landschaft kutschiert zu werden. Auch dieser Wunsch wurde ihnen von Bruno Freiburg erfüllt. Denn in England hat das Wägelchen aus dem Schwabenlande drei Jahre Lieferzeit. Beim nächsten Neckarfest in drei Jahren wird Europcar Heilbronn mit einem „grünen Boot“ mit von der Partie sein. Damit die Besucher sicher durch die Wassermassen des Neckars kutschiert werden. Darauf bin ich ja gespannt. Paßt auch gut zur grünen Uferbepflanzung. Vorschlag: Man könnte das Neckarfest ja auch exportieren – Franchise-System. Dankbare Städte gäb’s viele am Neckarstrand – rauf und runter. Bloß, des send elles Schwoba, in der Mehrzahl. Die Badener zählet jetzet a mol net mit. Und die Schwoba zahlet nix. Und außerdem: Die Neckarfeschtles-Idee isch ja net original Heilbronnerisch, gell, net wohr – nicht.

Theater und Publikum
Der Heilbronner Theaterintendant Klaus Wagner ist wahrlich ein streitbarer Zeitgenosse. In seinem neuen Faltblatt „toi, toi, toi“ zur Spielzeit 1996/97 schreibt der Theatermann unter der Überschrift „Das Alibi fürs Abschaffen: die Strukturkommission“ heftige Sätze gegen das Sparen im Kulturbereich. Seit Jahren schon erklärt er: „Das Schlimmste, was den Kulturinstitutionen dieses Landes seit 1992 passiert, ist das „Katz und Maus Spiel“, dem wir Jahr für Jahr gegenüberstehen. Jahr für Jahr deckelt die Landesregierung unsere Finanzierung, entlastet sie dann wieder teilweise. Die Fraktionen des Landtags verkünden diese Entlastung lautstark, und Monate später stellt die Regierung diese Finanzierung aufs Neue in Frage.“ – So funktioniert das Sparen in der Politik, kann ich da nur sagen. Der einzelne Bürger muß noch viel mehr aushalten als die Kulturinstitutionen im Lande. Steuer- und Abgabenerhöhungen an allen Ecken und Enden. Der Normalmensch arbeitet zu mehr als fünfzig Prozent für den Staat. Da muß bei Sparmaßnahmen auch die Kultur den Gürtel enger schnallen und nach neuen Wegen der Finanzierung suchen. Die üppigen Zeiten sind halt vorbei. Da nutzt es auch nicht viel, wenn Intendant Klaus Wagner sein Heilbronner Publikum beschimpft, das Premieren nicht ausbuht, sondern einfach in der Pause geht. Klaus Wagner: „Man muß schon akzeptieren, daß zum Beispiel ein Weglaufen in der Pause bei der Aufführung von ‘Winterkrieg’ nicht ein Werturteil über das Stück, sondern ein Werturteil über einen selbst ist.“ – Nicht der Stückeschreiber und der Regisseur sind schuld, wenn eine Aufführung ein Flop ist? Sondern die Zuschauer? Das ist neu. Walter Felsenstein, der große Theatermann, ließ Stücke einst so spielen, daß das Publikum gefesselt war, nicht nachdachte, sondern miterlebte. Theater wird immer noch fürs Publikum, nicht für Autoren, Regisseure oder Theatermacher hergestellt. Wer vor dem Publikum versagt, muß gehen. Umgekehrt ist es eigentlich nur in Diktaturen denkbar. Auch das Heilbronner Theater muß sich ändern. Denn die Zeiten haben sich seit 1982 schwer gewandelt. Und mit ihnen die Menschen – selbst im Unterland.

