Freitag, 14. März 2014

Kiliansmännle, 02.03. 1997




 Castor ist weg
Die CDU im Unterland zeigt wenig Verständnis für die Sitzblockaden anläßlich des Castor-Transports. Thomas Strobl, der Kreisvorsitzende, bedauert, daß die Blockaden „auf dem Rücken der Polizei und letztlich auf Kosten des Steuerzahlers“ stattgefunden haben. Niemand habe das Recht, so Strobl, andere in ihrer Freizügigkeit zu behindern. Und da seien die Atomkraftgegner nicht ausgenommen. Und verwundert ist der CDU-Vorsitzende auch. „Es ist schon erstaunlich, wie viele intelligente Menschen gegen Luftverschmutzung und Ozonloch sind, Strom aus der Steckdose gerne beziehen und gleichzeitig gegen Kernkraft demonstrieren.“ – Viele im Unterland haben sich ja in den letzten Tagen die Frage gestellt, wann jene, die am Donnerstag und Freitag letzter Woche so heftig demonstrierten, denn eigentlich ihrem Tagesgeschäft nachgingen. Im Schwäbischen: Was schaffet die eigentlich de ganze Tag lang? Manche der  Bewohner der umliegenden Gemeinden betrachteten das munter, bunte Völkchen, das tagelang in ihren Mauern Demonstrationen vorbereitete, Flugblätter verteilte, sich an Sitzblockaden beteiligte doch mit recht gemischten Gefühlen. Und erst recht  zornig wurden die Menschen über den Müll, den die Atomkraftgegner und Umweltschützer hinterlassen hatten. Ganz entgegen ihren sonstigen Beteuerungen in der Liebe zur Umwelt. Mir scheint da liegt auch ein wenig Hohn und Verachtung in der Sache, nach dem Motto: Sollen doch die, die von der Atomkraft in den Dörfern und Städtchen um Neckarwestheim leben, unsern Dreck wegmachen. Wir demonstrieren schließlich gegen den Atom-Dreck, den sie verursachen. Das ist auch eine Haltung - eine nicht ganz saubere, aber schließlich eine durchaus verständliche – aus der Sicht jener die sich das Himmelreich schon hienieden wünschen und auch durchsetzen wollen. Nur die harten Gegenstände der Realität stoßen sich halt im Raum des tatsächlichen Lebens.

Heilbronner Theaterschiff
Einst war es in aller Munde. Jetzt spricht man im Unterland nicht mehr soviel über das Theaterschiff neben dem Insel-Hotel. Dafür kommen die Besucher in Scharen. Sagen die Veranstalter. Das neue Programm dieser sonderbaren Bühne auf einem Frachtkahn  wurde jetzt vom künstlerischen Leiter Heinz Kipfer vorgelegt. Mit einem Musical der besonderen Art wird am Samstag, den 7. März  Premiere gefeiert. „Nonsens“ heißt das Stück von Dan Goggin, das am 12. Dezember 1985 am New Yorker Cherry Lane Theatre uraufgeführt wurde. und für dieses Stück erhielt der Autor 1986 den amerikanischen „Outer Crities Circle Award“ für das beste Musical, das beste Buch und die beste Musik. Inhalt: Nonnen tanzen, steppen und machen alles Unmögliche (was Nonnen sonst nicht machen) für die Renovierung ihres Klosters. Wenn ich mich recht erinnere, dann hab ich die Verfilmung auch schon im Fernsehen gesehen. Demnächst also auch auf dem Heilbronner Theaterschiff  - in der Regie von Heinz Kipfer, Bühnenbild von Peer Friedel und am Klavier/Synthisizer Hans-Christoph Dorn, der als Autor für satirische Texte in Funk und Fernsehen schon mehrfach hervortrat. Eine Besonderheit am Rande: Unter dem Titel „Der rasende Reporter“ gibt es auf dem Schiff am 21. März eine Mitternachtslesung. Uwe Jacobi, der stellvertretende Chefredakteur der Heilbronner Stimme, liest Egon Erwin Kisch. Und dazu „jazzen“ Egon Haag (Saxophon) und Werner Grau, der Erste Bürgermeister der Stadt Heilbronn, am Klavier. Beginn ist um 23 Uhr. Was früher in den Salons der besseren Gesellschaft geboten wurde, das bietet heute in demokratischen Zeiten das Theaterschiff. Na bitte – ein Fortschritt. Jeder kann teilnehmen, so er Karten ergattert.

