Freitag, 14. März 2014

Kiliansmännle, 02.04.1997



Oster-Feiertage
Alles freute sich auf die Osterfeiertage 1997, wie sie uns von den Wetterfröschen in vielen Zeitungsartikeln und Fernsehsendungen vorhergesagt wurden. Aber was die Meteorologen da geraunt hatten, war wohl mehr dem Thema Sterndeuterei zuzuordnen als eine auf wissenschaftlichen Daten beruhende Vorhersage. Am Ostersonntag sollte es frühlingshaft sonnig werden – und am Montag wäre dann die ganze österliche Pracht über uns hereingebrochen. War aber nicht ganz so. Am Karfreitag und Karsamstag war es kalt, windig und wenig sonnig – eher regnerisch. Und am Ostersonntag stürmte es zeitweilig und der Regen ergoß sich über uns – zur Freude der Naturfreunde. Erst am Ostermontag traf ein, was man uns offiziell versprochen hatte. Dafür haben wir jetzt das schönste Osterwetter, jetzt, wo alle Berufstätigen wieder brav am Arbeitsplatz sitzen müssen. Das ist schon ein Kreuz mit diesen Vorhersagen. Ganz dem vergangenen Fest angemessen

Freß-Tempel
Toprestaurants in Deutschland leiden nicht. Behaupten jedenfalls Gastronomen, die ganz oben in jener Rangliste aufzufinden sind, die vom Wirtschaftsmagazin Capital veröffentlicht wird (April 1997). In einer Zusammenfassung der Bewertungen der fünf Restaurantführer Varta, Michelin, Gault Millaut, Aral Schlemmeratlas und Macellino’s wird eine 100er-Bestenliste präsentiert (umfaßt diesmal nur 97 Restaurants), die es in sich hat. Martin Öxle vom Aufsteiger des Jahres, der prachtvollen Speisemeisterei in Stuttgart (Platz zehn), schwärmt trotz der Klagen in der Gastronomie: „Seit Eröffnung vor dreieinhalb Jahren sind wir täglich ausgebucht.“ Leistung lohnt sich also, wenn Qualität und Preis in einem akzeptablen Verhältnis zueinander stehen. Aus unserer Region stehen die Schweizer Stuben in Wertheim mit 93,4 Capital-Punkten an dritter Stelle. An zehnter Stelle folgt die Speisemeisterei Stuttgart (89,4 Punkte). Das Wald- & Schloßhotel Friedrichsruhe (Zweiflingen) nimmt Platz 18 ein (87 Punkte). Auf weiteren Plätzen aus unserer (erweiterten) Region: 16. Da Gianni, Mannheim (87,4 Punkte),19. Wielandshöhe Stuttgart (87), 20. Taverna La Vigna, Wertheim (86,3), 23. Schloß Höfingen, Leonberg (84,8), 40. Landgasthof Adler, Rosenberg (84), 41. Die Ulrichshöhe, Nürtingen (83,5), 46. Zirbelstuben / Hotel Victoria, Bad Mergentheim (82,8), 68. Délice, Stuttgart (80,5), 77. La Chandelle-Mondial, Wiesloch (79,9)  und 84. Oberländer Weinstube, Karlsruhe (79,1). Aus dem Unterland ist leider unter den Spitzenrestaurants Deutschlands niemand zu finden. Obwohl in so manchem kleinen „Freßtempel“ hier in der Gegend die Speisen und Weine sich preislich kaum von dem unterscheiden, was in den Toprestaurants verlangt wird. Nun fragen sich viele: Warum überhaupt diese Liste? Jene, die gelegentlich ihr Geld für gutes Essen ausgeben wollen, sagen, das sei wie beim Test von Autos. Man orientiere sich halt. Und ob man nun in irgendeinem Nobelrestaurant dasselbe ausgebe wie in einem Spitzenrestaurant, das sei dann doch schon ein gelinder Unterschied. Für’s gleiche Geld  – wohlgemerkt.