Präsident Lange
Im Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) haben sich vierzig Organisationen zusammengeschlossen. Neun Verbände der werbenden Wirtschaft, einer der Werbeagenturen, 24 der Medien und sechs der Werbeberufe und Forschung. Und die hatten am 14. Mai in Bonn Dr. Manfred Lange (53) zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Der Mann ist in Heilbronn kein Unbekannter. Denn hauptberuflich ist Lange Vorsitzender der Geschäftsführung von „Knorr“, besser: des Markenartikel-Unternehmens CPC Deutschland sowie Mitglied der europäischen Geschäftsleitung der weltweit agierenden Firma. Der Dachverband ZAW vertritt die Interessen der Werbebranche gegenüber Staat und Gesellschaft, den europäischen und anderen supranationalen Institutionen und sorgt darüber hinaus für den werbefachlichen Interessensausgleich für die in der Werbearbeit beteiligten Gruppierungen als neutraler Koordinator und Berater. Manche in Heilbronn werden sich nun fragen: Wer ist dieser Herr Lange? – Manfred Lange ist nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre und seiner Promotion 1972 zunächst Assistent des Generalbevollmächtigten der Dr. A. Oetker Bielefeld geworden, war dann in leitender Funktion für die Firma in Italien tätig und wechselte anschließend in die Textilindustrie als Verkaufsleiter der Berhard Altmann GmbH München. Zwischen 1980 und 1990 arbeitete er für die Pfanni-Werke Otto Eckart KG München – zuletzt als Mitglied der Geschäftsführung. Seit 1990 ist Lange bei der CPC Deutschland in Heilbronn tätig, zunächst als Leiter des Markenartikelgeschäfts, seit 1992 als Vorsitzender der Geschäftsführung. Übrigens, wußten Sie, daß CPC Deutschland eine Tochtergesellschaft des amerikanischen Unternehmens CPC International mit Sitz in Eaglewood Cliffs ist, die weltweit in über 60 Ländern mit Markenartikeln  rund zehn Milliarden Dollar Umsatz erzielt? In Deutschland erzielt man bei 4.000 Beschäftigten einen Umsatz von rund 1,7 Milliarden Mark, dank Markenartikeln wie Knorr, Pfanni, Mondamin, Mazola oder Dextro Energeen.

Fuchs-Brüder
Die Gebrüder Fuchs aus Böckingen sind in Heilbronn schon Politveteranen. Kurt Fuchs, einst Kripobeamter in Heilbronn, heute Pensionär und SPD-Stadtrat, wurde am Sonntag im Kaffeehaus-Hagen, der neuen SPD-Weihehalle für besondere Zwecke, von seinen Parteifreunden hochgeehrt. Die Willy-Brandt-Medaille wurde ihm von der SPD-Vorsitzenden Sibylle Mösse-Hagen überreicht und ein Ehrenbrief des Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine – für 50 Jahre treue Mitgliedschaft in der SPD. Die Vorsitzende konnte es sich dabei nicht verkneifen, ihre Vorliebe für einen Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder kundzutun. Nicht direkt. Aber mit der launischen Bemerkung: „ ... von Oskar Lafontaine, unserem derzeitigen Parteivorsitzenden. Und das soll er ja auch bleiben.“ Mit wohlwollendem Gelächter der Gäste, Freunde und Genossen wurde diese forsche Aussage quittiert. Vom Landesvorsitzenden der SPD, Ulrich Maurer, war bei dieser Ehrung nicht die Rede. Wohlweislich. Denn der muß sich ja erst einmal beim nächsten Parteitag durchsetzen. Aber es waren viele alte und neue Weggefährten anwesend: Heini Großhans (einst SPD-Geschäftsführer, als es der Partei noch gut ging), Albert Großhans (Ehrenbürger der Stadt Heilbronn und einst SPD-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat), Reiner Casse (scheidender CDU-Kulturbürgermeister), Artur Kübler (CDU-Fraktionsvorsitzender), Stadtratskollegen wie Karlheinz Losch (FDP), Ursula Scheuermann (FDP), Horst Reinecker (CDU), Ewald Lutz (CDU) und natürlich viele von der SPD. Bruder Erwin Fuchs, einst ebenfalls SPD-Stadtrat und später hochgeachteter Kulturbürgermeister, ist politisches Vorbild für seinen Bruder Kurt. Der stellvertretende Chefredakteur der Heilbronner Stimme, Uwe Jacobi, hielt die Laudatio auf den Jubilar. Und Ingrid Richter-Wendel vom Heilbronner Stadttheater sang Bert-Brecht-Lieder aus der Dreigroschenoper. Lieder aus einem Milieu, das Kurt Fuchs, der Kriminalbeamte a.D., durch seinen Beruf zur Genüge kennengelernt hatte. Nur nicht ganz so literarisch. Das Unterländer Milieu ist selten von der Muse geküßt worden.