Untersuchung
Das Ende des Rathausskandals in Heilbronn, bei dem mehr als fünf Millionen Mark verschwunden sind, ist noch nicht abzusehen. Demnächst wird vor dem Heilbronner Landgericht  gegen den Mann verhandelt, der die Strippen bei der Veruntreuung gezogen hatte. Schon beim ersten Prozeß haben Richter und Staatsanwaltschaft nur kopfschüttelnd zu Kenntnis nehmen können, was an unglaublicher Schlamperei im Heilbronner Rathaus durch Zeugenaussagen zutage gefördert worden war. Und das wurde auch im Urteil festgeschrieben. Vergleicht man es mit den Ergebnissen des gemeinderätlichen Akteneinsichtsausschusses, dann ist man doch reichlich verwundert. Auch wenn die beteiligten Stadträte heute beteuern, sie konnten nur nach Aktenlage und der Befragung der Rathausmitarbeiter bewerten. Ein Akteneinsichtsausschuß (welch abscheuliches Wortgetüm!) ist kein Gericht – das hat auch bisher niemand gesagt. Aber ein wenig mehr Mut hätte man sich schon gewünscht. Warten wir also den Abschlußbericht dieses gemeinderätlichen Gremiums ab. Aber der wird erst erscheinen, wenn gegen den Hauptangeklagten verhandelt und geurteilt worden ist. Niemand unterstellt den Stadträten Unaufrichtigkeit. Es gab Stadträte, die meine Bemerkungen so verstanden haben wollten. Aber es kann leicht der Eindruck entstehen, als solle jetzt vieles unter den Teppich gekehrt werden, damit wieder Ruhe im Rathaus unter den Mitarbeitern einziehe. Seltsamerweise in einer Art Großen Koalition wird diese Meinung (noch recht leise) vertreten – in manchen SPD, CDU- oder FDP-Kreisen.

Heroin aus der Apotheke?
Die Legalisierung von Haschisch an Teenager über 16 Jahren in deutschen Apotheken ist zu einem ganz heißen Thema geworden. Das Drogenproblem scheint unkontrollierbare Ausmaße anzunehmen, und dann soll es sogar noch frei erhältlich sein? Klingt irgendwie unlogisch. Der Drogenanstieg in Deutschland 1996 ist wohl einer der wenigen Aufwärtstrends, den Deutschland aufzuweisen hat. Und Heilbronn kann in diesem Punkt locker mithalten. Erst letztes Wochenende hatte die Polizei die traurige Aufgabe, das zweite Drogenopfer in Heilbronn zu melden. Erst zwei Monate im neuen Jahr sind vergangen und schon zwei Tote! Es muß was passieren! Heilbronner Politikerköpfe fangen an zu rauchen, denn es ist mehr als fraglich, ob das Drogenproblem durch Legalisierung  erfolgreich unter Kontrolle zu bringen ist. Stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender Thomas Strobl spricht sich klar gegen die Freigabe von harten Drogen aus, und erhält tatkräftige Unterstützung vom Heilbronner Republikaner-Chef Alfred Dagenbach. Denn durch die Freigabe von weichen Drogen, so Dagenbach, ist der Einstieg in die Drogenszene ja noch leichter. Ein Argument das Hand und Fuß hat. Richard Drautz von der FDP ist da aber ganz anderer Meinung. Eine kontrollierte Freigabe von harten Drogen könnte eine mögliche Hilfe darstellen. Dabei beruft er sich auf die positiven Erfahrungen von unseren Nachbarn aus der Schweiz. Dort scheint es zu funktionieren. Durch die Freigabe, so hofft man, verliert die Droge ihre Faszination. Suse Maurer von den Grünen fordert deshalb einen offenen und kontrollierbaren Markt damit der Reiz des Verbotenen entfällt. Eine waghalsige Sache, da eine Verbesserung der Problematik nicht garantiert ist. Aber gut, ein Versuch könnte es ja wert sein. Trotz einer möglichen Legalisierung fordert unser Oberhaupt Dr. Manfred Weinmann, daß die Bekämpfung der Drogendealer mit allen Mitteln des Rechtsstaates erreicht werden muß. So ist’s recht, Herr OB!

