Mobil
telefonieren
In
Italien sieht man sie überall, wo man geht oder steht. Sie telefonieren mit
kindlicher Freude hemmungslos drauflos. Auch in den skandinavischen Ländern
trägt nahezu jeder so ein Ding, das nur in deutschen Landen Handy genannt wird,
mit sich herum. Und hantiert ebenso unbefangen damit, wie besagte Italiener.
Bei uns jedoch rühmen sich einige Zeitgenossen jedoch damit, ein Mobiltelefon
nicht bedienen zu können und gebrauchen zu wollen. Allen voran zetert in nahezu
jeder seiner Talksendungen für den gehobenen Mittelstand Dr. Alfred Biolek gegen das Handy-Telefonieren. Es ist halt in
gewissen Kreisen in, gegen den Trend zu schwimmen, um dann klammheimlich zu
bestimmten Gelegenheiten sein Design-Handy aus der Tasche zu ziehen.
Schließlich will man ja auch mobil sein. Es ist sicherlich richtig, daß es eine
Plage für die Umwelt ist, wenn der Besitzer des Mobiltelefons nicht mit seinem
Gerät umzugehen weiß. Schließlich hat jedes Gerät ein Knopf zum Ausschalten.
Das Ding muß also nicht überall klingeln, vor allem nicht im Theater, im Café,
bei einer wichtigen Sitzung, bei einem trauten Gespräch. Es ist auch akustische Umweltverschmutzung, sich an öffentlichen
Plätzen sorglos und laut mit irgendjemandem via Handy auszutauschen und alle
Umstehenden bekommen den Gesprächsinhalt voll inhaltlich mit – ohne vorher
gefragt worden zu sein, ob sie daran interessiert sind oder nicht. Aber das ist
wie mit allen Intimdingen im Leben so. Ein anständiger Mensch läßt seine Winde
auch nicht bei Tisch, im Theater, Café oder an öffentlichen Plätzen, wenn es
ihn überkommt, so mir nichts dir nichts fahren. Wer bei Tisch rülpst, zeigt
seinen Mitmenschen auch, was er von ihnen hält. Mit dem Mobiltelefonieren zeigt
sich halt Charakter und Anstand der Leute, und offenbar auch ihre soziale
Zugehörigkeit. Und im Übrigen: Es macht Spaß von nahezu jedem Ort, ein
Telefongespräch zu führen. Und im Notfall kann es sogar lebensrettend sein. Man
muß halt lernen, mit den Dingen anständig umzugehen.
Auf
in den Kampf
Im
ein wenig heruntergekommenen Industriegebiet Heilbronns liegt das Caféhaus
Hagen. Ein Kleinod. Hier hatten die Sozialdemokraten alle befreundeten
Organisationen und Arbeitsgemeinschaften zu einem Kaffeenachmittag in
vorweihnachtlicher Zeit geladen. Arbeiterwohlfahrt, Deutscher Paritätischer
Wohlfahrtsverband, kirchliche Hilfsorganisationen, Gewerkschaften,
sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaften (wie Jusos, Frauen, Juristen,
Arbeitnehmer, etc.). Anlaß: ein Jahresrück- und -ausblick. Und den sozial
Engagierten erzählte der frischgebackene SPD-Bundestagskandidat Harald Friese, im Hauptberuf
Bürgermeister der Stadt Heilbronn, mit welchen Themen er den Wahlkreis im
Herbst 1998 für sich gewinnen will. Zunächst
einmal zeichnete er ein düsteres Bild der politischen Lage. Wir kennen das
aus früheren Wahlkämpfen. Die Regierung hat den Karren in den Dreck gefahren,
hat jetzt keine Rezepte mehr, um aus dem Schlamassel herauszukommen. Deshalb
muß der denkende und anständige Bürger SPD wählen. Der Grund für die Misere ist
auch schnell gefunden: Die Theorie des Neoliberalismus, nach der nur das
maßlose Profitstreben der ohnehin schon Reichen die Massen in die
Arbeitslosigkeit stürzt. Menschen zum Arbeiten – braucht man kaum mehr.
