Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 01.10.1997




Saubere Stadt
Erinnern Sie sich noch? Es ist erst wenige Monate her, da fegten zunächst einige prominente Heilbronner die Innenstadt. Kurz darauf hatte man als Gag die Junggesellen der Käthchenstadt eingeladen, um die Stadt vom Dreck zu befreien. Dank dieser Aktion landete Heilbronn im Guinness-Buch der Rekorde. Welch eine Errungenschaft?!? – Gehen Sie aber mal so gegen 7.30 Uhr jetzt in diesen Herbsttagen durch die Sülmerstraße oder Fleinerstraße Heilbronns – also durch das Aushängeschild, das Schaufenster der Stadt. Cola-Dosen liegen herum, Zigarettenschachteln und -stummel, Papier, etc. Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung – und Heilbronn dreckig. Wie heißt es so schön? Dem einzelnen kaputten Fenster folgen, wenn es nicht repariert wird, viele andere. Unübersehbar ist, daß Heilbronns Innenstadt weiterhin tagsüber ein Tummelplatz für alle möglichen dunklen Gestalten ist. Dort wo Bänke und Ruhezonen ausgewiesen sind, erholen sich nicht Bürger vom Einkauf, sondern dort wird gedealt und Alkohol in rauhen Mengen konsumiert, gegrölt und eilig Einkaufende durch Zurufe belästigt. Verkäuferinnen haben Angst vor jenen Menschen, die bettelnd ihre Geschäfte betreten. Überfälle sind keine Seltenheit, Handtaschenraub ist an der Tagesordnung. Der Einzelhandel klagt seit Monaten darüber, daß die Attraktivität der Innenstadt unter diesem Zustand leidet. Ein paar Aktivitäten in den Sommermonaten sollten darauf hinweisen, wie schön Heilbronn sein kann. Aber Eintags-, Zweitags- oder Dreitagsfliegen machen die Innenstadt nicht attraktiver. Dazu braucht es ein mittel- und langfristiges Konzept, das auch kontinuierlich umgesetzt wird. Die Bemühungen – vor allem die der Kaufleute – sind begrüßenswert. Aber sie allein sind zum Scheitern verurteilt, wenn das Ordnungsamt der Stadt seiner Pflicht nicht nachkommt, dem Bürger eine möglichst von Kriminalität und Schmutz befreite City zu bieten. Ansonsten gibt es ja die Alternative: saubere Einkaufsmöglichkeiten vor den Toren der Stadt – auf der grünen Wiese.

Heilbronn und Literatur
Täglich wird geschrieben und geschrieben, daß die Federn rauchen. In unseren Computer-Tagen besser: ..., daß die Tasten rauchen. Aber nicht alles, was zu Papier gebracht wird, ist auch schon Literatur. Und auch nicht jedermann oder -frau, die ihre Schreibergüsse zwischen zwei Buchdeckel pressen läßt, produziert damit schon „Literatur“. Ohnehin ist der geringste Teil einer Jahres-Buchproduktion der schöngeistigen Literatur zuzurechnen. Maximal zehn bis 15 Prozent macht dieser Markt aus. Gefragt sind Fachbücher und beim breiten Publikum Ratgeber-Bücher. Trotzdem: In Deutschland wird mehr denn je gelesen, der Bücherverkauf – auch im schöngeistigen Bereich – steigt unaufhörlich an. Die Verlage verdienen gut. An jeder Ecke der Stadt, ob an der Tankstelle, im Kaufhaus oder am Kiosk, kann Literatur gekauft werden.  Impulsgeber für die Auf‘s und Ab‘s im Literaturbetrieb ist, so kurios das klingt, ist das Fernsehen. Was dort vorgestellt und besprochen wird, hat in den Buchhandlungen Hochkonjunktur. Auch Zeitungen und Magazine ordnen für ihre Leser ständig den für Otto-Normal-Verbraucher unübersehbaren Markt. Aber selbst kleine, regionale Verlage, wie zum Beispiel der Salzer-Verlag in Heilbronn, haben mit ihrem stark regional ausgerichteten Angebot eine treue Leserschaft. Vor wenigen Tagen wurde in Heilbronn sogar ein neuer Verein gegründet: der „Literarische Verein Heilbronn e.V.“. Spötter meinen, wenn dem Deutschen nichts mehr einfällt, gründet er einen Verein. Aber Literaturclub will im Unterland die heimlichen Dichter und Denker hinter ihrem Ofen oder Weinglas hervorholen, um der staunenden Öffentlichkeit dann die Kulturszene der Region zu präsentieren. Da wir schon eine im Unterland haben, bin ich ganz gespannt, was uns da aus dem großen Hut hervorgezaubert wird. Vielleicht ein neuer Goethe, oder etwa ein Unterländer John Grisham, der dann als Stern auf der ganzen Welt funkelt? Naja, Literatur ist, wenn sie erfolgreich sein will, heutzutage ein Handwerk, das erlernt sein will. Hobby-Schreiber dürfen in Volkshochschulkursen zeigen, was sie so draufhaben. Und im engen Familien- oder Freundeskreis. Das soll auch so bleiben.  

