Samstag, 22. März 2014

Kiliansmännle, 23.12.1997



Mobil telefonieren
In Italien sieht man sie überall, wo man geht oder steht. Sie telefonieren mit kindlicher Freude hemmungslos drauflos. Auch in den skandinavischen Ländern trägt nahezu jeder so ein Ding, das nur in deutschen Landen Handy genannt wird, mit sich herum. Und hantiert ebenso unbefangen damit, wie besagte Italiener. Bei uns jedoch rühmen sich einige Zeitgenossen jedoch damit, ein Mobiltelefon nicht bedienen zu können und gebrauchen zu wollen. Allen voran zetert in nahezu jeder seiner Talksendungen für den gehobenen Mittelstand Dr. Alfred Biolek gegen das Handy-Telefonieren. Es ist halt in gewissen Kreisen in, gegen den Trend zu schwimmen, um dann klammheimlich zu bestimmten Gelegenheiten sein Design-Handy aus der Tasche zu ziehen. Schließlich will man ja auch mobil sein. Es ist sicherlich richtig, daß es eine Plage für die Umwelt ist, wenn der Besitzer des Mobiltelefons nicht mit seinem Gerät umzugehen weiß. Schließlich hat jedes Gerät ein Knopf zum Ausschalten. Das Ding muß also nicht überall klingeln, vor allem nicht im Theater, im Café, bei einer wichtigen Sitzung, bei einem trauten Gespräch. Es ist auch akustische Umweltverschmutzung, sich an öffentlichen Plätzen sorglos und laut mit irgendjemandem via Handy auszutauschen und alle Umstehenden bekommen den Gesprächsinhalt voll inhaltlich mit – ohne vorher gefragt worden zu sein, ob sie daran interessiert sind oder nicht. Aber das ist wie mit allen Intimdingen im Leben so. Ein anständiger Mensch läßt seine Winde auch nicht bei Tisch, im Theater, Café oder an öffentlichen Plätzen, wenn es ihn überkommt, so mir nichts dir nichts fahren. Wer bei Tisch rülpst, zeigt seinen Mitmenschen auch, was er von ihnen hält. Mit dem Mobiltelefonieren zeigt sich halt Charakter und Anstand der Leute, und offenbar auch ihre soziale Zugehörigkeit. Und im Übrigen: Es macht Spaß von nahezu jedem Ort, ein Telefongespräch zu führen. Und im Notfall kann es sogar lebensrettend sein. Man muß halt lernen, mit den Dingen anständig umzugehen.       

Auf in den Kampf
Im ein wenig heruntergekommenen Industriegebiet Heilbronns liegt das Caféhaus Hagen. Ein Kleinod. Hier hatten die Sozialdemokraten alle befreundeten Organisationen und Arbeitsgemeinschaften zu einem Kaffeenachmittag in vorweihnachtlicher Zeit geladen. Arbeiterwohlfahrt, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, kirchliche Hilfsorganisationen, Gewerkschaften, sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaften (wie Jusos, Frauen, Juristen, Arbeitnehmer, etc.). Anlaß: ein Jahresrück- und -ausblick. Und den sozial Engagierten erzählte der frischgebackene SPD-Bundestagskandidat Harald Friese, im Hauptberuf Bürgermeister der Stadt Heilbronn, mit welchen Themen er den Wahlkreis im Herbst 1998 für sich gewinnen will. Zunächst einmal zeichnete er ein düsteres Bild der politischen Lage. Wir kennen das aus früheren Wahlkämpfen. Die Regierung hat den Karren in den Dreck gefahren, hat jetzt keine Rezepte mehr, um aus dem Schlamassel herauszukommen. Deshalb muß der denkende und anständige Bürger SPD wählen. Der Grund für die Misere ist auch schnell gefunden: Die Theorie des Neoliberalismus, nach der nur das maßlose Profitstreben der ohnehin schon Reichen die Massen in die Arbeitslosigkeit stürzt. Menschen zum Arbeiten – braucht man kaum mehr. Gleichzeitig suggeriert man der Bevölkerung, der Markt reguliere alles von selbst, auch die Politik. Der Bürger brauche sich also gar nicht erst zu engagieren – es nutze ja eh nichts. Zugegeben: Das Horrorszenario des Harald Friese ist nicht ohne Realitätsbezug. Aber die Realität sah und sieht nicht nur in Deutschland nicht rosig aus. Es gibt Länder im Westen, die schaffen es, die Wirtschaftskrise langsam zu bewältigen. Wir leben nun mal im Zeitalter der technischen Revolution. Nimmt man den politischen Wahl-Qualm weg, so waren Harald Frieses Analyse und seine Vorschläge, den Ungerechtigkeiten mit einer neuen Politik in Deutschland zu begegnen, doch frappierend. Eine Steuerreform, die in Steuergerechtigkeit mündet, versprach er. Er legte die Finger in viele Wunden der Gesellschaft, versprach keine Wunder, sondern nur, den Übergang von der Industrie- in die Informationsgesellschaft sozial zu gestalten. Klar: Mehr Geld kommt auch nicht in die Kasse, wenn in Bonn grüne Sozis (oder Sozi-Grüne) regieren. Daß die Lasten gerechter verteilt werden müssen, ist eine Binsenweisheit. Mit dieser Politik muß nur begonnen werden. Die Lähmung muß weg. Auch in einem Bundestagswahlkampf kann die Politik (von links bis rechts) uns Bürgern zeigen, daß sie handlungsfähig und -bereit ist. Bisher ist sie nur streitlustig – zu Lasten vor allem der kleinen Bürger. Die ersten neun Monate 1998 können spannend werden.