Gleichzeitig suggeriert man der Bevölkerung, der Markt reguliere alles von
selbst, auch die Politik. Der Bürger brauche sich also gar nicht erst zu
engagieren – es nutze ja eh nichts. Zugegeben: Das Horrorszenario des Harald
Friese ist nicht ohne Realitätsbezug. Aber
die Realität sah und sieht nicht nur in Deutschland nicht rosig aus. Es
gibt Länder im Westen, die schaffen es, die Wirtschaftskrise langsam zu
bewältigen. Wir leben nun mal im Zeitalter der technischen Revolution. Nimmt
man den politischen Wahl-Qualm weg, so waren Harald Frieses Analyse und seine
Vorschläge, den Ungerechtigkeiten mit einer neuen Politik in Deutschland zu
begegnen, doch frappierend. Eine Steuerreform, die in Steuergerechtigkeit
mündet, versprach er. Er legte die Finger in viele Wunden der Gesellschaft,
versprach keine Wunder, sondern nur, den Übergang von der Industrie- in die
Informationsgesellschaft sozial zu gestalten. Klar: Mehr Geld kommt auch nicht
in die Kasse, wenn in Bonn grüne Sozis (oder Sozi-Grüne) regieren. Daß die
Lasten gerechter verteilt werden müssen, ist eine Binsenweisheit. Mit dieser
Politik muß nur begonnen werden. Die Lähmung muß weg. Auch in einem
Bundestagswahlkampf kann die Politik (von links bis rechts) uns Bürgern zeigen,
daß sie handlungsfähig und -bereit ist. Bisher ist sie nur streitlustig – zu
Lasten vor allem der kleinen Bürger. Die ersten neun Monate 1998 können
spannend werden.
Stille Nacht – 24.12.
24.
Dezember 1997 – Heiligabend. Es wird hoffentlich eine ruhige Nacht in den
Wohnungen und Häusern des Unterlandes. Keine Ehestreitigkeiten mit viel
Geschrei, keine dadurch aufgeschreckten
Kinder mit Tränen in den Augen, keine durch Alkohol verursachten
Auseinandersetzungen, bei denen der
Weihnachtsbaum samt Schmuck durchs Fenster fliegt oder gar der Fernseher durch
die geschlossenen Vorhänge via Straße donnert. Es soll ein friedliches Weihnachten werden, bei dem auch die
diensthabende Polizei, die Ärzte und die Feuerwehr nur pro forma Wache
schieben. Alle jenen, die an diesem Abend und über Weihnachten arbeiten müssen,
Notdienste schieben müssen, sei an dieser Stelle einmal herzlich gedankt. Sie
leisten eine wertvolle Arbeit für die Gemeinschaft, eine Arbeit, die unser
Weihnachten in gemütlicher Familienrunde absichert. Was wären wir ohne die
Notdienste – bei unerträglichen Zahnschmerzen, bei Unfällen, üblen
Streitigkeiten, grölenden Nachbarn, brennenden Müllcontainern und vielem
anderen Unbill mehr. Also dann: ein
fröhliches, besinnliches und gesegnetes Weihnachtsfest.
17
Jahre Intendant Wagner
Heilbronns
Theaterintendant Klaus Wagner ist 17
Jahre im Amt. Kein Jubiläum – aber Anlaß für eine Rundfunksendung. Schließlich
ist der Mann Rundfunkratsmitglied. Im Frankenradio des Süddeutschen Rundfunks
gab er Maria Soulas, der
Kulturredakteurin, Auskunft über sich und seine Zeit in Heilbronn. Die
Theaterarbeit der vielen Jahre, die Wagner und sein Verwaltungsdirektor Jürgen Frahm geleistet haben, kann sich
im Vergleich mit bundesdeutschen Städten von der Größe Heilbronns durchaus
sehen lassen. Wobei Frahm schon ein getreuer Eckart seines Intendanten Walter Bison, Vorgänger Klaus Wagners,
gewesen war. Musical, ein gewichtiges Thema zu Beginn der Ära Wagner, spielt
heute am Stadttheater nicht mehr die herausragende Rolle. Mit „Anatevka“ begann
es. Maria Soulas spielte einen West-Side-Story-Titel und meinte damit, es gäbe
auch Musicals, die in Heilbronn nicht nicht auf die Bretter gestellt worden
waren. Fehlanzeige: Dieses war eines der erfolgreichsten im Heilbronner
Stadttheater. Demnächst wird Klaus
Wagner Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“ spielen, ein Stück, mit dem
sich Vorgänger Walter Bison von seinem Heilbronner Publikum verabschiedet
hatte. Alexander Kerst wird die Bison-Rolle, den Geheimrat Clausen spielen.