Heilbronn brutal
Gewaltverbrechen gehören auch in Heilbronn schon längst zur Tagesordnung. Traurig aber leider wahr! In den Zeitungen der Region sind täglich Meldungen wie bewaffneter Tankstellenraub, Taschendiebstähle, Einbrüche und sogar Totschlag zu lesen. Nicht einmal mehr in seinem eigenen Haus ist man sicher. Diese Erfahrung mußte eine Rentnerin machen, als sie vor nicht allzu langer Zeit nachts von Einbrechern heimgesucht wurde. Auch was die Drogenszene betrifft, ist Heilbronn keine Stadt von Traurigkeit mehr. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl liegt unsere Käthchenstadt, im Bereich der Drogendelikte, sogar vor der Großstadtmetropole Frankfurt am Main. Die Zahl der Drogentote bestätigen diese Entwicklung eindrucksvoll. Trotz dieser trauriger Bilanz wird um eine Legalisierung von einer geringen Menge Haschisch in unseren Breiten diskutiert. Eine Möglichkeit noch mehr „Stoff“ zu konsumieren. Einen Teil muß man selber organisieren, den anderen Teil „sponsored“ der Staat. Auch die Präsenz der Heilbronner Polizei läßt zu wünschen übrig. Doch hier muß auch gesagt werden, daß die Polizisten eher hinter dem Schreibtisch sitzen müssen, um die Bürokratie zu bewältigen anstatt auf der Straße für Recht und Ordnung zu sorgen. Die Idee von Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder, die Beamten von den Schreibtischen zu entfesseln und die Aufgabenbereiche zu entlasten. Gar keine schlechte Idee, oder? Auch die Erhöhung der Kapazität an Polizeibeamten durch ehemalige Grenzbeamte wäre eine Möglichkeit der derzeitigen Gewaltwelle entgegenzutreten. So sieht es jedenfalls Bundesinnenminister Manfred Kanther. Hoffentlich übersieht die Idee Heilbronn nicht. Denn hier ist schon seit einiger Zeit ein deutliches Zeichen zur Bekämpfung der Kriminalität von Nöten. Auch wenn es einige Branchen nicht so gerne sehen, daß an jeder Ecke ein Gesetzeshüter steht, ist doch die allgemeine Sicherheit der Bevölkerung in den Vordergrund zu stellen. Man sollte mal darüber ernsthaft nachdenken. Auch in Heilbronn!

Aber hallo – Scheidung
Als sich Lady Diana und Prinz Charles scheiden ließen, war dem schlichten Vorgang vor einem Gericht ein Rosenkrieg vorangegangen, an dem die Interessierten via Bildschirm teilhaben konnten. Da wurde in zwei Interviews – er packte zunächst aus, dann sie – nahezu jeder Seitensprung, jede seelische Grausamkeit sowie das ganze Hin und Her ausführlich von Ihren Königlichen Hoheiten dargestellt. Zur Verblüffung der Untertanen Ihrer Majestät Lisbeth und zum Staunen vieler anderer Völker dieser Welt. Aber wir Deutschen haben auch unsere Promis, die mit dem englischen Könighaus mithalten können. Nicht gerade im konservativen Lager, wie die strengen Menschen der political correctness vermuten könnten, sondern bei Sozis. Was uns Gerhard und Hillu aus Niedersachsen zunächst als glückliches Paar in der SPD-Seifenoper boten, war schon streng an der Grenze des guten Geschmacks. Was sie aber kurz vor ihrer Scheidung boten ist weit darunter  – und umso heftiger von den Medien kolportiert. Die Rachsucht der grünlichen SPD-Dame Hillu (sie sollte ja in Heilbronn im Caféhaus Hagen aus ihren Werken lesen!) bezweckte – wie es schien – das Gegenteil. Ihrem Gerhard wuchs teilweise unverdiente Sympathie zu, in ungeahntem Ausmaß. Da schrieb neulich ein kluger Kopf: Die Wirkung der Rachsucht eines Weibes wäre in den USA ähnlich, doch wird in dem Land, wo die Scheidungsrate viel höher ist als bei uns, von den Männern des öffentlichen Lebens verlangt, daß sie verheiratet sind und eine ordentliche Ehe nachweisen können – der Scheidungen durchaus vorangegangen sein mögen. Begründung: die höhere Moral in den Vereinigten Staaten, die durch den höheren Grad an Heuchelei ausgeglichen wird. Außereheliche Aktivitäten schaden nicht, wenn der Mann seine Sünden – wie bei den Clintons –  durch mehr Macht für seine Frau ausgleicht. Sagen sich die Mehrzahl der Wählerinnen dann wirklich, dieser Mann hat ein herzliches Interesse an uns Frauen. Während die Widersacher, die Konservativen, die hochsittlichen Frauen kaum wahrzunehmen scheinen. Wenn das stimmt, dann wird Gerhard Schröder, unser Mini-Clinton aus Niedersachsen, dank seiner vielen Ehen mit Sicherheit 1998 deutscher Bundeskanzler. Und wenn nicht, dann ....     

