Donnerstag, 13. März 2014

Kiliansmännle, 22.01. 1997




Clevere Tiere
Die eisigen Tage scheinen vorerst einmal vorrüber zu sein. Am Wochenende hat es kräftig getaut, der Schnee ist dahingeschmolzen. Zurück bleibt die Erinnerung an einen herrlich, knackig kalten Winter und mehr als drei Wochen Dauerfrost. Wir Menschen haben uns mit warmer Kleidung, Einheizen und manchmal auch Rückzug in die eigenen vier Wände vor der Kälte geschützt. Doch wie sind unsere Tiere und Pflanzen über die Runden gekommen? Forstleute sagten mir: Gut. Denn die Natur behilft sich in solchen Kälteperioden selber. Vögel ziehen sich in den schützenden Wald zurück. Reptilien und Amphibien können sich in einen Winterschlaf versetzen, bei dem sie ihre Körpertemperatur kräftig herunterschrauben. Manchen Tieren genügt ein Atemzug pro Stunde. Der Energiebedarf wird auf ein Minimum reduziert. Was Säugetiere wie beispielsweise Rehe angeht, so stehen viele Förster auf dem Standpunkt, nicht füttern. denn dies sorge nur für eine Überpopulation im Sommer. Durchs Füttern überleben nämlich auch die schwachen und kranken Tiere einen solchen Dauerfrost. Ein gesunder Darwinismus, meine ich, ist da schon besser. Der Stärkere überlebt, der Schwache geht zugrunde. So ist das nun mal eben im Leben.

MDR 3 oder N 3
Verkabelte Fernsehteilnehmer wissen, wovon ich rede. Das Dritte Fernsehprogramm des Norddeutschen Rundfunks, kurz N 3 genannt, war in unseren Kabelnetzen zu Freude vieler Zuschauer vorhanden – eines der besten unter all den Sendern aus den öffentlich-rechtlichen Funkhäusern, die wir mit unseren Rundfunk- und Fernsehgebühren bedenken – im neuen Jahr mit stattlichen 28,25 Mark statt wie bisher mit 23,80 Mark; 1970 waren es nur 8,50 Mark pro Monat. Das entspricht einer Steigerung um satte 18,7 Prozent bei den Zwangsgebühren, die wir entrichten müssen, wenn wir uns ein Fernseh- oder Radiogerät zulegen. Egal, ob wir dann nur noch Privatsender sehen oder hören. Wenn ich das Abonnement der regionalen Tageszeitung (jetzt bei monatlich 34,80 Mark) noch hinzurechne, dann kostet der „normale“ Medienkonsum pro Monat 63,05 Mark. Da kann der medienbewußte Bürger ja nur froh sein, daß es den Neckar Express kostenlos allwöchentlich einmal im Briefkasten obendrauf gibt – sozusagen als Sahnehäubchen. Beim Fernsehen jedoch hat man die Kabelkunden betrogen. Wer mit der Schüssel schaut, kann alle dritten Programme der ARD-Sender empfangen. Die Kabelkunden müssen auf N3 verzichten, weil die baden-württembergische Landesanstalt für Kommunikation entscheiden hat, daß N3 gegen MDR 3 im Kabelnetz ausgetauscht wird. Nichts gegen MDR 3. Aber die machen halt Fernsehen, wie wir es vor zwanzig Jahren gewohnt waren. Wenn es beide im Kabelnetzt gäbe – ok. Aber bei der Wahl ziehe ich N3 vor. In Stuttgart und Karlsruhe protestieren die Bürger mit Unterschriftenlisten. Bisher ließ sich die LfK nicht erweichen. Wann endlich dürfen die Gebührenzahler mitbestimmen? In Rundfunkräten und anderen Aufsichtsgremien der Anstalten haben Parteien und von ihnen auserkorene Gruppierungen das Sagen, nicht aber die „Kunden“, die Hörer und Zuschauer. Mit Demokratie hat das wenig zu tun.