Bundesligachaos
Die Bundesliga ist zu Ende, der neue Deutsche Meister steht fest und Ruhe kann einkehren. Denkste, nichts da. Dafür sorgen schon die Krisen-Klubs der Bundesliga. Ein Klub feiert den größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte und verliert danach völlig die Kontrolle. Der Europapokalsieger der Landesmeister Borussia Dortmund war eigentlich für seine seriöse Vereinsarbeit bekannt, doch der Gewinn der Champions-League brachte Eitelkeiten und Intrigen an die Oberfläche, am Ende ein einziges Chaos! Otmar Hitzfeld wird schnell zum  Sportmanager befördert, bevor er als Trainer gegangen werden muß. Sogar Präsident Niebaum hetzt Spieler gegen den Trainer auf. Man mag es kaum glauben, aber die Rede ist hier wirklich nicht vom neuen deutschen Meister FC Bayern Hollywood, sondern von den schwarz-gelben Borussen. Wie es sich aber für die Bayern gehört, müssen sie kräftig mitmischen in diesem Chaos. Speziell der fast ausgediente „Loddarmaddäus“ mit seinem grandiosen Tagebuch in der Bild. Für ihn die letzte Gelegenheit in den Medien wieder ins Gespräch zu kommen. Allein durch seine sportlichen Leistungen gibt es ja keinen Anlaß zum Schreiben. Aber mit dieser Tagebuch-Aktion dürften wohl die Tage des Lothar Matthäus bei den Münchnern gezählt sein. Italien wird sich freuen, außer Klinsmann natürlich. Aber nicht nur die ganz großen Klubs stehen im Chaos-Rampenlicht. So ist zum Beispiel der 1. FC Nürnberg schlecht auf Schalke zu sprechen. Denn Schalke schuldet den Nürnbergern noch rund 50.000 Mark aus dem Transfer von Marco Kurz. Auch nicht die feine Art der Königsblauen. Wieder zurück nach München, jedoch zu den 60ern. Der Traditionsklub meldete stolz die Verpflichtung von Paul Agostino von Bristol City. Doch das vermeintliche Schnäppchen droht sehr teuer für 1860 zu werden. Bristol hat den Klub bei der FIFA angezeigt, denn Bristol City wurde über das bayrische Interesse nicht informiert. Und auch der Hamburger SV bleibt nicht verschont. Da rechnete Neu-Trainer Pagelsdorf mit Henchoz als Libero – dabei war dessen Weggang schon lange perfekt. Gesagt hat es Pagelsdorf niemand. Chaos über Chaos.       

Der Sommer kommt
 Wer berühmt werden möchte, muß so einiges auf sich nehmen. Und der anstehende Sommer ist die beste Zeit dafür, vor allem für die weiblichen Schönheiten des Landes. Die Bikini-Wahlen stehen wieder an. Zwischen Flensburg und Friedrichshafen finden beinahe jeden Tag solch diverse Shows statt. Bei mehr als 500 Veranstaltungen über die Republik verteilt, gibt es inzwischen genügend Gelegenheiten, sich vor großem Publikum  zu profilieren. Allein in Deutschland stellen sich jährlich rund 5.000 potentielle Pamela-Anderson-Verschnitte zur Schau. Bei solchen Shows gibt es für den Betrachter einiges zu sehen, und für die Bikiniträgerinnen einiges zu halten. Wo Frauen so viel Herz zeigen, kann es leicht passieren, daß das männliche Herz schnell in Raserei gerät. Aber in den neunziger Jahren reicht für den begehrten Thron Schönheit allein nicht mehr aus. Miss Germany können mittlerweile nur noch Frauen werden, die auch etwas im Kopf haben. Denn die Dame die gewinnen will, muß ein hochkompliziertes Fragespiel (Name, Hobbys und Beruf) schnell und schlagfertig beantworten. Die Konkurrenz ist hart – allerdings nicht in jeder Hinsicht. Denn natürliche Schönheit ist bei den Ladies nur noch selten zu finden. Viele Teilnehmerinnen vertrauen ihre Schönheit eher den Fingerfertigkeiten der plastischen Chirurgen an. So findet man bei diesen Wettbewerben kaum noch Frauen, deren Körper nicht durch Silicon-Polster aufgepeppt, die Haut solarium-braun und die Muskeln im Fitnessstudio gestählt worden wären. Es ist es schließlich auch wert, denn den Gewinnerinnen winkt Ruhm und Starrummel. Und Fernsehauftritte bei Arabella, Meiser und Co. werden kurzfristig zur Routine. Kein Wunder also, daß sich die ambitionierten Titelanwärterinnen so mächtig ins Zeug legen, oder?

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