IHK-Gegner
Eine politisch legalisierte Mafia soll die Industrie- und Handelskammer sein. Starker Tobak, den die IHK-Verweigerer da bei ihrer Gründungsversammlung in der Region auftischten. Zwar wurde der Satz nur als Zitat präsentiert, aber Hermann Schrecker, Unternehmer aus Öhringen und jetzt Sprecher der IHK-Verweigerer in der Region, ist bekannt dafür, daß er mit seiner Meinung über die Überflüssigkeit der „Bürokratenfestung IHK“ nicht hinterm Berg hält. Das Oberverwaltungsgericht Koblenz hat aber jetzt den Rebellen einen deutlichen Dämpfer versetzt. Die Verwaltungsrichter sind der Ansicht, daß es keine rechtlichen Bedenken gegen den Beitragsbescheid der Kammern gebe. Das mißfällt dem „Ersten Sprecher des Bundesverbands der Interessengemeinschaft Deutschland der IHK Verweigerer“ Helmut Plüschau aus Wedel bei Hamburg außerordentlich. Er hält „die heutigen IHK’s mit ihrem Milliardenvermögen, ihrem undemokratischen Wahlsystem, ihrem kümmerlichen Rückhalt bei ihren Zwangsmitgliedern – rund fünf Prozent Wahlbeteiligung – und den weitgehend überflüssigen Aufgaben, mit denen sie ihren eigenen Mitgliedern Konkurrenz machen, für überholt und verfassungswidrig“. Denn die Zwangsmitgliedschaft und der Zwangsbeitrag verstoße gegen Artikel zwei des Gundgesetzes, „da sie unmittelbar in das Recht der freien Entfaltung der Persönlichkeit der Gewerbetreibenden eingreifen“.  Privatisierung der IHK’s ist das Zauberwort des Herrn Plüschau: „In einer Zeit leerer öffentlicher Kassen und dem Ruf nach Verschlankung der öffentlichen Verwaltung passen die 83 IHK’s mit ihren Tausenden von Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes, ihren konzernähnlichen Verwaltungszentren und ihren Rücklagen in Milliardenhöhe nicht mehr in die heutige politische Landschaft“. Und überflüssig seien sie, „wie ein Kropf“. Mit solchem Kampfgetöse werden die IHK-Gegner nur erreichen, daß die Kammern flexibel reagieren – und stabilisiert aus dieser Auseinandersetzung hervorgehen. Siehe das Urteil aus Koblenz.

Hundesteuer
Der liebe Wauwau ist wieder im Kreuzfeuer der Kritik. Die Erhöhung der Heilbronner Hundesteuer bringt manche Hundebesitzer auf die Palme. Kostet doch das arme Vieh beim Unterhalt schon eine ganze Menge. Manch anderer, der vom Hundekot auf den Straßen und Gehwegen, am Waldesrand und in den Wiesen der Parkanlagen sich gestört fühlt, ist hocherfreut. Wird doch vielleicht jetzt endlich überlegt, ob man sich einen getreuen Vierbeiner überhaupt leisten kann. Und vielleicht – so sagt sich der kritische Betrachter – denken manche Hundebesitzer auch mal daran, daß es eigentlich eine Tierquälerei ist, in einer Stadtwohnung im Mehrfamilienhaus einen Hund zu halten. Vorher sollte man sich genau erkundigen, wieviel täglichen Auslauf der liebe Kläffer benötigt, ob er nicht eventuell die Nachbarn mit seinem natürlichen Gebell stören könnte, und ob er auch richtig erzogen werden kann. Denn zu oft ist zu lesen, daß die ihrer Natürlichkeit beraubten Vierbeiner in neurotischen Anfällen Kinder und auch Erwachsene anfallen. Nicht gerade beruhigend für den Spaziergänger im Wald oder Park, wenn er sich plötzlich einem ausgewachsenen freilaufenden Köter in Bauchhöhe gegenüber sieht. Da hilft das Rufen „Er tut nichts“ auch nicht mehr viel. Woher soll der Hund wissen, was er zu tun hat, ob der Spaziergänger Feind oder Freund ist. Und woher soll der Flanierende wissen ob der liebe Kläffer beim Hochspringen nur Schlecken will oder gar zubeißt. Wer sich selber eine Tierfreude machen will und nur eine Stadtwohnung sein Eigen nennt, kann sich ja auch an Kanarienvögeln, Katzen oder Fischen erfreuen. Es muß ja kein teurer Hund sein, für den man auch noch Steuern berappen muß.