Bedauerlicher Vorfall
Das Schicksal einer Ente hat in den vergangenen Wochen etliche Neckar-Express-Leser umgetrieben. In der Redaktion gingen viele Anrufe ein, Leserbriefe wurden uns geschickt. Kurz zur Erinnerung: Vor Heiligabend 1996 hatte das Mitglied einer Jagdgesellschaft auf der Gemarkung des Abstatter Teilortes Happenbach vor den Augen schlittenfahrender Kinder einen Erpel mit einem Knüppel totgeschlagen. Ich habe darüber zweimal berichtet. Zuerst hieß es, nichts sei wahr an dem Vorgang. Dem Abstatter Gemeinderat war der Tod eines Erpels ein Diskussionspunkt unter „Sonstiges“ wert. Und da gab Bürgermeister Rüdiger Braun bekannt, daß man auf den Artikel hin den Jagdpächter um Stellungnahme gebeten habe. Zudem machte sich Braun bei Polizei und Fachleuten kundig, ob der Vorgang juristisch zu beanstanden sei. Soviel steht nun fest: Der Totschlag hat das geltende Jagd- und Tierschutzrecht nicht verletzt. Das ist die juristische Seite der Angelegenheit. Doch der Vorsitzende des Abstatter Gemeinderates gab auch bekannt, daß menschlich gesehen das Ganze sehr bedauerlich und nicht in Ordnung sei. Dies räumte auch der in der Gemeinderatssitzung anwesende Jagdpächter ein, der jedoch selbst beim Tod des Erpels nicht anwesend war. Festzuhalten bleibt also: Der Neckar-Express hat völlig korrekt über den Erpel-Tod berichtet. Und: Gut, daß es noch Bürgermeister gibt, die sich einmischen und nicht nur nach der trockenen Aktenlage urteilen.

Gut gemessen
In ganz Deutschland ist im vergangenen Jahr die Zahl der Verkehrstoten rückläufig. Der niedrigste Stand seit Jahrzehnten. Besonders stark ist der Rückgang in den neuen Bundesländern. Langsam gleichen sich die Situationen im Verkehr an. Auch in Heilbronn ist mal wieder Rückgang feststellbar. Allerdings rechnet die Stadt  alljährlich das ganz auf ihr Konto, nicht auf das Konto der Autofahrer, die in ihrer Anzahl wachsen, aber weniger Verkehrsunfälle produzieren. Die Stadt Heilbronn meint, vornehmlich durch ihre Geschwindigkeitskontrollen würde der Rückgang bei den Unfällen und den Toten im Straßenverkehr verursacht. Wir wissen, daß diese Aussagen nicht ganz stimmen kann – und belassen der Stadt das Eigenlob. 1995 kassierte die Stadt 1,75 Millionen Mark bei den Autofahrern ab. Um diese ins Stadtsäckel zu bringen und dort beamtenmäßig zu verwalten, wurden 1,65 Millionen Mark aufgewandt. Damit 1996 ein paar Mark von den geplagten Autofahrern abkassiert werden konnten, hat man sich einiges einfallen lassen. Die Zahlen sind noch nicht bekannt, aber den Verwaltungsaufwand wird man schon wieder hereingeholt haben. Es gibt Zeitgenossen, die behaupten, daß Jagd auf Autofahrer gemacht wird, damit das Geld ins Stadtkästlein springt. Geschwindigkeitsmessungen an wenig befahrenen Straßen, die zu 30-Kilometer-Zonen umfunktioniert wurden. Oder Messungen in der Nacht – so zwischen drei und fünf Uhr. Man stelle sich nur vor, die Einnahmen gingen um mehr als 50 Prozent zurück, die Verwaltungskosten aber blieben gleich. Noch besser wäre es, man würde die Autofahrer erst gar nicht in die Stadt hineinlassen. Die Umwelt und Straßen wären abgasfrei, Verkehrsunfälle würde gen Null streben – und Menschen würden über kurz oder lang auch keine mehr in der Stadt leben. Hundertprozentiger Umweltschutz und null Verkehrsunfälle. Nur das Rathaus wäre nach wie vor voller Beamte, die endlich eine umweltgerechte und saubere Stadt verwalten könnten.