100 Jahre Kaiserstraße
Die Kaiserstraße wird 100 Jahre alt. Fußgängerzone ist sie jetzt schon. Aber eine richtige soll die 400 Meter lange Straße zwischen Neckar und Allee erst noch werden. Von Februar bis Oktober 1998 wird umgebaut – für geplante runde 83.000 Mark. Das kann noch teurer werden. Oder preiswerter, wenn die Zuschüsse für die Stadtbahn nicht so fließen wie eigentlich vorgesehen. Das  Gezerre und Gezeterte um die Umwandlung zur Fußgängerzone ist vorüber. Anlieger und Fußgänger haben sich damit abgefunden, daß nur noch Busse und Taxen durchdiese einstige Hauptverkehrsader der Regionalhauptstadt düsen dürfen. Auch daß die Bahnhofsvorstadt für einen Fremden auf Anhieb kaum zu finden ist, und Ortskundige erst lange Umwege fahren müssen, um zum Beispiel per Auto zu Hauptpost oder Hauptbahnhof zu gelangen - selbst dieser unerfreuliche Umstand ist leidlich akzeptiert. Aber können wir uns wirklich vorstellen, daß eine Stadtbahn, die von Eppingen bis Öhringen verkehrt, mitten durch die Innenstadt geführt wird? Die hat schließlich ein anderes Kaliber als unsere städtischen Busse, die derzeit durch die Kaiserstraße zuckeln. Beim besten Willen: Meine Vorstellungskraft reicht dafür momentan nicht aus. Öffentlicher Personennahverkehr schön und gut – aber was derzeit an Fahrzeugen der Bundesbahn vom Hauptbahnhof in Richtung Karlstor und weiter ins Hohenlohische fährt, das auf einer Schiene mitten durch die Stadt? Warum wird nicht auf der alten Trasse zwischen Hauptbahnhof und Karlstor und weiter durch den Tunnel nach Weinsberg verkehrt? Auch da sind Haltepunkte möglich. Und man würde den Bau einer neuen sparen. Viel wichtiger für die Zukunft ist es, den Ausbau der Straßen-Verbindungswege zwischen Weinsberg und Heilbronn zu betreiben. Denn der Autoverkehr – da kann man sich winden und wenden, wie immer man will – wird weiter zunehmen. Mit Beschwörungsformeln ist diesem Anstieg nicht beizukommen. Nur mit einer vernünftigen Verkehrspolitik – auch auf kommunaler Ebene.                                                

SPD-Suche
Die Sozialdemokraten in Baden-Württemberg sind seit der Landtagswahl im vergangenen Jahr in eine Identitätskrise gerutscht, aus der sie bis heute nicht herausgekommen sind. Dieter Spöri, ihr Spitzenmann bei der verlorenen Wahl, hat sich sang- und klanglos in die freie Wirtschaft abgesetzt. Am Wahlabend mußte er, weil sich der Landesvorsitzende Ulrich Maurer nicht zeigte, die ganze Last der Schuld am Wahldesaster auf sich nehmen. Jetzt, nach einem Jahr, konzentriert sich die Unzufriedenheit der Parteimitglieder auf ihn. Alternativen sollen sichtbar gemacht werden. Robert Antretter, 58jähriger SPD-Bundestagsabgeordneter, will beim nächsten Parteitag gegen den amtierenden SPD-Landesvorsitzenden Ulrich Maurer, der im zehnten Jahr seiner Zeit als Landesvorsitzender steht, antreten. Maurer habe seine lange Bewährungszeit nach der Wahl nicht genutzt. Jetzt gelte es, junge Kräfte in der Partei zu fördern. Und den Wechsel vorzubereiten. Für die Heilbronner SPD-Kreisvorsitzende Sibylle Mösse-Hagen ist Antretter allerdings keine Alternative, er sei einfach zu alt für einen Neubeginn. Denn ohne Not wähle man einen Mann wie Maurer nicht ab. Da stellt sich allerdings die Frage, wie groß die Not der SPD in Baden-Württemberg von den Genossinnen und Genossen empfunden wird. Andere Kreisverbände haben Herta Däubler-Gmelin, die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende, rechtspolitische Sprecherin der SPD und Professorin in Berlin, für das Spitzenamt im Ländle vorgesehen. Sie hält sich allerdings momentan noch bedeckt. Und erhält dafür verbale Schelte von der Landes-SPD. Nach dem Rücktritt Dieter Spöris als Landtagsabgeordneter hat die SPD in Heilbronn sich nicht mit einer Nabelschau aufgehalten. Das Dreigestirn Sibylle Mösse-Hagen (Kreisvorsitzende), Harry Mergel (Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat) und Harald Friese (Bürgermeister, SPD-Fraktionsvorsitzender in der Regionalversammlung) wollen das Schiff flott machen. Ob sie es schaffen, hängt von ihren politischen Taten ab. Und dazu haben sie jetzt mehr als genug Möglichkeiten, zu zeigen, was die SPD alles in der Region kann.