Rep-Aufruhr
Ein paar wenige Bemerkungen über die Republikaner in Heilbronn - und schon werde ich eingedeckt mit einer Flut von Briefen und Anrufen. Da scheint ordentlich was unter der Decke zu brodeln – in dieser Heilbronner Hochburg der von vielen schon lange totgesagten Rechtspartei. Einst hohe Würdenträger in der Heilbronner Partei bezeichnen den Rep-Kreisvorsitzenden und Landtagsabgeordneten Alfred Dagenbach  als „nicht demokratisch“, werfen ihm vor, er habe „abgehoben“ seit er im Landtag sitze. Als Beispiel wird angeführt, daß früher jeder, der an einem Rep-Info-Stand am Wochenende „Dienst“ tat, fünfzig Mark erhalten habe. Dann habe Dagenbach aber erklärt, Geld verderbe den Charakter, und diese „Tradition“ einfach abgeschafft. Daß der Heilbronner Rep-Kreisvorstand jetzt sogar die Aufnahme einiger Leute in die Partei abgelehnt habe, weil sie rechtsradikal seien, erbost die Werber des neuen Rep-Potentials besonders. Wie schrieb mir ein Siegfried Kuhn aus Heilbronn auf die Frage, ob Dagenbach als kleiner Unterländer Haider heranwachse?: „Niemals! Dafür ist Dagenbach viel zu klein und viel zu unbedeutend, eine Person ohne Charisma.“ Und dann wird erzählt, wie es war: „Ich habe selbst erfahren, zu welchen Zornesausbrüchen Dagenbach imstande ist, eine andere Meinung zu haben oder gegen ihn zu kandidieren. Seit sich Dagenbach mit den Stimmen von eigentümlichem Mitgliederzuwachs zum Kreisvorsitzenden wählen ließ, fragt sich ein erheblicher Teil der Mitgliedern im Unterland, ist der Landesvorstand und auch der Bundesvorstand taub? Der Landesvorstand müßte doch die Eigentümlichkeiten des Dagenbach in seiner glorreichen, kurzen Tätigkeit als Landesgeschäftsführer in Erfahrung gebracht haben. Dagenbach zieht weiter die Fäden seiner Marionetten im Unterland, aber nur so lange sich die Mitglieder und der Landesvorstand in Lethargie befinden.“ – Die Reps in Heilbronn  liegen offenbar heftig miteinander im Streit. Der Name des Siegers bisher: Alfred Dagenbach. Aber der Neid ist groß.

Schönes Wetter
Erste Frühlingsgefühle erregten an dem letzten Wochenende so manche Menschen bei uns im Ländle. Warum auch nicht? Die Sonne schien, 15,5 Grad Celsius wurden gemessen – bisher die wärmste Tage des Jahres 1997 – es wehte manch laues Lüftchen, ideal für Spaziergänge, Floh- oder Pferdemärkte. Schneeglöckchen blühen jetzt schon munter vor sich hin – und die Knospen an den Bäumen werden von Tag zu Tag dicker. Aber das waren offenbar nur die Vorboten. Jetzt ist’s wieder regnerisch, kühl und windig. Offenbar hatte das schöne Wetter auch unsere Atomkraftgegner am Wochenende milder gestimmt. Die rund 3.000 Demonstranten gegen den vielgeschmähten Castor-Transport rund um Neckarwestheim, unser Atomdörfchen im südlichen Landkreis Heilbronn, waren munter, aber wenig aggressiv – und die Mehrheit war froh darüber, daß es außer ein paar Knallkörpern und Rangeleien mit dem „schwarzen Block“ zu keinen ernsthaften Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen war. Das tat den grünen  Politikern aus Stuttgart und Bonn, Fritz Kuhn und Rezzo Schlauch auch gut. Konnten sie doch ohne auf Gewalttaten der Demonstranten hingewiesen zu werden locker den Castor-Transport als „sinnlose Machtdemonstration des Staates“ bezeichnen. Die Neckarwestheimer sind froh, daß alles so relativ friedlich vonstatten ging. Und auch die Polizistinnen und Polizisten, bei denen offenbar nur einer eine Prellung durch einen geworfenen Knallkörper erlitt. Gerade deshalb überzeugt mich die Friedfertigkeit nicht. Flaschen auf die Polizei schleudern, Knallkörper zünden und auf Menschen werfen – das sind inhumane Argumente. Wer das auch nur im Ansatz billigt und ausführt, der ist nicht nur unglaubwürdig in seiner Argumentation, sondern muß als potentieller Straftäter eingestuft werden.