Trappensee
Die Stadt Heilbronn lud ein: „Am Freitag, 17. Januar 1996, 11.30 Uhr, Brauerei Cluss, überreicht Dr. Hans Wilhelm Dietel (Brauerei Cluss) ein Bild der Anna Regina Trappen von Trappensee an Heilbronns Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann.“ – Da fragt sich der Berichterstatter: Wo und wann findet was statt? An einem Freitag, dem 17.1. – das ist klar. Die Hirnzellen können auch noch die Jahreszahl 1996 durch 1997 ersetzen, da ja die Einladung am 13. Januar 1997 um 14.33 Uhr per Fax abgeschickt wurde. Daß Dr. Hans Wilhelm Dietel von der Brauerei Cluss ein Bild an den Heilbronner OB überreicht, das ist auch geklärt. Aber wo? In der Brauerei Cluss, die nicht mehr existiert, bzw. geschlossen ist? Trappensee ist das Thema, denkt sich der Chronist. Also auf in den Osten Heilbronns. Dort aber ist um 11.30 uhr kein Offizieller zu erblicken. Telefonische Nachfrage in der Pressestelle des Heilbronner Rathauses. Auskunft: Die Übergabe des Bildes findet in der Brauerei Cluss statt. Also rein ins Auto und abgedüst – denn es ist ja mittlerweile 11.35 Uhr. Unterwegs die telefonsiche Nachricht: Die Übergabe findet im Amtszimmer des OB statt. Route geändert, Parkplatz gesucht. Es ist 11.45 Uhr. Großes Palaver im Vorzimmer des Heilbronner Oberbürgermeisters. Schlußpunkt: Bei Cluss in der Bergstraße Heilbronns findet die Bildübergabe statt. Aber wo ist das? In der gesamten Bergstraße gibt es kein Cluss-Haus, nur die ehemalige Cluss-Gaststätte Rosenau. Aber dort weiß der griechische Pächter nichts von einer Bildübergabe. Versuche, im Rathaus anzurufen: Leitung belegt. Gegen 12.30 Uhr zurück in der Redaktion. Auch jetzt weiß die Pressestelle des Rathauses nicht, wo die Übergabe stattfindet. In der Villa Cluss – stellt sich später heraus. Kennen Sie die? Ich nicht. Macht auch nix. Bild putt.

Die größte Plage
Das waren keine schönen Zahlen, die uns da zu Jahresbgeinn in Aussicht gestellt wurden. 4,5 Millionen Arbeitslose  werden für das Frühjahr in Deutschland erwartet. Denn die Konjunkturlokomotive sei immer noch nicht kräftig genug, um den Arbeitsmarkt aus der Krise zu ziehen. Im letzten Monat des alten Jahres zählten die Statistiker 4.148 Millionen Arbeitslose oder 10,8 Prozent im Land, 357.500 mehr als zum gleichen Zeitpunkt des Jahres zuvor. In Baden-Württemberg wurden im Dezember 372.500 Arbeitslose gezählt – sprich 8,5 Prozent. Insgesamt steht also der Südwesten im Vergleich zum Bundesgebiet nach wie vor gut da. Im Kreis Heilbronn liegt die Quote jetzt bei 9,1 Prozent – im Vorjahr lag sie noch bei 8,4 Prozent. Die Aussichten für Jobsuchende sind also reichlich düster. Alle Anstrengungen und Vermittlungsversuche des letzten Jahres haben wenig oder gar nichts genutzt. Die Lage ist schlimmer denn je. Ohne Mittel für Umschulungen und Beschäftigungsinitiativen hätte die Quote auch bei uns im Unterland leicht die Zehn-Prozent-Marke überspringen können. Der Konjunkturmotor – vor allem in der Bauindustrie - springt nicht richtig an. Der Gesetzgeber hat neue Hürden geschaffen, vor allem in der Besteuerung von mittelständischen Betrieben. In den Unternehmen wird weiter rationalisiert. Die neuen High-Tech-Industrien sind im Unterland noch nicht da. Innovative Produkte – dagegen laufen Konservative aus dem linken und rechten Parteienspektrum Sturm – haben wenig Chancen. Der Abbau von Stellen im produzierenden Gewerbe geht unvermindert weiter. Neue Stellen schaffen – das ist die Aufgabe von Unternehmern, Gewerkschaftern und Politikern in der Zukunft. Nur daran wird sich ihre Fähigkeit, für die Menschen annehmbare Lebensbedingungen zu schaffen, ablesen lassen können.