Stille Nacht – 24.12.
24. Dezember 1997 – Heiligabend. Es wird hoffentlich eine ruhige Nacht in den Wohnungen und Häusern des Unterlandes. Keine Ehestreitigkeiten mit viel Geschrei, keine dadurch aufgeschreckten Kinder mit Tränen in den Augen, keine durch Alkohol verursachten Auseinandersetzungen, bei denen der Weihnachtsbaum samt Schmuck durchs Fenster fliegt oder gar der Fernseher durch die geschlossenen Vorhänge via Straße donnert. Es soll ein friedliches Weihnachten werden, bei dem auch die diensthabende Polizei, die Ärzte und die Feuerwehr nur pro forma Wache schieben. Alle jenen, die an diesem Abend und über Weihnachten arbeiten müssen, Notdienste schieben müssen, sei an dieser Stelle einmal herzlich gedankt. Sie leisten eine wertvolle Arbeit für die Gemeinschaft, eine Arbeit, die unser Weihnachten in gemütlicher Familienrunde absichert. Was wären wir ohne die Notdienste – bei unerträglichen Zahnschmerzen, bei Unfällen, üblen Streitigkeiten, grölenden Nachbarn, brennenden Müllcontainern und vielem anderen Unbill mehr. Also dann: ein fröhliches, besinnliches und gesegnetes Weihnachtsfest.   