Werte?
Da wird der Einkaufschef einer Gundelsheimer Firma, der zwanzig Jahre hochgelobt in dem Unternehmen tätig war, wegen Betrug und Unterschlagung in Millionenhöhe zu drei Jahren Freiheitsstrafe von einem Heilbronner Schöffengericht verurteilt. Und wegen Untreue sind die beiden ehemaligen Geschäftsführer (52 und 58 Jahre alt) der renommierten Heilbronner Bauunternehmung Rohrbach und Huber in Haft genommen worden. Jahrelang sollen sie Gelder unterschlagen haben. Die Staatsanwaltschaft schätzt den Schaden auf  zwei Millionen, Vertreter des 130 Jahre alten Unternehmens schätzen die Schadenssumme dagegen auf rund vier Millionen Mark. Verbrechen dieser Art sind zur Zeit offenbar eine Landplage. In einem Klima des „Alles ist machbar“, in dem Millionensummen nur als Peanuts gehandelt werden, während ganze Bevölkerungsgruppen am Existenzminimum dahinvegetieren, erinnert sich der Geschichtsbewußte an die Zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts. Da wurden auch einige sehr leicht und sehr schnell sehr reich - und verloren alles in der großen Depression zu Beginn der Dreißiger Jahre, während die Mehrheit der Bevölkerung in den Industrieländern von Arbeitslosigkeit und Armut geplagt war. Einher gingen mit diesen schlimmen wirtschaftlichen Krächen auch moralische Werte verloren. Was so mancher heute sehnsuchtsvoll als die Golden Twenties bezeichnet, endete in einem mörderischen Kampf um die Vorherrschaft von Extremisten – Kommunisten und Nazis. Wenn heute Politiker-Ehescheidungen durch die gesamte Presse, gefördert von Staatskanzleien, in aller Breite ohne  ein Wort der Entrüstung als polit-sportliches Ereignis gezogen werden, dann setzt das Zeichen. Schlimm ist es wahrlich nicht, wenn sich ein Politiker von seiner Ehefrau trennt. Traurig ist es, wenn dieses private Ereignis auch noch goutiert und der Politiker für dieses Verhalten nicht angemahnt wird. Mir bleibt da nur ein Kopfschütteln angesichts lausiger Zeiten.

Ja was denn nun?
Aha, reichlich spät aber dennoch haben Abgeordnete aus allen Bundestagsfraktionen erkannt, daß die Rechtschreibreform, die ab 1. August 1998 inkrafttreten sollte, eigentlich Schmu ist. Eine schnelle Einsicht, wenn man bedenkt, daß schon etliche Märker für den Neudruck des Dudens zum Fenster hinausgeworfen wurden. Aber hoffentlich noch früh genug, um den Druck diverser Schulbücher und anderer literarischer Werke zu stoppen. Was haben sich die Kultusminister der Länder überhaupt bei dieser Reform gedacht? Die Gelder aus den Kassen der Länder, die auf mühselige Weise den „schlimmen Autofahrern“ aus den Taschen gezogen wurden, hätten es zumindest verdient für sinnvollere Dinge verwendet zu werden – wie wäre es mit einer Sanierung des Gesundheitswesens? Eigentlich wird ja der Steuerzahler durch diese Art der Reform nicht nur auf unnötigste Weise seines sauer verdienten Geldes beraubt, sondern gleichzeitig auch noch als dumm bezichtigt – der deutschen Rechtschreibung nicht mehr fähig! Wenn die Herren auf den hohen Rössern Probleme mit der Orthographie (jawohl, Orthographie und nicht Orthografie!!!) haben, dann brauchen sie Deutschnachhilfeunterricht  und nicht die Bevölkerung eine Reform.

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