Kinderschutz
Man reibt sich die Augen und fragt verwundert: In welchem Land leben wir eigentlich? Da werden am laufenden Band Kinder entführt, verschleppt, vergewaltigt, grausam getötet. Eine Hiobsbotschaft jagt die andere. Die Zeitungen sind  voll davon. Die Fernsehsender berichten in spektakulärer Aufmachung – teilweise mit Sondersendungen. Und was kommt dabei heraus? Die nächste Horrormeldung. Wieder ein Kind entführt und ermordet. Das Versagen von Justiz und Polizei wird immer offensichtlicher. Die Polizei schnappt Sexualstraftäter, Psychologen untersuchen sie, Richter urteilen (teilweise recht milde) und aus den Strafvollzugsanstalten werden sie nach mehr oder minder kurzer Zeit wegen guter Führung frühzeitig entlassen. Eine Mitschuld am weiteren Töten dieser Verbrecher weisen die Richter und Seelenuntersucher weit von sich. Sie hätten nur nach Recht und Gesetz geurteilt, wissenschaftlich akribisch aufgelistet und -gearbeitet. Wir kennen solche Argumentationen aus früheren Zeiten. Oftmals liegt diesem Dilemma aber ein recht diffuses Gedankengut zugrunde, nach dem die Gesellschaft an allem schuld ist – nicht der einzelne Täter oder das Opfer. Denn der Täter ist ja von vornherein ein „guter Mensch“, nur durch die Umstände, die Gesellschaft in seinem Sexualverhalten verbogen. Gipfelpunkt einer solchen Argumentation: Hätten wir ein anderes System (das „Paradies auf Erden“ – zum Beispiel), dann gäbe es auch diese Taten nicht. Eine Verhöhnung der Opfer kann nicht schlimmer begründet werden. Denn außer Acht gelassen wird , daß in einer Gesellschaft der mündigen Bürger, der Täter für seine Verbrechen gerade zu stehen hat – und bestraft werden muß. Die Gesellschaft muß vor ihm geschützt werden. Erst als zweiter Gedanke kann die Resozialisierung ins Feld geführt werden. Aber vielleicht muß erst eine Bürgerbewegung wie in Belgien geschaffen werden, damit Politik und Justiz aus ihren Ideologieträumen aufwachen.

Geleimt?
„Bruno Labbadia kommt“ konnte man in dicken Lettern lesen. Der Fußball-Profi vom Bundesligisten Werder Bremen hatte den Organisatoren des bekannten Hallenfußball-Senioren-Turniers der Sportfreunde Lauffen offenbar seine Teilnahme zugesagt und soll diese auch noch telefonisch bestätigt haben. Was mich auf meiner hohen Warte maßlos überraschte und  überaus skeptisch machte. Kein Bundesligaverein in diesem Lande wird nämlich nach meiner Erfahrung einen seiner Starkicker, dessen Künste er pro Saison mit, zurückhaltend geschätzt, einer runden halben Million Mark honorieren muß, für solch ein aus professioneller Sicht gesehenes „Pipifax-Turnier“ die Freigabe erteilen. Wäre das Lauffener Turnier eine Benefizveranstaltung für einen guten Zweck gewesen, hätte ich es unter Umständen ja noch geglaubt. Labbadia kam – natürlich nicht. „Weil er keine  Freigabe erhalten hatte und vorzeitig ins Trainingslager mußte“, so die Begründung. Ersteres war klar, letzteres ist eine ebenso dumme wie dreiste Ausrede, denn Fußballprofis bekommen ihren „Dienstplan“ nicht erst zwischen Weihnachten und Neujahr mitgeteilt. Zumal der Herr Labbadia bereits zwei Tage nach dem Lauffener Turnier in einem der hochdotierten Hallen-Spektakel der Profi-Masters-Serie sehr erfolgreich auf Torejagd ging. Die Lauffener jedenfalls täten gut daran, hier schleunigst kundzutun, ob sie von Herrn Labbadia geleimt worden sind, was ich nicht glaube, oder wer ihnen sonst dieses faule Ei auf den nachweihnachtlichen Gabentisch gelegt hat. Hier stehen gleichermaßen die Glaubwürdigkeit eines Berufssportlers wie auch der Organisatoren und der bisher gute Ruf des Lauffener Turniers auf dem Spiel. 


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