Eishockey brutal
„Eishockey wird immer brutaler.“ Diese Feststellung machte neulich Günther Jauch und zielte damit auf die regelwidrigen Faustkämpfe der Cracks. Der Stern-TV-Moderator befragte dazu den wohl bekanntesten deutschen Eishockey-Spieler Erich Kühnhackl. Ausschlaggebend für diese Diskussion war das Spiel der Frankfurter Lions gegen die Nürnberger Ice Tigers. Bei so vielen Raubkatzen auf einem Spielfeld mußte es zu schweren Kämpfen kommen. Schlimm war nur, daß es nicht bei den „geduldeten“ Zweikämpfen blieb, sondern daß es zu minutenlangen Massenschlägereien auf dem Eis kam. Im deutschen Eishockey-Regelwerk sind zwar auch Prügeleien zwischen zwei Spielern verboten, werden aber in den meisten Fällen nur mit einer zwei-Minuten-Strafe geahndet. Wie auch Kühnhackl berichtete, sind in der Nordamerikanischen Hockey-League (NHL) solche Auseinandersetzungen erlaubt, allerdings mit gewissen Einschränkungen: Die Schutzkleidung darf nicht ausgezogen werden und dritten ist es nicht erlaubt, sich einzumischen. In den USA hat die Show halt immer Vorrang. Aber nun mal Hand aufs Herz: Ist das nicht in Deutschland – Heilbronn eingeschlossen – genau dasselbe? Zwar dürfen sich die Spieler nicht prügeln, trotzdem freuen sich die Zuschauer, wenn es zu einem handfesten Fight kommt. Eishockey ist nun mal ein harter, emotionsgeladener Sport. Sicherlich geht kein Fan nur wegen der regelwidrigen Zweikämpfe ins Stadion, aber gerade diese sind die kleinen Zugaben zum eigentlichen Geschehen. Dafür erlebt man in den Fanblöcken der Eisstadien kaum handfeste Auseinandersetzungen. „Besser die hauen sich, als wir“, hat ein Düsseldorfer Fan unlängst festgestellt und damit hat er auch Recht.     

Thomas Strobl nach Bonn?
Ende September 1998 wird ein neuer Bundestag gewählt. Seit 1976 wird der Heilbronner Wahlkreis durch Egon Susset in Bonn vertreten. Der CDU-Mann hatte 1969 und 1972 den Sprung in den Bundestag über die Landesliste geschafft. Sein Gegner war damals Erhard Eppler, der SPD-Entwicklungshilfeminister. Als dann aber 1976 Dieter Spöri für die SPD im Heilbronner Wahlkreis antrat, war die Zeit des Direktmandats für die Genossen vorbei. Spöri schaffte den Sprung nach Bonn dank der Absicherung auf der SPD-Landesliste. Bei den Wahlen 1980, 1983 und 1987 versuchte er Susset das Direktmandat abzuringen – aber unterlag jeweils. Sein Nachfolger als SPD-Kandidat Peter Alltschekow kam dann, nachdem Spöri 1988 in die baden-württembergische Landespolitik eingestiegen war, nicht mal mehr über einen Landeslistenplatz nach Bonn. Zu Beginn des Jahres hat Egon Susset seinen Abschied aus der aktiven Politik angekündigt – und am Wochenende machte die CDU gleich Nägel mit Köpfen. Sie bestimmte für die Wahl 1998 Thomas Strobl als CDU-Kandidaten im Wahlkreis Heilbronn. Damit ist der Nachfolger Egon Sussets im Amt des Unterländer CDU-Kreisvorsitzenden auch sein Nachfolger als Bundestagskandidat. Gegenüber der SPD hat Strobl nun den Startvorteil. Die beiden sozialdemokratischen Kreisverbände Heilbronn-Land und -Stadt werden auf einer Delegiertenversammlung wahrscheinlich den von ihren Kreisvorsitzenden schon nominierten Heilbronner Bürgermeister Harald Friese erwählen. Wenn sich zwischenzeitlich nicht eine Frau aus den Genossen-Kreisen aufrafft, um eine echte Alternative zu bieten. Denn Strobl und Friese als Männer und Juristen würden  – so manche Unterländer SPD-Frauen mit sorgenzerfurchter Stirn – ganz dem traditionellen Politik-Bild entsprechen. Aber ich kann mir kaum vorstellen, daß gegen die beiden starken Vorsitzenden-Funktionäre Sibylle Mösse-Hagen und Peter Knoche auch nur eine SPD-Frau als Kandidatin aufzumucken wagt. So wird der Ein-Jahres-Wahl-Kampf zwischen Strobl und Friese im Unterland ausgetragen.

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