17 Jahre Intendant Wagner
Heilbronns Theaterintendant Klaus Wagner ist 17 Jahre im Amt. Kein Jubiläum – aber Anlaß für eine Rundfunksendung. Schließlich ist der Mann Rundfunkratsmitglied. Im Frankenradio des Süddeutschen Rundfunks gab er Maria Soulas, der Kulturredakteurin, Auskunft über sich und seine Zeit in Heilbronn. Die Theaterarbeit der vielen Jahre, die Wagner und sein Verwaltungsdirektor Jürgen Frahm geleistet haben, kann sich im Vergleich mit bundesdeutschen Städten von der Größe Heilbronns durchaus sehen lassen. Wobei Frahm schon ein getreuer Eckart seines Intendanten Walter Bison, Vorgänger Klaus Wagners, gewesen war. Musical, ein gewichtiges Thema zu Beginn der Ära Wagner, spielt heute am Stadttheater nicht mehr die herausragende Rolle. Mit „Anatevka“ begann es. Maria Soulas spielte einen West-Side-Story-Titel und meinte damit, es gäbe auch Musicals, die in Heilbronn nicht nicht auf die Bretter gestellt worden waren. Fehlanzeige: Dieses war eines der erfolgreichsten im Heilbronner Stadttheater.  Demnächst wird Klaus Wagner Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“ spielen, ein Stück, mit dem sich Vorgänger Walter Bison von seinem Heilbronner Publikum verabschiedet hatte. Alexander Kerst wird die Bison-Rolle, den Geheimrat Clausen spielen. Klaus Wagner will immer ein volles Haus, nicht die Zeiten zurück, in denen es ideologische Mode war, möglichst keine Zuschauer im Theater zu haben. Lange Zeit bevor Wagner nach Heilbronn kam, hatte Claus Paymann als Theaterdirektor in Stuttgart gezeigt, wie man ein Staatstheater allabendlich mit Publikum füllen kann, das Inszenierungen sogar bejubelt. Seine Vorgänger, blutlose Intellelli-Direktoren aus dem Bert-Brecht-Stall, hatten das Stuttgarter Theater und viele andere,  leergespielt. Damals traf sich Kopftheater aus dem Westen und Ideologie-Theater aus dem Osten, ein Theatergeschehen, das mit der Befindlichkeit des deutschen Theaterpublikums sehr wenig zu tun hatte. Übrigens: Zur 50-Jahr-Feier des Staates Israel wird Klaus Wagner 1998 mit seiner Nathan-Inszenierung in vielen Städten Israels und auch in Palästina gastieren. Er spielt die Titelrolle – auch als Freilichttheater in Jerusalem. Ihm ist an der Aussöhnung von Deutschen und Juden gelegen. Nicht nach dem primitiven Motto: Opfer gut, Täter schlecht. Wie bei vielen Anne-Frank-Inszenierungen. Sie erklären das Entstehen des Unheils nicht. Mit Glaubwürdigkeit will Wagner sein Ziel erreichen. Und somit ist er wohl, seit langer Zeit schon, der beste Kulturbotschafter, den es derzeit in Heilbronn gibt.

Links und rechts
Junge Leute in der Bundeswehr driften nach rechts? Junge Leute in den Jugendzentren driften nach links? Schlagworte, die durch Einzeltaten belegt werden. Kann man deshalb aber pauschal über die Jugend urteilen? Nein – kann man nicht. Aber erschreckend ist es schon, wenn sich die Autonomen, terroristische Linksradikale, bei Studentendemonstrationen in Bonn (erst vor wenigen Tagen), nach Erste-Mai-Feiern in Berlin oder in Nürnberg (am vergangenen Wochenende)  nach einem Konzert Straßenschlachten mit der Polizei liefern. Die unselige Saat der Gewalt von links geht immer wieder auf, richtet sich gegen den Staat und deren Vertreter. Und die Grenzen zu Linksparteien sind nicht immer klar gezogen. Ebenso ist es bei der Rechten in der Bundesrepublik Deutschland. Die nazistischen Umtriebe, die in den vergangenen Wochen aus Kreisen der Bundeswehr ans Licht der Öffentlichkeit kamen, sind erschreckend. Auch hier sind die Grenzen zum terroristischen Umfeld fließend. Schon einmal ist eine deutsche Republik in diesem Jahrhundert zwischen linken und rechten Terroristen zerrieben worden, sprich zwischen NSDAP und KPD. Folge davon waren zwei Diktaturen auf deutschem Boden – von 1933 bis 1990. Anlaß genug für die Demokraten in diesem Lande, hart und unerbittlich gegen diese zerstörerischen Polittruppen vorzugehen. Wir haben es in der alten Bundesrepublik geschafft, den Neonazis nach dem Krieg die Stirn zu bieten, wir haben es geschafft, den Linksterrorismus in die Knie zu zwingen, die Bürger der Sowjetzone haben es geschafft, friedlich die kommunistische Diktatur abzuschütteln – und wir werden es im wiedervereinten Deutschland schaffen, der Terror-Bedrohung von links und rechts wehrhaft die Stirn zu bieten. Wenn alle Demokraten zusammenstehen. In Diktaturen trennen aufrechte Anhänger der Demokratie nur die Zellen-Wände in Zuchthäusern und vereint sind sie nur im Leiden, das ihnen die Henkerknechte und Schergen des Terrorstaates zufügen. Eine deutsche Demokratie am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts muß deshalb wehrhaft sein. Das ist die Lehre und der Auftrag aus der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts, vor allem der zwei grausigen Diktaturen und Weltkriege.

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