Neue Bürgermeister
Trotz der vielen angekündigten Sparmaßnahmen wird die Stadt Heilbronn nach dem Ausscheiden des Kulturbürgermeisters Reiner Casse wieder vier Dezernenten haben. Darauf einigten sich die beiden großen Fraktionen im Rathaus, CDU und SPD. Und gegen die 26 Stimmen der beiden Elefanten können die kleinen Gruppierungen am Hufeisentisch der 40 obersten Repräsentanten der Stadt wenig ausrichten. Beim Personal der nahezu 5.000-Mitarbeiter-Behörde „Heilbronner Stadtverwaltung“ soll in den kommenden Jahren kräftig gespart werden. Aber an der Spitze soll alles beim alten bleiben. Die Einsparung eines Dezernenten käme einer Schwächung der Führungsspitze im Rathaus gleich, meint die SPD in einer Presseerklärung. Denn angesichts gravierender Veränderungen und zunehmender Probleme, die auch in Heilbronn zu lösen seien, käme das Wegfallen eines Dezernats „fast schon einer Geschäftsschädigung“ gleich, verkünden mutig und selbstbewußt die Sozialdemokraten. Die CDU und ihr stellvertretender Fraktionsvorsitzender Thomas Strobl kommentieren die Beibehaltung der vier Dezernate wohlweislich nicht. Denn Christdemokraten hatten sich im Rathaus in den vergangenen Monaten stark für einen Personalabbau eingesetzt. Selbst die mögliche Einsparung eines Dezernats war von der ehemaligen Fraktionsvorsitzenden Johanna Lichy, heute Staatssekretärin und Landtagsabgeordnete, erwogen worden. Nun aber sind die Karten neu gemischt. Neue Führungsspitzen der Fraktionen im Rathaus schlagen auch neue Töne an.Wie sagte doch Harry Mergel von der SPD? „Das Großunternehmen Stadt Heilbronn mit einem Gesamtbudget von mehr als einer Milliarde Mark braucht mehr denn je eine starke Führungscrew.“ – Da bin ich sehr gespannt, welche Stärke die neue Crew aufweisen wird.     


Wer wird was wann
Der Wechsel an der Spitze der Dezernate ist festgeklopft. Die SPD im Heilbronner Rathaus freut sich, das „klassische Feld sozialdemokratischer Kommunalpolitik wieder maßgeblich gestalten“ zu können. Konkret: der derzeitige Krankenhaus- und Ordnungsdezernent, Bürgermeister Harald Friese wechselt nach dem Ausscheiden von Reiner Casse ins Kulturdezernat.  „Klassisch“ sei es, wenn es in SPD-Hand ist? Ein müdes Argument. Denn nach dem Kriege gab es nur einen SPD-Kulturbürgermeister: Erwin Fuchs. Aber zwei von der CDU. Die Frage lautet jetzt: Wen stellt die CDU als Nachfolger für Harald Friese auf? Artur Kübler, der CDU-Fraktionsvorsitzende, hat nicht abgewunken – und die CDU sagt, wenn er will, dann wird er es. Gewollt hat er schon einmal. Damals zog die CDU Reiner Casse als Kulturbürgermeister vor. Welche Hintergründe hat dieser kleine Machtpoker im Rathaus? Thomas Strobl, CDU-Kreisvorsitzender und Stadtrat, könnte sich als neue CDU-Fraktionsvorsitzender in der Nachfolge Artur Küblers für seine Bundestagskandidatur gut in Pose setzen. Harald Friese, dem auch Ambitionen für eine Kandidatur in den Bundestag nachgesagt werden, ist das lästige Amt des Ordnungsbürgermeisters los und kann sich als Kulturdezernent in der Vorwahlkampfzeit bei den vielen anstehenden Terminen in der Öffentlichkeit ein positives Image verschaffen. Würde er 1998  über die Landesliste oder direkt gewählt werden, hätte die SPD wieder das Vorschlagsrecht für seine Nachfolge und Harry Mergel wäre der neue Kulturbürgermeister – und nicht mehr nur Lehrer, Fraktions- und Heilbronner Kulturtagechef. Es könnte aber auch sein, daß Harald Friese in der SPD als Bundestagskandidat nicht vermittelbar ist. Dann hieße der neue SPD-Kandidat doch noch Harry Mergel. Oder vielleicht Frank Stroh von der IG-Metall in Neckarsulm. Denn bisher hatten die neuen Heilbronner SPD-Manager ihre Politik ohne die Landkreis-SPD gemacht.