Klaus Wagner will immer ein volles Haus, nicht die Zeiten zurück, in denen es
ideologische Mode war, möglichst keine Zuschauer im Theater zu haben. Lange
Zeit bevor Wagner nach Heilbronn kam, hatte Claus Paymann als Theaterdirektor in Stuttgart gezeigt, wie man ein
Staatstheater allabendlich mit Publikum füllen kann, das Inszenierungen sogar
bejubelt. Seine Vorgänger, blutlose
Intellelli-Direktoren aus dem Bert-Brecht-Stall, hatten das Stuttgarter
Theater und viele andere, leergespielt.
Damals traf sich Kopftheater aus dem Westen und Ideologie-Theater aus dem
Osten, ein Theatergeschehen, das mit der Befindlichkeit des deutschen
Theaterpublikums sehr wenig zu tun hatte. Übrigens: Zur 50-Jahr-Feier des Staates Israel wird Klaus Wagner 1998 mit seiner
Nathan-Inszenierung in vielen Städten Israels und auch in Palästina gastieren.
Er spielt die Titelrolle – auch als Freilichttheater in Jerusalem. Ihm ist an
der Aussöhnung von Deutschen und Juden gelegen. Nicht nach dem primitiven
Motto: Opfer gut, Täter schlecht.
Wie bei vielen Anne-Frank-Inszenierungen. Sie
erklären das Entstehen des Unheils nicht. Mit Glaubwürdigkeit will Wagner
sein Ziel erreichen. Und somit ist er wohl, seit langer Zeit schon, der beste
Kulturbotschafter, den es derzeit in Heilbronn gibt.
Links
und rechts
Junge
Leute in der Bundeswehr driften nach rechts? Junge Leute in den Jugendzentren
driften nach links? Schlagworte, die durch Einzeltaten belegt werden. Kann man
deshalb aber pauschal über die Jugend urteilen? Nein – kann man nicht. Aber
erschreckend ist es schon, wenn sich die Autonomen, terroristische
Linksradikale, bei Studentendemonstrationen in Bonn (erst vor wenigen Tagen),
nach Erste-Mai-Feiern in Berlin oder
in Nürnberg (am vergangenen Wochenende)
nach einem Konzert Straßenschlachten mit der Polizei liefern. Die
unselige Saat der Gewalt von links geht immer wieder auf, richtet sich gegen
den Staat und deren Vertreter. Und die Grenzen zu Linksparteien sind nicht
immer klar gezogen. Ebenso ist es bei der Rechten in der Bundesrepublik
Deutschland. Die nazistischen Umtriebe, die in den vergangenen Wochen aus
Kreisen der Bundeswehr ans Licht der Öffentlichkeit kamen, sind erschreckend. Auch hier sind die Grenzen zum
terroristischen Umfeld fließend. Schon einmal ist eine deutsche Republik in
diesem Jahrhundert zwischen linken und rechten Terroristen zerrieben worden,
sprich zwischen NSDAP und KPD. Folge davon waren zwei Diktaturen
auf deutschem Boden – von 1933 bis 1990. Anlaß genug für die Demokraten in
diesem Lande, hart und unerbittlich gegen diese zerstörerischen Polittruppen
vorzugehen. Wir haben es in der alten Bundesrepublik geschafft, den Neonazis
nach dem Krieg die Stirn zu bieten, wir haben es geschafft, den
Linksterrorismus in die Knie zu zwingen, die Bürger der Sowjetzone haben es
geschafft, friedlich die kommunistische Diktatur abzuschütteln – und wir werden
es im wiedervereinten Deutschland schaffen, der Terror-Bedrohung von links und
rechts wehrhaft die Stirn zu bieten. Wenn alle Demokraten zusammenstehen. In
Diktaturen trennen aufrechte Anhänger der Demokratie nur die Zellen-Wände in
Zuchthäusern und vereint sind sie nur im Leiden, das ihnen die Henkerknechte
und Schergen des Terrorstaates zufügen. Eine deutsche Demokratie am Ende des
zwanzigsten Jahrhunderts muß deshalb wehrhaft sein. Das ist die Lehre und der
Auftrag aus der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts, vor allem der zwei
grausigen Diktaturen und Weltkriege.
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