Wahrsager
Manche Leute lesen Horoskope – und denken, sie könnten Tips für künftiges Verhalten daraus ablesen. Die sich professionell gebenden Sterndeuter erzählen jedoch mit großer Ernsthaftigkeit, daß mit solch pauschalen Hinweisen auf das Sternzeichen, in dem man geboren ist, nur Humbug verzapft wird. Man müsse da schon genauer rechnen. Andere wieder sagen, nicht nur die europäische Version der Sterndeuterei, sondern auch die indianische (mit Pflanzen) oder chinesische (mit Tieren) müsse zu Rate gezogen werden, wenn es um die richtige Bewertung geht. Wie aber sieht es aus, wenn ein Wahrsager durch die Lande zieht und für ganze Landstriche die Zukunft voraussagen will. In Heilbronn war dieser Tage ein solcher aufgetreten und blickte ins Brodeln der Stadt, um daraus etwas für die Zukunft vorauszusehen. Viel sah er nicht, weil seine Kenntnisse über den Heilbronner Sumpf der letzten Monate offensichtlich zu dünn waren. Aber einen Bauskandal mit personellen Konsequenzen ganz oben wollte er dann doch gesehen haben. Bestechung sei dabei im Spiel. Ist ja vielleicht ein ganz interessanter Hinweis für Heilbronner Polizei, in dieser Richtung mal nachzuprüfen. Ein solcher Fall wäre bei der steigenden Wirtschaftskriminalität im Unterland nicht aus der Welt. Aber Bestechung im Rathaus – das hatten wir doch erst gerade. Hat sich unser Sterndeuter da etwa im Zeitplan geirrt? Oder wollte er doch nur eine heftig Propaganda für sich machen? Sei es wie es will. Einen schönen Sommer sagte er uns im Unterland voraus und sinkende Arbeitslosenzahlen (entgegen dem Trend). Das ist ja schon mal was. Man könnte aber auch sagen, das klinge, als wenn jemand prophezeit: Auf die Nacht folgt der Tag. Oder: Wer viel trinkt muß in der Regel nach einem gewissen Zeitraum das WC aufsuchen.   


Fitness-Business
„Suchen Sie sich eine aus!“ Wen, was? Fünf reizende Pos nebeneinandergereiht sollen als Blickfang für ein Unterländer Fitness-Studio dienen. Man wirbt mit Hinterteilen, wo bleibt der Rest? Bestehen die Reklame-Damen nur aus nacktem, naja mit Schleifle bedecktem Gesäß, das nicht bloß zum Sitzen dient? Alles ganz natürliche Fitnessstudiofängerinnen. Geschmacklos das Frau viel zeigen muß, schön was man sehen darf? Wo bleibt die Ästhetik? Na, gewiß im Fitness-Studio. Hier wird gestrafft, gestärkt, geformt, alle wollen wahrhaft wohlgeformte Wunderbodys, sie etwa nicht? Aufgerafft und machen Sie eine gute Figur. Wird’s bald, hängen Sie doch nicht so träge, lasch und abgeschlafft herum, stark sollen Sie sein, stark und fit und fest. Nur schöne Menschen sind erfolgreich, wußten Sie das nicht? Schön und gut, sagten die Griechen. Das Fitness-Studio verschönert, kurz und gut. Der Preis  spielt nämlich keine Rolle, die Werte sind normiert. Die Kosten können kommen, wenn der Körper knospt. Der moderne Relativismus hat hier keine Chance, Waage und Maßband haben nämlich wir. Den vorgefertigten Vorstellungen müssen sich alle stellen, das verspricht Erfolg auf der ganzen schlanken Linie. Geheimtip: Oft blendet der strahlende Glanz des äußeren Scheins. Scheinbar alles schön und gut, aber schau mal hinter die künstlichen Kulissen der glänzenden Gaukler und lüfte die heißen Höschen der netten Reklame-Damen. Ohnmächtige Offenbarung! Wer’s nicht im Hirn hat, hat’s halt im Oberarm. Empfehlung: Liegestütze für die Oberstübchenleitung versprechen geistige Fitness. Mitdenkende Mitmenschen mobilisieren mehr, oder wer ist fitter?

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